Adjective Endings (Review)
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Adjective Endings (Review)
Das Futur II
The Past Tenses
Relataive Pronouns
AdA: Kapitel 11: Überraschungen
Um sie herum setzten Gespräche und Geraschel ein, als die Beamten ihre Unterlagen zuklappten und über die Verhandlung und das Mittagessen zu diskutieren begannen, aber Tina bemerkte es kaum. Als sie sich von Mrs. Minchum abwandte und zu Newt hinunterblickte, trafen sich ihre Blicke zum ersten Mal an diesem Tag direkt. Seine Augen hatten sich geweitet, und auch wenn sie nicht sagen konnte, was in seinem Blick lag, unterbrach er den Blickkontakt nicht, als einer der Auroren seine Fesseln löste und ihn am Arm auf die Füße zog. Newt drehte den Kopf und schaute über die Schulter, als er abgeführt wurde, als wollte er sich mit seinem Blick an ihr festhalten. Erst als die Tür hinter ihm zufiel, wurde Tina bewusst, dass Jacob und Theseus sie anstarrten. „Nun…“, sagte Theseus und trommelte gedankenverloren mit den Fingern auf dem Pult. „Das war sicherlich eine Überraschung.“
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Deutsche Erzählungen 5, Kapitel 11 - Free Music Download
Marie von Ebner-Eschenbach-Deutsche Erzählungen 5, Kapitel 11 https://www.playlossless.com/singles/131072.html
Kapitel 11: Balladensommer
Nach ihrer Aussprache mit Wilhelm erging es Johann und Friedrich um einiges besser. Dadurch, dass sie sich in Humboldts Nähe nicht mehr verstecken mussten, gelang es ihnen besser, zu ihrem alten Selbst zurückzukehren. Nach und nach steigerten sie die Häufigkeit ihrer Treffen wieder und obgleich die Jenaer und Weimarer Gesellschaft sich noch immer ein wenig über die unglaubliche Nähe des Dichterpaares echofierte, so taten sie diese bald als die Verschrobenheit von Künstlern ab und ihr Leben kehrte wieder zur Normalität zurück. So war es weder verwunderlich noch verfänglich, dass Johann sich im Mai des nächsten Jahres die Zeit nahm, seine Pflichten in Weimar für eine Weile niederzulegen, um für einen Monat zurück nach Jena in das Alte Schloss zu ziehen. Wie gewöhnlich richtete er es sich dort häuslich ein und genoss es, wieder einmal fernab von der Familie zu sein um sich einfach nur seiner Arbeit zu widmen. Meist stand er früh morgens bereits auf, um zu schreiben. Schon kurz, nachdem er in Jena angekommen war, bekam Friedrich eine schnelle Notiz von ihm, welche ihm seine erneute Anwesenheit in Jena ankündigte. Anbei ein Gedicht, welches ihm, so der Wortlaut des Briefes, wohl und vergnüglich sein möge. Johann hatte es speziell für Friedrich und auch für sich selbst verfasst und er war sich sicher, dass niemand außer seinem hochgeschätzten Freund und Kollegen die Anspielungen auf ihre eigene, gemeinsame Biographie erkennen würde. „Arm am Beutel, krank am Herzen, Schleppt ich meine langen Tage. Armuth ist die größte Plage, Reichthum ist das höchste Gut! Und zu enden meine Schmerzen, Ging ich einen Schatz zu graben. Meine Seele sollst du haben! Schrieb ich hin mit eignem Blut. […] Und ich sah ein Licht von weiten, Und es kam gleich einem Sterne, Hinten aus der fernsten Ferne. Eben als es zwölfe schlug. Und da galt kein Vorbereiten: Heller ward's mit einemmale Von dem Glanz der vollen Schale, Die ein schöner Knabe trug. […] Trinke Muth des reinen Lebens! Dann verstehst du die Belehrung, Kommst, mit ängstlicher Beschwörung, Nicht zurück an diesen Ort. Grabe hier nicht mehr vergebens! Tages Arbeit, Abends Gäste! Saure Wochen, frohe Feste! Sei dein künftig Zauberwort.“ Die ersten Tage in Jena verbrachte Johann recht zurückgezogen, des Tags arbeitete er und nur abends kam er gelegentlich aus dem Haus, um das Theater zu besuchen oder einen kurzen Spaziergang zu wagen und obgleich er Friedrichs Nähe vermisste (es wurde nicht besser, den jungen Mann nur wenige Kilometer von sich entfernt zu wissen), so genoss er doch den Zustand reiner Geschäftigkeit. Schließlich jedoch machte er sich auf den Weg, den Schillers einen Besuch abzustatten. Es war ein recht warmer Tag und die Luft war vom Duft der Blumen geschwängert als Johann den schmalen Kiesweg entlang zum Haus ging. Kurz nachdem er geklopft hatte, wurde ihm bereits die Tür geöffnet und Friedrich begrüßte ihn herzlich. Die Routine bei ihnen war bei jedem Besuch ähnlich und alle Mitglieder des Schillerhaushaltes waren mittlerweile gewöhnt, sich an diese zu halten wenn der Freund der Familie vorbeikam. Johann brauchte jedes Mal ein paar Minuten, um sich wieder einzuleben und sich auf die neue Situation einzustellen, was er meistens damit überbrückte, dass er bei Friedrich im Garten oder bei schlechtem Wetter in der Küche saß und zeichnete. Auch dieses Mal hatte er wieder seinen Skizzenblock auf dem Schoß und zeichnete, Friedrich saß ihm gegenüber und bis auf einige sanfte Blicke sprachen sie nicht miteinander, ohne, dass einer der beiden die Stille als unangenehm empfunden hätte. Bis schließlich der kleine Karl auf ihn zugestürmt kam und ihren Gast auf mehr oder minder schickliche Weise umarmte. Johann unterdrückte ein leises Lachen und legte seinen Zeichenutensilien zur Seite, um den Knaben zu begrüßen. „Onkel Johann!“, rief der Junge und krabbelte ohne Scheu auf dessen Schoß, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Johann setzte ein ernstes Gesicht auf und schien zu überlegen. „Der junge Herr Schiller, ich hatte nicht erwartet, Sie heute zu sehen, sonst hätte ich Ihnen selbstverständlich etwas mitgebracht. Es sei denn….“ Er hob seine rechte Hand und ließ sie hinter Karls rotblondem Lockenschopf verschwinden, um hinter seinem Ohr kunstvoll einen Taler hervor zu zaubern, was den Knaben sofort jauchzen ließ. ----------------------- Friedrich bemühte sich, nicht die Augen zu verdrehen. Er hatte mittlerweile eingesehen, dass er es Johann wohl nie würde austreiben können, seine Frau und Kinder (und bei Gelegenheit auch ihn) zu beschenken. Johann verfügte über deutlich größere Ressourcen als er selbst und wenn er dies zur Schau stellte, dann nicht aus Hochmut, sondern dem ehrlichen Bedürfnis heraus, Freude zu verbreiten. Das bedeutete allerdings nicht, dass Friedrich sich dabei wohl fühlte. Er lächelte und schüttelte den Kopf, bevor er sich abwandte und das Dienstmädchen nach Getränken schickte, um seine Verlegenheit zu überspielen. Es freute ihn, dass Johann sich so gut mit seinem Nachwuchs verstand. ----------------------- Karl schien nicht zu bemerken, dass sein Vater errötete, stattdessen steckte er den Taler wie ein großes Heiligtum in seine Hosentasche, bevor er von Johanns Schoß herunter sprang und ihn mit großen, blauen Augen ansah (die ihn erschreckend an die seines Vaters erinnerten und denen er nur selten einen Wunsch abschlagen konnte). „Onkel Johann, spielen Sie mit mir?