Wenn du am Abend genauso unsichtbar bist wie am Morgen, fragt sie sich. War der Tag dann ein guter?
Komm, spiel mit uns, flüstern sie mir zu, und umgarnen mich mit ihrer banalen Fröhlichkeit. Ich hebe die Hände vorsichtig abwehrend. Sie freilich sind ohnedies schon weitergezogen.
Sie nahm die Tochter auf ihren Schoß und setzte sich zu der greisen Frau auf die Bank. Der dünne Stoff ihres Kleides berührte kaum das feuchte Holz, da fuchtelte ihr die Alte schon forsch mit einer Hand unter der Nase: “50 Cent, 50 Cent, bitte.” Das Kind teilte begeistert seine Banane, woraufhin die Frau sich angewidert umdrehte. Ihr schossen die Tränen in die Augen. Sie wusste nicht warum.
Sich in den Gedanken der anderen verlieren, während die eigenen säuberlich gefaltet in einer Schublade verderben, weil sie niemand versteht.
An diesem Abend nahmen sie sich über eine Stunde Zeit und klickten sich durch die Fotoalben ihrer Facebook-Friends. Besonders die stolzen, sprich fotofreudigen Jung-Eltern hatten es ihnen angetan. Die Süffisanz ihrer Kommentare steigerte sich mit dem Alkoholpegel.
Freundschaften wollen gepflegt werden.
“Und wer bist du?” Er stellte die Frage ihr persönlich, aber die ganze Runde schien sofort ihre Aufmerksamkeit ganz auf sie zu konzentrieren. Identitätsabklopfen als Small-Talk. Sie verschluckte sich höflich an ihrem Whiskey Sour und suchte die Tür.
In der hinteren Stube hortet die Mutter seit ich denken kann Sachen. Müll, kommentiert der Bruder. Müll, nennt es der Vater. Müll, behaupte auch ich.
Immer vor dem rasenden Zug laufen, nie durchatmen können. Wann hört dieses Gefühl auf? Sie starrte an die Decke und wippte pomadig im Schaukelstuhl vor und zurück.
Fadesse und Eintönigkeit gehen in ihrem Herzen ein und aus wie langjährige Nachbarinnen, die auf einen Plausch vorbeikommen. Sie sind lästig und unabkömmlich zugleich geworden.
Bist du jetzt glücklich, fragte sie, als sie mit schmerzendem Rücken die Scherben des fruchtlosen Erwachsenenlebens einsammelte. Die große Standuhr tickte das Ja trotzig im beharrlichen Sekundentakt, als der Wind durch das offene Fenster einen Hauch Versöhnlichkeit schickte.
Du und ich gehen Hand in Hand. Aber deine Hand war damals und meine Hand ist jetzt. Halte mich fest, damit ich loslassen kann.
Weißt du noch, wie wir in den Abgrund gestiert haben? Mit gerunzelter Stirn hat er zurückgegafft. Ernst auf Ernst. Kinderspiele. Erwachsenenhumor. Weißt du noch?
“Diese Dinge, die wir tun, ohne sie zu tun, weil wir sie trotzdem tun, indem wir sie nicht tun”, sie strich mir übers Haar und setzte dabei einen konspirativen Blick auf. Ich ärgerte mich und verbrühte mir zu allem Unglück die Zunge am Mandeltee, während sie unbeeindruckt zwei weitere Löffel Honig in ihre Tasse rührte: “Siehst du.”
Elegant lässt sie ihren Kopf in das flauschige Kissen sinken. Sie hat es vierzehn Stunden zuvor sehr andächtig und äußerst gewissenhaft aufgeschüttelt. Einen Stock über ihr jammert der Fernseher. Die Straßenbahn ruckelt geräuschvoll vorbei. Nebenan flennt ein Baby. Irgendwo Gezanke. Sie sinkt tiefer ins Kissen. So tief bis die Seiten über ihrem Gesicht zusammenfallen. Sie atmet auf. Es wird ruhiger. Stille. Endlich.
