Transhumanismus: Optimierungsprogramme mit sozialen Folgen
Aus dem Transhumanismus kommen Forderungen nach vielfältigen genetischen, pharmakologischen und informationstechnologischen Optimierungsstrategien, durch welche der Mensch fundamental umgebaut und schliesslich überwunden werden soll.
Kaum ernsthaft thematisiert werden meinem Eindruck nach im Transhumanismus die sozialen Folgen solch tiefgreifender Eingriffe in die Gesellschaft.
Die Frage nach diesen sozialen Folgen stellte Lisa Nimmervoll im „Standard“ dem Philosophen Konrad Liessmann.
„Die sozialen Spannungen werden sich dadurch verstärken. Man kann sich ja lebhaft vorstellen, was geschieht, sollte es wirklich einmal möglich sein, vor allem kognitive Leistungen, auf die wir ja besonderen Wert legen, zu optimieren - Neuro-Enhancement -, aber nicht jeder Zugang zu diesen Substanzen haben wird, weil sie teuer oder noch illegal sind. Wenn in einer Schulklasse auf der einen Seite die Hirngedopten sind und auf der anderen diejenigen, die doppelt, dreimal, viermal so lange brauchen werden, um sich etwas zu merken. Diese "gemeinsame" Schule möchte ich mir nicht ausmalen. Tatsächlich verlernen wir durch dieses vermeintliche Recht auf Optimierung, mit Defiziten, Unterschieden, Enttäuschungen, Versagungen umzugehen. Gleichzeitig fordern wir die inklusive Gesellschaft, die alles, was anders und nicht optimal ist, freudig integrieren soll. Ich kann nicht auf der einen Seite sagen, nur das Beste zählt, und was nur ein bisschen abweicht von diesen Ansprüchen, wird ausgeschieden, und gleichzeitig fordern, dass jeder sein Herz ganz weit öffne für alle, die diesen optimierten Konzepten nicht entsprechen. Dieser Widerspruch muss doch Menschen in den Wahnsinn oder permanenten Selbstbetrug treiben.“
Link: Konrad Liessmann, "Das Kind muss perfektioniert und optimiert werden"
1. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ein Präparat entwickelt werden kann, das die Merkfähigkeit um das doppelte oder vierfache verbessert, und zugleich keine unerwünschten Nebeneffekte auf andere Funktionen hat.
2. Falls das doch möglich sein sollte, wird es wohl kaum gemeinsame Schulen für „optimierte“ und nicht-optimierte Schülerinnen und Schüler geben. Es wird Eliteschulen geben für die „Optimierten“ und „Tief-Level-Schulen“ für Nicht-Optimierte. Als Folge würde ein starker Druck auf alle Menschen entstehen, sich zu „optimieren“. Und die von Liessmann erwähnten sozialen Spannungen dürften nicht auf sich warten lassen.
3. Wenn dann - was unwahrscheinlich ist - alle Menschen auf der Welt „optimiert“ sind, wird der Nutzen für den Einzelnen nicht mehr gross sein, weil kein Vorteil gegenüber anderen damit verbunden ist. Wer allerdings sicher profitieren wird, sind die Hersteller und Verkäufer der selbstverständlich patentierten und nun für alle unverzichtbaren Hirnstimulatoren, Gentechverfahren und Pharmaprodukten.