“, fragte er mit einschmeichelnder Stimme und so geschah es, dass man wenig später den Dichterfürsten auf allen Vieren im Gras sehen konnte mit einem jungen Schiller auf dem Rücken, der ihn mit größter Begeisterung als Reittier missbrauchte. ----------------------- Als Karl begann, Johann mit der gesamten Kraft eines Vierjährigen auf die Füße zu ziehen, weil er es sich in den Kopf gesetzt hatte, mit ihm im Garten spielen zu wollen, wollte Friedrich zunächst protestieren. Zwar wusste er, dass Johann Kinder durchaus mochte und gerade auch Karl gegenüber immer nur nachsichtig war, aber er wusste ebenso, dass es einen Grund gab, warum August stets am Frauenplan in einem ganz anderen Teil des Hauses untergebracht war. Johann war nicht unbedingt ein Mensch, der Lärm und Herumgetolle besonders zu schätzen wusste und offensichtlich hatte sich Karl gerade in den Kopf gesetzt, dass genau dies zu einem Spiel dazugehören musste. Schnell stand er auf, fing seinen Sohn im Laufen ab und hob ihn auf den Arm. „Karl, du musst Onkel Johann ein bisschen Zeit geben. Er hat sicher viele wichtige Dinge zu tun und kann nicht mit dir im Gras spielen.“ Als er den enttäuschten Ausdruck im Gesicht seines Sohnes sah, fügte er rasch hinzu: „Aber ich finde nachher bestimmt ein wenig Zeit und dann können wir das nachholen, versprochen.“ Dieser Satz wäre allerdings gar nicht vonnöten gewesen, denn offensichtlich war er nicht der einzige, der diesem Blick nicht standhalten konnte. Mit ein wenig Erstaunen und viel Freude musste Friedrich zusehen, wie Johann ihm den Kleinen aus dem Arm nahm und begann mit ihm den Garten der Schillers zu erobern. Der sonst manchmal ein wenig reservierte Herr Geheimrat fand mit einem Male scheinbar großen Spaß daran mit seinem Sohn die Dschungel Südamerikas zu erobern und in wilde Schlachten zu reiten. Da er offensichtlich von einem bedeutend exklusiveren Spielgefährten ersetzt und somit überflüssig geworden war, setzte er sich mit einer Tasse Kaffee auf die Gartenbank und beobachtete amüsiert das bunte Treiben. Er konnte sich nicht helfen, es war schön, einfach nur diese Idylle zu genießen. Dass Johann sich so ausgelassen mit seinem Sohn beschäftigte, machte ihn ein wenig stolz, ohne dass er genau verstand, warum. Zu Anfang hatte Johann eher ein wenig Distanz zu den Kindern gewahrt, nicht so sehr aus Abneigung, sondern vielmehr aus Befangenheit. Von dieser war mittlerweile nichts mehr zu spüren und dies war durchaus bezeichnend dafür, wie sich ihr Verhältnis verändert hatte. Sie waren einander mittlerweile in so vielen Lebensbereichen so nahe, wie er es niemals für möglich gehalten hatte. Der Nachmittag verging wie im Fluge und die Abenteuer in der unerkundeten Welt der Gartenpflanzen fand erst ein Ende, als Charlotte heimkehrte und sich aufregte, wie man (also Friedrich) nur habe zulassen können, dass Herr von Goethe zur Kinderbeschäftigung genötigt würde und sich dabei noch die Kleidung ruiniere. In der Tat sah Johann etwas mitgenommen aus, doch konnte Friedrich nach einer Weile mit dessen Hilfe seine Gattin davon überzeugen, dass auch er angemessen protestiert hatte. Charlotte wirkte noch immer leicht überrascht, begnügte sich aber schließlich damit, Johann das Versprechen abzunehmen, dass er zur Entschädigung für seine Mühen zum Abendessen bleiben werde. Einige ungläubige Worte darüber murmelnd, dass es wohl in der Natur des Mannes liege, für immer Kind zu sein, ging sie schließlich ins Haus, um die Zubereitung desselben zu veranlassen. Karl freute sich unbändig, dass Johann noch bleiben würde, bedeutete dies doch, dass er um einiges länger würde aufbleiben dürfen. Und auch Friedrich konnte nicht verhehlen, dass ihn die verlängerte Anwesenheit seines Gastes freute, als sie gemeinsam ins Haus gingen. Noch bis spät in die Nacht saßen sie an diesem Abend beisammen, solange bis zuerst der kleine Karl und später auch Charlotte ins Bett gingen, die ihrem Mann das Versprechen abnahm, dafür zu sorgen, dass Johann gut nach Hause käme. Mit Wein und vielen, vielen Notizblättern verbrachten sie die Stunden. Die beiden waren längst in Friedrichs Arbeitszimmer umgezogen und diskutierten noch eifrig, als sie schließlich einsehen mussten, dass es doch zu spät wurde. Johann bereitete sich zum Gehen und sie standen bereits vor der Tür, als Friedrich ihn daran erinnerte, dass er für seinen Heimweg verantwortlich sei. „Und außerdem schulde ich dir das noch“, fügte er grinsend hinzu. Johanns irritierter Blick ließ ihn erklären: „Erinnerst du dich nicht mehr? Du hast mich damals auch nach Hause gebracht. Nach dem Theater, vor drei Jahren. Als wir uns das erste Mal küssten. Ich war so nervös.“ Er lachte leise und legte eine Hand an Johanns Wange, um ihn zu sich zu ziehen und ihn sanft zu küssen. Es war eine warme Sommernacht und der Mond schien hell. Sie schlenderten langsam, Arm in Arm zum Schloss. Es war ohnehin kein langer Weg und weder Friedrich noch Johann waren besonders erpicht darauf, ihn schnell zurückzulegen. Immer wieder blieben sie stehen, unterhielten sich über alles was ganz unbedingt noch in genau diesem Augenblick erörtert werden musste und genossen es einfach nur, die Nähe des Anderen zu spüren. Ihr Weg führte zwischen dem Griesbachschen Garten und dem Alten Friedhof vorbei. Um diese Uhrzeit war ohnehin fast niemand mehr unterwegs und sie hielten sich näher am Friedhof, um niemandem begegnen zu müssen. Als sie sicher waren, dass weit und breit kein Mensch war, ergriff Friedrich, während sie mittlerweile schweigend weiterliefen, Johanns Hand. Nach einer Weile blieben sie stehen und Friedrich blickte verstohlen zu Johann hinüber. Er sah im hellen Mondlicht, dass auch dieser lächelte. Die Bäume rauschten leise im Wind und über ihnen funkelten die Sterne. Friedrich sah sich um, sah Johann an und konnte die Vollkommenheit dieses Augenblickes fast nicht begreifen und murmelte leise: „Wunderschön.“ ----------------------- Johann nickte nur bestätigend und meinte: „In der Tat, eine wundervolle Aussicht.