„How To Watch Television“: Ein Leitfaden für die beliebteste und vielleicht komplizierteste Freizeitbeschäftigung der Welt
Eigentlich ist es doch gar nicht schwer: aufs Sofa setzen, den Knopf auf der Fernbedienung drücken – fertig. Schon läuft der Fernseher, schon schaut man fern. Worüber möchte da ein Buch mit dem Titel „How To Watch Television“ („Wie man fernsieht“) überhaupt aufklären? Das möchte ich durch die Bezugnahme auf ein simples Beispiel mit einer kleinen Einleitung näher erläutern.
Das eingangs erwähnte Szenario ist heute nur noch eine Möglichkeit, fernzusehen. Natürlich haben sich die Fernsehinhalte in den vergangenen Jahren enorm verändert, mindestens ebenso stark hat sich zudem jedoch sein Dispositiv, also seine Form/Struktur gewandelt. Nehmen wir an, ich möchte die neueste Episode meiner Lieblingsserie schauen. Das hieß in den vergangenen Jahrzehnten in der Regel, dass man rechtzeitig zum Ausstrahlungszeitpunkt vor dem Fernseher zu sitzen hatte. In diesem appointment-Modell war der Konsument derjenige, der den zeitlichen Regeln der Sendeanstalten zu folgen hat. Wer zu spät kam, hatte es schlichtweg verpasst.
Mach es, wie’s dir gefällt – oder bist du dabei überfordert?
Heute stellt sich die Situation vielschichtiger dar. Sofern ich meine Wunsch-Episode nicht während der regulären Sendezeit gesehen habe, kann ich mir sie beispielsweise (in der Regel innerhalb von sieben Tagen nach dem klassischen Ausstrahlungstermin) in der Online-Mediathek des Senders anschauen. Oder aber, ich zeichne die Folge auf – das geht per DVD-Recorder, einem TV-Receiver mit eingebauter Festplatte (Digital Video Recorder => DVR) oder schlichtweg einer USB-Festplatte. Bin ich unterwegs, habe ich weitere Möglichkeiten, die Sendung dennoch zu verfolgen. Einige Sender bieten einen Teil ihres Programms per Live-Online-Stream auf ihrer Website an oder ermöglichen dem Nutzer, die Inhalte per App auf mobilen Geräten zu konsumieren. „Sky Go“ für mobile Geräte ist solch ein Fall. Darüber hinaus existieren noch die Video-on-demand-Angebote (VOD) dritter Anbieter, wie zum Beispiel YouTube, Amazon Instant Video und Netflix. Dadurch, dass sich diese Services nicht nur per Computer konsumieren lassen, erweitert sich die Palette der Wiedergabe-Möglichkeiten nochmals. Verbinde ich meinen Laptop mit dem Fernseher? Schaue ich die Folge über meine Xbox One, PlayStation 4 oder Wii U, für die mein VOD-Anbieter Apps bereithält? Oder hat mein neuer Flachbildfernseher solch eine App sogar schon vorinstalliert? Die Möglichkeiten sind vielfältig. Zwar ist der Nutzer hier nach wie vor von gewissen Entscheidungen der Sendeanstalten abhängig. Dennoch kann er sehr viel freier über die Zusammenstellung und den Zeitpunkt seines Konsums verfügen, als beim appointment-Modell, das in der flow-Struktur (die einzelnen Sendungen gehenfließend ineinander über, damit der Zuschauer in diesen Fluss eintaucht und möglichst lange vor dem Fernseher sitzen bleibt). Nicht missachten darf man dabei meiner Meinung nach allerdings, dass manche Rezipienten durch die Masse an Empfangswegen und –möglichkeiten verwirrt sind. Manchmal so sehr, dass sie ausschließlich dem klassischen Fernseh-Modell treu bleiben: „Wenn es Zeit wird, dann sitze ich vorm Fernseher.“ Ironischerweise kann die Macht des Konsumenten also so groß sein, dass er nicht weiß, was er mit ihr anfangen soll. Das ist schade für ihn, noch mehr aber für die Fernsehindustrie, die sich mit dem bemühten Versuch, ihr Medium dem Zeitgeist anzupassen, ihr eigenes Grab schaufeln könnte.
