Und plötzlich ist der BH weg und die Brüste können fliegen
Die Choreografin Doris Uhlich und Tanzquartier-Leiterin Bettina Kogler über nackte Körper im zeitgenössischen Tanz
Wer nicht oft ins Theater geht, ist schnell einmal überrascht, wenn sich dort plötzlich alle ausziehen. Doch in Zeiten, in denen der Körper zur Bühne der Selbstinszenierung geworden ist, zeichnet sich ab: Nackte im Theater und auf Performancebühnen sind kein bloßer Trend, sondern gekommen, um zu bleiben. Nicht immer ist der Grund für die nackten Dauergäste auf den ersten Blick ersichtlich. In den Stücken der oberösterreichischen Choreografin Doris Uhlich hat die Entblößung allerdings Hand und Fuß. Manchmal auch Hand und Rollstuhl. Gemeinsam mit Bettina Kogler, der künstlerischen Leiterin im Tanzquartier Wien und langjährige Wegbegleiterin Uhlichs, erklärt sie im Interview ihre Herangehensweise wie Beweggründe und spricht über ihr nächstes Stück.
Der Kern der Sache liegt im Unterschied zwischen »Ich präsentiere mich nackt« und »Ich bin nackt«. Was Doris Uhlich interessiert, ist nicht das Zeigen, sondern das Sein. In ihren Arbeiten fragt sie sich: »Was entsteht aus so einem nackten Sein? Welche Bewegungen machen nur Sinn, weil man nackt ist? Was bedeutet es, mein Fleisch und mein Fett zu tanzen?« Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte sie jene Fetttanztechnik, die sie auch in Workshops lehrt. »Die macht nackt mehr Sinn, weil man dann die schönen Wellen und Vibrationen besser sieht. Du kehrst plötzlich eingeschriebene ästhetische Vorstellungen um, weil die Fetttanztechnik umso cooler ist, je mehr Fleisch du hast.« Mit welchem Wunsch Menschen also in Uhlichs Workshops kommen, liegt nahe: »Den Körper so zu feiern, wie er ist. Und zwar nicht nur oberflächlich, sondern von den Knochen bis zur Haut.« Unter dem Motto »Let’s party our body« arbeitet Uhlich mit TeilnehmerInnen daran, ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. »Es gibt in den Kursen den Moment, in dem sich eine Zufriedenheit mit dem Jetzt-Zustand entwickelt, ohne den Wunsch, dass etwas besser oder schöner wäre.« Diese Zufriedenheit spricht sich herum; die Nachfrage ist groß. Für das nächste Stück im Tanzquartier wurden 120 Mitwirkende gesucht und in Rekordzeit gefunden, wie Bettina Kogler verrät: »Dieses Bedürfnis, das selbst machen zu wollen, gibt es bei Menschen ganz unterschiedlichen Alters, bei Männern und Frauen.«
120 Nackte, die am Boden ruhen
Das Projekt, an dem Uhlich und Kogler gerade arbeiten, steht am 25. und 26. Oktober in der Halle E im Museumsquartier auf dem Spielplan. Für »Habitat / Halle E« entwickelt Uhlich derzeit eine Choreografie für die mehr als 120 Menschen, die auf den Call reagiert haben. Nach den Vorgänger-Performances beim Donaufestival und Impulstanz 2017 mit je ungefähr 40 TänzerInnen ist das kommende Stück von der Menge an Mitwirkenden her ihr bisher größtes Projekt. Inhaltlich wird es auch um kollektive Ruhe gehen: »Es macht einen Unterschied, ob ein Mensch am Boden ruht oder 120 Menschen die Energie zum Ruhen bringen.«
»Habitat / Halle E« ist eine logische Weiterentwicklung der Zusammenarbeit von Uhlich und Kogler. Schon von Anfang an begleitet die beiden das Interesse an Körpern, die nicht der Norm entsprechen. Uhlichs erste Bühnenarbeit beschäftigte sich mit älteren und fragilen Menschen. Kogler, die den Impuls zur Arbeit gegeben hatte, erinnert sich noch heute gern daran: »Das war total schön. Ein Mensch über 80 läuft, das sieht man so selten. Mit voller Kraft!« Das Nachdenken über Begriffe wie Kraft und Agilität »hat sich so entwickelt, dass jetzt auch Menschen in Rollstühlen in meinen Arbeiten nackt performen«, so Uhlich. Für die Performance »Ravemachine« (2016) hat die Choreografin gemeinsam mit dem Tänzer Michael Turinsky den Nestroy-Spezialpreis für Inklusion auf Augenhöhe gewonnen.