“ Sein Blick, der zweifelsfrei voller Bewunderung war, war jedoch nicht auf den Sternenhimmel, sondern auf Friedrich selbst gerichtet, dessen Hand er noch immer sanft mit seiner eigenen umfasst hielt. Es war eine hervorragende Idee gewesen für einen kompletten Monat alle Zelte in Weimar abzubrechen und hierher nach Jena zu kommen um zu arbeiten. Nichts wirkte sich auf Johann inspirierender aus als die Gegenwart des Anderen. Zudem machte es einen großen Unterschied, ob seine eigene Familie um ihn herum war und von ihm verlangte, dass er Zeit mit ihnen verbrachte oder ob er dies freiwillig mit Friedrichs Kindern tat. Hier konnte er, wenn ihm alles zu viel wurde, immer noch in seine Räumlichkeiten im Schloss zurückkehren und in Ruhe arbeiten. Friedrich war einer der wenigen Menschen, die bedingungslos Verständnis für ihn hatten und es ihm auch nicht übel nahmen, wenn er sich zurückzog, etwas, dass er ihm ausgesprochen hoch anrechnete. In der letzten Zeit hatte Christiane begonnen, sich immer häufiger bei ihm zu beschweren, dass sie sich vernachlässigt fühlte. Johann verbringe mehr Zeit mit Friedrich und seinen anderen Kollegen als mit ihr und seinem Sohn. Nun, im Grunde seines Herzens wusste Johann, dass sie nicht ganz unrecht hatte, für die Chance, Zeit mit seinen Dichterkollegen zu verbringen würde er nahezu alles stehen und liegen lassen. Aber als sie ihn kennengelernt hatte, hatte sie gewusst, auf was sie sich einließ. Johann würde immer in allererster Funktion Dichter bleiben. Dieser Moment im Mondschein hatte etwas Magisches an sich und erinnerte ihn seinerseits an den Abend, an dem er Friedrich nach ihrem Treffen im Wallenstein noch nach Hause geleitet hatte. Damals lebte Friedrich noch nicht in seinem Gartenhaus in Jena, welches sie erst vor nicht allzu langer Zeit für sich und ihre Familie erwarben. Wer hätte gedacht, dass jene Nacht ihre Beziehung zueinander für immer nachhaltig verändern würde? Und heute standen sie hier nebeneinander im Mondschein und gingen spazieren, sie hatten es nicht eilig, zum Schloss zu kommen, vielmehr war der Weg das Ziel! Was für ein Himmel, was für eine Nacht, wie geschaffen für einen solchen Spaziergang. Sie waren völlig unbeobachtet, niemand außer ihnen nutzte heute Nacht die Straße am alten Friedhof vorbei zum Schloss. Galant reichte er Friedrich seinen Arm, sodass dieser sich bei ihm unterhaken konnte, um ihren Weg fortzusetzen. Erst nach einer Weile des andächtigen Schweigens brachen sie dieses, um sich über ihre aktuellen Projekte zu unterhalten. Friedrich widmete sich noch immer der Herausforderung, den Stoff, welcher der „Wallenstein“ bot, in eine künstlerisch und poetisch ansprechende Form zu kleiden, während Johann an seinem Versepos „Hermann und Dorothea“ arbeitete. Dennoch spielten Sie beide mit dem Gedanken, sich in der Zeit dazwischen mit kleineren Werken zu unterhalten und zu beschäftigen. Schon mehr als einmal hatten sie erörtert, worin genau die Unterschiede zwischen dem Epischen und dem Dramatischen bestanden und ob es möglich war, beide Elemente zu verbinden. Man war zu dem Schluss gekommen, dass die Form der Ballade die perfekte Mischung aus beiden darstellte. Bereits in jüngeren Jahren hatte Johann einige Balladen geschrieben und dieser Gattung somit wieder einen Eingang in die hohe Literatur beschert. Diesen Erfolg wollte er nun mit Friedrich erneut aufleben lassen. Das Gedicht, welches er seinem Freund bei seiner Ankunft in Jena hatte zukommen lassen erschien ihm ein perfekter Auftakt hierfür zu sein. „Ich hoffe sehr, dass dir der „Schatzgräber“ zusagte“, stellte Johann nach einer Weile des Schweigens fest. „Er beinhaltet alle klassischen Elemente, die typisch sind für die Gattung einer Ballade. Deine Idee, diese Gattung für den Musenalmanach wieder aufleben zu lassen, gefiel mir ausgesprochen gut. Vielleicht sollten wir beide einige Balladen vorlegen, um uns dann über Stoff und Behandlung dieser Dichtungsart selbst aufzuklären.“ Er verschwieg, welche weitere Motivation noch mit dem Schatzgräber einhergegangen war, doch er war sich sicher, dass Friedrich sehr genau wusste, was er ihm damit hatte sagen wollen. Das Gedicht enthielt einige biographische Anspielungen auf ihrer beider Leben, er bedankte sich auf subtile Weise bei Friedrich für alles, was dieser für ihn getan hatte. In Gestalt eines blondgelockten Jünglings war er aufgetaucht und ihm zur Muse geworden, er hatte ihm einen zweiten Frühling beschert und ihn aus einem absoluten künstlerischen Tief hervorgeholt. Dafür war er ihm unendlich dankbar. Sie waren schließlich vor dem Schloss angekommen und Johann ließ Friedrich (wenn auch ungern) los. Er lächelte vielsagend und sein Blick wanderte nach oben zum Sternenhimmel. „Die Nacht ist noch jung. Fühlst du dich gesund genug um noch ein wenig länger hier bei mir zu verweilen? Der Zufall will es, dass ich derzeitig drei Teleskope in meinem Hause habe und diese Nacht wäre wie geschaffen dafür, sich den Gestirnen zu widmen!“ ----------------------- Mit jedem Schritt, den sie sich dem Schloss näherten, wurde Friedrich langsamer. Er versuchte, ihre Ankunft dort so lange wie nur irgend möglich hinauszuzögern. Nicht nur deshalb griff er mit Begeisterung Johanns Thema auf. Das Gedicht, das Johann ihm ohne jede weitere Notiz gesandt hatte, hatte er sehr wohl auf sich zu beziehen und dafür umso mehr zu schätzen gewusst. Manchmal bewunderte er Johann dafür, dass dieser so spontan und ehrlich seine Gefühle in Gedichten auszudrücken vermochte. Er selbst saß stundenlang über jedem Wort, revidierte hundert Male seine Meinung und konnte sich erst nach langen Überlegungen dazu durchringen, etwas auch wirklich in Druck zu geben. Wenn doch auch ihm die Worte nur so zufließen würden! Nun, er würde andere Wege finden, Johann seiner Zuneigung zu versichern. Und gerade in diesem wundervollen Sommer, den sie Seite an Seite verbringen durften, würde es dazu hoffentlich Gelegenheit geben. Alleine dieser Nachmittag hatte ihm hundert Ideen eingegeben und wenn auch nur ein winziger Teil davon wirklich in Balladenform gebracht werden konnte, dann würde er sich endlich wieder einen Dichter nennen können. Er hatte gerade erst den ersten Akt zum Wallenstein beendet, eine Arbeit, die ihn sehr mitgenommen hatte. So sehr er diesen Stoff liebte, so sehr fürchtete er zugleich den Umfang und den Anspruch, der damit einherging. Wäre Johann nicht gewesen, Friedrich hätte wohl kaum gewagt den ersten Schritt zu tun. So aber hatte er endlich begonnen, sein Opus magnus zu Papier zu bringen, und für den Augenblick war er stolz, dass er das geschafft hatte. Noch immer wollte er einige Verbesserungen machen und so hatte er beschlossen, Johann den Text erst gegen Ende seines Aufenthaltes mitzugeben und sich bis dahin den Sommer im Wettstreit um die Balladen zu verbringen. „Es hat mich zutiefst berührt und ich freue mich bereits auf jede weitere deiner Balladen. Was für ein Glück, dass der Gräber erkannt hat, dass der Jüngling ihm zu Diensten sein und nicht der Böse sein kann“, antwortete Friedrich. „Wobei ich bemerken muss, dass der Knabe vielleicht den Schatz zeigen konnte, es aber des Schatzgräbers bedurfte, um ihn zu bergen. Das hast du ein wenig unter den Tisch fallen lassen.