Persönlichkeitsideal Polarforscher
Wie erkennt man, ob man dem Persönlichkeitsideal eines Polarforschers schon entspricht oder ob man noch viel zu tun, zu machen, zu üben und tranieren hat, um ihm zu entsprechen? Eine These, von der ich hoffe, dass sie meine ist (weil sogar ich ich sein will, wie jeder, nicht nur die Narzissten), lautet, dass das ganz einfach und sehr trivial ist, aber schon auch perplex machen kann. Es gibt zwei Testfragen dafür.
Achten Sie bei einem Vortrag eher auf die Form oder auf den Inhalt des Vortrags? Wenn die Antwort lautet, man achte eher auf dies als auf das, zuerst auf dies und dann auf das, in dieser Hinsicht auf dies und in jener auf das, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch und tendiert schon zu 100%, dass man diesem Ideal nicht entspricht. Wenn einem leicht fällt, Vorträge zusammenzufassen und die Form des Vortrags so zu beschreiben, dass die Beschreibung im deutschen Staatsexamen mindestens ein vollbefriedigend erhielte, dann ist man wahrscheinlich, sorry, beschissener Polarforscher. Wenn man aber auf die Frage mit einer Gegenfrage antworten und die lautet, dass man die Frage nicht verstanden habe, steigt die Wahrscheinlichkeit. Wenn die Antwort eine mehr oder weniger glatte Lüge ist und man so tut, also könne man auf den Inhalt oder die Form achten, dann dann tendiert die Wahrscheinlichkeit gegen 100%, dem Ideal des Polarforschers zu entsprechen. Das ist mir von Natur aus mitgegeben, das ist ein lange ausgeplappertes Geheimnis (etwa mit dem Text Bildkontakt in dem Buch Ungewissheit als Chance von Ino Augsberg, einem Buch aus dennoch katastrophalen bis apokalyptischen Jahren). Ich empfehle sogar inzwischen allen Betroffenen, es auszuplappern, sobald es geht. Das liegt daran, dass ich mit Leuten, die das kaschieren, schlechte Erfahrung gemacht habe, leider, leider in katastrophalen und apokalyptischen Jahren Dem Aby Warburg war diese Gabe mitgegeben. Dem Sohn vom William T. Mitchell war das mitgegeben. Das ist durchaus eine Gabe, darum basteln wir auch am Persönlichkeitsideal des Polarforschers. Aby Warburg hat das aber sechs Jahre aus dem Verkehr gezogen und der Sohn von William T. Mitchell, der übrigens in der Version des Vaters genau der Mitchell ist, der die Formel vom Iconic Turn erfunden hat, hat Suizid begangen. Bin mir nicht sicher, ob das Klaus Röhl weiß, aber es kann sein, dass er das weiß, denn er sorgt sich auch in seinen Texten zur visuellen Zeitenwende liebenswürdig und mit bestem Willen um Probleme der Verwechslung. Die Gabe wird auch als Störung verstanden. Diagnosen sind ernst zu nehmen, auch wenn man sich nicht darauf ausruhen kann. Diagnosen wird gerne alles in die Schuhe geschoben, aber darum arbeiten wir am Persönlichkeitsideal Polarforscher, um uns nicht alles in die Schuhe schieben zu lassen, auch nicht den Umstand, dass die Welt sich dreht und verkehrt. Der Polarforscher hat keinen gut entwickelten Sinn für das hylemorphistische Schema. Sein Sinn für die Unterscheidung von Form und Inhalt ist exakt das, was Brasilien nach Vilém Flusser sein soll: unterentwickelt. Sein Sinn ist für das hochentwickelt, was in der kleinen Literatur (!) zu Giorgio Agamben Ähnlichkeitsunruhe und Unähnlichkeitstruhen genannt wird. Sein Sinn für die Dynamik der Sensoren, Censoren und Zensuren ist hochentwickelt, sonst ist er nämlich schnell tot. Er ist nach Thomas Melle der entfremdete Charakter schlechthin und noch das ist von Thomas Melle (einem der zahlreichen Thom-Asse) launig geschrieben. Er ist der metabolische, metaphorische, metonymische Charakter schlechtin. Er ist der begehrende, verkehrende und verzehrende Charakter schlechtin, sogar Charakter im Sinne von Letter. Er ist der nölende und schiffende Charakter, die noiseuse schlechthin und gutphryn. Ach wäre er doch in Ithaka geblieben. Wieso das denn? Dann wäre er der metaphysische Charakter schlechtin. Aber nein, er musste mal wieder segeln gehen , na toll!
