Jul Gordon Interview
Wenn in einem Comic „Meine Hand riecht nach Kacke“ steht, dann ist das völlig irre. In ihrem Buch „Neigen Sie zum Weinen?“ zeichnet und schreibt Jul Gordon über den Horror der Selbstwahrnehmung . Ein absoluter Klassiker ist auch „Kontaktcenter“, eine der abgründigsten Geschichten im deutschen Comic, die Einblicke in den Vollkontakt-Messerkampfsport gewährt. Jul ist Meisterin des feinen, boshaften Humors. Eine einzigartige Künstlerin! Wir freuen uns wahnsinnig, dass Jul im Millionaires Club ausstellt! Du lebst schon länger in Hamburg. Welchen Einfluss hat diese Stadt auf deine Arbeit?
In dem kurzen Comic „Kontaktcenter“, der bei Tiny Masters erschienen ist, habe ich einen Traum adaptiert, in dem ich mit einem Freund in eine Art Fitnesscenter gehe, in dem man Vollkontakt - Messerkampfsport treiben kann. Wir massakrieren erst einen Kampfpartner und anschliessend gehe ich in einer Art Blutrausch auf meinen Freund los. Er stirbt nur fast und ich biete ihm an, seine eventuellen Gehaltsausfälle durch die Verletzungen über meine Haftpflichtversicherung auszugleichen. Ich weiss nicht, wie genau Hamburg meine Arbeit beeinflusst, aber z.B. sind Leute, die in professioneller Ausrüstung Sport treiben, hier ziemlich präsent und die Stadt ist sehr sauber, was, finde ich, zu meinem Traum passt.
Deine Werke erscheinen bei Verlagen, online oder als Eigenpublikation. Welche Art der Veröffentlichung funktioniert für dich am besten und warum?
Als Eigenpublikationen produziere ich Hefte, die bisher immer höchstens 24 Seiten hatten. Die Auflagen sind klein, zwischen 50 und 200 Stück. Das Format ist unkompliziert, es ist, egal ob farbiger Risodruck, Digitaldruck oder schwarzweiss-kopien, keine große Investition. Die Produkte selbst sind auch leicht, man kann sie gut einpacken und irgendwo mit hinnehmen. Deshalb mag ich sie.
Was Verlage angeht, kenne ich nur die Zusammenarbeit mit Verlegern die selbst Zeichner sind und die Verlage nebenbei betreiben, nämlich Mami Verlag (Quilow) und Editions Na (Marseille).
Mit Online Comics habe ich eigentlich keine Erfahrung. Ich zeige zwar meine Comics auf meiner Webseite, aber das verstehe ich nicht als Publikation.
Dein Buch „Le Parc“ (2016, Editions Na) ist an die Oper „Der Rosenkavalier“ angelehnt. Wie hat sich dieser Einfluss einer dramaturgischen Vorlage während deiner Arbeit am Buch entwickelt? Als ich angefangen habe, an dem Buch zu arbeiten, standen alle Enscheidungen und Ideen mit der Vorlage in Zusammenhang. Irgendwann musste ich entscheiden, ob ich versuchen will, eine gute Umsetzung der Vorlage hinzubekommen oder etwas zu bauen, was unabhängig davon funktioniert und habe zweiteres gewählt. Aber Le Parc würde es ohne die Vorlage so nicht geben.
Welche Rolle spielt die darstellende Kunst für dich? Manchmal sehe ich ein Stück und denke dann „sowas will ich auch machen“, z.B. bei „Murmel“ von Herbert Fritsch ging es mir so. Man würde als Leser zwar nicht drauf kommen, aber es motiviert mich manchmal, überhaupt etwas machen zu wollen. Ich glaube, auch die Auseinandersetzung mit einem selbst gebauten Raum, der physikalischen Gesetzen (weil es ja in der Darstellenden Kunst wirklich alles baubar und begehbar sein muss) unterliegt, spielt für mich eine Rolle. Bei „Le Parc“ war das sehr wichtig, ich habe alle Orte, die ich gezeichntet habe, vorher als Modell aus Pappe gebaut.
Wie beeinflusst das Leiten von Workshops dein künstlerisches Schaffen? Ich leite seit circa drei Jahren Comicworkshops in einem sozialen Zentrum in St. Pauli. Die Zeichnungen und Ideen der Kinder sind teilweise unschlagbar gut. Dann versuche ich auch so gute Sachen zu machen.
Auf dem Millionaires Club zeigst du großformatige Bilder aus collagierten Textilien. Wie kamst du zu dieser Technik und warum hast du sie gewählt? Ich war begeistert von dem Buch von Yang Cong, in dem er ausschliesslich Stoffcollagen zeigt. Ich glaube, ohne das Buch wäre ich nicht darauf gekommmen, sowas zu machen. Anfang 2016 habe ich bei einer Gruppenausstellung in einem großen Raum, dem ehemaligen Schlecker in Kiel, mitgemacht und ich wollte etwas zeigen, was dort nicht so untergeht, also musste es gross sein. Deshalb kam ich darauf, Panels aus meinem Comic in riesig herzustellen, und mir ist nichts eingefallen, was nicht Kacke aussehen würde oder viel zu teuer wäre, ausser diese Technik mit dem Stoff.
Danke Jul!! Bis bald zum TMC!
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