Wir brauchen soziale Intelligenz, die bei all den Micky-Maus-Versprechen der digitalen Wirtschaft immer zwei Fragen stellt: Stimmt das? Und: Wollen wir das?
Harald Welzer: "Wie weiter, Germans?" in: "FUTURZWEI", Ausgabe 4/2017, S.3
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Wir brauchen soziale Intelligenz, die bei all den Micky-Maus-Versprechen der digitalen Wirtschaft immer zwei Fragen stellt: Stimmt das? Und: Wollen wir das?
Harald Welzer: "Wie weiter, Germans?" in: "FUTURZWEI", Ausgabe 4/2017, S.3
Wenn Sie schon vier Flatscreens haben und sich die Welt nicht mit einem fünften noch vollstellen - ist das Verzicht oder ist das Intelligenz?
Der Sozialpsychologe Harald Welzer über die aktuellen Wachstumsprognose-Korrekturen der Bundesregierung. (via DeutschlandRadio Kultur)
Biobauer gründet Aktiengesellschaft
Die Stiftung Futurzwei über die Regionalwert AG Freiburg:
"Ein Bauer gründet eine Aktiengesellschaft, damit sein Betrieb klein und vielfältig bleiben kann. Was im ersten Moment wie ein Paradox klingt, ist genau das Konzept der Regionalwert AG, die Christian Hiß vor ein paar Jahren gegründet hat und die sich prächtig entwickelt."
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Die Woche danach
Ich gebe zu, dass ich meinen Vorgaben nicht nachgekommen bin. Jeden Tag wollte ich von der Leuphana-Konferenzwoche zum Nachhaltigen Handeln einen Zwischenbericht schreiben. Gemacht habe ich das dennoch nicht. Zwar habe ich unter @uwi_lueneburg und @nzeug fleißig getwittert, aber jetzt keine Ausreden mehr. Statt eines Berichtes an dieser Stelle nun ein Fazit über Erkenntnisse, die ich machen konnte und die Beantwortung der Frage: Hat sich der Aufwand rentiert?
Ich war so euphorisch, irgendwelche amateurhafte Studierendenworkshops und Standführungen außen vor gelassen, nur die Besten / Prominentesten sollen Gut genug sein. Angelika Zahrnt, Tim Jackson, Jakob von Uexküll, Hans Diefenbacher, Meinhard Miegel, Harald Welzer, Jochen Flasbarth, alle kamen sie an die Leuphana. Dass sind die Schwergewichte, jene waren mein Ziel. Ich saß also in deren Veranstaltungen, meist Vorträge oder Podiumsdiskussionen, über den Tag verteilt 3-4 Veranstaltungen angehört. Allein diese Anzahl zehrte an meinem Energiegehalt. Abends musste ich mich dann noch um eigene Sachen (Prüfungsleistung) kümmern und fiel müde ins Bett. Doch was bleibt von den insgesamt fünf Tagen ?
1. Studierende sind gnadenlos darin, ihr Missfallen auszudrücken. Gerade in den großen Veranstaltungen waren wohl auch eine Menge junger Leute, die es verpasst haben, sich für die GalleryWalk-Rundgänge anzumelden, die als weniger zeitaufwendig gegolten haben. Meist an den linken oder rechten Seiten, aber auch gerne weiter hinten, sorgten sie größtenteils für einen ständigen Geräuschpegel, den auch Harald Welzer bemängelte ("Ihr seid doch freiwillig hier, oder?"). Eine Sitte war es auch, eine Viertelstunde vor Schluss lautstark den Raum zu verlassen, um die Unruhe weiter zu verstärken. Doch was erwarten die Vortragenden? Die Zielgruppe ist bekannt, wer die zukünftige Wissenselite mit seinem Thema nicht begeistern kann, hat eindeutig ein Problem, da er dann auch nicht den Ottonormalverbraucher erreichen kann.
2. Ohne Vorwissen sind Vorträge am Interessantesten. Man sollte niemals einen Autor anhören, nur weil man sein Buch gelesen hat. Denn dann weiß man schon meist den Inhalt des Vortrags, spezifische Fragen kann man im Anschluss meist eh nicht stellen, da dann ein Aufstöhnen des Publikums erfolgt.