“ Um sie herum sangen die Grillen. Als Johann stehen blieb und ihn losließ, sah Friedrich ihm in die Augen und trotz der Dunkelheit konnte er Johanns Lächeln sehen, als dieser ihm den Vorschlag unterbreitete. Friedrich wurde, wie das bei ihm so oft der Fall war, ein wenig rot. Er hatte gehofft, den Abend noch nicht beenden zu müssen. Er biss sich auf die Zunge, um nicht zu lächeln, und gab sich dann betont pikiert: „Herr von Goethe, ich war so freundlich, Sie nach Hause zu begleiten und Sie danken es mir, indem Sie mir unsittliche Angebote machen? Sind alle Ihre Eroberungen so leicht zu beeindrucken?“ Fast hätte er es geschafft, den Satz im Ernst zu beenden, aber als Johann ihn auf einmal um die Taille fasste und an sich zog, musste Friedrich doch lachen. Als er sich endlich wieder gefasst hatte, sagte er leise und ernster: „Es gibt nichts, was ich in dieser Nacht lieber täte. Der Luftdruck ist in den letzten Tagen nicht mehr so hoch, was meinem Befinden sehr zugute kommt und die Nacht ist zu wundervoll, um sie zu beenden. Wenn du mir verzeihst, dass ich von Astronomie kaum etwas weiß, dann würde ich sehr gerne noch eine Weile hier bleiben.“ Und so kam es, dass sie leise Johanns Zimmer durchsuchten und dann gemeinsam die Teleskope auf einem kleinen Hügel, der im Garten des Schlosses frei und unbewaldet stand, aufbauten. Es war wohl schon nach Mitternacht, aber Friedrich war von jeher Nachtschwärmer gewesen, vor allem wenn er die Nacht nicht alleine verbringen musste. Mit stiller Bewunderung sah er Johann dabei zu, wie dieser das Teleskop justierte. Die Konzentration und Genauigkeit, mit der er jede Bewegung ausführte, hatte etwas geradezu Meditatives. Friedrich liebte es, Johann zu beobachten, wenn er mit Herz und Seele bei einer Sache war, aber der ließ sich nur selten beim Schreiben in die Karten schauen. Hier bot sich die seltene Gelegenheit, ihn die Welt um sich herum vergessen zu sehen, und Friedrich genoss diese Vertrautheit nicht ohne einen gewissen Stolz. Erst als Johann sich aufrichtete und ihn dazu aufforderte, die Sterne zu betrachten, verlegte Friedrich den Fokus seiner Aufmerksamkeit. Er hatte sich niemals großartig für Sternkonstellationen interessiert. Gut, den großen Wagen und den Nordstern würde er wohl noch erkennen, aber viel mehr war ihm dann auch nicht mehr bekannt. Als Johann ihm jedoch so nahe kam, ihm eine Hand auf die Schulter legte und begann, ihm die verschiedenen Sternbilder zu zeigen, erschien Friedrich dieses Thema mit einem Mal erstaunlich interessant. Friedrich war fasziniert, wie groß mit einem Mal die Sterne schienen und musste zugeben, dass das Teleskop tatsächlich von hervorragender Qualität war. Nach einer Weile setzten sie sich ins Gras und Johann fuhr fort, ihm den Nachthimmel, den sie nun mit dem bloßen Auge betrachteten, zu erläutern. Friedrich war verzaubert von Perseus und Andromeda, von Cassiopeia und Pegasus und dem süßen Geruch Johanns, der ihn noch immer im Arm hielt. So verzaubert, dass er alles andere um sich herum vergaß. Mittlerweile war es doch recht kühl geworden und aus dem Gras unter ihnen stieg die Feuchtigkeit empor. Friedrich lauschte noch immer Johanns Stimme, die so tief und samtig war und mit solcher Hingabe erklärte, sodass er zunächst gar nicht bemerkte, dass er fror. Er hatte es nicht für nötig befunden, einen Mantel überzuwerfen, hatte er doch geglaubt, nur kurz an der frischen Luft zu sein. Nun aber hatte er schon einige Zeit eine ganze Weile hier gesessen und ein kurzes Zittern überlief ihn. ----------------------- Für einen kurzen Moment war sich Johann nicht sicher gewesen, ob Friedrich seine Aussage wirklich ernst gemeint hatte, aber als er seine Hände um die Taille des Jüngeren legte und ihn beinahe sanft an sich zog, konnte dieser seinen Scherz nicht mehr aufrecht erhalten und willigte doch ein, mit ihm die Sterne zu betrachten. Er hauchte einen liebevollen Kuss auf seine Lippen, bevor er ihn mit nach oben in seine Gemächer nahm, um die Teleskope zu holen. Johann war mehr als nur ein einfacherer Schriftsteller, er hatte auch ein großes Interesse für Naturwissenschaften und dieser Abend erlaubte es ihm, Friedrich auch einmal diese Seite von sich zu zeigen. Er bemerkte gar nicht, dass dieser viel faszinierter von ihm selbst als von dem Sternenhimmel über ihnen zu sein schien, er war lediglich zufrieden damit, Friedrich noch ein wenig länger bei sich zu haben und diese wundervolle Nacht mit ihm gemeinsam zu genießen. Als er neben ihm fröstelte, sah er erstaunt auf. „Bist du wohlauf, Friedrich?“, fragte er besorgt, er wusste um die kritische Gesundheit seines Freundes und machte sich nahezu rund um die Uhr Sorgen um ihn, dass er ihn überforderte oder er doch wieder einen Anfall erleiden würde. Friedrich jedoch winkte ab und schüttelte den Kopf. „Mach dir keine Sorgen, Johann, es geht mir bestens. Ich genieße diese Nacht mit dir sehr...“ Johann sah ihn für einen Moment skeptisch an und ergriff seine Hand, welche sich kalt anfühlte. Er hatte nicht bemerkt, wie frisch es geworden war und Friedrich hatte sich sicherlich nicht darauf eingestellt, die halbe Nacht draußen zu verbringen. Sofort und ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zog Johann seinen Mantel aus und legte ihn Friedrich über die Schultern, bevor er sich wieder neben ihm in das klamme Gras fallen ließ und erneut seinen Arm um Friedrich legte. Sie waren so weit weg von der Zivilisation, dass sie sich diese Zärtlichkeiten hier draußen durchaus erlauben konnte. Mit absoluter Hingabe zeigte Johann Friedrich nicht nur jegliche Sternbilder, die er kannte, er wusste auch noch nützliche Informationen einzustreuen wie „zu welcher Jahreszeit konnte man welches Sternbild am Himmel erwarten“ und was die mythologische Bedeutung hinter manchen Konstellationen war. So konnte man die Legende Perseus' beinahe vollständig am Himmel nachvollziehen. Für Friedrichs geistigem Auge ließ Johann jene Helden aus längst vergangenen Zeiten wieder auferstehen und mit angenehmer, dunkler