Keine Antwort ist auch keine Antwort
Normalerweise beginnt man ja keinen Artikel mit „Ihr kennt das“. Aber: Ihr kennt das. Ihr schreibt eine E-Mail und erhofft Euch eine aussagekräftige Antwort. Auch ich nutze das Instrument der E-Mail als Kontaktmittel tagtäglich und wäre ohne es aufgeschmissen. Dabei habe ich die verschiedensten Möglichkeiten meines Gegenübers festgestellt, auf meine E-Mails zu antworten – oder eben auch nicht.
Der „Ich antworte sofort“-Typ
Hierzu zähle ich mich selbst. Wenn ich eine E-Mail bekomme und lese, versuche ich immer schnellstmöglich zu antworten. Weil ich mir einfach denke: Wenn ich der Absender bin, möchte ich auch eine zeitnahe Rückmeldung. Bei einigen meiner Kontakte funktioniert das ganz hervorragend. Klar, wenn Dritte mit einbezogen werden müssen zwecks Absprachen, kann eine Antwort durchaus mal etwas länger dauern, kommt aber meist noch am gleichen Tag.
Der „Ich antworte erstmal gar nicht, mal sehen, ob sich der Absender nochmal meldet“-Typ
Ich denke, dass man bei diesem Typ noch einmal in zwei weitere Kategorien unterscheiden muss. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass es da einerseits den „Ich habe die Mail gelesen, aber absolut keine Lust, darauf zu antworten“-Typ und den „Ich habe die Mail gelesen, aber total vergessen“-Typ gibt. Beides ist für den Absender natürlich irgendwo ärgerlich. Wenn bei erneuter (oder mehrfacher) Nachfrage dann aber eine eher wortkarge und uninteressierte Antwort kommt, kann von Typ 1 ausgegangen werden. Entschuldigt sich der Antwortende allerdings kurz für die späte Rückmeldung und geht dann auf die Mail ein, ist er eher Typ 2 zuzuordnen. Ich wäre definitiv Typ 2.
Der „Ich antworte einfach nie“-Typ
Jetzt sind wir in meinem Lieblingssektor angelangt. Einfach gar nicht zu antworten geht – genau – gar nicht. Vor allem dann nicht, wenn man eine Lesebestätigung mitgesendet hat und weiß, dass der Empfänger die Mail gesichtet hat. Das ist in etwa so, als wenn man jemanden anruft, der abnimmt und dann sofort wieder auflegt. Warum bietet man denn überhaupt eine Kontaktmöglichkeit per E-Mail an, wenn man dann eh nicht antwortet? Oder sind nur E-Mails von potenziellen Kunden wichtig?
So richtig lustig wird es aber erst, wenn eines Tages plötzlich der „Nicht-Antwortende“ selbst eine Mail schreibt und um schnellstmögliche Antwort bittet. Als wäre zuvor nichts gewesen. Klar, dass es in den Mails dann meist um geschäftliche Anliegen geht, die für den Absender gaaaaanz wichtig sind. Da ich mich aber ja selbst zum „Sofort-Antwortenden“ zähle, wende ich hier selbstverständlich nicht das „Wie du mir, so ich dir“-Prinzip an, sondern antworte mit einer Anspielung auf sein vorheriges nicht antworten. Und oft bringt das tatsächlich etwas.
Der „Ich antworte ziemlich schnell, schreibe mit dem Absender ein paar Mails und melde mich dann einfach nicht mehr“-Typ
Mein absoluter Favorit. In der Praxis ist mir das bisher zwar erst einmal passiert, aber ich hasse es. Stellt Euch folgendes Szenario vor: Ihr bietet mehreren (großen) Webseiten ein selbstentwickeltes Video-Reiseformat an, ein namhafter Verlag reagiert tatsächlich (recht schnell) positiv darauf und fragt nach Details. Man schreibt hin und her, bietet an, die erste Folge exklusiv fertigzustellen, damit sich der Redakteur ein genaues Bild machen kann. Denn das Interesse ist ja da. Es kommt sogar zu einem Telefonat, wo weitere Absprachen getroffen werden. Dann setzt sich das Team an die Postproduktion. Schnellstmöglich, aber mit den größtmöglichen Ansprüchen an die Qualität, wird versucht, einen relevanten Blick auf das Konzept zu liefern, um dem zuständigen Redakteur das Video zügig zukommen zu lassen. Das Material wird hochgeladen, mit einem Passwort versehen und der Link mit Zugangsdaten an den Redakteur geschickt – per Mail natürlich.
Und dann geschieht einfach nichts. Man lässt ein paar Tage verstreichen, weil große Redaktionen bekanntlich immer viel zu tun haben (auch wenn sie gerade nichts zu tun haben) und der Redaktionsleiter, mit dem man Kontakt hatte, erst recht. Nach zehn Tagen fragt man höflich per Mail nach, ob denn alles angekommen sei und der Zugang funktioniere. Nichts. Nicht mal eine automatische Abwesenheits-Notiz. Nach weiteren fünf Tagen fragt man erneut nach. Aber nichts. Keine noch so mickrige Antwort. Obwohl man zuvor ohne Probleme kommuniziert hat.
Ich frage mich, was so etwas soll und versuche, diese Marotte zu hinterfragen. War das anfängliche Interesse an unserem Format nur Heuchelei? Wenn ja, wieso macht sich der Redakteur dann erst die Mühe, überhaupt zu antworten? Gibt es den Redakteur nicht mehr? Was ist passiert? Ich konnte einfach keine zufriedenstellende Antwort finden. Ich habe nur gemerkt, dass ich dieses Verhalten absolut nicht nachvollziehen kann. Eine kurze Nachricht reicht doch aus, um dem Gegenüber unmissverständlich klarzumachen, was Sache ist. „Sorry, aber das Format passt doch nicht zu uns“ – alles gut, gar kein Problem. „Sorry, melde Dich bitte dann und dann nochmal, gerade schwierig bei mir“ – alles gut, gar kein Problem. Vielleicht werde ich irgendwann mal in der gleichen Redaktion arbeiten. Dann frage ich nach, was damals los war. Um die Antwort würde der Redakteur dann nämlich nicht herumkommen. Denn keine Antwort ist auch keine Antwort und einfach furchtbar nervig.