Wann? Wo? Wie? Eine lesenswerte Hilfe für jeden TV-Zuschauer
Was ich zum Ausdruck bringen möchte, ist, dass das Medium Fernsehen heute viel mehr ist (oder sein kann) als der traditionelle Griff zur Fernbedienung. Nicht vergessen sollte man aber auch, dass die Konvergenz des Fernsehens (also dass es mehrere Medien in sich vereint bzw. miteinander verbindet) schon in den 1970ern vom Soziologen und Medientheoretiker Raymond Williams betont wurde. Würde man fernsehen, so Williams, wäre dies, als hätte man gleichzeitig mehrere Zeitungen und Zeitschriften gelesen und Theaterstücke angeschaut. Und auch die Medialität des Radios, möchte ich anfügen, ist dem Fernsehen in gewisser Weise inhärent. Nichtsdestotrotz genießt die Debatte um die aktuelle Konvergenz vom Fernsehen aber insofern mehr Beachtung und Beteiligung, dass sie nicht mit analogen Medien wie der Zeitung & Co. zu tun hat. Denn nur dank seiner Digitalität können wir über das Fernsehen heute so individuell bestimmen. Nicht nur wann ich schaue, sondern auch wie viel und mithilfe welchen Gerätes. „How To Watch Television“ (HTWT) ist in dieser Hinsicht ein exzellenter Begleiter in der begonnenen Ära des digitalen Fernsehens, das dem Nutzer gleichermaßen neue Möglichkeiten eröffnet als auch für Verwirrung sorgt und sich neue Probleme ergeben. Ich möchte jetzt zeigen, was das Buch meiner Meinung nach so gehaltvoll und wichtig macht. Und zwar für jeden – egal ob Akademiker, medienwissenschaftlichen Studenten, Journalisten, Branchenkenner, Serien-Fan, TV-Junkie, Gelegenheits-Zuschauer oder anspruchsvollen Genießer. Wer mit Fernsehen absolut nichts am Hut hat, der kann nun von mir aus aufstehen und sich einen Teller Nudeln kochen. Aber ich weiß, dass ihr – wenn ihr ehrlich seid – alle sitzen bleiben werdet. Das lohnt sich meines Erachtens auch.
Wie ein dick belegtes Sandwich
HTWT ist wie ein dick belegtes Sandwich. Es ist von allem etwas dabei, sodass jeder etwas findet, was ihm schmeckt. Und manchmal merkt man beim näheren Hinsehen, dass sich überraschenderweise die Dinge als schmackhaft entpuppen, die man zuvor immer auf dem Teller hat liegen lassen. Den Fehler hätte ich beim Lesen von HTWT vermutlich selbst begangen, wenn ich mir im Rahmen meines Studiums nicht auferlegt hätte, das Buch komplett durchzuarbeiten, und zwar mit Notizen zu jedem der 40 enthaltenen Essays auf den knapp 400 Seiten. Ich wage zu behaupten, dass man nach dem Lesen tatsächlich „anders“ mit dem Fernsehen als Medium umgeht. Und hier profitieren meines Erachtens vor allem Laien, die sich mit der wissenschaftlichen Betrachtung des Fernsehens bisher nicht beschäftigt haben. Die vielleicht noch nicht mal wussten, dass es so etwas überhaupt gibt. Aber das tut es, und zwar – man schaue nur in die Einleitung des Buches – aus gutem Grund.
Wie ist HTWT aufgeteilt? Wie gesagt beinhaltet das Buch 40 Essays, die sich kritisch mit dem Thema „Fernsehen“ auseinandersetzen. Wer Angst haben sollte, von tonnenweise Fachbegriffen und ellenlangen Aufsätzen erschlagen zu werden, braucht sie nicht zu haben. Denn die Essays sind bewusst kürzer gehalten, als es im wissenschaftlichen Bereich üblich ist. Die meisten Essays erstrecken sich über acht bis neun Seiten. Eine ansprechende Länge, die es vermeidet, das jeweilige Thema zu grob anzufassen, gleichfalls jedoch nicht so umfassend erläutert, dass der Leser irgendwann gelangweilt das Buch zuschlägt.
