November 2025
Schulhaus ohne Gong
Meine Schule ist zum Beginn des Schuljahrs umgezogen, und zwar in ein bereits vorhandenes, nicht etwa neu gebautes Schulgebäude, das ein Jahr lang leer gestanden ist, weil die ursprünglich darin behauste Schule selber in einen Neubau umgezogen ist. Wir haben einfach die bereits vorhandene Technik übernommen.
Deshalb haben wir auch keinen Schulgong. Der lässt sich zwar manuell aus dem Sekretariat auslösen, wozu es einen kleinen, in ein Gehäuse verbauten Tablet-Rechner mit Touchscreen und einem sehr alten Windows-Betriebssystem gibt, auf dem das Verwaltungsprogramm läuft. (Voreingestellt sind in diesem unter anderem „Gong normal“, „Gong kurz“, „Putzen/Hand AUS“. Letzteres ist kein Gongzeichen, sondern sorgt dafür, dass aus den Lautsprechern in der Schule eine algorithmisch generierte Stimme „Putzen Putzen Putzen“ ruft. Der Anlass für diese Einstellung ist uns nicht bekannt; das Ausprobieren sorgte für Irritation beim Personal im Schulgebäude.)
Allerdings funktioniert das automatische Auslösen des Schulgongs nicht. Üblicherweise läutet dieser am Vormittag etwa neun Mal, am Anfang und Ende von Stunden und Pausen, am Nachmittag ähnlich. Das ist zu oft für ein regelmäßiges manuelles Auslösen, also bleibt der Gong aus.
Der automatische Gong funktioniert deshalb nicht, weil die eigentlich vorgesehene Verbindung der Anlage zum europaweiten Langwellen-Zeitzeichensender DCF77 nicht möglich oder nicht korrekt eingestellt ist. Stattdessen läuft die Systemuhr quarzgesteuert. Schon in den letzten Jahren, heißt es, sei diese Uhr regelmäßig nachgegangen, so dass alle drei Monate jemand vom zuständigen Sachaufwandsträger an die Schule entsendet wurde, um diese Systemzeit neu einzustellen. Das war Herr L., der allerdings inzwischen, kurz vor seiner Rente, gestorben ist. Es gibt jetzt niemanden mehr, der die falsche Uhrzeit der zentralen Anlage ändern kann. Zumindest die bisherigen ersten zwei Monate des Schuljahrs hat das den Schulalltag nicht beeinträchtigt.
(Thomas Rau)












