Geburtstagsgäste: Kuratorin Dorothee Hansen im Interview
Etwa zwei Jahre dauerten die Vorbereitungen zur großen Jubiläumsausstellung "Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh" (7. Oktober 2023 bis 18. Februar 2024). Aber schon vor 20 Jahren begann Kuratorin Dorothee Hansen mit ersten Recherchen zum Thema. Im folgenden Interview gibt sie Einblicke in den Entstehungsprozess der Ausstellung mit seinen Höhen und Tiefen.
Seit 1899 konzipierte Gustav Pauli, der erste wissenschaftliche Direktor der Kunsthalle Bremen seine progressive Ankaufspolitik, der das Museum bis heute seine berühmtesten Werke verdankt. Wurde er dafür schon immer vor allem gelobt?
Nein, ganz und gar nicht. Als Pauli sein Vorstellungsgespräch für den Posten als Direktor hatte, ermahnte ihn der Vorstand des Kunstvereins, er möge nicht „einseitig die moderne Richtung“ bevorzugen. Dabei dachten die Herrn vor allem an die Worpsweder Maler. Sie ahnten nicht, dass Pauli die deutschen und französischen Impressionisten erwerben würde.
Von Anfang an stießen Paulis Ankäufe auf Kritik. Sein schärfster Gegner war zunächst der Bremer Maler Arthur Fitger. Seine Allegorien und Historienbilder dominierten damals in ganz Bremen die öffentlichen Gebäude und privaten Villen. Für Pauli war das jedoch eine thematisch und stilistisch vollkommen überholte Kunst, und er trat Fitger in zahlreichen Vorträgen und Zeitungsartikeln vehement entgegen. Die Worpsweder waren bei diesen Bremer Künstlerstreit von 1902 auf Paulis Seite und verhöhnten Fitger auch in einer Karikatur. Neun Jahre später war es dann der Worpsweder Maler Carl Vinnen, der Pauli wegen des Ankaufs des Mohnfeldes von van Gogh attackierte – dieser Bremer Künstlerstreit von 1911 hatte dann nationale Bedeutung. Sie sehen also: Pauli war eine Kämpfernatur, und das musste er auch sein, um sein Programm umzusetzen.
Für die Ausstellung konnten Sie zahlreiche hochkarätige Leihgaben aus nationalen und internationalen Museen gewinnen. Über welches Werk freuen Sie sich am meisten?
Am meisten freue ich mich über das großformatige frühe Blumenstillleben Kalla und Treibhauspflanzen von Pierre-Auguste Renoir, dass wir aus der bedeutenden Privatsammlung von Oskar Reinhart in Winterthur als Leihgabe erhalten. Diese exklusive Sammlung hat bis vor wenigen Jahren grundsätzlich nie Werke verliehen. Das Bild gehörte ursprünglich dem Bremer Sammler Leopold Biermann, der es in enger Abstimmung mit dem Museumsdirektor Gustav Pauli 1909 erworben hat. Biermann hatte den Vorsatz, seine gesamte Sammlung dem Kunstverein zu vermachen. Nach dem Ersten Weltkrieg und der folgenden Inflation hat er seine Meinung leider geändert, und seine Witwe verkaufte das Bild dann an Oskar Reinhart. In der Ausstellung können wir nun Paulis und Biermanns Vision realisieren und sein Renoir-Gemälde neben die Camille von Monet und das Porträt des Zacharie Astruc von Manet hängen – drei bedeutende Frühwerke der späteren Impressionisten, die sich motivisch und stilistisch ergänzen. Sie bilden eine perfekte Museumswand.
Gibt es auch Werke, die Sie gern in der Ausstellung gezeigt hätten, die aber leider nicht kommen konnten?
Zum einen hätten wir natürlich sehr gerne die Kriegsverluste der Kunsthalle Bremen ausgestellt: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden drei bedeutende Ankäufe Gustav Paulis von russischen Soldaten konfisziert bzw. gestohlen: Der Park von Monet und das Bildnis Madame Chocquet am Fenster von Renoir befinden sich heute im Puschkin Museum in Moskau und in der Eremitage in Sankt Petersburg – die sind aus bekannten aktuellen Gründen für uns völlig unerreichbar. Das Stillleben mit Flasche von Gauguin ist bis heute verschollen.
Außerdem hätte ich gern zwei Werke von Paul Cézanne und eins von Toulouse-Lautrec ausgeliehen, die früher im Besitz von Bremer Sammlerinnen und Sammlern waren. Wir haben sie zwar aufspüren können, doch sie befinden sich in Sammlungen, die grundsätzlich per Dekret der verstorbenen Sammler nie ausleihen, wie beispielsweise die berühmte Barnes Collection in Philadelphia, die Annenberg-Sammlung im Metropolitan Museum of Art in New York oder das Museum Norton Simon in Pasadena. Das zeugt aber zugleich von der großen Bedeutung dieser ehemals bremischen Werke, die nun in so berühmten internationalen Häusern sind.
