Erster Schultag²
Morgen ist mein zweiter erster Schultag. Ich habe meine Mitschüler mehr als sieben Wochen nicht gesehen und einige von ihnen sind auch nicht mehr dabei. Zu Beginn der zwölften Klasse wechseln viele auf ein allgemeines Gymnasium oder hören nach der elften Klasse auf, um eine Ausbildung zu starten. Ich habe zwar eine Zusage für eine Ausbildung, aber erst im nächsten Jahr. Meine Chefin möchte, dass ich diesen Abschluss mache. Das heißt, noch ein Jahr mit ungefähr fünfundzwanzig weiteren Mädchen zusammen in einer Klasse sitzen und zeichnen. Ich weiß noch, wie ich vor einem Jahr am Busbahnhof saß, ganze zwanzig Minuten früher, als der Bus laut Plan eigentlich abfahren sollte, mit dem Smartphone in der Hand und den Beinen am Wippen. Ich war so nervös, ich wusste nicht was auf mich zukommen wird. Wer in meiner Klasse ist, wie die Schule ist, wie die Lehrer sind, wie der Lehrplan ist und so weiter. Ich schrieb im Sekundentakt meinem besten Freund. Irgendwie musste ich meine Nervosität loswerden. Er konnte mir natürlich nicht antworten, immerhin war es sechs Uhr am Morgen und seine reguläre Arbeitszeit ist erst ab Mittag. Aber es tat dennoch irgendwie gut… Morgen werde ich wahrscheinlich nicht zwanzig Minuten eher da sein, aber ich werde genauso nervös wie vor einem Jahr sein. Die Klasse wird sich ein wenig verändert haben. Wir bekommen komplett neue Lehrer und neue Klassenräume. Neue Mitschüler und die ein oder andere ist gegangen. Ich war die letzten Wochen so abgeschieden von der Realität und so depressiv, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe, mich auf das kommende Schuljahr vorzubereiten. Zumindest mental nicht. Fünf Wochen in denen ich im Bett lag, nur mäßig aus meinem Zimmer kam, und meinem besten Freund hinterhergeweint habe. Wir hatten vor zwei Tagen eine längere „Diskussion“ und somit war das Hinterherweinen (wie sich herausgestellt hat) auch noch umsonst. Wir haben uns gegenseitig gesagt, was wir unter „Freundschaft“ verstehen und was wir vom Anderen erwarten. Und er hat es wirklich vernommen. Hat drüber nachgedacht und sein Verhalten sofort dementsprechend angepasst. Er sagte, dass es ihm nicht egal sei, wie es mir geht und dass es ihm auch wichtig ist, weiterhin Kontakt mit mir zu haben. Es tat gut, das einmal zu hören, weil ich nicht davon ausgegangen bin… Um dort durchzublicken, sollte man unsere beiden Persönlichkeiten kennen. Wir sind echt… Na ja, wie sagt man? „Speziell“. Er fragte mich gestern, ob wir am nächsten Wochenende zusammen zum jährlichen Jahrmarkt hier in der Stadt gehen wollen. Ich sagte natürlich sofort ja, weil wir uns seit drei Wochen nicht mehr gesehen haben und ich ihn so unfassbar vermisse. Das ist etwas wofür sich der Montag dann lohnen wird. Weil, wenn dieser erst einmal vorüber ist, ist Dienstag. Und wenn Dienstag auch erst einmal vorüber ist, ist Mittwoch, dann Donnerstag und ehe ich mich versehe ist Freitag. Freitags habe ich nicht nur immer Schulfrei, ich werde an dem Abend dann auch mit Louis zusammen über den Markt gehen. Etwas wofür sich das Aufstehen morgen lohnen wird. Das brauche ich. Am besten jede Woche. Ich bin vor lauter Vorfreude auf das Wochenende ganz vom eigentlichen Thema abgekommen… Der zweite erste Schultag. Brote, Obst und Snacks für die Pause habe ich schon gekauft. Meine Schultasche ist gepackt und meine Wecker (ja, plural) sind gestellt. Jetzt muss ich mich nur noch ins Bett legen und darf gespannt sein was morgen auf mich zukommt. Die Angst und Nervosität vergeht so langsam. Das Schreiben hilft. Verrückt.
Bis demnächst
06.08.2017







