Blaue Blumen aus Wien betrachtet
Zugegeben, es sind vermeintliche Kleinigkeiten, die von Südtirol bis nach Wien vordringen. Aber den oft verteufelten neuen Medien sei Dank (und vor allem www.salto.bz – eine ganz hervorragende Seite!) lässt sich doch vieles auch aus der Distanz verfolgen.
Kritisch werde ich allerspätestens dann, wenn ich gerade in Wien sitze und davon höre, dass die Landtagsabgeordneten der Freiheitlichen in Südtirol sich zur ersten Landtagssitzung der neuen Legislaturperiode mit blauen Kornblumen schmückten.
Bild: Die Freiheitlichen bei der ersten Sitzung des Landtags am 24.11.2013; inklusive Kornblume. Quelle: salto.bz
Kreativ ist dieses Statement keineswegs, ist es doch an die Freiheitlichen in Österreich angelehnt, welche bereits in der ersten Nationalratssitzung nach den Wahlen 2006 mit Kornblumen geschmückt ins Hohe Haus einzogen. Aber über die Beziehung zwischen den Freiheitlichen in Südtirol und der FPÖ, die mit ihrer aggressiven und menschenverachtenden Propaganda den österreichischen Wahlkampf dominierte, spricht es Bände.
Wofür diese Blume wirklich steht, zeigt ein Ausschnitt aus einem 1995 erschienenem Artikel von Hans-Werner Retterath (heute Ethnologe am Institut für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa in Freiburg) sehr eindeutig:
„In den 1880ern erkoren die antisemitischen und deutschnationalen Schönererianer in Österreich sie zur Parteiblume. Auch Hitler hatte sie in seiner Jugend getragen und positiv in seinem Buch 'Mein Kampf' vermerkt. […] Somit besaß der Volksbund ein zeitgemäßes Abzeichen, das vor allem für folgendes stand: Großdeutschland, Antisemitismus und Antiliberalismus.“ *
Als Schönererianer bezeichnet werden die Anhänger von Georg Ritter von Schönerer, welcher ab 1879 als Anführer der deutschnationalen Bewegung in Österreich auftrat. Unter anderem war er ein radikaler Antisemit, ein Vertreter der Herrenrasse-Ideologie und großdeutscher Nationalist, dessen Ideen auch den jungen Adolf Hitler nachhaltig beeinflussten (vgl. Eintrag im Personenlexikon des Landesmuseums Niederösterreich: http://bit.ly/18xBJa4 ). Einem entsprechenden Wikipedia-Eintrag zufolge verwendete er bereits das Symbol der blauen Kornblume.
Die Frage, die sich aus diesem Kontext heraus stellt, ist für mich vor allem jene, ob die Freiheitlichen in Südtirol dieses Symbol als bewusstes Statement zu einer rechtsradikalen und antidemokratischen Positionierung gewählt haben, oder aber ob die Kornblume lediglich als Anbiederung an die österreichische Schwesterpartei zu verstehen ist.
Was von beiden schlimmer ist - eine antidemokratische Positionierung oder eine Anbiederung an die menschenverachtende Politik der FPÖ - weiß ich nicht.
PS: Wie Michael Demanega, Sekretär der Freiheitlichen, heute via Twitter versicherte, handelte es sich bei der blaumen Blume am Revers der freiheitlichen Landtagsabgeordneten nicht um eine Kornblume, sondern um eine Rittersporne.
Ob diese Tatsache den Eindruck des unreflektierten Spielens mit rechtsextremen Symbolen entschärft, ist eine andere Frage.
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* Retterath, Hans-Werner (1995): Von 'deutscher Treue' bis zu 'deutscher Weltgeltung'. Zur Symbolik der auslanddeutschen Kulturarbeit in der Zwischenkriegszeit am Beispiel ihrer Institutionsabzeichen. In Brednich, Rolf Wilhelm/Schmitt, Heinz (Hrsg.): Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. 30. Deutscher Volkskundekongreß in Karlsruhe vom 25. bis 29. September 1995. Waxmann, Münster/New York/München/Berlin