Stimme erzählte er ihm eine Geschichte nach der nächsten. Es war bereits spät in der Nacht (oder sollte man lieber sagen schon früh am Morgen?) als sie schließlich die Teleskope wieder einpackten und den Weg zu Johanns aktuellem Wohnsitz zurücklegten. Vor dem Schloss blieben sie erneut stehen und Johann strich Friedrich die vom Wind zerzausten Locken zurecht. „Ich habe den Abend mit dir sehr genossen“, sagte er leise und seine Hand wanderte ein wenig tiefer, um über seine Wange und dann in seinen Nacken zu wandern. „Es ist spät geworden, sollte dir der Weg nach Hause zu weit sein, bist du mir gerne herzlich willkommen, den Rest der Nacht bei mir zuzubringen um erst morgen früh nach Hause zurückzukehren“, bot er ihm nur zu gerne an. Natürlich würde er sich freuen, wenn er sich heute nicht würde von Friedrich trennen müssen, aber er konnte auch verstehen, wenn dieser heim zu Frau und Kindern gehen wollte. Sie waren nun einmal keine Junggesellen mehr, die sich die Nächte um die Ohren schlagen konnten, ohne jemandem Rechenschaft zu schulden. Aber andererseits war es allseits bekannt, dass sie beide dazu neigten über einem spannenden literarischen Gespräch völlig die Zeit zu vergessen, sodass es nicht einmal mehr verfänglich erschien, dass sie kaum dass sie in einer Stadt gemeinsam zu finden waren größtenteils sowieso zusammen waren. ----------------------- Hätte Friedrich geahnt, was Johann vorhatte, so hätte er sicherlich protestiert. Aber Johanns Bewegungen waren so schnell, dass Friedrich erst erkannte, was geschah, als er bereits in Johanns Mantel gehüllt war. Er wollte erklären, dass das wirklich vollkommen unnötig sei, doch die plötzliche Wärme und die Tatsache, dass der Mantel so wundervoll nach Johann roch, ließen ihm die Worte im Hals stecken bleiben. Stattdessen zog Friedrich sich den Mantel eng um die Schultern und schmiegte sich an Johann, während ihm langsam wärmer wurde. Noch selten in seinem Leben hatte Friedrich sich so sicher und geborgen gefühlt. Es war fast windstill, nur ganz leise rauschten die Bäume am Fuß des Hügels. In einiger Entfernung konnten sie die Dächer Weimars erkennen, das schlafend im Dunkel lag. Der Mond stand groß am Horizont und kein Laut war mehr zu hören. Schweigend und aneinander geschmiegt saßen sie lange da und taten nichts, als die Anwesenheit des Anderen in sich aufzunehmen. Obwohl es kaum mehr als ein Flüstern gewesen war, kamen Johanns Worte Friedrich unendlich laut vor. Friedrich seufzte und überlegte für eine Weile. Es war ohnehin viel zu spät, man würde so oder so bemerken, dass er fast die ganze Nacht außer Haus verbracht hatte und es wäre schließlich nicht das erste Mal, dass er über das Feiern mit Freunden die Zeit vergessen hätte. Außerdem war seine Familie es gewohnt, ihn vor dem Mittag nicht zu Gesicht zu bekommen. Verzweifelt suchte Friedrich nach einem Grund zu gehen, doch es wollte ihm keiner einfallen, der gewichtig genug erschienen wäre. Dann sah er entschlossen zu Johann auf. „Ich bleibe!“ Sie begannen, die Gerätschaften einzupacken und sich auf den Rückweg zu machen. Es war bereits kurz vor Sonnenaufgang bevor sie sich in Johanns Gemächer zurück schlichen und erschöpft ins Bett sanken. Friedrich war fast zu müde, um sich seiner Kleidung zu entledigen und schaffte es gerade noch, Schuhe und Hose auszuziehen, bevor zu Johann unter die Decke kroch und neben ihm zufrieden einschlief. Es war tatsächlich schon Mittag bis die beiden wieder erwachten. Wie immer war Johann früher wach geworden als Friedrich, was letzteren jedoch nicht im Mindesten störte, bedeutete es doch, dass er von sanften Küssen und in den Armen seines Liebhabers geweckt wurde. Es dauerte eine ganze Weile bis Johann und Friedrich sich überwinden konnten, das Bett zu verlassen. Schließlich jedoch blieb ihnen nichts anderes übrig, wenn dieser Tag überhaupt noch zu etwas nutze sein sollte. Während Friedrich sich bemühte, seine Erscheinung halbwegs präsentabel zu machen, hörte er mit halbem Ohr, wie Johann dem etwas verwirrten Dienstboten vollkommen ungerührt erklärte, er habe gestern spät abends noch Besuch bekommen, es habe sich nicht mehr gelohnt, den Heimweg anzutreten und so habe er dem Hofrat Schiller das Gesellschaftszimmer für die Nacht angeboten. Manchmal wunderte sich Friedrich noch immer, wie leicht ihnen mittlerweile die Lügen von den Lippen gingen. Lächelnd schüttelte er den Kopf, als Johann den Raum endgültig verließ, um das Essen mit dem Dienstpersonal zu besprechen und zu veranlassen, dass möglichst bald ein Bote zu den Schillers geschickt wurde, um über den Verbleib des Familienoberhauptes Auskunft zu geben. Für eine Weile war er alleine in Johanns Urlaubsunterkunft und so nutzte er die Zeit um sich ein wenig umzusehen. Ohne große Überraschung stellte Friedrich fest, dass die Gemächer, die dem Dichter hier zur Verfügung standen, durchaus seinem kleinen Gartenhaus überlegen waren und er tatsächlich sehr bequem im Gesellschaftszimmer hätte nächtigen können, hätte er nicht eine bedeutend angenehmere Schlafgelegenheit gefunden. Er setzte sich an Johanns Schreibtisch und blätterte ein wenig durch die Notizen, die dort verstreut lagen. Größtenteils waren es Korrespondenzen, die er schnell wieder fort legte. Er fand aber auch einige Ideensammlungen und noch nicht ganz ausgearbeitete Gedichte, die er mit Begeisterung verschlang, wie alles, was aus Johanns Feder floss. Als Johann zurückkehrte, war Friedrich gerade gefesselt von einem Blatt, auf dem Johann nur einige Begriffe notiert hatte. „Johann, das musst du schreiben. Die Legende über Ibykos ist so wundervoll, sie verdient es in Verse gefasst zu werden!“ Die irritierten und wohl nicht ganz ernst gemeinten gemurmelten Kommentare Johanns über Ideendiebstahl und Herumspionieren ignorierte Friedrich in seiner Begeisterung geflissentlich: „Es ist mein Ernst! Wenn es je einen Stoff gab, der es verdient als Legende gefasst zu werden, dann dieser. Das Publikum verdient diese Geschichte!“ Johanns Gelassenheit regte Friedrich ungemein auf, aber Johann sah diese Idee ja nicht zum ersten Mal. Der ältere Mann jedenfalls hielt es in diesem Augenblick offenbar für entschieden wichtiger, dass ihr äußerst spätes Frühstück gerade auf der Terrasse angerichtet wurde. Mit einem einfachen „Himmel, Friedrich, wenn es dir so wichtig damit, dann schreib du es doch!