Die Tür springt auf. “Kommst du endlich dein Kind stillen! Verdammt, du bist hier die Mutter!”
Jemand hat im Traum deinen Namen an die Wand gekratzt. Ich kann ihn lesen, ohne den Kopf zu heben. Warum, frage ich mich. Du greifst nach meiner Hand und fragst: Wer?
Unter ihrer Haut herrschte eine ungewohnt abgeschirmte Geborgenheit, während das Wasser freudlos abperlte. Sie bewegte sich nicht, um das Gefühl tunlichst lange zu konservieren und lauschte den zur Musik verwischten Straßengeräuschen.
Ihr gegenüber auf einem Plastik-Kleiderhaken hing der schludrig gebügelte Hosenanzug. Bis zum Abend unangetastet.
Ich öffne ihr Mail. Es besteht nur aus der Betreffzeile, in der die drei Worte prangen: Bin ich schön? Ich denke an ihr dichtes Haar, die leichten Augenringe und den langen Hals. Mir fällt das gezackte Muttermal an ihrem linken Oberarm ein, das manche in den dunklen Clubs für eine Tätowierung halten. Ich erinnere mich an ihre schönen Schenkel und die auffallend kantigen Schultern. Ihre klugen Augen durchdringen mich fragend und ich überlege, ob ihre Zähne gerade sind. So gerade und weiß wie meine vermutlich nicht. Während meine linken Finger in der Tasche neben mir den kleinen Handspiegel hervorkramen, um meine Zähne zu begutachten, schiebt der rechte Zeigefinger den kleinen weißen Pfeil sorgsam auf das Papierkorbsymbol. Deine Schönheit ist für den Papierkorb, meine Liebe.
Sie betrachtete das Bild der Glücklichen und sah ihren Schmerz. Sie betrachtete das Bild der Traurigen und sah ihr Glück. Dann nahm sie ein dickes Garn und verwob die beiden Bilder ganz fest miteinander, bis die Geschichten aller ineinander überflossen.
Mami. Mamitschi. Mamsch. Momi. Mimi. Mamschi. Blödemama. Memi. Mamiki. Mamimimi.
“Was siehst du, wenn du mich anschaust”, fragte er ihn. Er lächelte, fast abwesend, und tätschelte schließlich seine Wange: “Die Oberflächlichkeiten, die sie wollten, dass ich sehe.”
Wenn dir der Ball zugespielt wird, gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entscheide dich, fangen oder fallen lassen, heißt es. Aber die Wahrheit ist, die Entscheidung ist eine reflexhafte. Was bleibt, ist die stete Unruhe. Immer der Gedanke im Hinterkopf, dass dieses Leben nicht reicht – aber ein anderes auch nicht reichen würde. Und die Unsicherheit, ob es der Wunsch nach einem Mehr oder einem Weniger ist.
Die Stille zetert und poltert, aber wir haben sie trotzig mit Schweigen belegt. Erst als sie lautlos verloren gegangen ist, lüften wir unsere tonlosen Seelen.
“Ich stelle mir Zeit nicht als Band, sondern als Stapel vor”, erklärt sie, während sie zerfahren auf dem Sessel hin und her rutscht. Sie gestikuliert dabei hitzig. “Alle Momente in meinem Leben passieren nicht nacheinander, sondern aufeinander. Sie legen sich wie eine Folie übereinander und sind gleichzeitig. Das bedeutet: Jeder glückliche Moment, den ich jemals erlebt habe, ist auch jetzt, weil ich ihn ja schon einmal erlebt habe. Er ist in mir.” Sie entspannt sich und gluckst heraus. “Unglaublich oder?” Ich nicke. Sie drückt meine Hand und wiederholt eindringlich: “Jeder glückliche Moment ist auch jetzt.”
Noch einmal nicke ich, schiebe ihren Denkfehler und jeden unglücklichen Moment beiseite.
Gemeinsam allein. Alleine einsam. Einsam gemeinsam.
Nicht sein. Trotzdem sein. Trotz allem sein.
Gemeinsam trotz allem sein.