2012-2022 (c) Cornelia Grobner
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Vermittlungsprojekte | Humboldt Forum
Für die Familienflächen des neu eröffneten Ethnologischen Museum im Humboldt Forum Berlin habe ich die Texte für zwei Projekte des Hamburger Studios SPACE - eine Visual Novel und ein Memory Game - für Kinder im Alter zwischen 9 und 12 Jahren beigesteuert.
Im Zentrum steht die geteilte und belastete Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun sowie die Asymmetrie zwischen Geschichte (history) und Geschichten (stories) bzw. die Konflikte, die sich daraus ergeben.
Angelehnt an historische Fakten erzählt die Visual Novel “Was hättest du gemacht?” die Geschichte von drei fiktionalen Charakteren im von Deutschland besetzten Kamerun Anfang des 20. Jahrhunderts. Die jungen Museumsbesucher*innen müssen ein “Abenteuer” aus der Perspektive der kindlichen Protagonist*innen bestehen und sollen so dafür sensibilisiert werden, wie sich die koloniale Besetzung im Alltag auf die damals in Kamerun lebenden Kinder ausgewirkt hat.
In Kombination mit dem Memory-Game, das anhand von dokumentarischen Quellmaterial tieferes Wissen über die Situation in der deutschen Kolonie in dem zentralafrikanischen Land vermittelt, spüren die beiden Projekte der Frage nach, was Geschichte mit uns heute zu tun hat. Ausgangspunkt für das Memory-Game bilden die drei Protagonist*innen der Visual Novel, deren Handlungsorte und Lebenswelten. Neben einer praxisnahen Erkundung von Archivmaterial soll darüber hinaus auch deutlich gemacht werden, wie sich bestimmte Formen von kulturellem Gedächtnis und Geschichtsverständnis herausbilden.
Mutterschaft und Gesellschaft | an.schläge
Die Lohnlücke tut sich zwischen Müttern und kinderlosen Frauen mitunter weiter auf als zwischen Frauen und Männern. Ausgerechnet bei Bewerbungsrunden um Teilzeitstellen werden Mütter gerne aussortiert: Makel Mutterschaft (VI/2021)
Soziale Netzwerke sind zu einer bedeutsamen Repräsentationsform zeitgenössischer Mutterschaft geworden. Das wirft Fragen nach dem Schutz der Privatsphäre von Kindern auf: Digitale Rabenmütter (IV/2021)
Die >>Wunder<< der Reproduktionstechnologie machen einen unerfüllten Kinderwunsch scheinbar zu einem Problem der Vergangenheit. Die Lebenssituation und das Leid vieler Betroffener erzählen eine andere Geschichte: Hoffnung. Enttäuschung. Trauer. Wut. Repeat. (VII/2020)
pandemic strolls
Wissen schaf[f]t Zukunft-Preis 2020 | Jury
Vergangene Woche wurden neben den Wissenschaftspreisen des Landes Niederösterreich auch die „Wissen schaf[f]t Zukunft”-Preise der NÖ Forschungs- und BildungsgmbH vergeben. Es war mir eine Freude und Ehre, Teil der diesjährigen Jury für die Prämierung von akademischen Abschlussarbeiten (Diplom-/Masterarbeit, Dissertation) sowie von umsetzungsreifen wissenschaftlichen Projektkonzepten (Call for Concept) zum Themenschwerpunkt “Aus- und Weiterbildung” sein zu dürfen.
Mehr dazu: Wissenschaftspreise des Landes NÖ
diese tage.
Toxische Imaginationen | Stichproben
Ich habe im Journal "Stichproben. Zeitschrift für kritische Afrikastudien" über die Inszenierung von afrikanischen Handlungsorten im deutschsprachigen Unterhaltungsfernsehen geschrieben: Stichproben Nr. 37/2019
Erlesene Mutterschaft | unsortiert (TBC)
“Das Muttersein ist mir nicht gut gelungen. Es gab einen Mann, ich nenne ihn nur den Ex-Mann. Es gab die Idee, anders zu leben. Wir waren so viele! Wir wollten keine Kleinfamilien, wir wollten eine andere Welt. Also haben wir zusammen gewohnt, gekocht und geschlafen. Plötzlich war ich schwanger und das, obwohl die Pille ja inzwischen erfunden worden war. Mit starken Nebenwirkungen und wir wollten doch in Einklang leben mit unseren Körpern. Wir haben uns Kinder als kleine fertige Menschen vorgestellt. Wie so oft haben wir damit weder wirklich recht gehabt, noch lagen wir falsch. (...) Diese tiefe Verbundenheit zwischen Mutter und Kind, von der allerorts erzählt wird, ach was. Wir sind soziale Wesen. Gar nicht unähnlich den Gänsekindern, die den Gummistiefeln von Konrad Lorenz emsig hinterherwatscheln. Zur Mutter taugt, was in der Nähe ist.”
(Du bist dran | Mieze Medusa)
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“It is not so bad to be an incubator. Everything I eat and drink feels like it amounts to something. Oysters, chocolate, mangos drenched in chili oil, all for a purpose and all excused, an education for the palate I am building with the most acute iterations of sugar and salt. But conversely, it is terrible being an incubator. Everything I do feels like it should amount to something.”
(Raven Leilani | Luster)
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“Sie lernte es nie, so langsam zu gehen wie das Kind, sondern beschleunigte trotz ihrer guten Absichten ihren Schritt immer so, dass das Mädchen laufen musste. Es war Aliide schon klar, dass sie so handelte, als wollte sie vor dem Kind weglaufen, vermochte deswegen aber keine Gewissensbisse empfinden, und wenn sie sich bemühte, die gute Mutter zu spielen, fand sie sich selbst am widerlichsten. Aliide konzentrierte sich lieber darauf, den anderen Frauen gegenüber Martin als wunderbaren Vater zu loben, und indem sie das tat, blendete sie sich selbst als Mutter vollkommen aus. Da Martin als Vater eine Perle war, hielten die anderen Frauen Aliide für die Glücklichste der Frauen.”
(Sofi Oksanen | Fegefeuer)
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“Auf meiner Runde begegnen mir Fremde, aber auch bekannte Gesichter. Als ich einmal Anfang Februar hochsehe, entdecke ich eine gute Freundin in einem rosa Gymnastikanzug beim Stretching in ihrem Fenster, aber dann macht es klick und mir wird klar, dass sie sich nicht dehnt, sondern die Beine abtrocknet, und dass der Gymnastikanzug ihre Haut ist, gerötet von der heißen Dusche. Obwohl ich sie kurz nach der Geburt ihrer Söhne im Krankenhaus besucht habe, die Neugeborenen, die noch nach ihr rochen, in den Armen gehalten habe, begreife ich erst jetzt, als ich ihr beim Abtrocknen zusehe, dass sie ein sexuelles Wesen ist, und als ich das nächste Mal mit ihr spreche, werde ich etwas rot und habe andauernd Bilder von ihr in extremen Sexstellungen vor Augen. Aber meistens bekomme ich die Mütter aus meinem Bekanntenkreis nur flüchtig zu Gesicht, wenn sie krumm wie Schäferhaken den Boden nach winzigen Legosteinen, halb zerkauten Weintrauben oder den Menschen, die sie einmal waren, absuchen, zusammengesackt in einer Ecke.”
(Lauren Groff | Florida)
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“Am meisten wundert sie sich über die vertane Zeit, über den Wirbelwind, der ihr Leben davontrug, seit sie achtzehn war - mit achtzehn die Nacht am Brunnen und die hastig geschlossene Ehe, dann Manar und die Jahre, in denen sie versuchte, Ehefrau und Mutter zu sein. Zeit. Sie stellt sich die Zeit wie einen Menschen vor, wie etwas Riesengroßes, das Angst macht. Wie sollte sie es sich auch sonst erklären, dass die Jahre so schnell an ihr vorbeigezogen sind. Im Rückblick sind die gesamten Neunziger ein einziger verschwommener Fleck aus Paris und Boston, aus beschissenen Wohngegenden, billigen Lokalen, ewigen Erkältungen der Kinder - von manchen Wintern, ‘ganzen’ Wintern, hat sie nur noch die eine rasche Abwärtsbewegung der Hand in Erinnerung, mit der sie das Papiertaschentuch an die Näschen der Kinder führte und den grünen, zähen Rotz herausdrückte - und Streitereien mit Elie, stundenlanges Gebrüll. Die Zeit hat sie mit sich gerissen, herumgewirbelt und plötzlich losgelassen, und als sie sich blinzelnd umsah, war sie zweiunddreißig.”
(Hala Alyan | Häuser aus Sand)
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„Nachts erwachte sie von einem unbekannten Schmerz, der stumpfe Nadeln in ihren Kinderrücken bohrte, und fand einen Blutfleck im Laken. Stolz dachte sie, daß sie nun dem Verheißenen Land der Erwachsenen nähergekommen sei; dann fiel ihr ein, sie müßte es ihrer Mutter sagen, weil es sich, Familienknigge, so gehört, (…).
Das arme Kind kauerte eine Stunde im Badezimmer, auf den kalten Kacheln der Wanne, hörte nebenan die Mutter im Wäscheschrank kramen und Schubladen rücken, horchte auf das Klirren von Kristallfläschchen und die Seufzer einer alternden Frau, und jetzt endlich ahnte es, daß es mehr als den Augenblick peinlicher Verlegenheit ein gewisses Lächeln fürchtete, ein Aufblitzen von Triumph in den Matronenaugen … Sie haben mich, dachte Frankziska, von panischer Angst erfaßt. Sie fühlte sich gefangen und dem Kreis der Frauen ausgeliefert, ihrem Zyklus, der sie dem Mond unterwarf, und dem Karussell ihrer Pflichten, das sie zwang jeden Morgen den tückischen, nie zu besiegenden Staub von den Möbeln zu wischen, jeden Mittag fettiges Geschirr in das heiße Spülwasser zu tauchen; neun Monate lang, geplagt von Übelkeit, einen Fremdkörper mit sich herumzuschleppen, der sich von ihren Säften, ihrem Blut ernährte, und in einem Kreißsaal zu brüllen – und sie starrte, betäubt von der Vorstellung eines barbarischen Prozesses, auf ihren kleinen olivfarbenen Bauch, der ihr schon gewölbter erschien als gestern, sie stöhnte. Ein Gefäß, dachte sie, ich bin ein Gefäß geworden.“
(Brigitte Reimann | Franziska Linkerhand)
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„Und sie bringen die Musik mit, die wir abends anhörten, wenn wir nicht gerade den Romanen im Radio lauschten, sie bringen die Platten meiner Mutter mit und unserer Lieblingssongs, Lieder, die zugleich Geschichten sind. Wir haben nicht jedes Wort verstanden. Was machten die Gatlin-Brüder genau, als sie sich alle nacheinander Becky nahmen? Was war bei ‚The Gambler‘ der Unterschied zwischen fall down und hall down? Was bedeutet Almanach? Wo waren diese Orte, almost heaven, West Virginia, wo war Tennessee, wo in aller Welt war Sweet Home Alabama?
Und meine Mutter? Sie ist jedes einzelne Lied und mehr als das. Sie ist Jeannie, die Angst vor der Dunkelheit hatte. Sie ist Tommy, der größte Feigling weit und breit. Wenn sie kommt, begleitet sie das Kratzen eines Plattenspielers. Sie bringt eine Geburtstagstorte mit und schleudert sie an die Wand. Meine Mutter ist der lange, dünne Zweig des Pfirsichbaums von nebenan. Sie ist die Stimme der Chimäre, die in meinen Träumen lauert. Sie ist die Fremde, die mir im Spiegel entgegenblickt, wenn ich es am wenigsten erwarte. Sie ist mein klopfendes Herz, meine pochende Angst.“
(Die Farben des Nachtfalters | Petina Gappah)
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Ahlam Baji, die Hebamme, die sie entband und in zwei Tücher gewickelt ihrer Mutter in die Arme legte, sagte: „Es ist ein Junge.“ (…) Als am nächsten Morgen die Sonne schien und es im Zimmer angenehm und warm war, wickelte sie den kleinen Aftab aus. (…) Und da entdeckte sie, versteckt hinter dem Jungen, zweifelsfrei ein kleines, nicht voll entwickelte, aber doch, ein Mädchen. Ist es möglich, dass eine Mutter vor ihrem eigenem Baby erschrickt? Jahanara Begum erschrak. Als erste Reaktion spürte sie, wie sich ihr Herz zusammenzog und ihre Knochen sich in Asche verwandelten. Ihre zweite Reaktion war, noch einmal nachzuschauen, um sich zu vergewissern, dass sie sich nicht täuschte. Ihre dritte Reaktion bestand darin, zurückzuweichen vor dem, was sie in die Welt gesetzt hatte, während sich ihr Gedärm verkrampfte und ihr ein dünnes Rinnsal Scheiße die Beine hinunterlief. Als vierte Reaktion zog sie in Betracht, sich und das Kind umzubringen. Ihr fünfte Reaktion bestand darin, das Kind in den Arm zu nehmen und an sich zu drücken, während sie in den Spalt zwischen der ihr bekannten Welt und den Welten stürzte, von deren Existenz sie nichts geahnt hatte. Dort, im Abgrund, trudelte sie durch die Dunkelheit, und alles, dessen sie bis dahin sicher gewesen war, jedes einzelne Ding, vom kleinsten bis zum größten, ergab keinen Sinn mehr für sie.