Comedy, Krimi und Kochen: Für jeden etwas
Die Essays sind in fünf Bereiche eingeteilt. „TV Form: Aesthetics and Style“, „TV Representations: Social Identity and Cultural Politics“, „TV Politics: Democracy, Nation, and the Public Interest“, „TV Industry: Industrial Practices and Structures“ und „TV Practices: Medium, Technology, and Everyday Life“. Anschaulich geraten die Themen der Essays meiner Meinung nach insbesondere dadurch, dass sich jeder Essay auf eine bestimmte TV-Serie oder TV-Show bezieht. Krimi-Serien wie „24“ kommen hier genauso vor, wie Comedy-Serien (unter anderem „Modern Family“ und „The Cosby Show), Serien mit dem Fokus auf Drama und zwischenmenschlichen Beziehungen („Grey’s Anatomy“, „Gossip Girl“, „Mad Men“ etc.), Animations-Serien („Phineas & Ferb“, „Family Guy“, „Samurai Champloo“ etc.) sowie Reality-, Nachrichten- und Koch-Shows. Das Fernsehen in all seinen Facetten, voll und ganz, wie man es von diesem eklektischen Medium gewohnt ist.
Herausgeber sind die beiden US-amerikanischen Medienwissenschaftler Ethan Thompson und Jason Mittell. Beide haben jeweils bereits mehrere Bücher zum Thema verfasst bzw. waren an ihnen beteiligt, wie beispielsweise „Satire TV: Politics and Comedy in the Post-Network Era“ und „Genre and Television: From Cop Shows to Cartoons in American Culture“. Mittell betreibt außerdem die Website „Just TV“, über die er seine Gedanken zu Fernsehinhalten mit dem Rest der Welt teilt. Übrigens war Mittell in der Vergangenheit an einer wissenschaftlichen Kollaboration mit der Universität Göttingen beteiligt.
Jeder schaut anders, jeder urteilt anders
Was ist nun das Ziel von HTWT? Das Buch ist in keiner Weise polemisch und richtet nicht nach dem Motto „Das ist gutes Fernsehen, das ist schlechtes Fernsehen“ über die behandelten Inhalte. Das wäre einfach nur stupide. Stattdessen findet es einen ansprechenden Mix aus Schilderung, Analysieren, Hinterfragen und Schlussfolgern. Der spezielle Inhalt eines jeden Essays kann dabei natürlich ganz anders aussehen, als im darauffolgenden. Dennoch betont Jason Mittell in seinem Einleitungstext, dass sich alle Essays vier grundsätzliche Faktoren ( „basic assumptions“) teilen:
Das Fernsehen ist kompliziert („TV is complicated“).
Um das Fernsehen zu begreifen, muss man es konsumieren („To understand TV, you need to watch TV“).
Jeder schaut anders Fernsehen („Nobody wachtes the same TV“).
Kritik ist nicht das Gleiche wie Bewerten („Criticism is not the same as evaluation“).
Speziell den letzten Faktor halte ich bezüglich des Verfassens und Lesens der Essays für wichtig. Man muss eine TV-Serie oder TV-Show nicht lieben oder hassen, um über sie etwas Markantes zu schreiben. Gleiches gilt aber auch für den Leser: Er muss nicht unbedingt Hardcore-Fan einer Serie oder Show sein, um den jeweiligen Text verstehen zu können. Ich selbst habe einige der Serien und Shows, denen sich die Essays widmen, nie oder nur ansatzweise gesehen. Von anderen dagegen dutzende von Episoden oder gar jede einzelne, die jemals produziert wurde. Das spricht für die Qualität der Essays. Wer den spezifischen Inhalt, dem sich der Essay widmet, nicht kennt, muss nicht gleich zum nächsten Essay springen. Denn Thema und Kontext werden jeweils so erläutert, dass Novizen und Kenner mit den Texten zurechtkommen. Bei einigen Shows ist es so, dass man (als westeuropäischer Leser) von ihnen noch nie etwas gehört hat, nach einer einleitenden Erläuterung aber mit Shows bzw. deren Mechanismen gleichsetzen kann, die man dank des eigenen Fernsehkonsums kennt. „America’s Next Top Model“ mag sich vielleicht in Nuancen von „Germany’s Next Top Model“ unterscheiden, der grundlegende Ansatz der Shows ist aber der gleiche. Ähnliches gilt für die Soap-Opera „One Life to Life“, die man mit Äquivalenten wie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ verbinden kann.
