"The Miraculous" von Anna von Hausswolff
Zeit, wieder eine "informierte" Rezension zu posten! Die habe ich letztes Jahr für ibash geschrieben. Ich habe auch keine Ahnung, warum die immer länger werden v0v
Wusstet ihr, dass ein Einzelkommentar ein Limit von 999 Zeichen hat? Und wusstet ihr auch, dass man mit etwas tricksen dieses Limit umgehen kann? Wahnsinn!
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Grüße! Eine gute, lange Zeit ist es her, aber mehr als überfällig: Eine Plattenkritik Ausrufezeichen. Erinnert ihr euch an meine Rezension zu Anna von Hausswolffs "Ceremony"? Mit Sicherheit. Setzen wir doch die musikalische Reise mit dem darauffolgenden Album fort. Willkommen zu "The Miraculous".
Erworben als Download in FLAC (16 bit / 44,1 kHz) von Bandcamp, also leider kein physischer Datenträger. Man kann eben nicht alles haben. Was neben der Musik bleibt, ist das Albumcover in Winamp. Eine schwarz-weiß Fotographie der Sängerin, aufgenommen in einer verfallenen Bude im Wald. Kein Wunder, dass dieses Bild der Fotograf als furchteinflößend empfand und unbedingt nehmen wollte. Begrüßt wird die Hörerschaft von der Orgel des Acusticum im schwedischen Pitea, mit gut 9000 Pfeifen eine der größten Europas. Mächtige Drones mit einsetzender Begleitung, wozu sich langsam ein Schlagzeug dazugesellt, der zweite Teil des knapp neunminütigen Titels wird zudem gesanglich von der Schwedin unterstützt - das großartige "Discovery" ist ohne Frage für den Autor dieser Zeilen das beste Stück des Albums.
Musikalisch weit gestreut und abwechslungsreich, so treffen Post-Rock a la Godspeed You! Black Emperor (empfehlenswert!) auf Gothic, Neoklassizismus auf Folklore. Ihre so charakteristische Orgel ist nicht mehr allzeit dominierendes Instrument und wird dadurch umso effektvoller eingesetzt. Die Besetzung nennt Synthesizers, Schlagzeug, Gitarre und Clavioline, zudem Backgroundsänger, darunter von Hausswolffs Schwester, eine in Schweden bekannte Kamerafrau.
Mittlerweile spielt die dritte Titel "Pomperipossa", eine herrliche Homage an Astrid Lindgren. Die einleitende Orgel klingt fast schon verzerrt, es heißt, man habe die Pfeifen dafür teilweise in Wasser versenkt. Aber: Ständig wird nur von Orgel hier, Orgel da, gesprochen und so phänomenal der Einsatz dieses Instruments ist, sollte eines nicht überhört werden: Anna von Hausswolffs Stimme. Mag die Musik noch so facettenreich sein, ihr Gesang vermag es, mit gleicher Finesse allen Höhen und Tiefen ihrer Musik den perfekten Spielpartner zu bieten. Viel mehr noch, zweitweise meint man, der Gesang schwebe über Musik, immer ein Spielball der Musik und gleichzeitig stets das Zentrum des Geschehens. Vier Oktaven, so las ich, habe von Hausswolff. Mal ist sie monoton, später ein mächtiger Sopran und am Ende fast schon charmant-verspielt zu einer Folk-Rock Ballade.
Nach "Pomperipossa" kommt es zu einem weiteren Höhepunkt des Albums. Mit fast elf Minuten ist "Come Wander With Me/Deliverance" längster Titel des Albums. Tatsächlich handelt es sich um ein Cover eines ursprünglich dreiminütigen Liedes. Der Zauber und Melancholie des Originals bleibt anfangs noch erhalten, mit zunehmender Spielzeit wird die Begleitung immer dichter, die Musik immer druckvoller. Hier entstand eine für von Hausswolff so typische Liedstruktur, was sie im Folgealbum perfektioniert hat. Einen dieser Songs habt ihr mehr schlecht als recht bereits kennengelernt. Von Hausswolffs Texte sind ohne Ausnahme in Englisch. An sich kein Konzeptalbum, so ist das Werk doch schwer von einem Ort ihrer Kindheit inspiriert worden. Ein Ort von "Mysterium, Magie und Schrecken", so die Künstlerin. So entstand ein Album gewidmet dem Übernatürlichem, dem Magischen und dem Verborgenem, gespeist von der absolut kindertauglichen schwedischen Folklore. Nach dem musikalischen Höhenflug finden wir uns in einem ruhigem Musikstück wieder. Orgel, Synthesizer, Schlagzeug, rein instrumental. "En ensam vandrare" - ein einsamer Wanderer - versetzt den Schreiber in den Bilderzyklus Winterreise von Inken Stabell (dicke Empfehlung!).
Drei Titel später, als vorletzter des Albums, kommt der gleichnamige Titelsong. "The Miraculous" fängt mit dunklen Drones an, lässt sich viel Zeit mit dem Aufbau, dass nach vier Minuten vereinzelt von Hausswolffs Gesang in der Ferne einsetzt. Diesmal scheint er aber nicht über der Musik zu schweben, sondern eher in dieser zu schwimmen. Mag eine Orgel noch so groß sein, es ist erstaunlich, wie körperlos sie klingen kann. Und in dieser Körperlosigkeit schwimmt Anna von Hausswolffs Gesang. Das sind ein Haufen Metaphern, aber der Song geht zehn Minuten und da passt viel rein. Umso erstaunlicher ist, dass diese zehn Minuten nur mit einer Handvoll verschiedener Klänge gefüllt werden. Und dabei nicht langweilig wird.
Kurioserweise sorgt der magisch-trauhafte Titelsong dafür, dass der letzte Titel umso mehr wie ein Aufwachen aus einem langen Fiebertraum klingt. Der ruhigen Melodie der Akkustikgitarre liegt einem dissonanten Syntesizerklang zugrunde, aber das und das dezente Echo des Gesangs geben "Stanger" eine ganz besondere Atmosphäre, ein schöner Kontrast zu der charmant-verspielten Rock-Ballade.
Ich bin zweifellos sehr angetan von "The Miraculous". Anna von Hausswolff hat spätestens ab diesem Zeitpunkt ein einzigartiges Werk geschaffen. Zwei vorherige Alben weiterentwickelt und zur Reife gebracht. Seit dem hat sie zwei weitere Alben geschaffen. Seit ihr genauso gespannt wie ich?
2015 von 2024 Erscheinungsjahre