In Urdu, der einzigen Sprache, die sie beherrschte, hatten alle Dinge, nicht nur die Lebewesen, sondern alle Dinge – Teppiche, Kleider, Bücher, Stifte, Musikinstrumente – ein Geschlecht. Alles war entweder männlich oder weiblich, Mann oder Frau. Alle außer ihrem Baby. Ja, natürlich, sie wusste, dass es ein Wort für jemanden wie ihn gab – hijra. eigentlich zwei Wörter, hijra und kinnar. Aber zwei Wörter ergeben keine Sprache. War es möglich, außerhalb von Sprache zu leben? (…)
Als sechste Reaktion wusch sie sich und beschloss, erst einmal niemandem davon zu erzählen. Nicht einmal ihrem Mann. Dann, als siebte Reaktion, legte sie sich neben Aftab und ruhte sich aus.
(Arundhati Roy | Das Ministerium des äußersten Glücks)
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„Als ich zur Welt kam, lebten meine Eltern zusammen mit Oma Jana in Velkovo, in der jämmerlichen Zweizimmerwohnung mit der mickrigen Küche. Da Mutter und Vater Vollzeit arbeiteten und Oma Jana zu alt war, sich tagsüber um einen Säugling zu kümmern, wurde Oma Bona aus Neblisch zur Aushilfe geholt. Sie musste im Korridor auf einer Matratze am Boden, gleich vor der Schlafzimmertür übernachten. (…)
In Velkovo übernahm Oma Bona sofort die gesamte Hausarbeit von Mutter. Sie kochte, putzte, machte für die ganze Familie die Wäsche und versorgte mich rund um die Uhr. Zu jener Zeit gab es in Bulgarien noch keinen bezahlten zweijährigen Mutterschaftsurlaub, weshalb meine Mutter nach der Geburt nicht zu Hause bleiben konnte. Die gleichgestellte sozialistische Frau sollte Schulter an Schulter mit dem Mann arbeiten und ebenso erfolgreich sein wie er. Zudem musste sich Mutter neben ihrem vollen Pensum als Frauenärztin auch auf ihre Facharztprüfung vorbereiten. Oma Bona übernahm meine Betreuung, denn mich an einen Kinderhort abzugeben, kam nicht in Frage.
Sie musste mir mehrmals täglich die Windeln wechseln, diese noch am gleichen Tag in kochendem Wasser auswaschen, sie dann trocknen lassen und glätten. Gerne hätte Oma Bona mit der neu gekauften ostdeutschen Waschmaschine gewaschen und meine Wäsche in der dazugehörigen Zentrifuge bügeltrocken geschleudert. Aber Vater erlaubte es ihr nicht, aus Angst, sie könnte die wertvolle Maschine falsch bedienen und kaputt machen. Meine Mutter sagte dem Hausfrieden zuliebe nichts dazu.“
(Evelina Jecker Lambreva | Vaters Land)
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„Ines wird grantig sein, wenn sie aufs Essen warten muss, dachte Fanni, weil grantig, wenn hungrig, ein kausaler Zusammenhang. Oft schickte sie auf dem Heimweg von der Schule oder früher, in der letzten Stunde, ein SMS mit der Frage: Was gibt es heute? Fanni überlegte, ob sie zum Fleischhacker gehen sollte, um dort Knödel und Kraut zu kaufen. Sie dachte müde nach, was wann wo zuerst erledigt werden wollte, damit auch sie etwas vom Abend haben könne. Was nur gelingen würde, wenn alle anderen zufrieden waren. Ines satt und im Zimmer. Friedl beachtet und gehört. Bernhard im sauberen, warmen Heim, der Kühlschrank voll. Vielleicht geht Bernhard ins Wirtshaus, dachte Fanni, wurde sich bewusst, wie sehr sie das hoffte, wurde noch trauriger über dieses Wissen, immer seltener ließ es sich beschönigen durch den Gedanken, das sei normal, Familienalltag. Jeder braucht Zeit für sich.
Während dieser Denkerei und Geherei sah Fanni nach oben, der spaltige Himmel zwischen den Häusern, ihre Schritte klangen fest und zielgerichtet. Und trotzdem, das Gefühl, die noblen Dächer wandten sich ab von dieser unfreien Person, die da ging.“
(FanniPold | Karin Peschka)
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„Hättest du später gerne mal Kinder?“, fragt Anna. „Wenn ich nur auf mich höre, wenn ich die Augen vor allem anderen verschließe, ja, dann kann ich nicht behaupten, ich würde mir das nicht wünschen. Auch wenn ich wahrscheinlich nie welche bekommen werde. Und du?“ „Ich bin lesbisch. So eine Frage stellt sich mir erst gar nicht.“ „Und warum?“ „Ich weiß nicht, so bin ich eben veranlagt. Außerdem glaube ich nicht, dass Familie so wirklich mein Ding ist.“ „Es zwingt einen ja keiner, Mama-Papa-Kind zu spielen, oder?“ „Da haben wir keine Wahl … Um es anders zu machen, fehlt uns die Fantasie.“ „Wir sind nicht alle dafür gemacht, was Besonderes zu werden, und mit Kindern hat das gar nichts zu tun. Sieh dir Patti Smith an oder Chrissie Hynde, die haben Kinder, sogar mehrere, und das hat sie nicht daran gehindert, zu werden, was sie sind, viel avantgardistischer als die meisten Lesben, die für Kinderwunsch nur Verachtung übrig haben.“
(Négar Djavadi | Desorientale)
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„‚Warum hast du keine Kinder?‘, wird sie manchmal von ihnen gefragt. ‚Fühlst du dich nicht einsam ohne Ehemann?‘ Früher antwortete sie, nein danke, sie hat seit bald einem Vierteljahrhundert täglich fast dreißig Quasi-Kinder vor sich sitzen, da ist sie sehr froh, ihre restliche Zeit entweder allein oder mit anderen Erwachsenen verbringen zu können, mit denen sie interessante Unterhaltungen führt (den Satz ‚weißt du, ich vögele wahrscheinlich häufiger und ganz sicher besser als du‘ hat sie ihnen immer erspart, obwohl die Versuchung manchmal groß war).
Sie hat gelernt, dass diese Fragen nichts über sie aussagen, sondern vielmehr über die Angst derer, die sie stellen: vor der Einsamkeit, dem Alter, dass das eigene Leben plötzlich sinnlos erscheint. Dennoch ist sie manchmal genervt davon, und dann brennt ihr die Erwiderung auf der Zunge: ‚Du und ich, wir wissen einen viel beschworenen Dreck voneinander.'“
(Francesca Melandri | Alle, außer mir)
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Mein Vater hat mir erzählt, Großmutter Camilla habe jeden Nachmittag am Küchentisch gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und zum Kloster hinaufgeblickt. Aus diesen Augenblicken, meinte er, habe Camilla Agostini Kraft geschöpft. Sie habe gewusst, dass man über sich hinauswachsen kann, wenn man nicht nach unten schaut. Mein Vater sagte oft, seine Mutter habe Stärke und Kraft ausgestrahlt, die Stärke und Kraft einer echten Frau, und ich glaube, diese Bemerkung war als Spitze gegen meine Mutter gemeint.
„Von Depression, Wahnsinn oder Erschöpfung hat meine Mutter nie gehört“, erklärte er stolz. „Dafür hätte sie schlicht und einfach keine Zeit gehabt. Sie hat solche Kinkerlitzchen immer nur mit einem Achselzucken oder einem verächtlichen Blick quittiert. ‚Bürgerlichen Schnickschnack‘ nannte sie das. ‚So was können sich nur Großhändler, Bohemiens und eine bestimmte Sorte Männer leisten.‘ Menschen wie meine Mutter müssen praktisch denken. In Lire, Minuten und Stunden. Sie konnte es sich nie leisten, mit Seelenwehwehchen rumzusitzen.“
(Lina Wolff | Die polyglotten Liebhaber)
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„Und hier in der Constantinstraße, weit weg vom dreckigen Osten, war sie selbst während ihrer Schwangerschaft manchmal nachts aufgestanden und hatte geraucht, lustvoll inhalierend und gleichzeitig gequält von dem Bild des hilflos im Fruchtwasser zuckenden Embryos, dessen Pulsschlag sich enorm beschleunigte, während sich seine Gefäße verengten. Klaus hatte das zum Glück nie mitbekommen, ebensowenig wie ihr Frauenart oder die Hebamme.“
(Anna Katharina Hahn – Kürzere Tage)
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„Was geschieht mit diesem Tag? Er geht dahin, wo die anderen Tage hingegangen sind und weiter hingehen werden. Selbst während sie hier am Küchentisch sitzt, ihr Apfelmus isst, das nach dem Ontario-Winter-Kochbuch mit dem Apfelmus identisch ist, das die Pioniere gegessen haben, weiß Marcia, dass der Tag langsam versickert, dass er vergeht, immer mehr vergeht und niemals wiederkehrt. Morgen werden die Kinder kommen, eins von Osten, eins von Westen, wo sie auf ihre jeweilige Universität gehen, in der Ferne erzogen werden. (…) Sie werden den Kühlschrank durchstöbern, klirrend werden Sachen herunterfallen; es wird Betriebsamkeit und Aufregung herrschend, wirkliche und gespielte. Ihre Tochter wird versuchen, Marcias Garderobe zu verändern, sie wird sagen, Marcia sollte gerader gehen, ihr Sohn wird ritterlich und linkisch und gönnerhaft sein; beide werden es vermeiden, sich zu fest oder zu lang umarmen zu lassen. (…)
Dann wird der Weihnachtstag kommen. (…)
Marcia wird von dem Eggnog ein bisschen betrunken sein und stumm vor sich hin weinen, später, wenn das Geschirr abgewaschen ist, im Badezimmer eingeschlossen, und mit ihren festlichen Armen die murrende Katze an sich drücken, die sie zu diesem Zweck unter einem Bett hervorgezogen haben wird. Sie wird weinen, weil die Kinder keine Kinder mehr sind, oder weil sie selbst kein Kind mehr ist, oder weil es Kinder gibt, die niemals Kinder waren, oder weil sie keine Kinder mehr kriegen kann, nie wieder. Ihr Körper ist zu schnell vergangen, sie hat sich nicht darauf vorbereiten können.