Fernsehinhalte sagen vieles aus. Sie können zeigen, wie wir heute mit Ereignissen aus der Vergangenheit umgehen. Sie können aktuelle politische oder soziale Ereignisse in einen eigenen Kontext setzen, und zeigen, wie die Konsequenzen anmuten. Sie können die Ansicht einer ganz bestimmten soziodemografischen Gruppe widerspiegeln. Und sie sind im Stande dazu, unser Verhältnis zum Arbeitsleben, zu sozialem Engagement oder zum Thema Bildung zu reproduzieren und gleichermaßen (neu) zu formen. Das klingt nach einer Menge an sehr wichtigen und essenziellen Elementen des menschlichen Lebens, und verdeutlicht meiner Meinung nach, wie wertvoll der Inhalt eines Fernsehprogramms sein kann (aber nicht muss).
Durchdachtes Beurteilen statt langweiliges Abstumpfen
Der Medienwissenschaftler Jason Jacobs schreibt in einem Essay davon, dass sich „gutes“ Fernsehen dadurch auszeichnet, dass es vom Rezipienten eine durchdachte Beurteilung fordert. Man „verliert“ sich also nicht im Programm, sondern verbindet das Wahrgenommene mit den Erlebnissen des alltäglich Erlebten. Das ist einer der entscheidenden Faktoren beim digitalen Fernsehen. Weil ich mir durchaus nur das aussuche, was mich explizit interessiert und andere Inhalte, die mir vielleicht einen Erkenntnisgewinn bringen, jedoch strikt ablehne, laufe ich Gefahr, in gewisser Weise abzustumpfen. Um das auf meine Sandwich-Metapher zu übertragen: Sofern ich am liebsten ein Sandwich mit Käse und Schinken esse, ist nichts dagegen einzuwenden, ein solches häufig zu genießen. Aber wenn meine Sandwiches ausschließlich mit Käse und Schinken belege, stellt sich irgendwann ein langweiliger Automatismus ein. Und es entgehen mir so viele andere Geschmäcker. Sicherlich wird mir nicht jeder Sandwich-Belag, den ich zum ersten Mal ausprobiere, auch tatsächlich schmecken. Aber auch das ist eine wichtige Erkenntnis. Und wer weiß: Vielleicht ist eben jenes Gurken-Avocado-Sandwich, das ich noch nie probiert habe, bald mein neuer Favorit? Mein heiß geliebtes Käse-Schinken-Sandwich kann ich mir zwischendurch ja nach wie vor genehmigen. Dann schmeckt es als bewusst seltener konsumierte Besonderheit wieder umso besser.
„Everybody lies“: So kann Komplexität entstehen
Ein paar Beispiele aus HTWT, die die Reichhaltigkeit des Buches verdeutlichen? Ein Essay von Amanda D. Lotz zeigt, inwiefern die Arzt-Serie „House“ (in Deutschland „Dr. House“) narrative Komplexität offenbart, obgleich der Aufbau der Folgen grundsätzlich einem festen Plan folgt. Komplex und anspruchsvoll wird die Serie unter anderem, wenn man an das Motto von Dr. House berücksichtigt: „Everybody lies“ („Jeder lügt“). Denn Lügen folgen keinem festen Plan und halten Überraschungen bereit.
Ben Aslinger zeigt, inwiefern „Nip/Tuck“ populäre Musik (Obacht, das Video ist nichts für Leute mit empfindlichem Magen…) in eine Fernsehsendung einbindet. Er zeigt auf, dass die Einbindung ironisch gemeint sein kann, ein anderes Mal die Ästhetik der Serie unterstützt oder einen kritischen Moment des jeweiligen Plots einleitet.
Besonders ansprechend als Aficionado von Animationsserien, die sich primär an Kinder richten, hat mir der Essay von Jason Mittell gefallen. „Phineas & Ferb“ mag man auf den ersten Blick für ein typisches Disney-Lizenzprodukt halten: Eine bunte Show, die eigentlich nur als Motor des Merchandising-Apparates dient. Aber hinter „Phineas & Ferb“ steckt durchaus mehr. Die Serie ist selbstreflexiv, parodiert Marotten seiner eigenen Figuren und greift Plots aus vergangenen Episoden in neuem Kontext auf. Beispielsweise interpretiert eine Episode die Ereignisse der allerersten Episode erneut auf – und zwar als Musical. Das Wahrnehmen von solchen Praktiken bereitet junge Zuschauer, so Mittell, auf das Rezipieren von komplexen Serien ansprechend vor.