“ nahm Johann ihn am Arm und zog ihn auf die Füße. Die Diskussion über mögliche Balladenstoffe zog ihr Essen in die Länge und so war es bereits fast wieder Zeit für Kaffee, als die beiden sich endlich zu den Schillers auf den Weg machten. Dass Johann heute wieder dort dinieren würde, war bereits ausgemachte Sache. ----------------------- Als Johann das Zimmer wieder betrat, saß sein Freund an seinem Schreibtisch und ging seine Unterlagen durch. Mit scheinbar toternster Miene sah er ihn an und verschränkte die Arme vor seiner Brust. „Das ist also der Grund, weshalb ein junger, talentierter Mann wie du sich mit einem alten Narren wie mir eingelassen hat“, sagte er vorwurfsvoll, „Das ist hinterhältige Spionage! Zeter und mordio!“ Er schüttelte den Kopf, er spielte schon lange mit dem Gedanken, jene Geschichte in die Tat umzusetzen, hatte aber bisher nie die Gelegenheit dazu gefunden und sie schließlich aus dem Blick verloren. Nur mit Mühe und Not schaffte er es, Friedrich davon zu überzeugen, dass ihr Frühstück nun eine höhere Priorität einnahm. Auch beim Essen jedoch schien dieser das Thema nicht wirklich ruhen lassen zu wollen. Johann konnte sich nun doch ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. „Mein lieber Freund“, sagte er, „Du scheinst dich auf eine Weise für jenen mythologischen Stoff begeistern zu können, welche du mir voraus hast. Was ich vorhin im Scherze sagte, meinte ich durchaus ernst. Wenn dir jene Legende soviel Freude bereitet ,solltest du dich ihrer widmen und sie in die Balladenform bringen.“ Friedrich sah ihn für einen Moment ungläubig an, er schien nicht fassen zu können, dass Johann wirklich bereit war, ihm diesen Stoff abzutreten. Doch Johann winkte ab und lachte leise. „Ich habe so viele Ideen in meinem Kopfe schwirren, dass ich gerne bereit bin, darauf zu verzichten. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass du dich jener Geschichte viel besser zuwenden wirst, als ich es jemals könnte. Ich bin gespannt, wie du jene Ballade umsetzt und stehe dir für Fragen und Kritik natürlich jederzeit zur freien Verfügung! Solange du mir über der Freude, die die Kraniche des Ibykus in der auslösen, nicht den Wallenstein vergisst, über den ich gerne weiterhin informiert werden würde.“ ----------------------- Während man im Jenaer Schloss gerade den Frühstückstisch verließ, wurde im Haus der Schillers bereits tatsächlich zum Kaffee gedeckt. Und das hatte seinen guten Grund. Charlotte war ganz außer sich gewesen vor Freude, als ihre Patentante sich spontan auf der Durchreise eingestellt hatte. Charlotte von Stein war eine durchaus selbstbewusste und sehr vornehme Dame, die ihr Patenkind gerne verwöhnte und ihm Rat und Tat zur Seite stand. Vor allem mit Rat. Die beiden Damen waren sehr froh gewesen, Zeit alleine miteinander verbringen zu können, denn sie hatten einander schon eine Weile nicht mehr gesehen. Dass ihr Ehemann jedoch schlichtweg verschwunden war, hatte Frau von Stein nur schwer ignorieren können. Dass der Bote aus dem Schloss ausgerechnet einige Minuten nach ihrer Ankunft eintraf, machte die Sache nicht besser und so hatte sie keine Minute gesäumt, als sie endlich in Ruhe am Tische saßen, ihrer Patentochter auf den Zahn zu fühlen. Diese hatte nun alle Mühe, ihren Ehemann zu verteidigen, zumal sie selbst durchaus nicht ganz zufrieden mit der Situation war. „So ist er nun mal, Tante. Er verdient unseren Lebensunterhalt größtenteils mit dem Schreiben, das ist sein Leben. Und wenn er mit Goethen unterwegs ist, dann kommt er niemals ohne neue Ideen nach Hause. Dass er seine Inspiration nicht nach unserem Tagesablauf einrichten kann, bedeutet nicht, dass es ihn nicht kümmert. Friedrich ist ein guter Mann und ein liebevoller Vater. Und es könnte viel schlimmer sein. Wenigstens ist es nur die Arbeit, die ihn fort hält und nicht irgendeine Bettgeschichte. Er könnte auch jedem Rock in Jena hinterhersteigen.“ Bei der Vorstellung, dass ihr Friedrich diese Bloßstellung antun könnte, schüttelte Charlotte den Kopf und nahm einen großen Schluck Kaffees. ----------------------- Charlotte von Stein war zur fortgeschrittenen Stunde bei ihrem Patenkind eingetroffen, welche sie sofort mit Kaffee und einer kleinen Verpflegung empfangen hatte. „Es ist herrlich, wieder hier zu sein, meine Liebe“, sagte sie und umarmte die jüngere Frau herzlich, wenn auch mit der ihr eigenen Dünkelhaftigkeit. „Wo ist denn dein Gatte? Ich habe Friedrich schon eine Weile nicht mehr gesehen!“ Als Charlotte Schiller zugeben musste, dass ihr Ehemann sich seit der letzten Nacht nicht mehr zu Hause aufhielt, sondern sich lieber mit Goethe um die Häuser schlug, rümpfte sie abfällig die Nase. Die Hofdame Anna Amalias war trotz ihres fortgeschrittenen Alters noch immer eine attraktive Frau. Obgleich sie nicht mehr so jung war wie damals, als sie Johann das erste Mal begegnet war und sich in eine leidenschaftliche Affäre mit dem Dichter gestürzt hatte, war sie durchaus noch eine Augenweide. Das tiefschwarze, mittlerweile von leicht grauen Strähnen durchzogene Haar fiel ihr in buschigen Locken über die Schultern und war kunstvoll frisiert, ihre großen schwarzen Augen waren ebenso dunkel und passten zu dem italienisch anmutenden Taint ihrer Haut. Energisch schüttelte sie den Kopf, als die junge Frau ihren Mann zu verteidigen versuchte. „Nein, mein Kind, du darfst dir so etwas nicht gefallen lassen! Wenn dir dein Ehemann erst einmal entglitten ist wird es schwer, ihn wieder an die Zügel zu nehmen! Und ich wage es sehr zu bezweifeln, dass Goethe ein guter Umgang für deinen Friedrich ist, liebe Lotte.“ Sie verrollte die Augen und nahm einen Schluck von ihrem Kaffee. Es war kein Geheimnis, dass die Affäre der älteren Dame mit dem Dichter ein jähes Ende fand, als dieser seine Reise nach Italien angetreten hatte. Nach seiner Rückkehr war ihr Verhältnis gestört gewesen und die Tatsache, dass er Christiane Vulpius, eine einfache Frau ihrer selbst vorzog, hatte sie ihm niemals verziehen. Seither ließ sie keinerlei gutes Wort mehr an jener Frau, welche sich ihrer Meinung nach wie ein Parasit am Frauenplan eingenistet hatte. „Ein gründlich ungebildetes Blumenmädchen hat sich der Herr Geheimrat da ins Haus geholt. Was denkt dieser Mann sich eigentlich dabei, uns zum Umgang mit einer solchen Dirne zu zwingen, wenn er sie selbst nicht für würdig genug hält, sie zu ehelichen und ihr seinen Namen anzuvertrauen?“ Sie schüttelte den Kopf und blickte ihr Patenkind skeptisch an. „Ich würde aufpassen, dass der Lebenswandel des „großen Dichterfürsten“ nicht auf deinen eigenen Mann abfärbt, wer weiß, zu welchen Abenteuern er deinen rechtschaffenen Gatten des Nachts mitnimmt. Ich hörte, er befindet sich wieder für eine Weile in Jena?