Das kommt von dem vielen Gerede von Babys, zu Weihnachten. Das kommt von der vielen Hoffnung. Sie lässt sich davon ablenken und hat Mühe, auf die wirklichen Nachrichten zu achten.“
(Margaret Atwood | Tipps für die Wildnis)
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„Wenn ich heute an meine Kinder denke, sehe ich sie immer als Fünfjährige, und es ist mir, als wären sie schon damals aus meinem Leben gegangen. Wahrscheinlich fangen alle Kinder in diesem Alter an, aus dem Leben ihrer Eltern zu gehen; sie verwandeln sich ganz langsam in fremde Kostgänger. All dies vollzieht sich aber so unmerklich, daß man es fast nicht spürt. Es gab zwar Momente, in denen mir diese ungeheuerliche Möglichkeit dämmerte, aber wie jede andere Mutter verdrängte ich diesen Eindruck sehr rasch. Ich mußte ja leben, und welche Mutter könnte leben, wenn sie diesen Vorgang zur Kenntnis nähme? Als ich am zehnten Mai erwachte, dachte ich an meine Kinder als an kleine Mädchen, die Hand in Hand über den Spielplatz trippelten. Die beiden eher unangenehmen, lieblosen und streitsüchtigen Halberwachsenen, die ich in der Stadt zurückgelassen hatte, waren plötzlich ganz unwirklich geworden. Ich trauerte nie um sie, immer nur um die Kinder, die sie vor vielen Jahren gewesen waren. Wahrscheinlich klingt das sehr grausam, ich wüßte aber nicht, wem ich heute noch etwas vorlügen sollte. Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.“
(Marlen Haushofer | Die Wand)
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Ich will aufs Klos, seitdem wir mit dem Mittagessen fertig sind, aber es ist unmöglich, etwas anderes zu tun, als Mutter zu sein. Und es schreit und schreit und schreit und macht mich noch verrückt. Ich bin Mutter, Punkt. Ich bereue es, kann das aber nicht mal sagen. Wem? Ihm, der auf meinem Schoß sitzt, die Hand in meinen Teller mit den kalten Essenresten steckt und mit einem Hühnerknochen spielt? Nein! Lass das, du verschluckst dich! Ich werfe ihm einen Keks zu. Er spuckt ihn mir zurück. Ich habe den Mund voll mit seinem Speichel und Krümeln. An meinem Arm klebt Tomate, ich lasse ihn nicht fertig kauen und schiebe einen Keks nach, er verschluckt sich. Ich habe ihn zur Welt gebracht, das genügt. Ich bin Mutter auf Autopilot. Er wimmert, und das ist schlimmer als das Heulen. Ich nehme ihn auf den Arm, biete ihm ein falsches Lächeln an, beiße die Zähne zusammen. Mama war glücklich vor dem Baby. Mama steht jeden Morgen auf und will vor dem Baby fliehen, und er heult noch mehr. Ich will aufs Klo, aber dieses endlose Gequengel, dieses Klagen macht es mir unmöglich. Was will er von mir? Was willst du? Er lässt sich nicht ablegen, macht die Banane. Gestern musste ich mit ihm aufs Klo, heute mach ich mir lieber in die Hose. Ich rufe meinen Mann an. Brauche Verstärkung. Während ich wähle, hängt es an meiner Schulter, es zerrt mich auseinander, pappt mir etwas Klebriges an den Nabel. Er soll drangehen, bitte drangehen. Hallo, Liebling, hör mal, du musst kommen, ich kann nicht mehr. Nein, so lange kann ich nicht warten, du verstehst mich nicht, willst mich nicht verstehen, ich halte es bis abends nicht aus, und ich lege auf, weil er so tut, als verstünde er nicht. (…) Und ich schleppe das Kind zur Tür, vielleicht kommt ja einer vorbei, dem ich es geben kann. Aber es gibt hier nicht die Nachbarn, die ich brauche.
(Ariana Harwicz | Stirb doch, Liebling)
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„Ich stand vor meinem Schreibtisch“, erzählte Elaine einmal. „Es war noch früh am Morgen, ich trug den Pyjama mit den Füßlingen. Ich war drei Jahre alt, hatte mich noch nie allein angezogen und dachte, jetzt mache ich es mal und überrasche Mom damit. Ich öffnete die Schublade mit meiner Unterwäsche und begann nach meiner Lieblingsunterhose zu suchen, der mit den Rüschen am Po. Da kam Mom rein und sagte: ,Du hast doch hoffentlich nicht die ganzen ordentlich zusammengelegten Sachen durcheinandergebracht?‘ Ich sagte: ,Nein, nein‘ und versuchte schnell alles flach zu klopfen, aber sie trat dicht hinter mich und sagte: ,Du hast es ja doch getan! Du hast alles durcheinandergebracht!‘ Sie hielt ihre Bürste in der Hand – wahrscheinlich hatte sie sich gerade frisiert – und schlug mich damit auf den Kopf, wumm, auf die eine Seite, wumm, auf die andere, und ich duckte mich weg und schützte mich mit den Händen -“
„Ja, stimmt, sie konnte wirklich -“
„Und weißt du, was für Kinder mit schrecklichen Müttern das Allertraurigste ist? Dass diese Mütter die Kinder hinterher auch noch in den Arm nehmen und trösten! Es ist zum Heulen.“
„Schau endlich nach vorne, Elaine!“, sagte Willa.
Und fühlte sich sofort schuldig, weil sie Elaine so angefahren hatte. Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich ihrer Schwester gegenüber immer schuldig. Aber was hätte sie anders machen können? Und war ihre eigene Kindheit nicht ebenso katastrophal gewesen wie die von Elaine?
(Anne Tyler | Launen der Zeit)
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Bei weitem die wichtigste Mahlzeit des Tages ist das Frühstück. Ella glaubte fest an diesen Grundsatz, und so führte sie an jedem Morgen, an den Wochenende wie unter der Woche, ihr erster Weg in die Küche. Ein gutes Frühstück setzte ihrer Ansicht nach den richtigen Ton für den Rest des Tages. In Frauenzeitschriften hatte sie gelesen, dass eine Familie, die regelmäßig gemeinsam frühstückte, sich durch eine engere Bindung und größerer Harmonie auszeichnete als eine, bei der alle noch halb hungrig aus dem Haus gingen. (…) Doch als Ella an diesem Morgen die Küche betrat, brühte sie keinen Kaffee auf, presste keine Orangen aus und steckte keine Brotscheiben in den Toaster, sondern setzte sich sofort an den Tisch, schaltete ihren Laptop ein, ging ins Internet und sah nach, ob Aziz ihr eine E-Mail geschrieben hatte. Ja, da war sie! Sie freute sich.
(…)
Erinnerungen strömten auf sie ein, Erlebnisse, mit denen sie längst meinte abgeschlossen zu haben. Ihre Mutter, wie sie reglos dasteht mit einer pistaziengrünen Schürze, einen Messbecher in der Hand, das Gesicht eine aschfahle Maske des Schmerzes. Papierherzen an den Wänden, glitzernd und bunt. Und ihr Vater, tot an der Decke baumelnd, wie um als Teil der Weihnachtsdekoration dem Haus ein festliches Aussehen zu geben. Sie dachte daran zurück, dass sie ihre Mutter im Teenageralter drei Jahre lang für den Selbstmord ihres Vaters verantwortlich gemacht hatte. Schon als kleines Mädchen hatte Ella sich geschworen, ihren Mann später immer glücklich zu machen und, anders als ihre Mutter, als Ehefrau niemals zu versagen. In ihrem Bemühen, in dieser Hinsicht möglichst alles anders als ihre Mutter zu machen, hatte sie keinen Christen, sondern einen Mann ihres eigenen Glaubens geheiratet. Erst ein paar Jahre zuvor hatte sie aufgehört, ihre alt gewordene Mutter zu hassen, und seit einiger Zeit kamen sie gut miteinander aus. Nichtsdestotrotz fühlte sie tief in ihrem Inneren noch immer ein Unbehagen, wenn sie an die Vergangenheit dachte.
„Mom! … Erde an Mom! Erde an Mom!“ Hinter Ella war Gekicher und Geflüster zu hören. Als sie sich umdrehte, sah sie vier amüsiert auf sie gerichtete Augenpaare. Orly, Avi, Jeannette und David waren ausnahmsweise einmal gleichzeitig zum Frühstück erschienen und beguckten sie nun wie Zoobesucher ein exotisches Tier. (…) „Du warst ja völlig vertieft in den Bildschirm“, bemerkte David, ohne sie anzusehen. Ella folgte seinem Blick. Das Mailprogramm war geöffnet, und vor ihr war, leicht abgedunkelt, Aziz Z. Zaharas E-Mail zu lesen. Blitzschnell klappte sie den Laptop zu, ohne ihn vorher auszuschalten.
(Elif Shafak | Die vierzig Geheimnisse der Liebe)
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Aus ganz unterschiedlichen Gründen hatte keine der anderen als Erwachsene ihre Mutter richtig kennenlernen können. Und deshalb, dachte Celia, waren sie ununterbrochen auf der Suche nach etwas, was diese Bindung ersetzen könnte. Am Smith College hatte sie versucht, einender zu bemuttern. Aber was einst echte Fürsorge und Anteilnahme gewesen war, zeigte jetzt seine hässliche Seite: Sie kamen aus dem Urteilen und Vergleichen nicht mehr raus.
Das galt natürlich für alle Frauen, auch für Mütter und Töchter. Welche Tochter nahm ihre Mutter nicht als Maßstab für alles, was sie zu werden hoffte oder zu werden fürchtete? Welche Mutter konnte ihre junge Tochter betrachten, ohne sich ein bisschen nach ihrer eigenen Jugend zu sehnen, nach der verlorenen Freiheit?
Mit neun oder zehn Jahren hatte Celia, als sie mit ihrer Mutter im Auto saß, sie ohne bösen Willen gefragt: „Mama, habe ich auch so fette Oberschenkel, wenn ich groß bin?“ Ihre Mutter hatte entsetzt ausgesehen. „Wahrscheinlich“, hatte sie schließlich gesagt.
(J. Courtney Sullivan | Aller Anfang)
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„Wie zum Teufel bist du an den Alk rangekommen?“ Er schob sich an ihr vorbei und schüttete sich Cornflakes in die Schale. Dreizehn. Er war größer als sie.
„Kann ich mein Portemonnaie und die Schlüssel haben?“ fragte sie.
„Du kannst das Portemonnaie haben. Die Schlüssel kriegst du, wenn ich weiß, dass es dir gut geht.“
„Mir geht’s gut. Ich gehe morgen wieder zur Arbeit.“
„Du kannst nicht mehr aufhören, wenn du nicht ins Krankenhaus gehst, Mama.“
„Ich komm schon klar. mach dir bitte keine Sorgen. Ich habe den ganzen Tag, um mich zu erholen.“ Sie ging hinaus, um nach den Sachen im Trockner zu sehen.
„Die Hemden sind trocken“, sagte sie zu Joel. „Die Socken brauchen noch etwa zehn Minuten.“
„Keine Zeit. Ich zieh sie nass an.“ Ihre Söhne nahmen ihre Bücher und Rucksäcke, küssten sie zum Abschied und verließen die Wohnung. Sie stand am Fenster und sah ihnen nach, wie sie die Straße hinunter zur Bushaltestelle liefen. Sie wartete, bis der Bus sie eingesammelt hatte und die Telegraph Avenue ansteuerte. Dann ging sie hinaus zum Spirituosenladen an der Ecke. Er hatte jetzt geöffnet.
(Lucia Berlin | Was ich sonst noch verpasst habe)
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„Iris‘ Augen hatten getränt vor Müdigkeit, als sie früher am Abend noch mit uns zusammengesessen hatte. Sie hatte schon am Bahnhof müde ausgesehen, müde und alt, das waren meine ersten beiden Eindrücke. Dann hatte ich an Computersimulationen denken müssen, mit denen Kindergesichter als erwachsen dargestellt werden können. Iris schien geradezu vorschriftsgemäß gealtert zu sein, ihr Gesicht war schmaler geworden, alle Linien klarer.
Jockel stand schon auf dem Bahnsteig neben ihr. Es war Iris‘ Vorschlag gewesen, ihn zu unserem Treffen einzuladen, und ich hatte es nicht geschafft zu sagen, dass es mir gar nicht um irgendwelche Zusammenhänge von früher ging, sondern darum, Iris in ihrem Leben zu besuchen. Sie hatte ohnehin deutlich gemacht, dass sie das nicht wollte.