3. Tolle Ideen verkaufen sich nicht von selbst. Wie man vielleicht schon einmal gemerkt hat, bin ich ein Fan von sozialen Innovationen, gesellschaftlichen Transformationen und einer gewissen Skepsis vor Technikversprechungen. Deswegen habe ich mich umso mehr gefreut, dass ich Harald Welzer gleich zwei Mal hören kann. Ich bin von seinem Ansatz relativ (er hat auch seine Schwächen) angetan und finde das Konzept hinter der Stiftung FuturZwei famos. Jedoch blieb bei vielen Kommillitonen, mit denen ich mich anschließend darüber unterhalten habe, nur eines hängen: Wie arrogant dieser Mensch sei. Auch ich fand, dass er bei einigen Fragen aus und in der Interaktion mit dem (jungen!) Publikum etwas zu unfreundlich antwortete ("Soll ich darauf jetzt wirklich antworten?"). Ich habe ihn schon einmal in besserer Form erlebt und fände es schade, wenn dadurch die Idee dahinter leiden müsste.
4. Entertainment vor Intellekt. Welche Veranstaltung war die bestbesuchte, die keine Pflichtveranstaltung war und nichts mit dem Leuphana-Summit zu tun hatte? Die EcoFashion-Show von sneep (Anmerkung: ich war dafür ein Helfer, also nicht objektiv). Zwar dachte der Großteil der Zuschauer wohl, so eine Modenshow geht nicht ewig und sie kommen deswegen schnell nach Hause (die Podiumsdiskussion davor machte ihnen einen Strich durch die Rechnung). Aber dennoch vermutete man dahinter ein Spektakel, was eine Abwechslung von anderen Veranstaltungen war. Etwas mehr Interaktivität und Vielfalt hätte dem ein oder anderen Format auch gut getan.
5. Je kleiner der Rahmen desto besser. Persönliches Highlight war für mich der Vorabend der Konferenz, Angelika Zahrnt nahm sich für Bürger Lüneburgs Zeit und stellte sich im kleinen Rahmen den Fragen zur Postwachstumsgesellschaft. Diese Veranstaltung bekommt deswegen noch ein Extrapost.
6. Studierende nicht unterschätzen: All die großen Namen haben am Ende nichts Überraschendes vorgetragen (das ist jetzt vielleicht unfair, da wohl fast alle der sonstigen Konferenzteilnehmer noch nichts über ihre Ideen gehört haben). Die Grundlagen bleiben bei allen konstant (Unendliches Wachstum auf endlichem Planet funktioniert nicht, Peak everything rückt näher), nur die daraus gezogenen Rückschlüsse sind anders. Der Eine (von Uexküll) sieht die Politik als Chance, der Andere (Welzer) die Zivilgesellschaft. Liest man einen Artikel im Netz über die jeweilige Person, kann man sich meist den Vortrag sparen. Innovativer waren dabei die Studierenden, die in ihren Projektseminaren die Verantwortung der Wissenschaft kennenlernten und eigenen Forschungsfragen nachgingen. Dabei kamen oftmals gute Ideen heraus, leider habe ich nur während meiner eigenen Projektsession ein paar Nachhaltigkeitskampagnen sehen können.
7. Mal Pause machen. Dieses Vorträge-Hopping bringt doch nichts. Man hat zwischendrin mal eine Stunde Pause zum Mittagessen, danach setzt man sich wieder in den Hörsaal und setzt sich einer massiven Geräuschkulisse aus. Es hat sich gezeigt, dass die interessiertesten Zuhörer am längsten in den Räumen bleiben, wieso also nicht mit ihnen einmal Revue passieren lassen? Andere Einschätzungen und vielleicht die ein oder andere neue Netzwerkverflechtung können daraus resultieren.
8. BNE an der Uni sollte jeder haben. Trotz allem kann ich mich nur zufrieden zeigen, so einen Wahnsinn miterleben zu dürfen. Ich möchte zwar nicht wissen, wie viel der ganze Spaß gekostet hat, aber wenn auch nur ein kleiner Teil der Teilnehmer von der Sache der Nachhaltigkeit überzeugt werden konnten, hat es sich wohl rentiert. Allerdings ist es jetzt auch gut, Semesterferien antreten zu dürfen. Denn viele sind übersättigt und können das N-Wort nicht mehr hören.
9. Twittern bringt keine Diskussionen. #cg12 blieb weithin unbemerkt, auch Onlineprofi Anke Domscheit-Berg bemerkte dies in ihrem Tweet:
i am wondering, 1.800 1st semester students plus all other students invited but very few tweets with events hashtag #cg12. dont they tweet?
Bilder und Impressionen folgen dann in einem der nächsten Einträge.
Stiftung FuturZwei präsentiert nachhaltige Gegengeschichten
Ich konnte es mir diesmal gar nicht aussuchen, diesen Artikel zu schreiben. Ich habe es versprochen, gleich am Anfang. Denn "Reine Konsumhaltung ist nicht", so das Pop-Up, wenn man die Seite futurzwei.org aufruft. Zum ersten Mal sehe ich, was das Vorhaben der Stiftung ist, für die Harald Welzer gerade in aller (nachhaltigkeitsbewegten) Munde ist. Der Sozialpsychologe und (Mit-)Autor zahlreicher Bücher zum Thema der Nachhaltigkeit (Klimakriege, Das Ende der Welt wie wir sie kannten) wechselt die Seiten. Den beruflichen Schwerpunkt zunächst in der Wissenschaft, wird er nun zum Antreiber und Geschichtenerzähler.
