Meine Oma väterlicherseits, Jahrgang 1906, erzählte mir einst vom Untergang der Titanic. Da muss ich so etwa neun Jahre alt gewesen sein. Die Gründe, warum sie es mir erzählt hat, kenne ich nicht. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass sie mir die Familienausflüge auf dem Weserdampfer verleiden wollte. Denn nach ihrer Erzählung hatte ich höllische Angst, auf den Schaufelraddampfer zu gehen. Ganz schlimm wurde es einmal, als dieser in Veckerhagen anlegte und es in Strömen regnete, blitze und donnerte und es sehr windig war. Das hieß, bei diesem Wetter fuhr die Gierseilfähre nicht rüber nach Hemeln zu den Großeltern mütterlicherseits, denn dort stand der Trecker von Papa, mit dem wir ja wieder nach Varlosen zurückfahren wollten. Es gab nur den Weg hinüber mit dem Ruderboot, welches auch von einem Fährmann gerudert wurde. Bis dato war ich noch nie in so ein Boot eingestiegen, ich konnte nicht schwimmen, es schaukelte alles, ich hatte einfach nur noch Angst. Meinem Vater war es auch nicht so ganz geheuer, aber er schrie uns an, wir sollten jetzt nicht so rumzappeln und endlich einsteigen.
So wütend, so unbeherrscht hatte ich die Weser noch nie erlebt wie an diesem Abend. Omas Geschichte kam mir wieder in den Sinn, die Geschichte von der Titanic. Das Ruderboot, eines der Rettungsboote der Fähre. Bis heute habe ich Angst übers Meer zu fahren. Danke, Oma.
Wenn man andererseits bedenkt, dass Nachrichten, wie über den Untergang der Titanic, einige Zeit dauerten, bis sie wirklich in jeden Winkel der Welt vorgedrungen waren, und wie alt meine Oma zu jenem Zeitpunkt war, was für einen Schrecken es bei ihr verursacht haben musste, eine solche Nachricht vermittelt zu bekommen … Mit sechs ist es sicher damals das unfassbarste gewesen, was man sich vorstellen konnte. 1514 Menschen kamen da ums Leben, eine ebenfalls kaum greifbare Zahl in den Augen eines sechsjährigen Kindes. Das waren etwa viermal so viel Menschen, wie unser kleines Dorf hatte.
Nachrichten jeglicher Art hatten es zu jener Zeit nicht so schnell um die Welt geschafft wie heute. Heute, in dieser immer digitaler werdenden Welt. 2001 war ich gerade bei Foto Leppin, um den neuen Film aus meiner Kamera zum Entwickeln vorbeizubringen, als Carola die gerade am PC hinten saß, fassungslos sagte: Das gibt es doch nicht. Wisst ihr, was gerade passiert. Die Verkäuferin und ich stürmten zu ihr nach hinten, und wir konnten mitverfolgen, wie auf dem Bildschirm die Türme zusammenstürzten. Es war in den USA und doch über den Bildschirm so real nah.
Ich eilte dann nach Hause und machte meinen Rechner an und rief meinen damaligen Mann, der gerade noch seinen Kaffee trank, um ihm zu zeigen, was da gerade in der Welt vor sich ging.
Es war schon weltbewegend und doch habe ich es nicht so an mich herangelassen. Es war nicht hier, sondern in den USA, einem Land, das für Rohstoffe und Öl Kriege anzettelte, um sich diese Kostbarkeiten sozusagen unter den Nagel zu reißen. Das Schicksal der Zivilisten dort scherte sie nicht. Außer dem Unabhängigkeitskrieg hatte kein internationaler Krieg mehr auf US-amerikanischem Boden stattgefunden, aber eingemischt haben sie sich, wo immer es ging, weltweit. Und hinterher in irgendeiner Form auch immer Gewinne jeglicher Art daraus geschlagen. Jetzt dieser Angriff von außen auf ihr Territorium, das musste jeden Amerikaner ins Mark treffen. Sie hielten sich für unantastbar, so wie einst die Titanic für unsinkbar gehalten wurde.
Kriege, die in aller Welt stattfanden, Kriege, die oft von der eigenen Regierung animiert wurden, geschahen außerhalb ihrer eigentlichen Welt. Hollywood lieferte schließlich auch genug Filme, bei denen es um große Schlachten ging. Aber hey … das waren /sind Filme. Die andere Seite, dass Kriege eben auch Leid hinterlassen, war ebenfalls weit weg. Siege wurden großspurig verkündet, die Nebenerscheinungen waren egal, da konnten sich andere drum kümmern.
Der Verlust der Türme, Wahrzeichen schlechthin, förderte zutage, dass die USA verwundbar waren. Auch sie haben sozusagen eine Achillesferse. So gesehen, war diese Erfahrung wichtig, wichtig für die Welt.
Blindwütig wurde allerdings zurückgeschlagen, ohne tatsächlichen Anhaltspunkt. Und es sollten alle Staaten mitmachen, die im Nato-Bündnis gefangen sind. Meines Erachtens war es eine rein amerikanische Angelegenheit. Zumal noch hinzukommt, dass die Amerikaner falsche Bilder in Umlauf brachten, um diesen Angriff zu rechtfertigen. Unter unserem damaligen Außenminister Joschka Fischer machten wir offiziell zwar nicht mit, nur hintenrum kam dann doch heraus, dass wir da heimlich mitmachten, allerdings ohne Zustimmung des Bundestages. Diese Entscheidung wurde allein vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder getroffen.
Ich habe nie verstanden, warum man nicht die Chance nach der Wiedervereinigung genutzt hat, aus der NATO auszutreten. Unser Nachbarland Frankreich hatte zu jener Zeit eine eigene Streitmacht, schloss sich allerdings 2009 der NATO an, etwas, was ich nicht nachvollziehen kann. Warum hat Frankreich nicht die anderen europäischen Staaten überzeugen können, eine gemeinsame Armee aufzustellen. Auch wenn ich an sich grundsätzlich gegen jede Art von Krieg bin, wäre das für mich eine vertretbare Option gewesen.
Frieden hört sich friedlich an, ist aber schon in der biblischen Geschichte nicht gewährleistet. Es brodelt selbst im Frieden immer mal wieder und braucht dann ein Kalkül, um dann plötzlich in Form von Krieg gebrochen zu werden.
Es ist wie es ist, Krieg und Frieden brauchen sich wohl, um wieder die Regel vom Anfang und Ende zu bestätigen.
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