‚Ich will eigentlich nicht, dass das Kind da ist, wenn wir uns wiedersehen‘, hatte sie gesagt. Von Jockel wusste ich, dass sie immer über ‚das Kind‘ sprach, so, wie sie früher über ihre Fotografien immer als ‚die Kunst‘ gesprochen hatte, als wollte sie mit einer Art ironischen Überhöhung verbergen, wie wichtig es ihr eigentlich war.“
(Hanna Lemke | Gesichertes)
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Eigentlich wollte ich sagen, wie leid es mir tat, dass Papa die Figuren zerbrochen hatte, aber die Worte, die tatsächlich aus meinem Mund kamen, lauteten: ‚Es tut mir leid, dass deine Figuren kaputtgegangen sind, Mama.‘
Sie nickte schnell und schüttelte den Kopf, als wollte sie mir sagen, dass die Figuren nicht wichtig seien. Dabei waren sie es durchaus. Vor Jahren, bevor ich alles begriff, fragte ich mich oft, wieso sie sie jedes Mal polierte, wenn ich diese Geräusche in ihrem Zimmer gehört hatte, ein Rumpeln, als würde etwas gegen die Tür geschlagen. Ihre Gummislipper machten nie ein Geräusch auf der Treppe, aber ich wusste, dass sie auf dem Weg nach unten war, wenn ich hörte, wie sich die Tür zum Esszimmer öffnete. Wenn ich dann zu ihr ging, sah ich sie bei der Etagere stehen, in der Hand ein mit Seifenwasser getränktes Küchenhandtuch. Für jede kleine Ballerina brauchte sie mindestens eine Viertelstunde. Tränen sah man nie auf ihrem Gesicht. Das letzte Mal, vor nur zwei Wochen, als ihr geschwollenes Auge noch dunkelviolett war wie eine überreife Avocado, hatte sie die Figürchen nach dem Polieren umgruppiert.
‚Ich flechte dir die Haare nach dem Mittagessen‘, sagte sie und wandte sich zum Gehen.
‚Ja, Mama.'“
(Chimamanda Ngozi Adichie | Blauer Hibiskus)
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„Nach dem Tod meiner Mutter im vergangenen Sommer begann ich ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben. Ich arbeitete Tag und Nacht, als hätte ich Angst, die Motivation zu verlieren, wenn ich auch nur eine Sekunde aufhören würde, oder die Motivation würde mich verlieren und alles würde zerfallen. Die Dinge, die ich beschrieb, waren so persönlich, dass manches wehtat, während ich für anderes durchaus Verständnis aufbrachte. Dennoch wurde mir das Ganze kurz nach Abschluss des Manuskripts plötzlich fremd. Es war nicht meine Geschichte.
Die Vergangenheit ist eine Truhe auf dem Speicher, übersät mit Schrammen, von denen einige wertvoll, andere vollkommen nutzlos sind. Dauerhaft verschlossen hätte ich sie am liebsten, aber sie wird von jedem Lüftchen aufgerissen, und ehe ich mich’s versehe, ist der gesamte Inhalt weggeweht. Dann packe ich alles Stück für Stück wieder hinein. Die Erinnerungen, die guten, die schlechten. Trotzdem schnappen die Truhenschlösser immer dann wieder auf, wenn ich am wenigsten damit rechne.
Die Schwangerschaft war eher ein Unfall denn geplant. Als ich es erfuhr, war ich gleichzeitig schockiert, entsetzt und euphorisch. Und als feststand, dass es Zwillingsmädchen waren, heulte ich eine geschlagene Stunde, weil ich das Gefühl hatte, dass alles, was ich tat, nur ein Glied in einer Kette aus Geschichten war. In den neun Monaten wurde mein Körper umgeformt, als wäre er aus Ton. Und dasselbe hoffte ich für meine Seele.“
(Elif Shafak – Ehre)
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„When Tammy the pig-faced nurse asked us if we’d started skin-to-skin yet we both went red. We had never been naked together.
‚Skin-to-skin helps to regulate the baby’s heart rate and breathing, and of course it’s great for the mother-baby bond.‘
‚No,‘ I whispered, catching up. ‚We’ve haven’t held him yet.‘
‚Who wants to go first?‘
‚Cheryl,‘ said Clee quickly. ‚Because I really have to go to the bathroom.‘
Tammy glanced at me. She had thought I was Clee’s mom right up until the moment she saw us kissing by the elevator. I took off my blouse and bra and hung them on the back of a chair. Tammy wrangled Jack’s lines and tubes, carefully lifting him out of his case. He grimaced and twisted in the air like a caterpillar. She placed him between my breasts and adjusted his limbs so that his skin and my skin were touching as much as possible, tucking a thin pink cotton blanket over the two of us. And then she left.
I looked behind me. Clee was in the bathroom. Jack’s little chest pushed in and out; his machines were quiet. He made a snuffling noise and his enormous black eyes lurched upward.
Hi, he said.
Hi, I said.“
(Miranda July – The First Bad Man)
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Franziska:
„Sie umarmt ihn und geht schnell, nicht ohne zu winken, aus dem Kindergarten, vor dem drei Mütter herumstehen, sie lachen, eine raucht, zwei sieht sie auf den Kindergarten zugehen, so langsam wie die Kinderbeine neben ihnen, Kinder kosten so unendlich viel Zeit, man soll nicht hetzen, stand in einem Artikel in der ‚Zeit‘ mit dem Titel: ‚Der Tag, an dem ich aufhörte, beeil dich zu meinem Kind zu sagen‘, Franziska hat ihn gelesen und sich wahnsinnig aufgeregt, warum war sie so wütend über diese intellektuellen Mütter mit ihren alltagsuntauglichen Erziehungskonzepten, da gebären sie Kinder in diese Welt mit ihrem Zeit ist Geld-Konzept hinein, und dann dürfen sich ihre Kinder nicht der Welt anpassen, sondern die Welt soll sich gefälligst um die Kinder herumschmiegen, die Eltern sollen es und die Arbeitszeiten und die Gesellschaft und die Schulen, alle sollen die Konzeptlosigkeit der Kinder respeketieren.“
„Franziska bekommt eine Gänsehaut, dieselbe langweilige Art wie früher, Bankkauffrau, verheiratet, blabla, zwei Kinder, alle haben zwei Kinder, zwei ist die einzige unverdächtige Kinderzahl, alles andere erregt Verdacht, ein Einzelkind ist der Beweis für krankhaften Egoismus – der Mutter – oder vorzeitigen Verlust der Fruchtbarkeit – der Mutter, drei Kinder sind der Beweis für dummdreistes Sexualverhalten, alles über drei Kinder geht doch nur bei verhaltensauffälligen Proleten oder unter katholischem Empfängnis- und Gebärzwang.“
Elisabeth:
„BIs Freitag muss ich die Einladungen rausschicken, 45 Gäste sind zur Pensionsfeier von Kurt geladen, die Gäste müssen sich ja ihren Sommer einteilen. Sie werden durch unseren Garten schlendern und an den Gläsern nippen und den Besitz inspizieren, den die Arbeitsleistung des Frischpensionierten erwirtschaftet hat. Unseren Wohlstand. So ein Fest wertet die lebenslange Leistung des Frischpensionierten auf, auch wenn sich die Berufstätigen jetzt die Frage stellen, ob dieses Leben nach der Berufstätigkeit noch lebenswert ist oder eher eine fade Angelegenheit. Ob noch alles in Ordnung mit dieser Elisabeth ist, ob sie als Partnerin zur Freizeitgestaltung im Lebensabend von Nutzen sein kann. (…) Früher habe ich alles Wichtige mit Edith besprochen, die großen Katastrophen in ihre Einzelteile zerlegt, das Gute am Ehe- und Mutterleben auf den guten Haufen und das Schlechte auf den schlechten Haufen, und am Ende des Abends waren zwei Flaschen Rotwein leer und die Haufen ungefähr gleich hoch, und das reichte schon, und dann konnte ich nach Hause wackeln und es war nur mehr halb so schlimm, dass Kurt seine kleinen Geliebten hatte und die Kinder sich mir gegenüber missraten benahmen, und bis zum Einschlafen und vielleicht auch ein wenig darüber hinaus hielt das Gefühl an, die Respektlosigkeit hätte nichts mit mir persönlich zu tun, sondern mit meiner Funktion in der Gesellschaft, der immer ein Nur anhaftete, Nur Mutter, Nur Hausfrau, eine Wertminderung der das Gezeter der Feministinnen und der Lauf der Zeit doch nicht gewachsen war.“
(Gertraud Klemm – Aberland)
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„Frederike stand in einer Küchenschürze im ersten Stock des Krankenhauses und beobachtete den Lauf der Dinge und die Frauen, die Teil davon waren. In kleinen Schicksalsgemeinschaften kamen sie an die Pforten der Klinik oder stahlen sich mit blassen Gesichtern und nervösen Blicken allein ins Gebäude. Mit schweren Bäuchen standen sie dann in den Türen und warteten, dass man sie bemerkte und ihnen heraushalf aus ihrem Schicksal. Die erste Frau, die Frederike über die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft begleitete, war Marta, eine große, ältere Frau mit hoher Stirn und Händen so breit wie jene, die Dürer betend gemalt hatte. (…)
Noch nie hatte sie den Körper einer Schwangeren auch nur berührt, nie eine Geburt gesehen. Unter Frederikes aufmerksamen Blicken wuchs Martas Leib lautlos mit den Tagen und füllte sich mit Fleisch, der Kette der Wirbelsäule und dem Sonnensystem der Organe. Jetzt legten sie und Marta die Hände auf deren Bauchdecke, als könnten sie mit ihnen hören, was vorginge unter der Haut. Frederike wusste von ihr, wie erleichtert sie zuerst gewesen war, dass sich die Leere in ihr so sorgfältig mit einem Kind ausfüllen ließ, und wie sie später die Furcht befallen hatte, in ihr könnte sich eine Seele formen, die zu groß wäre für ihren Körper. Nun wuchs eine Kreatur unter ihrem Herzen, ein durchsichtiger Walfisch, der Fruchtwasser trank und es wieder ausschied. Beide Frauen sahen zu, wie sich Martas Leib dehnte und dehnte, wie er unaufhörlich wuchs und wuchs und sich immer mehr jener feinen und hellen Streifen auf ihrer Haut abzeichnete. Ruhig war Marta nur, wenn Frederike bei ihr war, ließ diese sie alleine, fürchtete sie, verrückt zu werden. (…)
Sie war einsam, wenn Frederike nach Hause ging oder sich anderen Patientinnen zuwandte. Sie ließ sich von niemandem sonst trösten und beruhigen, sprach kaum und wenn, nur mit sich selbst. Es war ihr unmöglich zu schlafen, während in ihr ein Wesen wachte. In der Dunkelheit, wenn sie neben den anderen Frauen im Bett lag, fürchtete sie, das Kind würde sie von innen auffressen, und hörte besorgt und argwöhnisch in sich hinein, ob nicht Kaugeräusche aus ihrem Unterleib drängten. (…)
Die Wehen zogen sich über viele Stunden, währenddessen die kleine Gruppe zusammengewürfelter Menschen am Körper von Marta wartete wie an einem Monument. Sie warteten auf den Augenblick, in dem dieser Körper nachgeben würde, das Klick, auf die Musik des Zerbrechens, die alle Entbindungen begleitete. Es dauerte lange. Stück für Stück ging ihr Unterleib auf und wurde ein Portal. Wie ihre Vagina weit aufriss. Wie sich der Nabel ausstülpte. Wie die Schamlippen blau anliefen. Wie neben dem Mutterkuchen auch Exkremente auf das Bett liefen. Wie man das Kind endlich von der Nabelschnur losschnitt. Wie ihr der Schlauch aus Haut noch lange aus dem Geschlecht hing.