Von Terroristen und mutigen Familienbildern
Ein Essay über „24“ von Evelyn Alultany behandelt, inwiefern Stereotypen in US-amerikanischen Serien dargestellt werden. „24“ dreht den patriotischen Spieß in gewisser Weise um: Figuren, die man engstirnig als Terroristen wahrnimmt, entpuppen sich machmal als das exakte Gegenteil. Und auch beim Essay von Christine Acham, der sich mit „The Cosby Show“ befasst, steht die sozial-politische Identität von Menschen im Fokus. „The Cosby Show“ war Mitte der 1980er-Jahre die erste US-Serie, in der eine schwarze Familie nicht als Mitglied der Arbeiterklasse, sondern überdurchschnittlich gebildet und wohlhabend illustriert wurde. War das idealistisch? War das mutig? War das bewusst polarisierend? Vielleicht war es alles zusammen.
Überraschte Spießer & pornographische Mahlzeiten
Auch darüber hinaus steckt in den Essays von HTWT noch so viel diskutables und wissenswertes Material. Wie hat sich in den 1960er-Jahren ein spießiger US-Amerikaner verhalten, der auf einer Party mit homosexuellen und sehr freigeistigen Menschen zu Gast war („The Dick Van Dyke Show: Queer Meanings“ von Quinn Miller)? Wie lässt sich das Product-Placement von einem Apple iPad beurteilen, wenn dies einerseits zum Wesen des betreffenden Charakters passt, andererseits die betreffende Episode aber nur wenige Tage vor dem offiziellen Verkaufsstart des Produkts ausgestrahlt wurde („Modern Family: Product Placement“ von Kevin Sandler)? Stehen in Koch-Sendungen tatsächlich nur der Akt des Kochens und die gelegentliche Bewerbung von Nahrungsmitteln und Küchenhelfern in den Werbepausen im Mittelpunkt? Erweckt das Zubereiten beim Zuschauer nicht auch den Wunsch nach sozialer Distinktion, also nach dem Motto „Ich brauche keine Pork-Chops mit billiger Soße, ich esse italienisches Filetfleisch mit Feigen“? Spielen die Inszenierung der weiblichen Moderatorin und übergeordnete Präsentation der Speisen („food porn“) nur Neben- oder gar Hauptrollen („Everyday Italian: Cultivating Taste“ von Michael Z. Newman)? Und: Wie stellt eine Fernsehserie die transmedialen Prozesse unserer digitalen Kultur dar? Nicht nur in den Plots der Serie selbst, sondern auch im wahren und virtuellen Leben von ihren Zuschauern, per Social-Media-Apps und Goodies in Videospielen („Gossip Girl: Transmedia Technologies“ von Louisa Stein)?
Unterschiede zwischen dem Fernsehen der USA und Deutschland
Kann man einwenden, dass sich HTWT zu sehr auf den US-amerikanischen Fernsehmarkt konzentriert? Ich gebe zu: Historisch gesehen unterscheiden ich der deutsche und der US-amerikanische Fernsehmarkt enorm. Privates und kommerzielles Fernsehen gab es in den USA bereits ab den 1930er-Jahren. Einen kommerziellen Status, mit von Unternehmen gesponserten Shows und Werbeblöcken, hatte das Medium Fernsehen in den USA also schon, als es in Deutschland noch nicht mal öffentlich-rechtliches Fernsehen gab. Und auch, als dann die ARD und das ZDF in Deutschland empfangbar waren, dauerte es noch bis in die 1980er-Jahre, bis Privatsender die deutschen Fernseher belieferten.