Manche Werke lassen sich auch überhaupt nicht aufspüren: So ist die Eisenbahnbrücke in Arles von Vincent van Gogh, die früher Alfred Walter Heymel gehörte, derzeit „im Untergrund“, also bei einem Privatsammler, der unerkannt bleiben will.
Die Ausstellung erzählt auch von den Bremer Mäzenen und Sammlern um 1900. Gibt es darunter eine Persönlichkeit, die es Ihnen besonders angetan hat?
Besonders fasziniert mich der Bremer Sammler Alfred Walter Heymel. Mit seiner Volljährigkeit fiel ihm das riesige Vermögen seines Stiefvaters, eines Bremer Kaufmanns, zu, und so konnte er es sich erlauben im großen Stil Kunst zu kaufen. Schon früh trug er eine einzigartige Sammlung mit Werken von Henri de Toulouse-Lautrec zusammen und veranstaltete bereits 1906 eine Ausstellung über diesen Künstler in der Kunsthalle Bremen. In musealen Sammlungen war Lautrec damals so gut wie gar nicht vertreten, weil seine Motive vom Pariser Amüsierbetrieb als zu anzüglich galten. Heymel besaß im Übrigen schon vor dem van Gogh-Ankauf der Kunsthalle Bremen auch vier Werke des niederländischen Malers.
Doch Heymel hatte noch viele andere Leidenschaften: Vor allem die Literatur, denn er gab u.a. die Zeitschrift Die Insel mit heraus. Dazu kam seine Leidenschaft für das Rennreiten. Auch führte er einen luxuriösen Lebensstil, hatte aber keine glückliche Hand in geschäftlichen Dingen. So verlor er durch Spekulation große Teile seines Vermögens und war schon früh gezwungen, Teile seiner Sammlung zu veräußern. Er starb bereits 1914 im Alter von nur 36 Jahren und hinterließ eine umfassende Korrespondenz mit den bedeutendsten Menschen aus Kultur und Politik in seiner Zeit. Sie zeugen von seiner Suche nach Identität, zwischen bremischem Bürgerstolz und der Sehnsucht nach Anerkennung in der adelig dominierten Gesellschaft der Kaiserzeit. Die Kunst spielte bei dieser Suche eine wichtige, Identität stiftende Rolle.
Wie lange dauerten die Vorbereitungen für diese Jubiläumsausstellung?
Seit 20 Jahren sammle ich nebenbei Material zu Bremer Sammlern und ihren Werken. Das kam den Vorbereitungen dieser Ausstellung sehr zugute. Die konkreten Vorbereitungen begannen vor ca. zwei Jahren. Neben Recherchen nach den Standorten von einzelnen Werken gehörte dazu viel Archivarbeit, zum Beispiel das Studium der Briefe von Alfred Walter Heymel im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar, aber auch die Suche nach Informationen über andere Bremer Sammler in der Staats- und Universitätsbibliothek und dem Staatsarchiv in Bremen.
War es schwierig einen Titel für die Ausstellung zu finden?
Es war nicht leicht einen Titel für diese Ausstellung zu finden, weil dabei verschiedene Aspekte eine Rolle spielen. Vor allem ist es eine Jubiläumsausstellung, und in diesem Sinne ein Fest: Wir laden die Werke der französischen Impressionisten ein, die in der Zeit von Gustav Pauli in deutsche Museen oder Bremer Privatsammlungen einzogen. Daher der Titel Geburtstagsgäste. Monet bis van Gogh. Sie zeigt herausragende Meisterwerke der Kunstgeschichte.
Zugleich erzählt die Ausstellung ein Stück Geschichte des Kunstvereins, nämlich die Ära des ersten Direktors Gustav Pauli: Trotz heftiger Kritik machte er durch seine Erwerbungen und Ausstellungen die Kunsthalle Bremen zu einer führenden modernen Galerie. Deshalb haben wir für den Katalog einen Untertitel gewählt: Gustav Pauli und der Kampf um die Moderne. Die Ausstellung zeigt internationale Spitzenkunst und verbindet sie mit der bremischen Geschichte – das ist sehr facettenreich und nicht auf eine simple Formel zu bringen. Für das 200-jährige Jubiläum des Kunstvereins in Bremen ist es aber perfekt!
Vielen Dank für das Gespräch!
Abbildungen:
1) Kuratorin Dorothee Hansen, Foto: Marcus Meyer Photography
2) Installationsansicht der Geburtstagsgäste-Ausstellung: Arthur Fitger, Europa aus dem Zyklus der Erdteile, 1876/79, Haus Seefahrt Bremen, Dauerleihgabe Deutsches Schifffahrtsmuseum
3) Installationsansicht der Geburtstagsgäste-Ausstellung: Pierre-Auguste Renoir, Kalla und Treibhauspflanzen, 1864, Öl auf Leinwand, Sammlung Oskar Reinhart „Am Römerholz“, Winterthur
4) Installationsansicht der Geburtstagsgäste-Ausstellung
5) Installationsansicht der Geburtstagsgäste-Ausstellung mit Skulpturen von Auguste Rodin