Als Marta den Säugling schließlich in den Armen hielt, wurde der Bauch ein Haus, das, nutzlos geworden, in sich zusammenfiel, nachdem sein Bewohner es verlassen hatte.“
(Valerie Fritsch – Winters Garten)
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Fließ-Weiland || „Vor Sophies Geburt hatten sie lang und breit darüber gesprochen, was für eine Sorte Eltern sie sein wollten. Jule hatte geschworen, niemals eine dieser hysterischen Mütter zu werden, die ihren Kindern auf Berliner Spielplätzen mit Feuchttüchern und Vollkornkeksen hinterherrannten. (…) Natürlich würde ein Kind manches ändern, aber das war kein Grund für permanenten Ausnahmezustand. Glückliche Eltern hatten glückliche Kinder, weshalb man bei allem Stress niemals vergessen durfte, auf sich selbst zu achten. Das nötige Babyzubehör bestellten sie im Internet; danach fühlten sie sich für alles gerüstet. Dann kam Sophie. Die ersten Tage nach der Geburt stellten einen surrealen Film dar, in dem es weder Sprache noch Tageszeiten gab, nur unklares Licht und klagende Laute. Sie irrten durch die Trümmer ihrer ausgiebigen Vorbereitung, zwei kopflose Erwachsene auf der Suche nach Schnullern, Windeln, Feuchttüchern, Söckchen. Hoben Gegenstände auf und ließen sie wieder fallen. Fingen alles halb an und vergaßen gleich wieder, was sie vorgehabt hatten. Im Bad stapelte sich die Schmutzwäsche, an der Haustür der Müll. Sophie schrie viel und war ziemlich hässlich. Ob man sie auf dem Arm trug oder ins Bettchen legte, sie streichelte, massierte, ihr etwas vorsang oder ein Kuscheltier vor ihrem Gesicht tanzen ließ – sie schien den Unterschied kaum zu bemerken. Von magischen Momenten oder überwältigenden Glücksgefühlen keine Spur.“
Gombrowski, geb. Niehaus || „Sie ertrug kein Geschrei und schon gar keine Gewalt. Jedes laute Wort erschütterte sie bis ins Mark, jede erhobene Faust fuhr ihr direkt in die Eingeweide. Im Laufe der Jahre hatte sich Elena in ein Auffangbecken für böse Worte und rüde Gesten verwandelt. Jede Form von Brutalität floss in ihre Richtung. Beschimpfungen, Drohungen, Schläge meinten immer sie. Als Püppi ins Trotzalter gekommen war und anfing, ihrem Papa Widerworte zu geben, hatte Elena gelernt, die gesamte zerstörerische Energie von Gombrowskis Wut auf sich selbst zu lenken. Fuhr eine Hand durch die Luft, stand Elena im Weg, um dem Streich eine Richtung zu geben. Es wurde zu ihrer Lebensaufgabe, Ursache und Ziel aller Gewalt zu sein, weil jeder Schlag, der sie traf, ihre Tochter verschonte.“
Kron-Hübschke || „Es war nie leicht gewesen, Krönchen zu durchschauen. Ihre Stimmungen wechselten schnell, und Kathrin hatte sie schon im Alter von drei Jahren dabei ertappt, wie sie mit einem Handspiegel im Badezimmer saß und Gesichtsausdrücke übte: schmollen, lächeln, flirten, Wut. Was, wenn Krönchen log, nicht aus bösem Willen, sondern so, wie Kinder eben manchmal die Wahrheit verdrehten, wenn die Phantasie mit ihnen durchging? Ein Abgrund öffnete sich vor Kathrins Füßen. Im nächsten Augenblick krampfte sich ihr Herz zusammen bei der Vorstellung, welche Ängste die Kleine in Hildes nächtlichem Haus ausgestanden haben mochte. Die Sehnsucht danach, ihrer Tochter zu glauben, war exakt gleich stark mit dem Wunsch, die schlimme Geschichte möge nur in Krönchens Einbildung passiert sein. Zwischen diesen beiden Fronten wurde Kathrin auf das Format einer Rabenmutter zusammengedrückt.“
(Juli Zeh | Unterleuten)
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„Der Mittag in der Siedlung ist still. Die Häuser liegen verlassen, die Leute kommen erst zum Feierabend zurück. Stella ist gerne alleine. Sie kann sich gut mit sich selber beschäftigen, mit dem Garten, den Büchern, dem Haushalt, der Wäsche, den langen Telefonaten mit Clara, der Zeitung, dem Nichtstun. Früher hat sie zusammen mit Clara in der Stadt in einem Mietshaus gewohnt, in einer Straße mit vielen Cafés, Bars und Clubs; die Leute saßen direkt vor der Haustür an Tischen unter Sonnenschirmen und Markisen, und ihre Stimmen und Gespräche, ihre Sorgen, Vermutungen, Versprechungen, exzessiven Ausführungen über Glück und Unglück klangen in der Nacht bis hoch in Stellas und Claras Zimmer hinein. Niemals. Für immer. Je wieder, nie mehr, bis morgen, auf Wiedersehen. Das ist nicht lange her. Stella kann nicht sagen, dass sie dieses Leben vermissen würde. Sie ist heute gerne alleine, früher war sie nicht gerne alleine, so einfach ist das, sie weiß nur nicht mehr genau, wann diese Veränderung eigentlich eingetreten ist. (…)
Das liegt an diesen Kindern, sagt Clara. Sie fressen dich auf. Stella denkt daran, wenn sie morgens mit Ava am Küchentisch sitzt und ihr zusieht, wie sie eine Banane isst, Tee mit Honig trinkt.
Clara sagt, ihr fresst uns auf. Stimmt das, Ava?
Avas Lachen klingt erstaunt. Empört und ein wenig ertappt.“
(Judith Hermann | Aller Liebe Anfang)
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„Wenn sie pünktlich um acht Uhr fünfundzwanzig zur Arbeit erschien, hatte sie schon zwei Stunden in Gesellschaft ihrer Kinder verbracht. Sie weckte die drei jeden Morgen um sechs und kutschierte sie dann zu drei verschiedenen Schulen, erinnerte unterwegs jedes an eine spezielle Aufgabe. Ihren Sohn in der Grundschule warnte sie, er solle sich von der Brutalität im Internet nicht hinreißen lassen. Ihren Sohn in der letzten Klasse Mittelstufe warnte sie vor langfristigen Folgeschäden aller möglichen Drogen. Ihrer Tochter in der Oberstufe malte sie in allen Einzelheiten die Qualen des Kreißsaals aus. Stiegen die Kinder, bis in die zarten Seelen erschüttert, aus dem Wagen, mussten sie sich natürlich erst einmal beruhigen. Der Kleine, indem er schwächere Kinder auf dem Schulhof bedrohte, der Zweite, indem er am Zaun etwas süß Riechendes rauchte, und die Tochter traf sich auf einen hastigen Liebesakt mit einem Jungen, der gegenüber der Schule wohnte.“
(Ayelet Gundar-Goshen | Lügnerin)
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„In my frustration and misery I would wind myself up every day as if I were my old toy monkey with my cymbals, listen to myself crash them, and then, nota bene, I would cry and, when I cried, I would long for my mother, not the small dying mother in the hospital but the big mother of my childhood, who had held and rocked me and tutted and stroked and taken my temperature and read to me. Mommy’s girl, except Mommy was not oversized but short and curvy and wore high heels. Your father likes my legs in heels, you know. But then, after I had wailed for a while, I would remember the wet shine of two fallen tears on my mother’s shrunken cheeks and the IV in her blue-veined hand many years later. I did not say, You’ll get well, Mommy, because she would not get well. Who knows how long I’ll last? Not long. And yet in hospice, my mother fussed about food, the sheets, her pajamas, the nurses. A week before she died, she asked me to open her purse and apply a little lipstick because she was too weak to do it herself, and when she lapsed into a morphine haze at the very end, I took out the gold tube and dabbed her thin mouth with the rose-solored stick.
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Orphaned.“
(Siri Hustvedt – The Blazing World)
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„Durch die Kinder haben sich die Tagesabläufe verschoben. Früher hätte man sich bei Einbruch der Dämmerung zum ersten Aperitif getroffen, nicht am helllichten Tag zum Abendessen. Aber das ist normal, es geht ihnen allen so, der ganzen Armee von Einzelkindereltern. Es gab Zeiten, als Britta bis Mitternacht arbeitete, bis mittags schlief und die erste feste Nahrung des Tages am frühen Nachmittag zu sich nahm, meistens ein Sandwich, das Babak, der ebenfalls kein Morgenmensch ist, in die Praxis mitbrachte. Aber dem hat Baby-Vera vor sieben Jahren ein Ende gesetzt. Nur manchmal spürt Britta noch einen leichten Schwindel, fast wie Erschrecken, Symptome eines existenziellen Jetlags.“
(Juli Zeh | Leere Herzen)
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„Die für alle gedachte Erzählweise lautet, das Mädchen hat Fenster geputzt, ist von der Leiter gefallen und übers Geländer gestürzt. Ja, auch das wäre möglich, Márta. Denken wir uns einfach, es wäre möglich. Dass ein vierzehnjähriges Mädchen Fenster putzt und ausrutscht. Könnte sein. Aber mein Kopf denkt etwas anderes. Denkt und denkt. Kann nicht aufhören. Schreit in alle Abzweigungen seines weitläufig-undurchsichtig verästelten Hirns. Es ist nicht wahr! Ihr lügt! Ihr alle lügt!
Das Mädchen ist still und höflich. Als Schülerin fleißig, hilfsbereit. Mager, mit diesen Giraffenbeinen, die knapp unter dem Kinn aufhören. Ja, das passt natürlich. Zu meiner Vermutung, hinter verschlossenen Türen geschehen Dinge, von denen niemand wissen darf. Auch wenn die Mutter immer aufgeräumt freundlich wirkt. Vielleicht zu freundlich. In allen Gesprächen über die Maßen interessiert. Sie schreibt das Protokoll an den Elternabenden. Bastelt die Lose fürs Sommerfest. Sammelt über Wochen Preise für die Tombola. Bereitet die Skifreizeit vor. Ist für jede Spendenaktion zu haben. Für jedes Wändestreichen. Tischeaufstellen. Kuchenbacken.
Dennoch hat es mich nicht überrascht, Márti. Weil ich ja weiß, alles ist möglich, jeder trägt alles mit sich. Also auch die Möglichkeit, als Furie über ein Boot zu stapfen und die eigenen Kinder ins offene Meer zu werfen. Nur weil eines auf die Sitze gespuckt hat. Als sollten sie ertrinken. Als wäre es gleich, ob sie auftauchen. Warum sollte man sein Kind dann nicht auch zu einem Vorsprung vor einem Fenster drängen, von dem es sich hinabstürzt? In kleinen zählbaren Schritten? Über Monate, Jahre? Dafür muss ich nicht selbst Mutter sein. Um mir das vorstellen zu können. Muss ich das auch bei Dir befürchten?“
(Zsuzsa Bánk | Schlafen werden wir später)
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„Sollte ihren beiden Söhnen etwas zustoßen, wäre ihr Leben vorbei. Dann wäre sie am Ende, nichts ginge mehr. Trotzdem wollte sie nicht mehr Zeit als nötig mit ihnen verbringen. Kam einer von ihnen ins Zimmer, stieg ihr Puls, als wäre sie eine Angestellte, die sich vor der Arbeit drückte, und als wären Jonas mit seinen zwanzig Jahren sowie Martin mit seinen achtzehn ihre autoritären Chefs. Ingrid wusste immer, wann sie Geld haben wollten: Dann waren ihre Gesichter offen und freundlich, fast so wie früher. Anfangs war sie darüber traurig gewesen. Wie bei einem Liebesverhältnis, das zu Ende war, dachte sie, wenn die beiden durchs Haus trampelten und nur lächelten oder ihr in die Augen sahen, sobald sie Geld brauchten.
Kommst du heute zum Essen?, fragte sie manchmal per SMS, und wenn die Antwort, falls eine Antwort kam, nein lautete, ohne großen Anfangsbuchstaben, Erklärung oder Entschuldigung, schrieb sie zurück: Okay. Dann hebe ich dir eine Portion auf :–) An mir soll es nicht liegen, dachte Ingrid, während sie auf Senden drückte.“
(Nina Lykke | Aufruhr in mittleren Jahren)
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„She grew anxious that she was not anxious about the things you were meant to be anxious about. Her very equanimity made her anxious. It didn’t seem to fit into the system of images. She drank and ate as before and smoked on occasion. She welcomed, at last, the arrival of some shape to her dull straight lines.
Of the coming birth her old friend Layla, who had three children already, said: ‚Like meeting yourself at the end of a dark alley.‘
That was not to be for Natalie Blake. The drugs she requested were astonishing, transcendent; not quite as good as Ecstasy yet with some faint memory of the lucidity and joy of those happy days. She felt euphoric, like she’d gone clubbing and kept on clubbing instead of going home when someone more sensible suggested the night bus. She put her earphones in and danced around her hospital bed to Big Pun. It was not a very dramatic event. Hours turned to minutes. At the vital moment she was able to say to herself quite calmly: ‚Oh, look, I’m giving birth.‘
Which is all to say that the brutal awareness of the real that she had so hoped for and desired – that she hadn’t even realized she was counting on – failed to arrive.“
(Zadie Smith – NW)
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Daniel: Deine Mutter kommt manchmal ans Fenster zum Rauchen –
Sophie: Damit der Rauch nach draußen zieht.
