Der Furz im Fahrstuhl, heute: Revolution
Selbst die sonnigen Tage des Mai können unseren Redaktionselch nicht aus seinem Fahrstuhl locken. Pflichtgetreu erwartet er seinen nächsten Gast. Es handelt sich um Rupert. Rupert ist ein Arbeiter, der am Haymarket Massaker in Chicago teilgenommen hat. Den Fahrstuhl betritt ein hochgewachsener, muskulöser Mann mit dreckverkrusteter Kleidung. Er nimmt seine Mütze ab und nickt seinem Gastgeber zu, der seinen obligatorischen Furz fahren lässt.
S: furzt lautstark
R: Nicht schlecht! Aber wir machen das so! furzt noch lauter
S: beeindruckt Wo haben Sie das denn gelernt?
R: lacht Das lernt man nicht Junge, das ist wie Fahrrad zur Arbeit fahren.
S: Wo arbeiten Sie denn?
R: stolz In einer Fabrik in Chicago. Wir produzieren die besten Landmaschinen der Welt! Ohne uns wäre die Landwirtschaft aufgeschmissen.
S: Und was machen Sie da genau?
R: Ich stecke Nockenwellen zusammen.
S: Äh, Moment… Werden die überhaupt zusammengesteckt? Ich dachte, diese Motorenteile werden gegossen.
R: Seien Sie nicht so pingelig! Ein Arbeiter muss nicht wissen, was er tut. Er muss es nur gut tun. Und das kann ich. Ich bin der Beste in meinem Job.
S: Das lasse ich dann mal so stehen…
R: ärgerlich Willst du etwa Streit vom Zaun brechen, Junge? Ich hab schon gearbeitet, da hast du noch friedlich in deiner Mama geschlummert!
S: wird rot Lassen Sie meine Mutter da raus!
R: schreit Ja? Wollen wir das klären wie richtige Männer? schiebt die Ärmel hoch und droht mit den Fäusten Ich habe schon einmal Männer niedergerungen, die weit mächtiger waren als ich!
S: Ist ja gut! Ich wollte Sie nicht verärgern!
R: zufrieden Dachte ich mir doch.
S: schweigt
R: Zu meiner Zeit haben wir das auf unsere Art geklärt. Wir sind auf die Straßen gegangen und haben notfalls auch mal den einen oder anderen Schwinger ausgeteilt.
S: Sie meinen die Demonstrationen von 1886, die als Haymarket Massaker in die Geschichte eingegangen sind?
R: stolz Genau die. Wir haben für unsere Ziele eingestanden, obwohl wir auch einige gute Freunde verloren haben.
S: Sie waren aber auch nicht zimperlich, man denke nur an den Bombenanschlag am vierten Tag der Aufstände Anfang Mai. Dabei sind mehrere Menschen ums Leben gekommen.
R: Aber das waren nicht wir! Das waren irgendwelche Chaoten, die unsere Demonstration für ihre Zwecke nutzen wollten! Wir wollten doch nur bessere Arbeitsbedingungen!
S: Am Ende hat es ja auch etwas gebracht.
R: Na klar. Uns wird jedes Jahr am ersten Mai gedacht.
S: zweifelnd In den Demonstrationen?
R: Ja, natürlich. Oder warum gehen die Menschen heutzutage genau an diesem Tag auf die Straße so wie wir damals?
S: Ich will Sie ja nicht enttäuschen, aber die Leute demonstrieren nicht füreinander, sondern gegeneinander.
R: verwirrt Aber warum tun sie das?
S: In Deutschland gab es eine Zeit, da haben die sogenannten Nationalsozialisten geherrscht. Das war von 1933 bis 1945. Da kam der erste Mai als Feiertag zu uns. Heute demonstrieren deshalb die Rechten, die immer noch an die Ideologie der Nationalsozialisten glauben. Die linken wiederum, die demonstrieren gegen die Rechten.
R: Davon habe ich gehört. Im alten Europa herrschen merkwürdige Sitten. Warum demonstriert man denn gegeneinander?
S: Niemand außer den Rechten will, dass die Nationalsozialisten wiederkommen. Ihre Herrschaft war so schrecklich und so viele Menschen mussten sterben. Deshalb demonstrieren die Linken.
R: traurig Erinnert sich denn niemand mehr an uns?
S: Ich glaube nicht.
R: Und wofür haben wir dann gekämpft?
S: zuckt mit den Schultern Das weiß ich nicht. Heute gibt es noch genauso viel Ungerechtigkeit wie damals, nur unter einem anderen Deckmantel.
Und so endet dieses Interview sehr traurig. Rupert hatte sich das alles irgendwie anders vorgestellt und zumindest gedacht, dass die Leute heutzutage wissen, woher der Tag der Arbeit kommt. Stattdessen musste er erkennen, dass der Geist seiner Demonstration vergangen war und die Leute lieber gegeneinander statt füreinander auf die Straßen gingen.