Obwohl die beiden oft im Austausch stehen, hat Bettina Kogler selbst noch nie an einem Nacktworkshop bei Doris Uhlich teilgenommen. »Ich tanze grundsätzlich nicht. Aber ich war bei der Nacktparty im WUK, die sicher zu meinen lustigsten Party-Erlebnissen zählt.« Bei der Dernièren-Feier von »more than naked« dürfte es heiß hergegangen sein. »Ich würde sagen, ich habe nicht mehr viel angehabt. Es war nicht ausgesprochen, dass man nackt sein soll – das hat sich ein bisschen verselbständigt. Es war total befreiend und überhaupt nicht sexuell aufgeladen.« Weil es eben nicht darum ging, sich sexy zu bewegen, bezeichnet Uhlich das Erlebnis als ein existenzielles: »Man hat das gute Gefühl, seinem Körper näher zu kommen. Und plötzlich ist der BH weg und die Brüste können fliegen. Oder die Unterhose ist weg und der Popo bewegt sich anders. Man lässt los, wie alles zu sitzen und zu sein hat. Über das Gewandablegen wirst du auch gesellschaftliche Codes los.« Ein ursprünglicher Zustand lässt sich dennoch nicht erreichen. »Der nackte Körper hat auch seine Codes. Du bist tätowiert oder nicht, hast Piercings oder nicht, bist unter den Achseln rasiert oder nicht. Auch wie du deine Schamhaare rasierst, ist Mode.«
Wellen der Nacktheit
Gerade, weil der Körper für sie so besonders ist – »Ohne meinen Körper könnte ich nicht einmal ein SMS schreiben oder dich anschauen« – ist es Uhlich ein Anliegen, mit vielen unterschiedlichen Körperformen zu arbeiten. Ihr geht es darum, »Sympathie zum eigenen und auch zu anderen Körpern zu entwickeln, egal welche Größe ein Körper hat und aus welchem Kulturkreis er stammt. Für mich ist der Körper nackt auch ein ziemlich politischer Motor.« Allein im 20. Jahrhundert habe es viele interessante Nacktbewegungen gegeben – und die kamen nicht von ungefähr. Uhlich nennt hier die nackte Gymnastik der 20er Jahre, die FKK-Kultur, die 68er-Bewegung, sowie auch das Musical »Hair«. »Nacktheit ist immer wieder dort, wo man etwas ins Rollen bringen möchte. Der nackte Körper hat eine richtig emanzipatorische Kraft, etwas zu erzählen, zu wollen und zu wünschen«, sagt sie.
Zwar ist Entblößung als Stilmittel im Theater ein jüngeres Phänomen als etwa in der Bildenden Kunst, wo es seit Jahrhunderten vor nackten (vor allem Frauen-)Körpern nur so wimmelt. Doch in ihrer Dissertation »Theater der Nacktheit« zeichnet die Autorin Ulrike Traub nach, dass sie schon länger als gemeinhin angenommen eingesetzt wird. Stand sie im Deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik im Zeichen der von der Naturheilkunde ausgehenden »Lebensreformbewegung«, erlebte Nacktheit ab den späten 60er Jahren einen weiteren Höhepunkt. Die kommerzielle Verwertung der Sexualität ging einher mit der Erkenntnis, dass das Private politisch sei. In diese Zeit fällt sowohl das von Uhlich angesprochene Musical »Hair« als auch der Wiener Aktionismus. Seit der Jahrtausendwende ortet Traub eine dritte Welle der Nacktheit in der Bühnenkunst. Ihr liegt ein anderes Körperverständnis zugrunde: Das Private sei zum Konsumgut geworden, das nicht mehr von moralischen, sondern ästhetischen Maßstäben definiert wird. Das Theater der Gegenwart reagiert auf den körperlichen Leistungszwang, indem es dieser Tendenz den explizit unperfekten Körper entgegensetzt und die Individualität betont.