Daniel: Damit sie währenddessen weinen kann.
Sophie: –
Daniel: Wie heißt du?
Sophie: Sag ich nicht.
Daniel: Ich heiße Daniel Ferdinand Alexander Maximilian. Wie alle wichtigen Männer in meiner Familie. Damit meine Mutter nicht noch ein Kind kriegen muss. Ich bin nämlich ausreichend.
Sophie: Marlboro rot bitte. Gleich zwei. Dann reicht es für morgen auch.
Daniel: Einmal winke ich ihr vom Küchenfenster aus zu, und meine Mutter sieht es, und haut mir eine solche Watschn runter, dass mir Hören und Sagen vergeht. Dabei schielt sie ja selber immer öfters rüber, seit sie sich mit dem Papa streitet, weil der Papa gegenüber, mit seinem großen, gemütlichen Bauch, der wird überhaupt nie grob, der baut sich eine Burg aus der Zeitung und Kaffee und einem Turm Croissants, und da gibt es keinen Zutritt. Sonst immer Frieden.
Sophie: Wer ist er, der jetzt eines meiner Leben führt? Hallo?
Daniel: Manchmal sehe ich, wie sie ihre Lippen bewegt und ich bilde mir ein, sie grüßt mich.
Sophie: Am Anfang waren wir zu viert. Jetzt bin nur noch ich da. (…)
Daniel: Die Mutter sackt wie ein Brett weg, knallt mir dem Kopf auf die Tischkante und das Knacken höre ich durch die geöffneten Fenster, und später sagen sie –
Sophie: Sie hat Glück gehabt, dass es so gekommen ist.
Daniel: Weil, wie wäre es sonst gekommen?
(Yael Inokai | Marlboro rot)
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Damals gab es für mich zwei Arten von Müttern: Mütter, die sich schminkten, und Mütter, die sich nicht schminkten. Mütter, die immer kochten und sich für Kinder nicht weiter interessierten, und Mütter, die nicht kochten und Kindern immer alles sehr, sehr genau erklärten. Maman-Bozorg und Maman gehörten in die erste Kategorie, Frau Steffens in die zweite, ebenso wie Swantje, die Freundin meines Vaters. Swantje, hatte mein Vater einmal gesagt, sei Genossin. Daher tippte ich darauf, dass Frau Steffens auch Genossin sei. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese zwei Arten von Frauen miteinander in Kontakt treten konnten. Es war, als lebten sie in unterschiedlichen Galaxien. Meine Mutter und Swantje habe ich nie gemeinsam in einem Raum gesehen.
(Sechzehn Wörter | Nava Ebrahimi)
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„Damals, als ich anfing, wirklich zuzuhören, sodass ich die Verbindung zwischen Heine, Schumann und Dante entdeckte, konnte mich die simple Erkenntnis, dass Dinge zusammenhängen, die zuvor in meinem Gehirn ohne Beziehung zueinander umhergeschwebt waren, tagelang in Aufregung versetzen. Inzwischen kann ich nicht mehr unterscheiden, ob alles mit allem zusammenhängt oder im Gegenteil alle Verbindungen eine reine Illusion meines Bewusstseins sind, das sich sehnlichst wünscht, es möge so etwas wie Logik oder wenigstens Wahlverwandtschaften bei den Dingen und Ereignissen geben. Schumann jedenfalls hat immer versucht, Leben und Werk so miteinander zu verweben, dass das eine ohne das andere undenkbar wird. Es wird sich schwerlich um einen Zufall handeln, wenn die Motive sich ähneln. Mir hat das immer sehr imponiert, und ich hätte es gerne genauso gehalten, aber ich fürchte, es gibt bei mir nichts zu verknüpfen. Es gibt kein Werk, es gibt nur Leben. Schon beginnt das fünfte Lied, das mit dem Lilienkelch, es hat einen wunderbaren Anfang. Zart, dicht und intensiv. Costas findet, ich rede über Musik wie andere über Essen.
‚Scheiße, Mama‘, brüllt Helli.
Es gibt einen Knall und ein hässliches Knirschen auf ihrer Seite, ich bremse und öffne die Augen. Der Wagen steht halb auf dem Bürgersteig, und Helli schreit mich an:
‚Was machst du denn? Wir hätten tot sein können.‘
Sie zeigt vorwurfsvoll auf den Laternenpfahl, den wir mit dem Seitenspiegel gestreift haben müssen.“
(Sieh mich an | Mareike Krügel)
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„Suleika senkt ihr Gesicht auf Jusufs Köpfchen. Wieder ist Ignatow mit leeren Händen von der Jagd zurückgekommen. Es gibt nichts zu essen, also wird sie auch keine Milch haben. Die ist überhaupt viel weniger geworden, auch wenn sie gegessen hat. Es begann mitten im Winter. Anfangs glaubte sie, das komme von dem kargen Essen. Aber als sie sich im Januar eine Woche lang an dem fetten, appetitlichen Elchfleisch hatten satt essen können und die Brust sich trotzdem nicht füllte, wurde ihr klar, dass ihre Milch zu Ende ging. (…) Gesalzenes mochte er nicht und begann zu schreien. Daher konnte sie ihn nicht mit Trockenfisch füttern. Als sie mehrere Tage nacheinander hungerten, versuchte Suleika die aromatischen Zäpfchen an den Fichtenzweigen zu kochen, aber diese pflanzliche Nahrung verursachte bei dem Kleinen grasgrünen, klebrigen Durchfall. (…) Da Suleikas Gedanken ständig um ihren Sohn kreisten, vergaß sie oft ihren knurrenden Magen. Sie spürte einen ziehenden Schmerz in den Eingeweiden und fühlte sich zuweilen sehr schwach. Sie hatte große Angst, krank zu werden. Wer sollte sich dann um Jusuf kümmern? (…)
In der Erdhütte ist es still geworden. Die Umsiedler schlafen dicht aneinandergedrängt. (…) Jusuf zuckt zusammen und bewegt sein Näschen (…). Er riecht die Milch. Gleich wird er aufwachen. So geschieht es auch. Er krächzt und stöhnt, schluchzt ein paarmal leise auf und lässt sein hungriges, forderndes Geschrei ertönen. Suleike flüstert ihm leise etwas zu und nimmt ihn in den Arm. So schnell wie möglich, mit den Fingern in den verschlissenen Knopflöchern steckenbleibend, öffnet sie ihr Kleid. Sie greift nach der schlaffen, leichten Brust und schiebt sie in den gierig geöffneten Mund des Kleinen. Jusuf lutscht wie wild daran herum, da aber keine Milch kommt, spuckt er sie wieder aus. Nun weint er noch lauter. (…) Das winzige Gesicht läuft augenblicklich rot an, die Fäustchen fahren durch die Luft. Suleika (…) beginnt Jusuf zu wiegen. (…) Manchmal ist es ihr schon gelungen, ihn mit gleichmäßigem Wiegen, Schütteln, Zureden und Flüstern einzuschläfern, ohne dass sie ihn gefüttert hatte, und so ein paar zusätzliche Stunden ohne sein Geschrei zu gewinnen. (…) Sie drückt ihre Lippen auf die heiße, verschwitzte Stirn. Sie raunt ihm halb vergessene Wiegenlieder in das winzige Ohr, flüstert und beschwört. Sie wiegt ihn zunächst sanft, dann immer stärker und heftiger. (…) Suleika schüttelt den angespannten, sich nach hinten biegenden kleinen Körper. Sein Geschrei ist inzwischen so laut und schrill, dass ihr die Ohren weh tun. Die Leute auf den Pritschen drehen sich seufzend von einer Seite auf die andere, aber sie schlafen weiter. Sie sind diesen Lärm schon gewöhnt. (…)
Suleika tritt an den Topf heran und nimmt den Löffel. Sie umschließt den Stiel mit der Faust und fährt mit dem scharfen Rand der Muschel in den Mittelfinger der anderen Hand. Aus dem kurzen, aber tiefen halbrunden Schnitt sprudelt es dick und rot hervor. Rasch geht sie zur Pritsche zurück und steckt den Finger ihrem Sohn in den Mund. Sie spürt, wie sich seine heißen Kiefer sofort darum schließen, darauf beißen und ihn hineinsaugen. Jusuf saugt gierig, stöhnt und beruhigt sich allmählich. Noch ist sein Atem schnell, noch zucken seine Ärmchen ab und zu. Aber er schreit nicht mehr, sondern trinkt ganz ruhig, wie er es vor einiger Zeit an ihrer Brust getan hat. Suleika kann sehen, wie das Blau auf seinen winzigen Lippen weicht, die Wangen sich rosig färben, wie ihm, müde und satt, die Augen zufallen. In den Winkeln des kleinen Mundes erscheinen ein paar rote Bläschen, platzen und laufen als gewundene Spur das Kinn hinab.“
(Suleika öffnet die Augen | Gusel Jachina)
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„Xane drehte das Gesicht halb in das Kopfpolster, als sie Sally sah. Sallys Körper wollte rückwärts aus dem Zimmer, sie kämpfte wie ein Flugzeug gegen die Erdanziehung, noch drei Schritte, brumm, und sie saß neben dem Bett. Sie legte Xane die Bonbonniere auf die Bettdecke und bemerkte zu spät den Drainageschlauch, der darunter hervorhing. Sie riss die Schachtel in die Höhe. Entschuldige, tut das weh, fragte sie.
Nein, sagte Xane heiser, man kommt inzwischen ohne Bauchschnitt aus, und wieder zerfiel ihr das Gesicht und wurde rot und flüssig.
Xane, begann Sally, das ist keine Tragödie, du bist jung und …
Sag du mir nicht, was eine Tragödie ist, fauchte Xane unter Tränen, du hast ein Kind, das du gar nicht wolltest, warum bist du gekommen, ich wollte niemanden sehen.
Sally schwieg und sah auf die Bonbonniere.
Magst du eine, flüsterte Xane, und sie nickte.
Sally öffnete die Schachtel, und so aßen sie die Pralinen, eine nach der anderen.
Ich hab gar nicht gedacht, dass du eigene Kinder willst, sagte Sally.
Xanes Augen liefen wieder über, und sie rieb sich die Fäuste hinein. Sie wollte nicht weinen und weinte umso mehr, je wütender sie es zu bekämpfen suchte.“
(Eva Menasse – Quasikristalle)
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„Dann sah ich Giles. Er lag auf dem Boden am Rand der Klippe, als wäre er gerade aus großer Höhe heruntergestürzt. Ich hatte sein Handy nicht mitgenommen, würde ihn dort liegen lassen und mit den Kindern zum Haus zurücklaufen müssen, und wenn Raph ihn erst sah, würde er nicht weggehen wollen. Wir hätten unser Testament machen sollen. Die Insel Raph zu treuen Händen, das Haus in Oxford mir, zurück zu Kindergarten, Schlaf – das Ende des Krieges, ich die letzte verbliebene Erwachsene. Ein Leben als Alleinerziehende lockte, mit ruhigen Abenden und heißer Schokolade. Wir könnten Fischstäbchen und Pfirsiche aus der Dose essen, ohne zu sündigen. Wie sollte ich jemals wieder heiraten, nachdem Körper und Geist von kleinen Kindern zerstört worden waren? – ‚Papa!‘ (…) Giles rollte sich herum und stand auf. ‚Was?'“
(Sarah Moss – Schlaflos)
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„Sie hatte sich von ihren Freundinnen abgewandt. Sie wollte nicht, dass man sie als Mutter bezeichnete, ‚die ihre beiden Töchter allein aufzog‘, auch nicht als ‚unverheiratet‘ und noch weniger als eine, ‚die anfangen muss, sich ein neues Leben aufzubauen‘. Sie hatte nichts mit all diesen Verlorenen gemein, die sich dazu verstiegen, sie als eine der Ihren zu betrachten.
