Luciano Floridis "4th Revolution" hat ein Bewusstseinsproblem. Meint John Searle.
zu: John R. Searle (2014) What Your Computer Can't Know. In: New York Review of Books. October 9-22. 2014 Vol. LXI, Number 15
In der diesjährigen Philosophie-Ausgabe der New York Review of Books bespricht John Searle zwei Bücher, die in gewisser Weise als Beschreibungsversuche der menschlichen Erfahrungswelt unter den Vorzeichen der Digitalität darstellen: Nick Bostroms Superintelligence: Paths, Dangers, Strategies (Oxford: Oxford University Press, 2014) und Luciano Floridis The 4th Revolution: How the Infosphere is Reshaping Human Reality (Oxford: Oxford University Press, 2014). Beide kommen denkbar schlecht weg.
Wenngleich Nick Bostrom für seinen Warnruf vor der Maschinenintellegenz das weitaus schönere Cover erhielt - ein wenig fühlt man sich an die iittala Taika-Linie erinnert, während die Frontseite der vierten Revolution mehr in Richtung Tron- bis robotron-Ästhetik strebt - und Searle sogar einen Tick mehr Aufwand beim Widerlegen der These vom superintelligenten Computergerät ("In those [Turings] days "computer" meant a person who computes. A computer was like a runner or a singer, someone who does the activity in question. The machines were not called "computers" but "computer machinery".) betreibt, ist aus der Sicht der Bibliotheks- und Informationswissenschaft erwartungsgemäß weitaus interessanter, was er zu Luciano Floridi schreibt.
Searle betont, dass man zwei Formen der "Information" unterscheiden kann:
1. die der Mathematical Theory of Communication, vulgo Informationstheorie nach Claude Shannon und Warren Weaver und 2. ein Alltagsverständnis von Information, in dessen Zentrum unvermeidlich eine semantische Repräsentation steht.
Er beschränkt sich auf das zweite Verständnis des Phänomens Information und stößt sich an der Behauptung der "vierten Revolution" - nach den Ernüchterungen (1) Kopernikus: wie sind nicht der Mittelpunkt des Universums, (2) Darwin: wir sind nicht Geschöpfe Gottes und (3) Freud: wir sind nicht im Vollbesitz unserer Psyche - die offenbar kurz und knapp besagt: Eigentlich ist alles, was es gibt, Information und damit etwas, womit Computer viel viel besser umgehen können als die Menschen.
Kann er nicht, entgegnet Searle, denn er ist so ohne Bewusstsein wie Information eben nicht einfach da ist. Es gibt zwar Information, die unabhängig vom Betrachter existiert (observer-independent information). Alles was wir für uns selbst in unserem Kopf haben, was also "intrinsisch" ist und was daher nicht davon beeinflusst wird, was ein anderer davon hält, zählt dazu. (Man könnte ihr auch eine Verbindung zum Phänomen der "tacit knowledge" ziehen, aber das ist eine Diskussion für einen anderen Schauplatz).
Alle Information jedoch, die in der Umwelt vorhanden ist und erst in der Interaktion und durch das Erkennen überhaupt zu solcher wird (Wir erinnern uns an Rainer Kuhlens "Information ist Wissen in Aktion".), die wir demnach lesen bzw. wahrnehmen und entschlüsseln, ist relativ und zwar zu dem, der sie interpretiert (observer-relative information; Weavers "Information must not be confused with meaning." ist in diesem Zusammenhang ohne Belang.)
Da so gut wie alle Information in der "Infosphere" des Luciano Floridi nur auf diesem relationalen Weg Information wird, scheitert dessen Konzept:
"Conscious humans and animals have intrinsic information but there is no intrinsic information in maps, computers, books, or DNA, not to mention mountains, molecules, and tree stumps. [...] A conscious mind surveying these objects can get the information, for example, that hydrogen atoms have one electron and that the tree is eighty-seven years old. But the atoms and the tree know nothing of it; they have no information at all."
Es kommt noch schlimmer für Floridi: Die drei Referenzrevolutionen, mit denen er sich vergleicht, sind alle auf etwas gerichtet, was unabhängig von Beobachtern vorliegt, nämlich "observer-independent facts", die nicht Ergebnis einer Interpretation und weitgehend unumstößlich sind. Nun ja, mögen da Geozentristen, Kreationisten und Ingenieure des Geistes einwenden. Das kann man auch anders sehen. Allerdings nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ohne Selbstwiderspruch.
Floridi unterschätzt, so Searle, wie sehr interpretationsbasiert die von ihm proklamierte Infosphäre ist und begeht daher, wenn man so will, einen revolutionären Kategorienfehler. Information ist gerade nicht Teil der Grundstruktur des Universums und deshalb etwas, aus dem sich alles weitere fügt. Sondern:
"Information is entirely a derivative higher-order phenomenon, ant to put it quite bluntly, only a conscious agent can have or create information."
Ohne Bewusstsein gibt es also keine Information: "Consciousness is the basis of information; information is not the basis of consciousness."
Wo Floridi behauptet, auch der Mensch ist wie jede Materie nur ein Ensemble aus Informationsmustern, sieht Searle eine prinzipielle Unvereinbarkeit mit eine ganzen Bandbreite fundierter wissenschaftlicher Erkenntnis. Floridi betreibt folglich Metaphysik:
"metaphysics that I find profoundly mistaken."
(bk, 30.10.2014)