Junges Erfolgsmodell: Der Nischensender
Heute gibt es dagegen deutlich mehr Gemeinsamkeiten. Sowohl strukturell (Pay-TV per digitalem Satelliten- und Kabelfernsehen) als auch bezüglich der Anpeilung von Zielgruppen. Denn weil den meisten Zuschauern heute der Inhalt wichtiger ist, als der Flow („Ist doch egal, auf welchem Sender meine Lieblingsserie läuft – Hauptsache, ich kann sie gucken!“), setzen die Sendergruppen verstärkt auf Nischensender. „Branding“ ist hier das Stichwort, um Zuschauer für das gesamte Spektrum des Senderprogramms zu begeistern. RTL Nitro und DMAX werben mit Fernsehen für „echte Männer“, Sixx fokussiert sich auf weibliche Zuschauer. Sat. 1 Gold möchte vor allem Frauen zwischen 40 und 65 Jahren vor den Bildschirm locken, Nickelodeon setzt auf Serien und Shows für Kinder. Und auch spezielle Programmblocks, wie etwa der „Mad Monday“ auf ProSieben und Vox‘ abendliches Aneinanderreihen von Krimiserien sollen den interessierten Zuschauer an das Sender-Image – und eben nicht bloß an eine bestimmte Sendung – binden.
Den stärksten Claim, dass der Zuschauer hier gerade etwas ganz Spezielles schaut, wagt vermutlich der US-amerikanische Bezahlsender HBO, der mit „It’s not TV. It’s HBO“ für sich selbst wirbt. Die Spezialisierung aufs Nischenpublikum hat also heute in der Industrie des Fernsehens generell Methode. Das Ziel ist klar: Weil es heute potenziell möglich ist, das Programm von hunderten von Sendern zu verfolgen, hat sich das Fernsehpublikum enorm gespalten. Das bedeutet für die Sender generell weniger Zuschauer und ebenso generell sinkende Erlöse durch Werbung. Mit dem Zulauf von einer ganz bestimmten Zielgruppe kann man seinen Werbekunden das Einkaufen von Werbezeit jedoch sehr viel schmackhafter machen. Denn die werbenden Unternehmen können davon ausgehen, dass exakt die Leute ihre Werbebotschaften sehen, die als potenzielle Käufer angesehen werden. Einfach mal auf die Werbeblocks der Sender achten. Mattel, Hasbro & Co. sind Stamm-Werbekunden von Nickelodeon, selbiges gilt für Volkswagen, Gillette etc. in Bezug auf RTL Nitro und allerlei Kosmetikhersteller in den Werbeblocks bei Sixx und Sat. 1 Gold.
Damit der Zuschauer nicht in der Sackgasse landet
Das Fernsehen ist ein integraler Bestandteil des täglichen Lebens von einem Großteil der Weltbevölkerung. Wenn man es schon (intensiv) konsumiert, dann sollte man dies auch bewusst und selbstkritisch tun. Das schließt nicht aus, auch mal „einfach nur“ den Fernseher anzumachen und sich ganz nach Gusto durch die Programme zu schlängeln. Aber doch steckt hinter jedem Fernsehinhalt mehr als das, was man hört und sieht. Wirtschaftliche Interessen von Werbekunden, narrative und ästhetische Beschlüsse von den Machern, zeitliche und im Sinne des Marktanteils getroffene Beschlüsse der Sendergruppen, manchmal zensorisches Eingreifen (Peter Griffin weiß Bescheid) von Behörden. Am Ende dessen steht (bzw. sitzt) der Konsument, der all dies auf sich wirken lässt und einzuordnen hat. Es bleibt ihm selbst überlassen, wie er damit umgeht. Idealerweise hilft HTWT dabei, dass der Konsument bei der Rezeption nicht blauäugig vorgeht. Wie Jason Mittell in der Einleitung des Buches hofft – und so hoffe auch ich –, sollte HTWT nicht den Weg finden, den die meisten Bedienungsanleitungen finden, und zwar den (ungelesen) Weg in den Mülleimer. Stattdessen hofft Mittell, dass die Essays tatsächlich Folgendes vollbringen: „[…] to expand the way you think about television“. Wenn man sich das eigene Denken über das Fernsehen als eine Straße vorstellt, dann macht diese Expansion in der Tat Sinn. Denn auf einer breiten Straße hat man viel mehr Möglichkeiten und trifft auch auf viele unterschiedliche Menschen, mit denen man sich unterhalten kann. Das ist ganz anders, wenn man den Weg in eine einsame, enge Einbahnstraße einschlägt. Hoffentlich wartet an deren Ende keine Sackgasse.