(…)
Die einzige Gesellschaft, die Claire jetzt ertrug, waren unverheiratete Freundinnen in ihrem Alter, die keine Kinder hatten. Das waren die einzigen Frauen, die ihrer Meinung nach unter ihr standen, mit denen sie sich also treffen konnte, ohne zu befürchten, dass der Vergleich zu ihren Ungunsten ausfiel. Aber sogar die machten sie am Ende nervös. Elise, seit zwei Jahren ihre beste Freundin, war vierzig. Sie hatte kein Kind, die Arme behauptete, das fehle ihr nicht. Claire hörte sich ihre Lügen an, mit der mütterlichen Geduld derjenigen, die weiß, dass die andere ihre Verzweiflung nicht eingestehen kann. Was sollte das sein, ein Frauenleben ohne Kinder, ohne diesen elemanteren Fixpunkt, um den sich das Leben organisiert, Claire dachte lieber nicht zu viel darüber nach und ertrug Elises Schmähreden wohlwollend, ohne mit der Wimper zu zucken.“
(Virginie Despentes – Apokalypse Baby)
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„Er schaute in den Rückspiegel und zog im selben Moment zum vierten Mal die Nase auf, laut und feucht. Ben fuhr zusammen.
So kann ich nicht schlafen, schimpfte er, schneuz dir die Nase und hör auf damit! Du hättest ihm auch etwas sagen können!
Ich war gerade dabei, sagte sie.
Ben schüttelte den Kopf. Haben wir Taschentücher, fragte er.
Haben wir eine Trinkflasche, fragte eine schnippische Stimme in Jennas Kopf, haben wir eine Ersatzwindel mit, haben wir noch Waschmittel, Klopapier, Glühbirnen, wo haben wir eigentlich die Heftpflaster, haben wir an Sonnencreme gedacht. Auf alle diese Fragen hätte ihre Antwort gelautet: Ja, ich habe, nicht du, deshalb haben wir jetzt.
Aber das war eines der verbotenen Themen. Da Ben zur ersten selbstbewussten Generation der engagierten Väter gehörte, fand er jede Kritik an sich und seinesgleichen grundsätzlich unzulässig. Er ließ einzig den Vergleich mit seiner Vätergeneration gelten, dagegen sahen die neuen Väter natürlich aus wie Helden im Strahlenkranz. Davon abgesehen, schrie er bei einschlägigen Diskussionen mit unüberwindlicher Wut, machen wir alles genauso wie ihr Frauen: So gut wir es eben können.
Sie sind in meiner Handtasche, sagte Jenna, und verkniff sich ein Wie-immer.“
(Eva Menasse | Tiere für Fortgeschrittene)
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„Und Helen würde sich weiter anstrengen, all das auszugleichen und glattzuschleifen und wieder geradezurücken, was Paul mit seiner Sucht, seiner Krankheit einkerbte und verschob. Sie würde immer ein bisschen mehr gute Laune haben als er schlechte, sie würde die Stimmung in diesem Haus auf einem erträglichen Niveau halten, sie würde viel lächeln und dem Kind gegenüber die gelassene Mutter geben, und sie würde nur weinen, wenn niemand in der Nähe war. Sie würde die Scherben von dem Glas wegkehren, das Paul auf den Boden fallen hatte lassen, sie würde, bevor sie mit dem Kind die Wohnung verließ, Paul eine fertig vorbereitete Bialetti auf den Herd stellen, sie würde die verkohlte Pfanne auskratzen oder sie wegschmeißen und eine neue besorgen, sie würde das im Suff eingeschlagene Fenster reparieren und den Schlüssel nachmachen lassen, den er verloren hatte, sie würde sein blutiges Hemd waschen und seine Schulden bezahlen. Sie wollte das, sie wollte, dass das funktionierte. Es war ihr Lebensplan, und dieses bissl Sucht würde diesen Plan nicht ruinieren. Auch nicht seine schlechte Laune, wenn er verkatert war. Sie konnte das. Sie konnte das ja. (…) Sie waren ja eine glückliche Familie. Es waren ja nur ein paar Kratzer. Und die würde Helen reparieren, es würde gut aussehen von außen.“
(Doris Knecht | Alles über Beziehungen)
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„Schnitzel gart Liat im Backofen. Das ist gesünder und unkomplizierter. (…) Wenn Etan kommt, deckt er den Tisch und macht den Kartoffelbrei. Das ist seine Spezialität. Jahali wird fragen, ob man beim Essen fernsehen darf, und sie wird verneinen, in der Hoffnung, standhaft zu bleiben. Stattdessen wird sie ihn fragen, wie es im Kindergarten war, und Itamar, wie es in der Schule war, und Etan, wie es bei der Arbeit war. Diese Frage war eine direkte Fortsetzung des Kartoffelbreis und der Schnitzel, des Shampoodufts von den Köpfen der Kinder und den Kakaogläsern auf der Arbeitsfläche. Doch eine Familie am Tisch besteht eigentlich aus lauter einzelnen Zeitbröseln. Keiner weiß, worüber die anderen heute beschämt oder stolz gewesen sind. Was sie gewollt, was sie verabscheut haben. Sie sprechen nicht darüber. Sie futtern Schnitzel und Kartoffelbrei. Und nur Liat, in ihrer vagen Unruhe, will unbedingt von jedem eine Antwort erhalten. Nicht nur ‚Alles okay‘, sondern was wirklich war, um diese Erlebnisbrösel gut zu einem Ganzen zu formen, so wie sie vorher die Semmelbrösel an das feuchte, rosarote Fleisch gedrückt hat.“
(Löwen wecken | Ayelet Gundar-Goshen)
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„Ein Geschlecht ohne Väter, ohne Männer.
So könnte Calixe ihre Familie beschreiben. Wenn sie zurückblickte, gab es dort weit und breit keinen Mann. Dennoch handelte es sich nicht um eine unbefleckte Empfängnis. Sie hatten existiert, ganz zu Anfang, doch sie verschwanden, sobald ihr Samen sich behaglich in der Wärme eingenistet hatte.
Und die Töchter, die danach kamen, waren eine lebenslange schmerzhafte Erinnerung an die Abwesenheit, die wie ein Schatten über ihnen schwebte und sie daran hinderte, Anschluss an ein Leben zu finden, wie es hätte sein sollen. Es hatte die Töchter scheu gemacht.
Ihre Mutter hatte sie eines abends geküsst und ins Bett gebracht, danach hatte sie sich selbst hingelegt, mit einer Handvoll Pillen und einem Glas Leitungswasser. Am nächsten Morgen hatte Calixe zunächst gewartet und danach vergeblich versucht, sie zu wecken. Es hatte Jahre gedauert, bis sie nicht mehr glaubte, es habe an ihr gelegen, dass ihre Mutter nicht mehr hatte aufwachen wollen.“
(Rachida Lamrabet | Über die Liebe und den Hass)
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„‚Erzähl mir von deinen Kindern‘, bat er.
‚Warum?‘, flüsterte sie, fast ohne Stimme.
‚Weil du sie liebst.‘
Sie seufzte, ihre Brust und mit ihr sein Kopf hoben sich, sanken wieder. Dann schob sie ihn weg, setzte sich auf, Blick zum Fenster, die Arme um den Oberkörper geschlungen. ‚Es ist eine Illusion, Thomas‘, sagte sie. ‚Nichts bleibt.‘ (…)
‚Und die Zeit rast ja‘, fuhr sie fort, ’sie überholt dich auf deinem Weg, denn du trittst auf der Stelle, nur dass du immer älter wirst, es ist eher so, als ob man unter deinen Füßen den Boden wegzieht, immer weiterzieht, obwohl sich nichts ändert, oder es ändert sich zum Schlechteren, fast unmerklich ändert sich jeden Tag alles zum Schlechteren, du kannst die Zeit nicht zurückholen, du verlierst immer mehr Illusionen, jeden Tag eine andere kleine Illusion‘, sie senkte den Kopf, rieb mit dem Kinn über ihre Schulter, ‚und es ist nun einmal so, es ist ein Trugschluss: Deine Kinder sind keine Lebensversicherung, sie können deine Leere nicht ausfüllen, es überfordert sie, kein Kind kann seine Eltern retten, und niemand kann das Leben seiner Kinder leben.‘ Sie schwieg, ihr Gesicht wandte sich in die Dunkelheit des Gartens.
‚Aber du liebst sie, das ist das Wichtigste‘, sagte er.
Zwei stille Minuten vergingen.
‚Wir verlieren, was wir lieben‘, flüsterte sie.“
(Monika Zeiner | Die Ordnung der Sterne über Como)
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„Mit Frauen war es auch alles nicht so einfach, aber deutlich besser. Eva gestand Chrystyna, dass sie bisher noch mit keiner Frau zusammengewesen sei, von der sie den Eindruck hatte, sie sei ihr ebenbürtig, wie Chrystyna es war. Meist hatte sie sich Partnerinnen gesucht, die emotional von ihr abhängig und deutlich schwächer waren als sie. Meist waren sie fast übertrieben weiblich und sehr hübsch, aber nicht übermäßig intelligent und oft hysterisch. Ihre Therapeutin erklärte das mit einer erstarrten Gestalt aus Evas Kindheit: Als typische ‚Papatochter‘ würde sie für ihre Beziehungen stets nicht weniger typische ‚Mamatöchter‘ wählen, Frauen, die keine Beziehung zu ihrem Vater aufbauen konnten, entweder aufgrund dessen Abwesenheit oder Gleichgültigkeit oder im Gegenteil aufgrund übertriebener Aufmerksamkeit. Wie die Therapeutin erklärte, würden Väter, die in ihrer Ehe keine Erfüllung finden, versuchen, dies in der Beziehung zu ihrer Tochter zu kompensieren und ihr dadurch eine fast vollwertige Erwachsenenbeziehung vortäuschen, und wenn sie dann von ihrer Tochter zu einer wirklich erwachsenen Frau gehen, würde das Kind das als Verrat auffassen und das Gefühl haben, für eine andere Frau verlassen worden zu sein.“
(Natalka Sniadanko | Frau Müller hat nicht die Absicht, mehr zu bezahlen)
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„Frau Yukawa“, sagte Dr. Ballon schließlich und seine Stimme klang so warm, so vertrauensvoll, dass Makiko hätte lachen mögen. „Sie sind verwirrt. Schockiert. Das ist ganz normal!“, sagte er und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Eine Schwangerschaft ist letztlich immer eine kleine Revolution. Besonders –“, er lächelte vielsagend, „wenn sie einen überrascht. Zudem bedeutet ein Kind für eine vielbeschäftigte Frau wie Sie sicherlich eine Umstellung, Kinder verlangen eine neue Organisation –“ Makiko ballte ihre Hände zu Fäusten: Dieser Fremde erklärte ihr, was die Schwangerschaft von ihr forderte? Er sprach von ihrem Kind, als wäre es bereits da? Makiko erkannte, dass der Moment gekommen war, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, sie richtete sich auf, brach die Starrheit ihrer Glieder, was mehr Kraft kostete als erwartet.
„Und wenn ich –“, sie stockte, sah, wie Dr. Ballon die Augenbrauen hob. „Wenn ich mich –“, wieder hielt sie inne. Etwas in ihr zögerte vor dem Wort „Entscheidung“ und doch musste sie wissen, wie viel Zeit ihr blieb, sie brauchte so viel Zeit wie möglich.
„Bis wann müsste es passieren, wenn ich es –“ Dr. Ballon verstand anscheinend noch immer nicht. Da legte Makiko zur Erklärung die Hand auf ihren Bauch: „Wenn ich es nicht behalten will.“
Jetzt verstand Dr. Ballon und sein Gesicht verdunkelte sich.
(Hannah Dübgen – Strom)
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„Bald danach war ich mit deinem Bruder schwanger und nichts deutete mehr auf mein früheres Leben hin, nicht einmal meine Platten standen im Wohnzimmer. Keine Last-Minute-Anrufe aufgebrachter Regisseure morgens um drei, mal eben noch schnell diese oder jene ‚Dialogtapete‘ zu verändern. Schon gar keine philosophischen Diskussionen, die uns ja sowieso nur wegen der Joints so ungemein bedeutsam erschienen waren. Behauptete ich dann.
Stattdessen bekam ich endlich ausreichend Schlaf und lernte, mit echtem Gemüse zu kochen. Nach den Rezepten meiner Großmutter Irma, und meine Mittagessen begannen, nach den Sommerferien meiner Kindheit zu schmecken.
Wir stellten unseren Fernseher in den Keller, nachdem ich Tom mit der ruhigen Bestimmtheit einer Schwangeren erklärt hatte, dass sowohl die Strahlen als auch die Geräusche, die aus einem technischen Gerät kamen, unser Baby irreparabel in seiner Entwicklungen beeinträchtigen würden. Auch vorgeburtlich.
