Gestern war ich seit langem wieder einmal auf einer richtigen Demo. "Freiheit statt Angst" – eine Kundgebung am Alexanderplatz für die Wahrung unsere Bürgerrechte und gegen ausufernde staatliche Überwachung. 20.000 Leute hatten sich versammelt, um ihrer Enttäuschung gegenüber dem Abwiegeln der Regierung und der Lethargie der Gesellschaft Raum zu geben. 20.000 Menschen hatten sich entschieden, ihren privaten Unmut öffentlich zu machen.
Und um genau solche Entscheidungen geht es mir bei den Themen Privatsphäre und Überwachung. Es geht um die Souveränität als Bürger zu bestimmen, welche Gedanken, Meinungen, Überlegungen ich öffentlich mache – und welche nicht.
Die E-Mail an eine Geschäftspartnerin? Nur für sie und mich bestimmt. Meine Krankendaten? Eine Angelegenheit zwischen meinem Arzt und mir. Der Eintrag in meinem Blog? Ohne Frage öffentlich.
Die Freiheit diese Entscheidungen treffen zu können, ist in dem Moment nur noch eine Scheinfreiheit, wenn alle Kommunikation - ob zwischen mir und meinem Arzt oder die Worte in meinem elektronischen Tagebuch – immer noch einen Dritten erreicht. Wenn NSA und Co. alles mitlesen, alles speichern und jede Verschlüsselung umgehen, dann verliert das Wort "Privat" jede Bedeutung. Und mit ihm ein Grundpfeiler unserer freien Gesellschaft: Wahlfreiheit, journalistische Arbeit, Seelsorge, medizinische Beratung, uvm. bauen auf dem Gedanken auf, dass es geschützte Räume gibt, in denen Privates auch privat bleibt.
Für mich geht es dabei aber auch um ein Menschenbild: Begegne ich meinem Nachbarn mit Vertrauen – oder kontrolliere ich all sein Tun auf Fehler? Der Staat hat seit 2001 dieses Vertrauen gegen Kontrolle getauscht und macht aus jedem Bürger durch das Zulassen der uneingeschränkten Überwachung - durch eigene oder ausländische Geheimdienste - einen Verdächtigen.
20.000 Menschen sahen das gestern ähnlich – und doch hätte ich mir bei der Schwere dieses Themas gewünscht, dass es erheblich mehr gewesen wären.