Bildrhetorik
1.
Luca Paciolis De Computis et Scripturis gilt in den Forschungen zu juridischen Techniken, die unterhalb der Schwelle von Recht, Gesetz und Gerechtigkeit angesiedelt sind und dennoch (widerständig und insistierend) dabei kooperieren, Recht, Gesez und Gerechtigkeit zu reproduzieren als ein Klassiker.
Die doppelte Buchführung ist keine juristische Methode, aber für ein ganzes Bündel an Rechten (unter anderem das Eigentum) wichtig. Im Gesetz kommt sie auch vor, in Deutschland zum Beispiel in § 238 HGB. Doppelte Buchführung kreuzt Schreiben, Zählen und Bildgebung. Diese Kreuzung sonst sauber unterschiedener Medien und Techniken macht die Dokumente doppelter Buchführung zu einem artifact im Sinne von Autorinnen und Autoren wie Marylin Strathern und Roy Wagner. Das Dokument, das doppelte Buchführung (die "venezianische Methode") betreibt, das ist ein artififizielles oder künstliches Objekt, es ist fingiert und fingiert, es verstellt etwas und sich gleich dazu, und es ist insoweit ein Objekt des 'als-ob'. An dem Objekt hängt die Technik, die Technik an dem Objekt, auch das Verfahren ist künstlich: artificial. Objekt und Technik lassen Schreiben, Lesen, Zählen, Bildgeben und Sehen, Denken, Urteilen und Entscheiden; kurz gesagt lassen sie etwas machen und sie lassen etwas lassen. Im übertragenen Sinne hat man es hier auch mit artificial intelligence, artificial knowledge zu tun. Die Buchführung ist eine erlernbare Routine und Luca Pacioli ist einer der ersten, der sie erlernbar aufbereitet und ein Buch darüber geschrieben hat, darum hielten ihn einige sogar für den Erfinder.
2.
Die doppelte Buchführung hat auch einen rhetorischen Kontext, an den James Aho in den achtziger Jahren erinnert hat. Sein Text gehört zu der Forschung, die auch die Rhetorik nicht um ein Leitmedium, weder um die mdl. Rede noch die Schrift, auch nicht um die Vorstellung sekundärer Oralität zentrieren, sondern um mannigfaltige Medien und ihre Kreuzungen. Die doppelte Buchführung stellt Kredit/Debit 'her und dar', sie schafft Ansehen. Aho hatte die These, dass das rhetorische Verfahren daran auch noch über den ökonomischen-juridischen Sinn hinausschiesst und zum Beispiel religiös Sinn macht, weil das Verfahren den Kaufmann treu, zuverlässig und verbindlich zeigt, er schummelt und zaubert nicht, man kann ihm glauben, weil er seine Glaubwürdigkeit vorführen kann, dazu führt er Buch. Buchführung ist accountability.
Ahos Forschung wurde unter anderem von Annelise Riles aufgegriffen und damit wieder in einen Zusammenhang mit einer Kritik am Dogma der großen Trennung gebracht. Artefakte oder Objekte wie die doppelte Buchführung operieren quer zu der Unterscheidung von Medien (und/oder Systemen), die wiederum zu 'großen Trennung' beitragen sollen.
Die Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, zwischen Schriftlichkeit und Buchdruck und schließlich zwischen Buchdruck und Computernetzwerken soll dem Dogma großer Trennung nach zu einer Kaskade von gesellschaftlichen Trennungen beigetragen haben. Aus jeder Trennung soll eine Gesellschaft auf der Höhe der Zeit hervorgegangen sein während eine andere Gesellschaft zurückgeblieben, zurückgelegt oder schlicht der Tradition verhaftet geblieben sein. Ohne große Trennung keine Vorsprünglichkeit, wie sie zum Beispiel die moderne Gesellschaft von traditionellen Gesellschaften, den Westen vom Osten oder den Norden vom Süden trennen soll. Sog. Leitmedien sollen Gesellschaften auszeichnen, aber nicht nur das, sie sollen sogar leitende Gesellschaften, Gesellschaften auf der Höhe der Zeit auszeichen, so wie heute 'Computernetzwerke' the big thing sein sollen. Schüttpelz hat in einem vielbeachteten Aufsatz über solche erwartbar westlichen Vorstellungen von der Vorsprünglichkeit in modernen (kanadischen) Medientheorien beschrieben. Aho, die Rhetorik, Anthropologen wie Strathern, Wagner, Latour oder auch Viveiros de Castro unterscheiden quer, diagonal oder transversal zu denjenigen Unterscheidungen, denen die so gründliche und so oberflächliche Linie des Dogmas großer Trennung aufsitzt. Riles' und Siegerts Arbeiten zur Dokumenten und Techniken der doppelten Buchführung, Vismann Arbeiten zu Akten machen das auch [wenig Überraschung: ein deutscher Staatsrechtslehrer hat Riles als "Scharlatan" bezeichnet und in der Erläuterung zuerst ihre Kleidung erwähnt, sie sei auffällig schick. Latour legt also vielleicht zurecht nahe, dass Artefakte den Fetischismus rehabilitieren und nicht, wie Kant das machen soll, denunzieren].
