Johanna …
»War das Rumänisch?«, fragte Jana und wusste selbst nicht so genau, wie diese Frage in ihr aufgekommen war. Sie mag die Erscheinungen in der Sprache, die sich ihr nur als fremd erschließen wollten, auf den ihr ähnlich fremden Osten des Erdteils bezogen haben, der doch so viel Vertrautes in sich birgt. Das Rätselhafte des Liedes wurde durch den Klang vertrauter Rhythmen, die mondesähnlich in neue Gefilde begleiten, nur noch verlockender.
Janas Gegenüber lächelte kurz, und ein feiner Ausdruck von Gelehrtheit und Verständnis lief über das Gesicht. Die Gemütsruhe, die von der rätselhaften Sängerin ausging, schien so ausgebildet zu sein, dass Jana meinte, sie sei ohnehin mit keiner Äußerung zu verletzen gewesen. Die junge Frau blieb noch ein paar Augenblicke bei der Sängerin stehen, doch war ihr Warten auf eine Antwort vergebens.
Im Weggehen überlegte Jana, ob die wunderliche Frau sie wohl verstanden habe oder vielleicht doch bloß ihre eigene Verlegenheit kundig und beflissen verbarg. Sie blickte noch einmal zurück und lauschte den Klängen des spätherbstlichen Treibens, doch der Gesang jener Frau war bereits daraus verschwunden. Jana spazierte weiter, und war sie auch nachdenklicher und tiefer in Gedanken versunken als zuvor, so hatte diese merkwürdige Begegnung ihrer Fröhlichkeit doch keinen Abbruch getan. Jana war im Gegenteil glücklich darüber, dass zu dem aufregenden Schauspiel der Natur noch ein menschliches Faszinosum hinzugetreten war, das ihre Gedanken füllte.
Als sie nachhause zurückgekehrt war und wieder in ihrem Zimmer saß, fühlte sie sich seltsam eingeengt. Wohl empfand sie das schützende Gemäuer und die wärmespendende Heizung in der vertrauten Umgebung als gemütlichen Ort, um jene winterlichen Stunden zu verbringen, allerdings wollte nun so vieles aus ihr drängen, was die Wände nicht aufnehmen konnten. Am liebsten wäre sie noch einmal denselben Weg gegangen, hätte sich noch einmal von den Schneeflocken verzaubern lassen und wäre noch einmal jener merkwürdigen, liebenswürdigen Frau begegnet. Doch diese Minuten waren verstrichen, und nun musste Neues getan werden. Jana zog nachdenklich den Block aus ihrem Rucksack hervor und blätterte ihn bis zur nächsten freien Seite durch. Sie ergriff den Kohlestift und wollte all das, was sie erlebt hatte, auf ihr Papier bannen. Die jahrelange Übung erwies sich in solchen Momenten als überaus nützlich. Jenseits akademischer Vorstellungen und der Ambition augengetreuer Darstellung waren Janas Bemühungen ausschließlich darauf gerichtet, alles so festzuhalten, dass die Bilder spätere Erinnerungen an jene Momente mit Leben beseelen konnten. Sie waren ihre besondere Mnemotechnik. Jana war mit solcherlei Vorgehen seit Langem vertraut und beherbergte eine ansehnliche Sammlung von Bildern, die je einen besonderen Augenblick widergaben und als geheimnisvolles Tor zu der verstrichenen Zeit fungierten. Jana nannte dieses geordnete Durcheinander von Außenerscheinungen der Erinnerung ehrfurchtsvoll ihren »Thesaurus«.

















