Exklusiv: Die wahre Geschichte ĂŒber Ingeborg Schnabel
Am 3. Dezember feiert mein Internetvideo âDie Katze in der Fensterbankâ seinen siebten Geburtstag. Ich nehme das verflixte JubilĂ€um zum Anlass, um die Entstehungsgeschichte des Clips und die Folgen zu erzĂ€hlen.
Als alles begann, hatte ich das Abitur (mehr oder weniger) erfolgreich abgeschlossen und lag dem Staat als Ziegenbart tragender Zivi (heiĂt heute Bufdi...) auf der Tasche. Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie mir ein ehemaliger Kollege vom Filmportal BlairWitch.de Ende November 2006 den Link zu einem seltsamen Song schickte â zum Song âDie Katze in der Fensterbankâ. âAlter, hör dir das mal anâ oder so etwas in der Art muss er mir damals geschrieben haben. Facebook kannte hierzulande noch keiner und studiVZ war gerade mal ein Jahr alt. Deswegen kam die Nachricht vom Kollegen â fast schon klassisch â per ICQ (gibtâs heute ĂŒbrigens auch noch, nutzt nur keiner mehr â ich schon).
Das Lied, von der Band Kissogram aufgenommen (wer deren âIf I Had Known This Beforeâ nicht kennt, sollte es dringend anhören), schien im Internet noch unbekannt zu sein. Ein Video gab es auch nicht. Was macht man da als Zivi, der ziemlich viel Freizeit und noch mehr Blödsinn im Kopf hat also? Richtig. Man zieht sich Muttis alten Pelzmantel an (der warum auch immer in meinem Kleiderschrank hing), ihre 80er-Jahre-Brille mit GlĂ€serstĂ€rke 5, eine WeihnachtsmĂŒtze mit Zöpfen sowie eine Hawaiikette, aktiviert die Videokamera und richtet sie auf sich. Fertig.
AuĂer ein paar Schnittbildern von meiner mittlerweile verstorbenen Katze (Gott hab sie selig) und mir, wie ich völlig irre lachend im Garten auf Blumen zeige, besteht das Video einzig aus synchronen Lippenbewegungen passend zum Liedtext. Mit Dreh und Schnitt hat mich die Produktion gerade mal drei Stunden gekostet. Das Hochladen zu YouTube dauerte ohne den heutigen DSL-Standard fast genauso lang.
Ăbrigens: Ingeborg Schnabel ist nur ein Pseudonym. Wer tatsĂ€chlich hinter den Aussagen steckt, die Kissogram dann zusammengeschnitten hat, wurde bis heute nie richtig aufgedeckt. Aber es ist weder eine Lehrerin von mir noch meine eigene Mutter. Allerdings könnte es diese werte Dame hier gewesen sein: http://www.youtube.com/watch?v=X6fBuIT_ufE
Ingeborg reist durchs Netz und verhandelt mit Jamba
Die GEMA hatte das gerade aufstrebende Videoportal noch nicht auf dem Schirm, weshalb sich Inge ungehindert breitmachen konnte. Ich verschickte den Link an ICQ-Freunde und Verwandte, um ein paar Klicks zu generieren. Doch das, was in der nĂ€chsten Zeit passieren sollte, hĂ€tte ich niemals fĂŒr möglich gehalten.
Bis heute verstehe ich das PhĂ€nomen nicht so wirklich, aber aus irgendeinem Grund kam der Clip bei der Internetgemeinde gut an. Die Zugriffszahlen stiegen und plötzlich tauchte mein Video auch auf Webseiten wie verficktescheisse.com oder trendhure.com auf, von denen ich bis dato nicht mal wusste, dass es sie gibt. Dementsprechend hatte ich dort auch nichts hochgeladen. NatĂŒrlich sah ich es gar nicht gern, dass mein Name nun auf solchen Seiten zu lesen war. Heute sage ich: Selbst Schuld.