Mit diesen Diagonalen werden die anderen, auf der Linie des Dogmas großer Trennung liegenden Unterscheidungen (wie etwas die zwischen Subjekt und Objekt) nicht geleugnet. Kann schon sein, dass es hier und da Vorsprünge und zu großen Trennungen auch große Anreicherungen gibt. Es gäbe außerdem ohnehin schon genug Dinge, die es nicht gäbe, merkt einer der Anthropologen dazu an, dass eine solche Leugnung bedeute, eine Reinigungsarbeit fortzusetzen, die Aporien nur umbenenne oder umwidme statt sie in Passagen zu verwandeln.
2.
Luca Paciolis Text ist auch ein Text der zeitgenössischen bildwissenschaftlichen Forschung, der zeitgenössischen Forschung zur Bildrhetorik, weil das Verfahren auch etwas vor Augen stellt und etwas Übersicht schafft. Mit den Anthropologen und ihrem Interesse an Artefakten, Laboren, Dokumenten, Verfahren oder Protokollen, mit der geschickt gelabelten "German Media Theory"und ihrem Interesse an Kulturtechniken, wie es von Krämer, Bredekamp, Vismann und Siegert formuliert wurde und sclhießlich mit den sog. posthumanistischen Überlegungen haben rhetorische 'Auffassungen', Institutionen und Manuale noch einmal, wieder einmal ein Renaissance erlebt. Bildrhetorik ist auch die Rhetorik sog. "technischer" (Bredekamp oder Hensel) oder schwacher (Hensel) oder sog. "logischer" (Röhl) Bilder. Das sind Bilder, die teilweise unter dem Radar des Ikonoklasmus und der Literatur zum Bilderstreit zirkulieren. Das liegt unter anderem daran,dass diese 'niederen Bilder' nicht die Aufgabe haben müssen, mit der Abwesenheit eines Subjektes umgehen zu müssen. Ihr Urahn oder ihr Prototyp ist nicht der Schatten des geliebten Kriegers, nicht der verborgene Gott und nicht der entfernte Herrscher. Das legt nahe, dass sie gar keinen Urahn und gar keinen Prototyp haben. Wenn doch, dann wären es sog. "Wandersterne" (Warburg), also Planeten, oder Konstellationen, also Sternbilder: Erstens Himmelskörper, die auf wiederkehrenden Routen über den Himmel ziehen, und zweitens die weniger oder gar nicht routinierten Meteore (Schwebeteilchen und Sediment), von denen aus dem All bis hin zu den Tautropfen im Fell solcher Schafe, die im Nebel grasten. Das gerinnende Protein in den Gedärmen, die ein Wahrsager auf der Tafel ausbreitet, um beraten zu können, schwebte auch kurz und leugnete in den wilden Spuren auf dem Tisch seine meteorologische Herkunft nicht.
Solche niederen Bilder können auch Polobjekte gewesen sein, also Objekte, deren Aufgabe darin besteht, etwas wenden, drehen, kehren, schlingen oder kippen zu können und die diese Aufgabe oft dadurch erledigten, indem sie selbst wendbar, drehbar, kehrbar und kippbar waren. Das größte natürliche Polobjekt auf Erden ist schließlich die Erde selbst, die größten Polobjekte am Himmel sind die Sterne und Planeten. Sie sind natürlich, aber ihre Drehung und Bewegung wird übersetzt und artifiziell, daraus sind Sternbilder mit ihren Bahnen, Kalender und mythographisches Material gemacht. Solche artifiziellen Objekte sollten Differenz operationaliseren, die mit Polarität einherging, verkürzt gesagt. Solche Objekte sollten 'polarisieren', auf je spezifische und insgesamt mannigfaltige Weise mit Amphibolien und wechselnden Lagen umgehen, also Umgang oder Umgehung möglich machen. Eine unklare Zukunft sollen sie klären, unklare Lagen, unübersichtliche, unbegriffene, ungehörige Verhältnisse für was auch immer, nicht nur für Urteil und Entscheidung, aufbereiten. Die venezianische Methode, die doppelte Buchführung, die ist schon sehr raffiniert, hochentwickelt, sie ist präzise und rational. Sie bleibt aber vage, sie zeichnet Wellen auf, Verläufe, die sich wenden können. Sie bildet bestimmt keinen Endstufe von Verfahren, die damit angefangen haben, den Lauf der Himmelskörper und der Meteore zu übersetzen, aber ich würde sie zur Geschichte und zur Theorie solcher Verfahren zählen.
3.
Aho assoziierte Mitte der Achtziger Jahre nicht nur die Bildrhetorik mit der Rationalität logischer, arithmetischer Verfahren, sondern auch solche Verfahren mit demjenigen, was historisch durch die niederen Sinne gegangen ist, schon weil es eine zeitlang dort verortet wurde. Nichts wird gekreuzt, was nicht schon gekreuzt wäre.