Die zweite Frage lautet: Können Sie Gesichter so beschreiben, dass die Polizei sie als SuperRecognizer anwerben möchte? Je eher sie diese Frage mit Ja beantworten, desto unwahrscheinlicher ist, dass Sie dem Ideal des Polarforscher entsprechen. Der Sinn für dasjenige am Gesicht, was beständig ist, der ist bei ihm das, was nach Flusser Brasilien sein soll: unterentwickelt. Warum sollte er sich merken, was morgen noch da ist, kommt doch ohnehin nicht weg, bleibt doch sowieso. Das Unbeständige muss er sich merken, denn er lebt in der Unbeständigkeit. Der Polarfoscher hat große Schwierigkeiten, Personen, Dinge oder Handlungen zu erkennen oder wiederzuerkennen, die beständig sind. Es ist, als kippe sein Bewußsein in Anbetracht des Beständigen weg, wie in ein Koma. Sieht seine Frau am Morgen exakt so aus, wie am letzten Abend, erkennt er sie nicht. Erkennt er sie leicht und schnell, dann deswegen, weil an diesem Morgen ein Blitz durch ihre Gesicht huscht, den schon einmal gesehen hat, nämlich am ersten Morgen, als sie gemeinsam aufwachten. Er weiß dann sogar,in welchem Zimmer das war, wieviel Kilometer das entfernt ist, wieviel Jahrzehnte dazwischen liegen, welche Licht-, Luft- und anderen Wellenverhältnisse in diesem Raum waren. Die Geräusche von damals kann er sofort wiedergeben. Er hat Glück gehabt, wenn der Blitz, der dort durch ein an- und aufwachendes Antlitz huscht, der Blitz seiner Frau ist und nicht der einer anderen Frau. Die Heirat macht sich am Beständigen fest, die Blitze nicht so. Alles Spekulation, aber eins ist sicher: Je suis Glückpilz. Sweti, von der der Polarforscher nicht sicher weiß, ob sie seine Frau oder die Frau eines anderen ist, ist mit bester sowjetischer Ausbildung Superrecognizer, Glück gehabt! Und sie ist das freie Subjekt einer Gesellschaft, von der manche in vermutlich nachsommerlicher, saturnalischer bis marsianischer Laune behaupten, dieser russischen Gesellschaft fehle jeder Sinn für Freiheit. Wer weiß, ob ich noch leben würde, wenn ich bisher nicht Glück gehabt hätte. Das weiß ja niemand so genau. Wer einen Sinn für das Vague und Vogue hat, wen Abwägung nicht schreckt, auch dann nicht, wenn man wieder nicht weiß, wohin denn die Abwägung diesmal führen soll, wer gelernt hat, Phobien produktiv zu nutzen, entspricht dem Ideal des Polarforschers. Wen man das erste ins Wasser schmeißen kann und der dann schwimmen kann, könnte dem Ideal entsprechen. Wen man gebären kann und der dann schreien kann, der entspricht vermutlich dem Ideal. Wen man ohne gute Russischkenntnisse, in Moskau 1993 zu Gericht schicken kann, damit er auch ohne jedes Examen mal eben für Beiten Burkhardt Mittl und Wegener dort auftritt, Anträge stellt und ein bisschen rumdiskutiert und nett plaudert, wer nicht einmal merkt, dass das ein Problem oder nicht seriös sein könnte, der dürfte höchstwahrscheinlich dem Ideal entsprechen. Wenn man ihn fragt, ob er bereit sei, einen Lehrstuhl für eine Wissenschaft zu vertreten, die er nicht studiert hat und er nicht auf die Idee kommt, dass das Probleme aufwerfen könnte, dann entspricht er dem Ideal vermutlich, sonst hätte man ihn wohl nicht gefragt. Man bescheinigt solchen Polarforschern schon mal stark ausgeprägten Solipsismus, Narzissmus und Expressionismus, (Mitteilungsdrang) und doch einen Hang zu soleil levante, zur Sonne im Osten und zum nächsten Morgen. Man bescheinigt diesen Subjekten meteorologisches Reden (schweifend). Wenn sie ideal sind, kann das Problem daran ideal sein. Wen man ohne Fallschirm und nackt über einer Favela abwerfen kann und wer dann, wenn auch verbeult, aus der Favela herausspaziert und sagt, das sei sehr interssant gewesen und er habe viel über Protokolle gelernt, der entspricht wahrscheinlich dem Ideal.
Persönlichkeitsideale würde ich basteln, um sie händeln zu können. Wenn man mit ihnen sagen will, dass es keine Probleme mit ihnen gäbe, würde ich die Finger von lassen.