In den nĂ€chsten Wochen ging es so weiter. Die Klicks nahmen kontinuierlich zu und mich erstaunte, wie schnell Inge durchs Netz reiste. Und nicht nur mich ĂŒberraschte das. Auch Kissogram bekamen vom Interneterfolg ihres Songs Wind. Böse waren sie nicht auf mich, ganz im Gegenteil: Es erfreute sie, dass ihr verrĂŒcktes Lied so viel Aufmerksamkeit bekam. SchlieĂlich wurde sogar ernsthaft ĂŒber einen Jamba-Videoklingelton (!) nachgedacht.
Achso: Gibt es Jamba eigentlich noch? FĂŒr alle, die es nicht mehr kennen, ein kleiner Exkurs: Jamba machte in den 2000ern vor allem durch nervige Klingeltonwerbung im Fernsehen auf sich aufmerksam. Wer dann einen tollen Hit bestellte, tappte nicht selten in die Jamba-Sparabo-Falle. So wurden die Macher reich â und kleine Kinder arm.
Jedenfalls wollte Jamba zwar das Lied, nicht aber meine Fresse dazu verkaufen. Eine âechte, alte Omiâ sei zu dem Song authentischer als ein bekloppter Zivi mit BĂ€rtchen. Das sah Kissogram allerdings anders â und deshalb wurde die Idee wieder verworfen und meine Jamba-Karriere beendet, bevor sie ĂŒberhaupt begonnen hatte.
Ingeborg wird Fernsehstar â und landet fast am Ballermann
Je mehr Zuschauer kamen, desto mehr Kommentare wurden abgelassen. Wie das nun mal ist befanden sich darunter nicht nur positive. Von harmloseren Fragen, ob das in dem Video ein Mann oder eine Frau sei, ĂŒber typische Nonsens-BeitrĂ€ge bis hin zu persönlichen Beleidigungen im schlechten Deutsch war alles dabei. Anfangs las ich die Meinungen noch, da YouTube ja netterweise fĂŒr jeden neuen Kommentar eine E-Mail-Benachrichtigung verschickt. Auf einige antwortete ich sogar, doch irgendwann wurden mir die Posts erstens zu viel und zweitens zu blöd. Selbst heute noch trudeln immer wieder E-Mails von YouTube mit dem Betreff âNeuer Kommentar zu Deinem Video: Ingeborg Schnabel...â ein. Mittlerweile lösche ich sie ungelesen.
Irgendwann im Jahr 2007 oder 2008, ich hatte das Video mittlerweile selbst auch auf andere Portale wie MyVideo und Clipfish geladen, landete Ingeborg bei den damals total angesagten MĂ€dels Lynne und Tessa. Die beiden lösten mit ihren Lippensynchron-Musikvideos einen Hype im Netz aus und hatten meinen Clip gesehen. Die Folge ihrer Internetshow, in der ich erwĂ€hnt werde, habe ich zwar nicht mehr gefunden, dafĂŒr aber eine wortwörtliche Abschrift: http://www.lynnetessa-fanpage.de/eng/clipfish11.shtml . Nicht wundern: Damals agierte ich noch unter dem Pseudonym âAyla Viewâ (witzig, ich weiĂ).
Aber damit nicht genug: Der Bekanntheitsgrad von Lynne und Tessa stieg, weswegen der Kölner Fernsehsender RTL 2 mit ihnen eine Clipshow produzierte. Ja, und auch die Inge war wieder mit dabei. In irgendeiner Bestenliste von einem der MĂ€dels war das Video auf Platz... was weiĂ ich. Gesehen hatte die Sendung damals eh keiner. AuĂerdem wurde ich angefragt, ob âDie Katze in der Fensterbankâ in der MyVideo-Show (ebenfalls eine lustige Sendung mit Videoclips aus dem Internet) gezeigt werden dĂŒrfe. Ich willigte ein und schwupps landete die gute Ingeborg auch bei Sat. 1 in irgendeiner Bestenliste. Den achten Platz machte sie und die hinreiĂenden GĂ€ste Jana Ina und Giovanni Zarrella nannten mich in der Sendung liebevoll einen Freak.