“ ----------------------- Charlotte zögerte mit ihrer Antwort. Sie verehrte ihre Patentante geradezu abgöttisch und was Goethes fragwürdige Liebschaft anging, war sie durchaus einer Meinung mit ihr. Es war eines ihrer Lieblingsthemen, sich im Gespräch mit ihren Freundinnen darüber zu echauffieren, wie die arme Demoiselle Vulpius unter ihrem Stand zu leiden hatte und sich laut darüber zu beklagen, dass Herr Goethe dem doch endlich ein Ende machen sollte. Herablassendes Mitleid war noch immer eine der besten Möglichkeiten, sich nach unten abzugrenzen. Goethe selbst schätzte Charlotte jedoch noch immer sehr. Natürlich wusste sie um die Schmähung, die die ältere Frau durch den Geheimrat erfahren hatte, aber insgeheim hielt Charlotte es vielleicht doch für das Beste, dass jenes unglückselige Verhältnis so rasch ein Ende gefunden hatte. Charlotte von Stein war eine bedeutende Frau und ein außereheliches Verhältnis hätte ihr auf die Dauer nur schaden können. Dennoch mochte junge Frau Goethe sehr, der ihr gegenüber bereits in jungen Jahren stets sehr galant gewesen und sie wie die Dame behandelt hatte, die sie so gerne sein wollte. Nur allzu gerne wäre auch sie Hofdame bei Anna Amalia gewesen und eiferte ihrer Patin dafür in allem nach. So fand sich Charlotte zwischen dem Wunsch, ihrem großen Vorbild zuzustimmen, und ihrer Loyalität für den langjährigen Freund gefangen. Sie entschied sich für den Mittelweg: „Ja, wenn ich das richtig verstanden habe – und bei den Gedankensprüngen der beiden kann man sich da nie sicher sein – wollen sie diesen Sommer Gedichte schreiben und haben kaum noch etwas anderes im Sinn. Ich glaube nicht, dass Goethe schlechter Umgang für Friedrich ist. Die Diskussionen tun ihm gut. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er nur wirklich gesund ist, wenn er arbeiten kann. Ich will ihn da nicht einschränken, vor allem weil er mir außer durch seine Abwesenheit nie Anlass zur Sorge gibt. Ich habe die beiden lange genug zusammen gesehen und glaube kaum, dass es Platz für Frauengeschichten gibt, wenn diese beiden erst mal mit dem Debattieren begonnen haben. Und nach allem was Friedrich sagt, tut er ihm den Gefallen und lässt die Mätresse komplett außen vor. Goethe muss wissen, dass mein Friedrich jede uneheliche Affäre aufs schärfste verurteilt. Ich wünschte nur, sie würden nicht ganz so viel Zeit miteinander verbringen. Ich sehe Friedrich ja kaum noch. Ich wünschte, Goethe würde auch endlich heiraten, dann könnte er sich diesen Lebenswandel auch nicht mehr leisten. Aber solange ihm die jungen Dinger in Scharen hinterherrennen, wird sich da wohl kaum etwas ändern. Es muss ja etwas an ihm dran sein, dass die Mädchen allen Anstand vergessen und so töricht werden lässt.“ In diesem Augenblick erinnerte sich Charlotte, mit wem sie sprach und hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen, aber nun war es wohl auch zu spät. ----------------------- „Es ist wirklich eine Schande, dass dein Mann dich so vernachlässigt, man könnte ja beinahe meinen, dass Friedrich dich mit Goethe betrügt...“ Charlotte von Stein lachte leise über ihren eigenen Scherz und schüttelte den Kopf. „Ich hoffe doch sehr, dass es um Friedrichs Gesundheit derweil wieder besser steht, er sieht immer so schrecklich blass aus.“ Sie nahm einen Schluck von ihrem Kaffee, bevor die das Thema wieder ihrer Nemesis Christiane Vulpius zuwandte. „Goethe und heiraten?“ Sie lachte spöttisch. „Nachdem er so viele Jahre mit jener Natter in seinem Hause zugebracht hat, die ihm sogar einen Bastard geboren hat, glaubst du wirklich noch daran, dass er sich überwinden würde, sie doch noch zu ehelichen? Würde er sie für würdig erachten, seinen Namen zu tragen, hätte er dies schon längst getan. Außerdem hat diese Vereinbarung doch für beide Seiten so einige Vorteile. Ich hörte, dass die Vulpius durchaus die Aufmerksamkeit anderer Männer zu schätzen weiß und ihnen gerne einmal schöne Augen macht. Aber auch der Herr Geheimrat ist kein Heiliger was das angeht...“ Die Miene der von Stein zeigte keinerlei Regung während Lotte sprach, wenn sie über ihren letzten Kommentar verärgert war, so ließ sie es sich immerhin nicht anmerken. Sie nahm nippte erneut an ihrem Kaffee und fächerte sich ob der sommerlichen Hitze etwas frische Luft zu. „Ich kann auch nicht verstehen, weshalb er noch immer eine solche Wirkung auf diese jungen Dirnen zu haben scheint. Sein letzter großer Erfolg ist nun auch eine ganze Weile her, er zehrt noch immer von seinem ersten großen Erfolg, dem Werther.“, stellte sie fest, war nach ihrer Auffassung doch völlig offenkundig, dass die Affäre zwischen ihr und Goethe auf einem völlig anderen Blatt gestanden hatte. Immerhin hatte der vor seiner Italienreise noch um einiges jüngere Schriftsteller auf äußerst leidenschaftliche und eindringliche Weise um sie geworben, bis ihr ja beinahe keine andere Möglichkeit geblieben war, als seinen Bitten nachzugeben. Sie sah Lotte direkt an, welcher ihre vorherige Aussage wohl noch immer etwas unangenehm zu sein schien. Charlotte von Stein winkte in einer eleganten Geste ab und lachte kühl. „Ach, Kindchen, wer bin ich denn, dass ich mich darüber ärgern würde?“, fragte sie und schüttelte den Kopf. „Davon abgesehen ist das mit ihm und mir schon eine halbe Ewigkeit vergangen. Im Nachhinein kann ich mir selbst nicht mehr erklären, was es war, dass mich an ihm faszinierte. Wahrlich, er ist in der Lage den ein oder anderen schmeichelnden Vers zu verfassen, und damals war auch sein Äußeres noch um einiges... ansprechender. Das letzte Mal als ich Goethen sah, war er recht... korpulent geworden“, sagte sie mit eisiger, abwertender Stimme und verdrehte die Augen. „Bei seinem Anblick musste ich mich unwillkürlich selbst fragen, ob ich mittlerweile ebenso derangiert aussehe wie er. Davon abgesehen -“, sie senkte die Stimme verschwörerisch und beugte sich ein wenig näher zu Lotte heran, um sie an jenem Geheimnis teilhaben zu lassen, „... waren seine Fähigkeiten nicht so überragend, wie es den Anschein zu haben scheint, wenn du verstehst, was ich meine...