Auf die Frage, wie Doris Uhlichs Arbeiten zuzuordnen sind, stellt Bettina Kogler fest: »In dieser Form tut das sonst niemand.« Einordnen ließen sich die Werke am ehesten noch über den angesprochenen politischen Ansatz, der vielen Nacktbewegungen innewohnt. Uhlich selbst ergänzt: »Wenn die Körper aneinanderkleschen und -klatschen, dann bin ich schon inspiriert von Abramovic und Ulay.« Marina Abramovic, die wohl bekannteste Performance-Künstlerin der Gegenwart, spricht in ihrer Autobiografie »Durch Mauern gehen«, ähnlich wie Uhlich, vom Klang der Kollisionen. Sie erinnert sich etwa an die 58-minütige Performance »Relation in Space« mit ihrem damaligen Partner Ulay, die 1976 bei der Biennale in Venedig gezeigt wurde. Abramovic erzählt vom Kollidieren und Abprallen und davon, wie Fleisch gegen Fleisch klatscht. Sie charakterisiert das daraus entstehende Geräusch als Musik mit Rhythmus. Damit kann Uhlich viel anfangen, obwohl die bewusste historische Einordnung in eine Kontinuität erst nach der Praxis kam. »Schon während meiner Zeit im Theatercombinat haben wir uns aneinandergeklatscht. Dem Körper diese Stimme zu geben ist für mich ein total schöner Text. Wenn man schwitzt, klingt es anders, als wenn man nicht schwitzt.«
Universitäten und Porno-Plattformen
Der Einfluss der Arbeiten Uhlichs schlägt sich mittlerweile auch in der akademischen Welt nieder. Über ihre Arbeiten »more than naked« und die Serie »Habitat« werden Diplomarbeiten geschrieben, unlängst etwa in Frankfurt. »Das macht mir Spaß, weil ich mich selber mehr artikulieren lernen muss«, sagt sie dazu. Die Begriffe Fleisch, Körper und Fett sind dabei wichtig in der Terminologie: »Der Körper ist für mich das Gesamte. Er ist das Auto, das mein Leben fährt. Im Körper drinnen ist das Fleisch, das Fett, die Muskulatur. Wenn ich vom Fleisch spreche, meine ich die Weichteile, die mehr vibrieren und pulsieren können und wo sich für mich auch sehr viel einlagert.«
Doch nicht nur Universitäten zeigen Interesse. Eine ganz andere aufmerksame ZuschauerInnenschaft versammelt sich online. Googelt man »doris uhlich naked«, erscheinen Trailer zu ihren Stücken auf bekannten Pornoseiten wie »Xhamster« mit dem Titel »Free Art Porn«. Wie findet sie das? »Am Anfang war ich geschockt. Aber ich schüttle das ab. Das Internet ist zu einer Verbreitungsmaschine geworden, leider auch für Scheiße. Aber da lässt sich eigentlich kein Riegel vorschieben.« Die einzige Möglichkeit sei, in Stücken immer auf das Fotoverbot hinzuweisen und so Grenzen zu ziehen. Auch die Algorithmen des Social-Media-Tankers Facebook verwechseln Kunst immer wieder mit Pornografie. So wurde unlängst die Präsenz des internationalen Wiener Tanzfestivals ImPulsTanz wegen eines Trailers kommentarlos gesperrt, obwohl die Gemeinschaftsstandards der Plattform künstlerische Nacktdarstellungen erlauben.