Welche Wellen die einprĂ€gsamen Worte âIch zeige ihnen Blumenâ aber tatsĂ€chlich geschlagen hatten, wurde mir erst wĂ€hrend meiner Ausbildung klar. In der Berufsschule kam eine Klassenkameradin auf mich zu und sagte, dass ich das gleiche Lachen wie diese Ingeborg Schnabel habe. Als ich dann erklĂ€rte, dass ich die Person tatsĂ€chlich sei, klinkte sich ein MitschĂŒler ein. Er habe mal ein Praktikum bei einem Musiksender gemacht und den Bossen das Video gezeigt. Die wollten daraufhin einen Vertrag aufsetzen und mich am Ballermann auftreten lassen. GlĂŒcklicherweise ist es dazu nie gekommen.
Ich war jung und bekam kein Geld
SpĂ€ter wurde ich dann noch von MDR Jump Radio zum Katzen-Video interviewt. Bis heute hat mein Clip allein bei YouTube ĂŒber 2,37 Millionen Klicks generiert (Stand: 2. November 2013). Die berĂŒhmte Dunkelziffer mit den Zugriffen bei anderen Portalen liegt wesentlich höher. Durch diesen Erfolg beflĂŒgelt drehte ich ein paar Monate spĂ€ter mit âBeide Arme nach obenâ ein Ă€hnliches Video, was aber nicht mal ansatzweise auf die gleiche Zuschauerzahl kam. Das kennt man ja von One-Hit-Wondern aus den Charts oder Fortsetzungen zu Kinofilmen, die immer wieder auf die gleiche (erfolgreiche) Masche setzen. Auch wenn ich wollen wĂŒrde: Verlinken kann ich das Gymnastikfilmchen leider nicht. Hier hat die GEMA tatsĂ€chlich reagiert und es sperren lassen.
Was hat Ingeborg Schnabel mir nun persönlich gebracht? Nun, reich geworden bin ich nicht. Nein, nicht einen Cent habe ich als WeihnachtsmĂŒtzen-Omi verdient. Ich hĂ€tte wohl Werbung geschaltet, wenn ich die AusmaĂe hĂ€tte erahnen können und es dieses Finanzierungsmodell damals schon gegeben hĂ€tte. Was aber viel schöner ist: Hin und wieder kommt es vor, dass ich von wildfremden Menschen auf das Video angesprochen werde. Sei es in Leverkusen, Darmstadt oder Hamburg (mitten auf der Reeperbahn vor Olivia Jonesâ Bar!). Dann unterhalte ich mich mit den Leuten und erklĂ€re gerne immer aufs Neue, was es mit dem Song eigentlich auf sich hat.
Positiver Nebeneffekt: Durch Inge gelangten viele YouTube-User auch auf meine hibtv-Reportagen, die ich mit meinem besten Kumpel Martin knapp sieben Jahre lang drehte und bei denen jede einzelne Ausgabe meist zwei Tage Arbeit oder mehr in Anspruch nahm. So populÀr wie Ingeborg wurde keine von ihnen.
Mir hat das Langeweile-Produkt Ingeborg gezeigt, wie unberechenbar das Internet ist. Auch wenn es heute durch Facebook, Twitter und Co viel schneller geht, skurrile, komische, verrĂŒckte oder schockierende Clips wie etwa The Fox oder Gangnam Style mit anderen Menschen zu teilen, bin ich schon ein bisschen stolz auf die gute Katze in der Fensterbank. Sie hat es weit geschafft und wird wohl noch einige Menschen im nĂŒchternen oder betrunkenen Zustand, gewollt oder ungewollt, erfreuen oder verĂ€rgern. Jetzt warte ich eigentlich nur noch darauf, dass mich Sat. 1 endlich fĂŒr die nĂ€chste Staffel von âPromi Big Brotherâ anfragt â damit ich freundlich lĂ€chelnd ablehnen kann.