Wie kömmt es, daß ein Geist, der nichts als Glauben haßt,
Und nichts als Gründe liebt, den Schatten oft umfaßt,
Wenn er die Wahrheit denkt in sichern Arm zu schließen,
Daß ihm zum Anstoß wird, was alle Kinder wissen?
Wer lehrt mich, ob's an ihm, ob's an der Wahrheit liegt?
Verführet er sich selbst? Ist sie's, die ihn betrügt?
Vielleicht hat beides Grund, und wir sind nur erschaffen,
Anstatt sie einzusehn, bewundernd zu begaffen.
Sie, die der Dirne gleicht, die ihre Schönheit kennt,
Und jeden an sich lockt, und doch vor jedem rennt.
Auch dem, der sie verfolgt, und fleht und schwankt und schwöret,
Wird kaum ein Blick gegönnt, und wird nur halb gehöret.
Verzweifelnd und verliebt wünscht sie die Welt zu sehn;
Stürzet jeden in Gefahr, um keinem beizustehn.
Ein Zweifler male sich ihr Bild in diesen Zügen!
Nein, sie betrügt uns nie!… Wir sind's, die uns betrügen.
Gotthold Ephraim Lessing: Aus einem Gedichte über die menschliche Glückseligkeit, in: Julius Petersen und Waldemar von Olshausen (Hg.): Gotthold Ephraim Lessing – Werke in sechs Bänden, Köln 1964, S. 183.