Eine neue Art der Nachhaltigkeitskommunikation
Mit FuturZwei möchte er Geschichten des Gelingens erzählen, welche zu einer nachhaltigen Gesellschaft beigetragen haben oder haben werden. Nicht umsonst ist das Futur II in der deutschen Grammatik die vollendete Zukunft. Im DeutschlandRadio Kultur sprach er kürzlich über den Zweck seiner neuen Tätigkeit, die mit dem Februar 2012 offiziell begann. Die bisherige "5-vor-12-Ökokommunikation" sei größtenteils negativ und wenig effektiv. Mit einem Redaktionsteam, welches sich laut Homepage meist aus Freiberuflern oder ehemaligen Studierenden/Mitarbeiter des Kulturwissenschaftlichen Institut Essen zusammensetzt, spürt er die inspirierenden Gegengeschichten auf und präsentiert sie in einem Zukunftsarchiv.
Sich auf der Homepage zurechtzufinden gelingt nach kurzer Eingewöhnung, bisherige Beispiele sind bekannter (Berlins Prinzessinnengarten, Gemeinwohlökonomie-Bewegung, Bohmte) und unbekannterer (Raum OS, Restauration a.a.O. oder dem jahreszeitlich passenden Jecke Fairsuchung) Natur. Leicht übersehen kann man dabei den blassen Pfeil rechts am Bildschirm, welcher zu weiteren Quellen der Inspiration führt. Insgesamt sind es knapp 70 Geschichten, die vorgestellt werden und garantiert einen Blick Wert sind.
Dass dabei auch drei Beispiele sind, welche unter "Kooperationspartner" aufgeführt werden, sei einmal dahingestellt. Für die mediale Verbreitung scheint die 3sat Kulturzeit und das Stern-Jugendheft Yuno gewonnen worden zu sein. Ob damit auch die breite Masse erreicht werden kann ?
Unterhaltsame Minuten kann man auf der Homepage verbringen
Als weitere Features bietet die Seite den Anfang einer Videoserie namens "Hirni-Fragen". Dabei werden wohl Vorurteile nachgegangen, in der ersten Folge zeigte sich Peter Unfried (Öko: Al Gore, der neue Kühlschrank und ich) gespielt skeptisch ("Ist Öko nur für Reiche?"), Christiane Paul (Mein Leben ist eine Öko-Baustelle) rief einfach bei Prof. Uwe Schneidewind (Chef des Wuppertaler Instituts) an. Dabei konnte die erste Folge mich persönlich nicht überzeugen, bei dem Telefongespräch konzentrierte ich mich nur auf Unfrieds sich ständig wiederholenden Grimassen und die titelgebende Frage wurde auch nicht zufriedenstellend beantwortet, um damit Kritiker davon zu überzeugen. Die nächste Folge ("Die Chinesen") kann sich also noch steigern.
Die "Schuldigen Vorfahren" wurden des Weiteren von ihren Kindern in kurzen Clips verpetzt. Zeitungsschlagzeilen berichten über unsere Gegenwart und Christoph Süß (quer) trägt als überzeugender Nachrichtenmoderator aus einem Paralleluniversum die "Good News" vor, die man sich halt so wünscht.
Motiviert und dann ?
Der Internetauftritt scheint sehr durchdacht, ein moderner shabby-chic macht Lust auf mehr und ich bin gespannt was Harald Welzer bei seinem Vortrag auf der Leuphana-Konferenz für Nachhaltiges Handeln von sich gibt. Meiner Meinung nach könnte das wirklich ein vielversprechender Ansatz sein, um Menschen zum Umdenken zu bringen ("Es geht doch! Schau mal wie viel da schon gemacht wird!"), im Gegensatz zu anderen Sammlungen wie die nüchterne UN-Dekade-Auszeichnung. Darüberhinaus müsste aber auch an weitere Ansprechpartner verlinkt werden, welche dann bei den ersten eigenen Schritten zu einem Nachhaltigkeitsprojekt helfen können.
So ganz hat Welzer übrigens nicht den Kontakt zur Wissenschaft verloren. So erklärte in dem Radiobeitrag, dass mit jenen Geschichten auch Beispiele der Veränderung geschaffen worden seien, welche in der Transformationsforschung untersucht werden müssten.