Mitte 2015
Leben mit Diabetes
Wird man mit Diabetes Mellitus Typ 1 diagnostiziert, steht man urplötzlich vor der Aufgabe, eine funktionierende Bauchspeicheldrüse so gut es geht zu simulieren. Dazu braucht es einen Haufen Equipment, und einen Haufen Daten, deren Interpretation einen beschäftigt.
Kleiner Exkurs: Bei Diabetes Mellitus Typ 1 zerstört das Immunsystem diejenigen Zellen der Bauchspeicheldrüse, welche Insulin produzieren. Diabetes Mellitus Typ 2 (aka “Altersdiabetes”) führt hingegen dazu, dass der Körper das selbst produzierte Insulin nicht so gut verwerten kann. In beiden Fällen sind die Symptome gleich, nämlich der Blutzucker ist zu hoch, sofern man sich nicht drum kümmert. “Drum kümmern” heisst bei Typ 1 in erster Linie Insulin von aussen bedarfsgerecht zuzuführen, durch Spritzen oder eine Insulinpumpe.
Hardware
Wichtigste Frage ist stets: Wie hoch ist der aktuelle Blutzucker? Dafür gibt es die unterschiedlichsten Messgeräte, ich hab ein GlucoMen Ready. Was ich bei diesem als bequem empfinde, ist die Tatsache, dass 25 einzelne Teststreifen (pro Messung braucht man einen) in einer Kassette im Gerät aufbewahrt werden und automatisch zur Messung vorbereitet – bei anderen Modellen muss man die Teststreifen erst aus einem Aufbewahrungsdöschen holen und ins Gerät fummeln.
Die ebenfalls in das Messgerät integrierte Stechhilfe (= kleine Nadel die mit Federspannung in die Haut gestochen wird) piekst ein Loch in den Finger, Blutstropfen wird auf das Ende des Teststreifens aufgetragen, nach fünf Sekunden sieht man das Ergebnis. Das Ganze funktioniert über Amperometrie - die Glukose im Blut reagiert mit einem Stoff auf dem Teststreifen, die Reaktion setzt Elektronen frei, der entstehende Stromfluss wird gemessen und daraus der Glukosegehalt des Blutes berechnet.
Möchte ich nun etwas essen, rechne ich aus, wie viel Kohlenhydrate die Mahlzeit wohl haben wird, und spritze je nach gemessenem Blutzucker und geplanter Mahlzeit die entsprechende Menge Insulin mittels eines Insulin-Pens. Der sieht so aus:
Die Kanüle sollte vor jedem Spritzen gewechselt werden. Die Nadel für die Stechhilfe des Messgerätes eigentlich auch, aber da darf man ein bisschen fauler grosszügiger sein.
Auf dem Pen stelle ich mit einem Drehknopf die Anzahl der Insulineinheiten ein. Mein Pen hat eine 0,5er Skala, damit kann man schon relativ fein dosieren. Gespritzt wird mit Druck auf den Knopf, wie bei einem Kugelschreiber. Ok, das Ding heisst ja auch Pen.
Der Pen hat eine sogenannte Echo-Funktion, was heisst, dass er eine (grobe) Information über die zuletzt gespritzte Insulinmenge und den Zeitpunkt dafür gibt. Dafür gibt es eine Anzeige oben auf dem Drehknopf.
In diesem Fall wurden vor fünf Stunden fünf Einheiten Insulin gespritzt.
Was ich also für meine Bauchspeicheldrüsenimitation ständig in Reichweite haben sollte, ist folgendes:
Blutzuckermessgerät, mit Teststreifen
Wechselnadeln für das Messgerät
je 1 Insulin-Pen für Kurz- und Langzeitinsulin
Wechselkanülen für die Pens
Nachfüllampullen mit Insulin für die Pens
... und mein Telefon für die Dokumentation.
Daten
Das Blutzuckermessgerät speichert bis zu 800 Messwerte. Diese kann man über USB-Kabel auslesen und mit einer Software des Herstellers anschauen, hab ich aber noch nie gemacht.
Ich trage bisher alle Daten in einer App ein, die heisst DiaConnect. Von dieser Sorte App gibt es etliche, die bekannteste dürfte derzeit mySugr sein. Ich hab bei der Auswahl keine grosse Marktforschung betrieben, hauptsächliches Kriterium war einfache Bedienung.
Neben Blutzuckerwert, Kohlenhydraten und Insulin lassen sich eine ganze Reihe weiterer Daten speichern, die den Blutzucker beeinflussen (Sport) oder den aktuellen körperlichen Zustand zeigen (Puls, Gewicht, Blutdruck, eine Auswahl unterschiedlicher Arten, sich komisch zu fühlen), sowie freie Notizen.
Ein bunter Strauss an Möglichkeiten ...
Das Freitextfeld benutze ich, um detailliert zu notieren, was ich zum jeweiligen Zeitpunkt gegessen habe. Routiniertere Menschen mit Diabetes machen das meist nicht mehr, ich sammel allerdings noch Erfahrungen, welche Lebensmittel mit welchem Kohlenhydratgehalt wie wirken. Eine enorme Hilfe beim Notieren ist die Diktierfunktion des iPhones, auch wenn die nicht hundertprozentig treffsicher ist.
In der App kann man sich einen Graphen mit der Zeitreihe der Zuckerwerte malen lassen, der ist aber nicht besonders aussagekräftig. Ich schaue eigentlich hauptsächlich auf die Farbe der Einträge, die zeigt an, ob man sich im vorgegebenen Blutzuckerzielbereich befindet bzw. wie hoch die prozentuale Abweichung ist.
Viel Grün ist gut
Meine Lieblingsinformation aus der App: Ich hab mir bisher knapp 3000 Mal in die Finger gestochen. Klingt übrigens schlimmer als es ist.
Die Daten lassen sich im Format eines Blutzuckertagebuchs als PDF exportieren, oder als CSV.
Das alles ist natürlich überhaupt nicht standardisiert, jeder Hersteller hat da sein eigenes Datenmodell, der kleinste gemeinsame Nenner dürfte die Angabe von Uhrzeit, Blutzuckerwert und Insulinmenge sein. Interessanterweise werden auch nicht alle der eingegebenen Daten in den CSV-Export inkludiert (Sport ja, Heisshunger etc. nein). Ach ja, und die Daten werden auch auf dem Server des Anbieters aufbewahrt, dadurch lassen sie sich zwischen unterschiedlichen Geräten synchronisieren. Die kognitive Dissonanz wegen der Privatheit meiner Gesundheitsinformationen nehm ich in Kauf.
Ich nutze derzeit den PDF-Export hauptsächlich, um ihn dem Arzt zu zeigen. Mit dem CSV-Export wird ein bisschen herumexperimentiert. Der Web Service Plotly bietet ziemlich umfangreiche Funktionen zur Visualisierung der Daten. Interessante Aussagen sind zum Beispiel Verhältnis zwischen gespritztem Insulin und gegessenen Kohlenhydraten, oder Zeitreihe des Nüchternblutzuckers.
Also, so läuft das bisher, aber jetzt gibt's da was Neues ... <to be continued>
(nahoernsiemal)