(…)
Wir kaufte Dinkelkissen für die Kinderbetten, trugen euch in Tagebüchern aus Biobaumwolle. Unsere Gäste wiesen wir an, kein Plastikspielzeug zu bringen, wie alle Eltern das taten.
Ich habe mich hineingelegt in mein neues Leben, das mit einem Male so reibungslos zu funktionieren schien, nach Regeln, die ich für uneinhaltbar für mich gehalten hatte. Vorsichtig hineingelegt habe ich mich, wie man sich in ein Schaumbad sinken lässt, angespannt, ob es nicht doch ein wenig zu heiß ist.“
(Pia Ziefle – Suna)
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„Weißt du, was ich glaube?“, fragte sie. „Einer Frau wie Jola würde es guttun, ein Kind zu bekommen. Denk mal an Luisa. Oder Valentina. Wie nervös die immer waren. Und wie ruhig sie durch ihre Kinder geworden sind.“
Antje verfügte über eine große Anzahl spanischer Freundinnen, die sie um ihre blonden Haare beneideten und die allesamt entweder Kinder hatten oder Kinder erwarteten oder beides. Es ärgerte mich maßlos, dass Antje keine Gelegenheit ausließ, mir durch die Blume ihren eigenen Kinderwunsch zu präsentieren.
„Meinst du nicht, dass ihr ein Kind gut stehen würde?“
Ich sagte: „Du weißt genau, dass ich keine Kinder will. Also hör auf mit dem Scheiß.“
(Juli Zeh – Nullzeit)
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„Meine Augen wanderten zwischen Kind und Mutter hin und her, während das Mädchen von kaum hörbarem Flüstern über erstickte Eingeständnisse zu heiserem, keuchendem Schluchzen wechselte. Das Gesicht der Mutter war ein recht getreues Abbild der Mimik des Kindes. Wenn Alice leise sprach, beugte sich Ellen angespannt vor, und ihre Lippen registrierten jede Kränkung mit winzigen Bewegungen. Wenn Alice weinte, verengten sich Ellens Augen, eine Falte erschien zwischen ihren Brauen, und ihr Mund verkrampfte sich zu einem dünnen, geraden Strich, aber sie weinte nicht. Mütterliches Zuhören ist von besonderer Art. Die Mutter muss zuhören, und sie muss mitfühlen, aber sie darf sich nicht vollständig mit dem Kind identifizieren. Das erfordert eine erzwungene Zurücknahme, eine Distanz, die nur erreicht wird, indem sie sich gegen die gerade erzählte Geschichte stählt.“
(Siri Hustvedt – Der Sommer ohne Männer)
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„Darf man fragen, warum du plötzlich Lust hast zu weinen?“ Ihr Gesicht war schon trocken, ihrer Stimme war noch etwas Weinerliches anzuhören. „Einfach so.“ „Ich habe nicht allzu viele Mütter gesehen, die einfach so weinten, aber es ist dein gutes Recht.“
(Mira Magén – Als ihre Engel schliefen)
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Sie versuchte, Mutter zu sein, von einem Tag auf den anderen, und sie wird Leo nie vergessen, wie er das alles mitgemacht hat. Und weil sie es bald leid war, am Spielplatz den ‚Geburtsberichten in Echtzeit‘ auszuweichen, bekamen sie Joshi. Als sie, viele Jahre später, noch einmal schwanger war, flüsterte sie Leo ins Ohr: „Ein Kind, ganz ohne Zwang und Zweck. Nur so.“ Da wurde er aber böse.
(Eva Menasse – Lässliche Todsünden)
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„Hannah Luckraft = (Wegen erzwungener Abwesenheit von Alkohol.) Kein Trinken mehr. (Wegen erzwungener Abwesenheit von Robert.) Kein Sex mehr. Und umgekehrt. Daher. Kein Trinken, kein Sex, keine Liebe, kein Robert, keine Freude. Daher. Kein Alles. Plus. (Wegen erzwungener Abwesenheit von allem.) Keine Kinder. Kein Kind. Daher. Hannah Luckraft = Nichts.“
(A. L. Kennedy – Paradies)
Medien und Wahrheit | Pädagogische Hochschule
Referentin | Lehrveranstaltung “Medien und Wahrheit – Wie Fake News, Digitalisierung und Krisen einander befeuern” | 8 UE
Das Seminar bietet Einblicke in wesentliche kommunikationswissenschaftliche Theorien. Dadurch werden die Zusammenhänge und Wirkmechanismen sichtbar, die beeinflussen, wie Ereignisse zu Nachrichten werden - zur Stärkung der eigenen Medienkompetenz und deren Vermittlung in der Schule. Ein besonderes Augenmerk wird dabei darauf gelegt, wie Repräsentation, Selektion, Perspektive, Bildpolitiken und medial vermittelte Stereotype rund um Rassismus, Sexismus, Klassismus etc. unsere Wahrnehmung und damit letztlich die Wirklichkeit formen und (mit-)produzieren. (anrechenbar für das DigikompP-Zertifikat)
Wintersemester 2019/20:
PH Oberösterreich
KPH Krems/Wien
Archiv:
SS 2019: PH Burgenland
WS 2018/2019: PH Burgenland und PH Niederösterreich
SS 2018: PH Oberösterreich
outside in. (yes, crooked.)
Wissenschaftsbuch des Jahres 2019 | Shortlist
Ich durfte heuer als Ersatzmitglied Teil der Jury für das “Wissenschaftsbuch des Jahres 2019″ sein. Ende Oktober fand die Diskussion und Abstimmung der Shortlist statt, nun läuft bis Anfang 2020 die Publikumswahl: hier abstimmen.
Ein Tag im Jahr
Ich habe für das Tagebuchprojekt von Susanne Hösel und Christina Müller, die Christa Wolfs Ein-Tag-im-Jahr-Projekt (1960-2011) seit 2015 in die Gegenwart holen, heuer meinen 27. September dokumentiert: #einTagimJahr
northern things.
Auszugsweises | Die Presse
RESTAURATIONSWISSENSCHAFT. An der Universität für angewandte Kunst Wien werden beschädigte Gemälde, Textilien und Objekte wieder auf Vordermann gebracht. Naturwissenschaftliche Methoden untermauern die historischen Befunde der Forschenden. Facelifting für alternde Kunstwerke (Reportage, "Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2019)
SERIE. Die Sommerferien stehen bevor. Auch „Die Presse“-Redaktion fiebert den sonnigsten Monaten des Jahres entgegen - mit persönlichen Anekdoten. Cool, cooler, Mürzzuschlag (Serie Ferien-Countdown; Teil 9)
WISSENSCHAFTSKOMMUNIKATION. Die Mitbegründerin des österreichischen Science-Center-Netzwerks Barbara Streicher will bildungsbenachteiligte Menschen für Wissenschaft begeistern. Jetzt wurde sie für ihr Engagement ausgezeichnet. Wenn Mathe-Defizite Kavaliersdelikte sind (Interview, Print-Ausgabe, 29.06.2019)
NEUROTECHNOLOGIE. Grazer und Heidelberger Forscher entwickeln eine gedankengesteuerte Neuroprothese für querschnittgelähmte Menschen. Sie soll den Betroffenen wieder ermöglichen, im Alltag nach Dingen zu greifen. Prothesen aus dem Labor der Gedankenleser (“Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2019)
BIOLOGIE. ForscherInnen kombinieren im EU-Projekt „Newcotiana“ molekulare Zuchttechniken, um neue Tabaksorten zu entwickeln. Dadurch soll es gelingen, Antikörper, Impfstoffe und Medikamente nachhaltig in den Pflanzen herzustellen: Labor-Shootingstar Tabak (Aufmacher “Wissen & Innovation”, Die Presse, 01.06.2019)
SOZIOLOGIE. WissenschaftlerInnen sollten gegenaufklärerische Graswurzelbewegungen ernst nehmen, sich aber nicht dazu verleiten lassen, internen Dissens zu verdecken, sagt der Soziologe Alexander Bogner im Gespräch mit der „Presse“: „Wir müssen unser Wissen besser verteidigen“ (Die Presse, Print-Ausgabe, 18.05.2019)
ZEITGESCHICHTE. Kinder des Krieges gibt es überall auf der Welt. Interviews mit Betroffenen in Uganda, Indochina, Bosnien, im Baltikum und in Österreich zeigen, dass sie alle ähnliche Stigmatisierungen und Identitätskrisen durchlebten: „Ich war das Hassobjekt meines Stiefvaters“ (Die Presse, Print-Ausgabe, 11.05.2019)
SOZIALÖKOLOGIE. Hunderte Wasserfälle, Kieselstrände, ein spektakuläres Gebirge und alte Platanenwälder – die griechische Insel Samothraki ist ein Paradies. Ein österreichisches Forschungsteam unterstützt die Bevölkerung dabei, dass das so bleibt: Samothraki - ein Idyll kurz vor dem hausgemachten Kollaps (Aufmacher “Wissen & Innovation”, Die Presse, Print-Ausgabe, 11.05.2019)
KRIMINALSOZIOLOGIE. Das Internet spielt eine zentrale Rolle für die Radikalisierung junger Menschen. Das will sich ein Wiener Forschungsteam zunutze machen – es arbeitet an der Entwicklung eines Videospiels zur Extremismusprävention: Rettungsring für radikalisierte Jugendliche (Aufmacher “Wissen & Innovation”, Die Presse, Print-Ausgabe, 27.04.2019)
KOMMUNIKATIONSWISSENSCHAFT. Eine Online-Ausstellung macht die Ergebnisse eines Forschungsprojekts der Universität Wien zu Pressefotografie und Bildkultur im Nachkriegsösterreich auch für Schulen und interessierte Laien zugänglich: Österreichische Identität im Blitzlichtgewitter (Die Presse, Print-Ausgabe, 06.04.2019)
WISSENSCHAFTSGESCHICHTE. Der neue Ausstellungskatalog zur Gedenkstätte Steinhof beleuchtet die Rolle der Wissenschaft, die letztlich die rassistische und tödliche Politik der Nazis legitimierte – und macht auch einen Schwenk in die Gegenwart: Tödliche Nähe von Heilung und Vernichtung (Die Presse, Print-Ausgabe, 30.03.2019)
ENTWICKLUNGSMEDIZIN. Je später Störungen wie Autismus diagnostiziert werden, desto geringer sind die Chancen, ihre Schwere einzudämmen. Es wird an Instrumenten zur Früherfassung gefeilt: Bei der Diagnose kindlicher Störungen hapert's (Aufmacher “Wissen & Innovation”, Die Presse, Print-Ausgabe, 23.03.2019)
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(Alle Beiträge sind zuerst auf den samstäglichen Wissensseiten der “Presse” in Print erschienen. Online können Premium-Artikel mit regulärem Digitalabo bzw. Testabo, aber auch mit einem “Tagespass” gelesen werden.)
Kollateralschaden
Gelb ist die Farbe der Eifersucht, haben sie gesagt. Also schrieb sie fortan “Grün” in die Freundschaftsbücher, die unter den Schulbänken die Runde machten. Hoffnung, so befand sie, sei unverdächtig. Olivgrün, Grasgrün, Frühlingsgrün, Lodengrün, Blattgrün, Moosgrün, Smaragdgrün, Tannengrün, Seegrün, Türkisgrün. Bis sich ihre Augen selbst eines Tages geflissentlich täuschen ließen. Als sie es bemerkte, war es freilich längst zu spät und das Gelb verloren, wie sie bitter feststellen musste.
"Auch österreichische Forscher hatten Sklaven" | Interview
Christa Riedl-Dorn, Chefin des Archivs für Wissenschaftsgeschichte im Naturhistorischen Museum Wien, stellt außergewöhnliche Forschende wie den Universalgelehrten Stephan L. Endlicher ins Licht, nimmt aber zeitgleich gefeierte Forschungserfolge wie jene der Novara-Expedition (1857–1859) kritisch ins Visier. Im “Presse”-Interview spricht sie sich für einen neuen, offeneren Umgang mit kolonialen Objekten in österreichischen Museen aus.
“Auch österreichische Forscher hatten Sklaven" (Die Presse, Printausgabe, 16.3.2019)