In guten wie in schlechten Zeiten
Abstand gewinnen, sich Zeit nehmen, nicht vorschnell mit Urteilen und Meinungen um sich zu werfen. Gilt im Großen für das gesamte Leben und vielleicht auch im Besonderen, wenn es um Kunst geht. Nachdem sich hier wieder einige Alben angesammelt haben, die ein paar einordnende Worte verdienen, will ich das in den kommenden Tagen endlich in Angriff nehmen.
Als ich das Album When The Harbour Becomes The Sea zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich ein wenig an das Debüt von BOY erinnert. Kreative Popmusik, für die echte Instrumente genutzt, lange nach schönen Melodien gesucht wurde und über deren Texte man sich lange Gedanken gemacht hat. Letzteres ist schon allein deshalb beachtenswert, weil wie schon bei BOY auch hier jemand hinter dem finalen Ergebnis steht, der Deutsch spricht. Und wie schon bei den Musikerinnen-Duo aus Zürich und Hamburg gilt auch jetzt für Vivie Ann, dass hier etwas entstanden ist, dem man nur von ganzem Herzen den internationalen Erfolg wünscht, den es verdient. 12 Songs haben es auf When The Harbour Becomes The Sea geschafft – ein Album, das auf hohem Level ersonnen und letztlich auch produziert ist. Die 27-Jährige ist kein Neuling. Bereits vor drei Jahren ist ihr erstes Album erschienen. Aufgewachsen als Kind von Musikereltern kennt Vivie Ann nicht nur das Tourleben, sondern auch das Musizieren und die Möglichkeit, darüber Geschichten zu erzählen. Nach der Gründung eines eigenen Labels, einer Crowdfunding-Aktion und dem Zusammensuchen der geeigneten Musiker, setzte sich die Wahl-Hamburgerin daran, neue Songs zu schreiben. Herausgekommen ist ein über alle Maßen intensives und starkes Album, das zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt oder kalkuliert wirkt. Und das tut erfrischend gut. Vielmehr gewinnt man den Eindruck, dass Vivie Ann genau weiß, was sie will und dank einer gewissen finanziellen Sicherheit auch machen konnte, wonach der innere Kompass ausschlug. Ihr zweites Album beginnt mit dem Opener No Start und schließt ab mit No End. Und auch wenn das nicht mehr als eine schöne Idee zu sein scheint, weil ja bekanntlich alles einmal einen Anfang und ein Ende hat, hofft man, dass Vivie Anns Reise noch lange anhält.
Vivie Ann // When The Harbour Becomes The Sea // VÖ: 15. März 2019
Wer kann, sollte sich die Newcomerin live nicht entgehen lassen:
03.05.2019 Einbeck, Alte Synagoge
06.05.2019 München, Ampere
07.05.2019 Frankfurt, Brotfabrik
08.05.2019 Berlin, Auster Club
17.05.2019 Stuttgart, Schräglage
18.05.2019 Köln, Subway
20.05.2019 Hannover, Lux
Deutlich eher den Charts zugewandt ist die Popmusik von Hugo Helmig. Das ist aber gar nicht so doof, wie es zunächst klingt. Vor etwa zwei Jahren erschien die erste Single des Dänen und wie ja mittlerweile auch die Letzten mitbekommen haben dürften, ist der kühle Norden der ideale Geburtsort für clevere Popsongs, die gar nicht anders können, als eingängig und doch nicht einfältig zu sein. Nicht nur in den Heimatcharts, sondern auch in den deutschen konnte Helmig mit seinen Debütsongs beachtliche Erfolge erreichen. Jetzt ist der Däne 20 Jahre jung und hat unlängst sein Debütalbum Juveline veröffentlicht, auf dem es gleichermaßen ums Jungsein und ums Erwachsenwerden geht. Die erste Liebe, Herzschmerz, Unsicherheiten, Fehler und daraus gewonnene Erkenntnisse – das sind im wesentlichen die wenig überraschenden Themen, die auf Juveline im Fokus stehen. Musik also, die durchaus Einsatz finden dürfte in verschiedenen Teenie-Serien oder solchen, die davon erzählen wie es ist, heute erwachsen zu werden. Erstaunlich an der Musik Helmigs ist, dass er nicht auf bloße Effekte setzt und ähnlich wie andere zeitgenössische Songwriter – wie etwa Justin Bieber, Ellie Goulding oder Dua Lipa – auf Vocoder und allerlei Soundspielereien vertraut, um auch ja den Puls der Zeit zu befriedigen. Vielmehr liegt Helmigs Stärke in einfachen Gitarrenmelodien und eindringlich vorgetragenen Geschichten, die hier und da zwar mit Synthies und anderen Effekten versehen werden, aber auch nur wenn es der Song und die Stimmung braucht. Nichts hierauf wirkt überproduziert, was aber freilich nichts daran ändert, dass man schon Geschmack daran finden muss. Das allerdings dürfte nicht schwierig sein, weil Helmigs Pop sehr gut ins Radio passt, ohne aber gleich darin unerkennbar unterzugehen.
Hugo Helmig // Juvenile // VÖ: 01. März 2019
Ich will ehrlich sein und das bin ich eigentlich immer, hier aber zu meiner Schande besonders: Die Entstehung des neuen Emma Bunton-Albums habe ich mit großer Neugierde verfolgt. Emma Bunton, eine der Spice Girls, mittlerweile längst eine “Spice Woman” und was für eine: Mama, Celebrity und eine Frau, die eigentlich niemandem mehr irgendwas beweisen muss. Aber dann der Dämpfer: schon die erste Single ihres neuen Album ist allenfalls maximal “nett”: Baby Please Don't Stop kommt daher wie eine Art 60s-Pop-Klon, was durchaus besser hätte gelingen können. Bunton, das vielleicht dünnste Stimmchen der früheren Girl-Group konnte sich vor allem durch Songs säuseln. Aber selbstbewusst die Lehren des Lebens mimen? Darin lag nun wahrlich noch nie ihre Stärke. Als dann My Happy Place, so der Name des neuen Albums, erschien, folgte eine Enttäuschung der nächsten und ich fing an mich zu fragen, warum dieses Projekt nicht im Vorfeld auf mehr Eigenständigkeit getrimmt wurde. Im Pressetext zum Album ist die Rede von zehn neuen Songs, die „in den letzten zwei Jahren aufgenommen (...) wurden“. So so, zwei Jahre soll dieses Werk in der Mache gewesen sein. Acht der zehn Stücke sind mehr oder weniger bekannte Cover, weshalb die Frage erlaubt sein muss, warum die Aufnahmen so lang gedauert haben. Da werden munter die Beatles, Destiny's Child, Norah Jones und selbst die Spice Girls rauf und runter gecovert. Will Young darf ein Duett mit ihr singen (I Only Want To Be With You), Robbie Williams (beim Spice Girls-Klassiker 2 Become 1) usw. Stolze vier der zehn Songs sind Duette – vielleicht weil das Team hinter Bunton weiß, dass sie allein die Songs nicht tragen kann. Was einem hier schlussendlich geboten wird, ist arg frech. Den Beatles-Klassiker eröffnet gar ein Dialog von Bunton und einem ihrer beiden Söhne, was wohl niedlich und rührend wirken soll, aber letztlich nichts anderes ist als kalkulierter Kitsch. Wenn es gerecht zuginge in der Musikwelt, müsste dieses Album floppen wie lange nichts mehr.
Emma Bunton // My Happy Place // VÖ: 12. April 2019