Große Usability-Mängel bei Wearables - gerade für Senioren
Wearable Technologies, Activity Tracker, Smart Waches - ein großer Wachstumsmarkt und spannender Trend. Die Technologie, die uns das Leben erleichtert, trägt man nicht mehr nur in der Hosentasche (Smartphone), sondern auch am Handgelenk (Smart Watch). Sie gibt uns kontinuierlich Auskunft darüber, wie wir uns fühlen, wann wir Sport machen sollen, wo das nächste Taxi ist oder wann wir unsere Eltern anrufen wollten. Die Wirksamkeit wurde gerade durch eine wissenschaftliche Untersuchung der Stanford-University nachgewiesen:
Wer seine Aktivitäten wie Joggen, Schwimmen und Co. aufzeichnet, macht rund 30 Prozent mehr Sport als Menschen, die ihre Aktivitäten nicht dokumentieren.
Viele Firmen mischen bereits in diesem innovativen Markt mit: Apple mit der Apple Watch, Samsung mit dem Galaxy Gear, oder Nike mit dem Fuel Band, Jawbone und Polar Loop – um nur einige zu nennen. Und der Markt ist bei weitem noch nicht gesättigt – wie aktuelle Wachstumszahlen zeigen:
Und doch wird eine riesige Chance verpasst! Denn, wie Dominik Zenth von der Innovationsagentur YOUSE in München in der Studie „Wearables in der Generation 50 Plus“ herausgefunden hat, sind solche Smart Devices nicht nutzerfreundlich für die größte Zielgruppe in Deutschland: Senioren!
Der wachsende Markt Generation 50Plus
Der demographische Wandel ist ein wohlbekanntes Thema in Deutschland. Aber die Zahlen beeindrucken jedes Mal wieder: mehr als 50% der Konsumausgaben in Deutschland und großen Teilen Europas werden bereits heute von Menschen über 50 Jahren gemacht – Tendenz steigend. Und die Generation 50-59 Jahre hat laut Wirtschaftministerium mit 2.580 EUR die höchsten Konsumausgaben pro Monat in Deutschland, gefolgt von der Generation 60-69 Jahre.
Kein „smarter“ Hersteller kommt um die Zielgruppe Senioren herum – auch nicht die Hersteller von Smart Watches und Wearables.
Woran scheitert die Generation 50 Plus bei der Benutzung von Wearables?
Die Studie zeigt, dass die Smart Devices fürs Handgelenk leicht zu behebende, aber nichtsdestotrotz schwerwiegende Mängel der Usability (Nutzerfreundlichkeit) für Senioren aufweisen. Die Usability-Probleme fangen schon beim ersten Schritt der User Journey mit dem Produkt an: der Inbetriebnahme. Die folgende Infografik zeigt, welche Schritte bei der Inbetriebnahme unternommen werden müssen, und welche Bedienfehler dabei zu vermeiden sind.
Die Usability der Inbetriebnahme eines Geräts kann beispielsweise mit Hilfe eines „Out-of-the-Box-Tests“ (auf deutsch – ein Test vom Auspacken bis zur Inbetriebnahme) untersucht werden. Das Video zeigt diesen Test bei Inbetriebnahme eines Wearables durch Senioren. Die beiden Senioren sind beide Smartphone-affin und neuen Technologien gegenüber aufgeschlossen. Dennoch haben sie bei der Inbetriebnahme des Wearables massive Probleme: - Die Bedienungsanleitung ist so klein geschrieben, dass ein Hilfsmittel (Lupe) zum Lesen benötigt wird. - Die Bedienungsanleitung beschreibt die Inbetriebnahme nicht ausreichend und sorgt für Verwirrung. - Die Übersetzungen von Begriffen in der Bedienungsanleitung sind nicht klar. - Die Anpassung des Armbandes an die Größe der Handgelenke ist mit sehr großen Schwierigkeiten verbunden. - Die Uhr gibt zu wenig Rückmeldung über den Status. So wussten die Tester nicht, wann das Smart Device überhaupt aktiv war.
Auch in der Handhabung, die im Anschluss über einen Zeitraum von zwei Wochen untersucht wurde, hatten beide Senioren Probleme, z.B. mit der Betätigung der Anzeige und der Lesbarkeit.
Ebenso gab es Schwierigkeiten bei der Benutzung der Hardware, die bei den Nutzern falsche Erwartungen erzeugt hat:
Der im Armband integrierte Button am Polar Loop erweckte bei den Probanden den Anschein eines normalen Druckknopfes, der durch einfaches Drücken mit dem Fingernagel betätigt wird. Jedoch handelt es sich um einen Berührungssensor, der die Körperwärme erkennt und somit nicht mit einem Fingernagel bedient werden kann. Darüber hinaus wurde bei manchen der Geräte die Lesbarkeit des Displays, besonders bei Sonneneinstrahlung, als nicht seniorengerecht betitelt.
Leider bot auch die Software jede Menge Möglichkeiten für Frustration:
Die Grafik zeigt eine Fehlermeldung der Software des Polar Loop mit der Anzeige „Dieser Wert ist ungültig“ ohne Erklärung warum der Wert ungültig ist. Abhilfe würde ein Hinweis schaffen, der beschreibt, wie der Fehler behoben werden kann (z.B. „Bitte geben Sie das Gewicht im Format 90.2 kg ein“).
Besonderheiten der Usability für Senioren
Die mangelnde Usability der Smart Devices kann bei Nutzern aller Altersgruppen schnell zu Frustrationen führen, die eine weitere Nutzung oder Empfehlung des Produkts unwahrscheinlich machen. Bei Senioren ist mangelnde Usability jedoch umso gravierender, da Senioren auf Grund abnehmender liquider Intelligenz (d.h. abnehmende Fähigkeit neue Sachverhalte schnell zu lernen) und zunehmendem Erfahrungswissen (d.h. alte Konzepte werden auf neue Probleme übertragen) häufig eine geringere Fehlertoleranzschwelle haben. Umso wichtiger ist es daher, im Produktdesign und Softwaredesign für Senioren die Prinzipien der Nutzerfreundlichkeit zu beachten und ausreichend Nutzertests durchzuführen, um Schwierigkeiten frühzeitig zu entdecken.
Fazit
Obwohl die Studie ernsthafte Usability-Probleme bei Smart Devices gezeigt hat, bewerteten die Senioren das Konzept und das Design der Smart Devices durchaus positiv. Sie erzählten auch von Erlebnissen, in welchen Freunde die Testpersonen auf das „schicke Armband“ angesprochen hätten und ebenfalls gerne ein Wearable besitzen würden.
Auch wurden von den Senioren zahlreiche Ideen entwickelt, wie die Produkte eine noch bessere User Experience bekommen könnte, indem interessante Zusatzfunktionen eingebaut werden. Darüber berichten wir in einem nächsten Artikel.
Weiterführende Links:
http://www.bmwi.de/BMWi/Redaktion/PDF/Publikationen/wirtschaftsfaktor-alter-faktenblatt-1-marktpotenzial,property=pdf,bereich=bmwi2012,sprache=de,rwb=true.pdf
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