Dass das bloße Vorhandensein von Nacktheit der Hauptgrund für manche BesucherInnen ist, sich ein Stück auch vor Ort anzusehen, kennt Bettina Kogler aus langjähriger Erfahrung. Was tun, wenn im Publikum jemand sitzt, der sich ganz offensichtlich an dem Gezeigten aufgeilt? »Ich hab am Anfang sehr große Bedenken gegenüber diesem hauptsächlich männlichen Publikum einer bestimmten Altersgruppe gehabt. Wenn sie dann aber da sind, kriegen sie gar nicht das, was sie sich erwarten. Es ist ja keine Peep-Show. Sie kommen aber trotzdem, und sie kommen manchmal auch regelmäßig. Insofern hab ich Frieden mit ihnen geschlossen, weil sie sich ja trotzdem Kunst anschauen.«
Von Fragen wie »Wann ist bei Ihnen der Hardcore-Sextanz?« bis hin zu schlecht vorgetäuschten Fußleiden als Begründung für den Wunsch, in der ersten Reihe zu sitzen, haben Kogler und Uhlich einige Anekdoten zu erzählen. Einmal sei sogar jemand in Ohnmacht gefallen, nachdem ihm das Handy weggenommen wurde. Wirklich lustig finden sie derartige Situationen allerdings verständlicherweise nur selten. »Das Problem ist, dass diese Menschen oft egoistisch sind und kein Gefühl dafür haben, dass diese Kamera total pervers ist, eine schlechte Stimmung macht und dich vom Spielen abtörnt. Sie respektieren in diesem Moment Bühnenkunst nicht«, so Uhlich. Die unerwünschte Machtposition, die eine solche Kameralinse mit sich bringt, empfindet sie als Übergriff. »Du bist so verletzlich auf der Bühne. Er sitzt im Dunklen. Er glaubt, er ist verdeckt. Aber die Tänzer bekommen es mit.«
So unreflektiert die Reaktionen mancher sind, so sanft geht Uhlich mit ihren Workshop-TeilnehmerInnen um, berichtet Kogler: »Die Arbeiten von Doris sind wirklich sichere Orte. Es ziehen sich nur die aus, die sich ausziehen wollen, und auch nur so weit, wie sie wollen. Man weiß, alle können so weit gehen, wie sie sich wohlfühlen, ohne dass das den oder die Andere stresst. Das ist echt eine hohe Kunst.«
»Habitat / Halle E« wird am 25. und 26. Oktober in der Halle E im Museumsquartier von Doris Uhlich und 120 nackten TeilnehmerInnen aufgeführt.
more than naked
Why would anyone undress on stage?
What can a naked body say?
What can twenty naked bodies say?
...always already say?
...still say?
...say again?
In more than naked, twenty naked dancers make their flesh wiggle, wobble, and crack. Their bodies slap against each other, sweating and snapping to dance floor hits and lavish sounds. Twenty people on stage are more than a group - they are a society. And this society sets itself in motion. As the movement unfolds, Doris Uhlich stands on stage, DJing to the whole event the motto being “Let’s party our body!” more than naked manages to bring to the stage nakedness free of ideology and provocation. Doris Uhlich was already occupied with making “her flesh” swing in her previous piece more then enough. In the process, she developed a fat-dance technique. more than naked is a consistent continuation of this concern with body discourses, and it blasts away conventional ideas of body, dance, and nakedness with tremendous subversiveness.
Näitleja keha eripära ja ainulaadsuse esiletoomisega kaasneb taju multistabiilsus. See tähendab, et vaataja taju võngub pidevalt näitleja fenomenaalse ihu ja tegelase semiootilise keha vahel. Hetk, mil vaataja tähelepanu kandub etendaja fenomenaalselt ihult üle viimase kehastatavale tegelasele, või vastupidi, pakub kaasaegsele teatrile suurt huvi.