“ Sie machte dazu noch eine eindeutige Geste, welche keinerlei Zweifel an ihren Worten aufkommen und ihr Patenkind erröten ließ. Was den beiden Frauen jedoch nicht bewusst war – ihr Gespräch war schon lange kein Geheimnis mehr. Friedrich hatte das Haus in Begleitung Johanns betreten und ursprünglich Charlotte von Stein auf die ihr gebührende Weise empfangen wollen, als sie beide dem durchaus interessanten Thema gewahr wurden, welches gerade auf den Tisch gekommen war. Obgleich es wohl kein sonderlich feiner Zug gewesen war, waren sie stehen geblieben und hatten somit laut und deutlich gehört, wie die von Stein über Johann gesprochen hatte. Dieser warf einen Blick zu Johann, welcher für einen kleinen Moment errötet war. Johann seufzte leise und unhörbar, er kannte Friedrich nun gut genug, um seine Mimik und Gestik genau lesen zu können. Friedrich war das Thema zu einem gewissen Teil durchaus unangenehm, wusste er doch, dass er, sollte seine Frau herausbekommen, dass er hinter der Tür gelauscht hatte wie ein Schuljunge, sich einem sehr unangenehmen Gespräch widmen musste. Zum größten Teil jedoch freute er sich spitzbübisch darüber. Johann selbst verfolgte das Gespräch mit Ambivalenz. Er wusste natürlich, dass es gekränkte Eifersucht war, die aus von Steins Stimme sprach, aber auch ein Dichterfürst, der sonst so von sich selbst überzeugt war, konnte schon einmal in Zweifel geraten, wenn er eine solche Kritik vernahm. Er kam näher zu Friedrich und legte eine Hand um dessen Hüfte, um seinen Kopf an dessen Halsbeuge zu verbergen. „Ist das wahr?“, fragte er leise in Friedrichs Ohr, sodass nur dieser es hören konnte. Hatte er wirklich so sehr abgebaut, dass er einer solchen Kritik bedarf? Er war eigentlich immer von seinen Fähigkeiten überzeugt gewesen, sowohl als Künstler, als auch als Mann. ----------------------- Friedrich hielt den Atem an. Sie hatten gutgelaunt das Haus betreten und er hatte gerade laut nach Charlotte rufen wollen, als ihnen bewusst geworden war, dass diese wohl nicht alleine war. Schon nach wenigen Silben hatte er den Gast als Charlotte von Stein identifizieren können. Hätte man ihn gefragt, so wäre Friedrich nicht sicher gewesen, ob er die resolute Frau mochte oder nicht. Sie war sehr bestimmend und seinem Berufsstand nicht durchweg wohlgesonnen. Aber sie schätzte und sorgte sich um seine Lotte und das musste Friedrich ihr hoch anrechnen. Er wusste, dass sie sich insgeheim eine bessere Partie für ihren Schützling gewünscht hatte und sah den Treffen mit ihr deshalb nicht gerade mit Freude entgegen. Doch Lotte schätzte sie hoch, sehnte sich nach ihrer Zuwendung und er wollte seiner Ehefrau diese um nichts in der Welt vorenthalten. Also hatte er die nicht ausbleibenden Sticheleien gegen Johann stets zu ignorieren gesucht, wusste er doch, dass er bei diesem Thema nicht lügen konnte. Stattdessen verlegte er sich darauf, den beiden Damen beim Thema Vulpius zuzustimmen, das offensichtlich auch nun gerade Gesprächsthema war. Seit er Johann kennengelernt hatte, musste Friedrich zugeben, dass sie es sich wohl zu einfach gemacht hatten. Johann ging durchaus sehr liebevoll mit Christiane um, nach allem was er sagen konnte, und auch sie schien Johann aufrichtig zu lieben. Aber dankenswerter Weise konnte Friedrich dies schlichtweg ignorieren und so wollte er auch jetzt das Zwiegespräch der Damen unterbrechen, als diese plötzlich den Fokus ihres Gesprächs verlegten. Friedrich hielt in der Bewegung inne und sah zu Johann hinüber. Er kannte die Vergangenheit der beiden, doch wusste er auch, dass dies bereits lange Geschichte war und geendet hatte, noch bevor sie sich kennengelernt hatten. Dass Charlotte von Stein die Leichtigkeit, mit der Johann das Ende ihres Verhältnisses verkraftet hatte, gekränkt hatte, wunderte Friedrich nicht im Mindesten. Folglich amüsierte Friedrich sich prächtig über den verletzten Stolz der eitlen Dame, obwohl er sich durchaus bewusst war, wie ungehörig ihr Lauschen war. Entsprechend erschrocken zuckte er zusammen, als Johann ihn plötzlich berührte. Friedrich wollte schon zu einer Stichelei ansetzen, doch in diesem Augenblick vernahm er Johanns Worte und die Unsicherheit, die in ihnen mitschwang. Überrascht sah er ihn an. Er konnte kaum glauben, dass die Worte dieser Person wirklich solche Zweifel in Johann wecken sollten. Er lehnte sich zurück, sodass sein ganzer Körper an Johann gepresst war und raunte ihm leise zu: „Nicht ein Wort. In jeder wachen Sekunde verzehre ich mich nach deinem Körper. Jede deiner Berührungen bringt mich um den Verstand. Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mich wegen deiner Schreiberei mit dir abgebe?“ Friedrich legte seine Hände nach hinten um Johanns Nacken und zog ihn näher. „Bitte seien Sie versichert, Herr Geheimrat, dass unsere Beziehung ganz allein auf ihren Qualitäten in der körperlichen Liebe beruht. Die Dame weiß nicht, was ihr entgeht.“ ----------------------- Johann hob eine Augenbraue und sah ihn für einen Moment für dieses doch eher zweifelhafte Kompliment kritisch an, bevor er beinahe erleichtert lächelte. Er wusste es durchaus zu schätzen, dass Friedrich nicht ein langes Gespräch gesucht, sondern ihm lieber auf diese Weise bewiesen hatte, dass er ihm durchaus weder zu korpulent noch zu untalentiert erschien. Der Dichter war für gewöhnlich wirklich nicht so sonderlich leicht aus der Fassung zu bringen, aber Frau von Stein hatte ihre Kritik und ihren Protest auf solch vehemente Weise geäußert, dass er für einen Moment nicht sicher gewesen war. Zumal sich niemand je zuvor über ihn beschwert hatte, nicht in diesem Bereich des Lebens. Für einen Moment zog er den Jüngeren enger an sich und hauchte ihm einen dankbaren Kuss auf den Nacken, als er in sein Ohr raunte: „Wie schön, dass mich jemand wegen meiner eigentlichen Talente zu schätzen weiß, dann kann ich das Schreiben ja endlich aufgeben und mich wichtigeren Dingen zuwenden. Vielleicht lassen sich meine Fähigkeiten ja noch auf ein Niveau ausbauen, welches mir den Lebensunterhalt zu sichern weiß. Sie werden mir doch sicherlich aushelfen, dieses Ziel zu erreichen, nicht wahr, Kollege Schiller?“ ----------------------- Bei Johanns rüder Antwort verbiss Friedrich sich das Lachen, nur um zu hören, wie seine Ehefrau antwortete. Ihr nervöses Lachen verriet ihm, wie peinlich ihr dieses Thema war und er konnte förmlich vor sich sehen, wie Charlotte rot wurde, während sie sprach. „Verzeihung, meine Liebe, aber dieses Thema scheint mir doch recht intim…Ist das wirklich so? Man sollte doch meinen, bei dem Zulauf, den er erhält…und dann hat er doch so viel Zeit in Italien verbracht. Heißt es nicht, das sei das Land der Liebe? Nun, aber was weiß ich schon von diesem Thema. Zum Glück kann ich mich bei meinem Mann da nicht beschweren. Wenn er denn Mal zugegen ist zumindest.“ Über Charlottes Worte hinweg hörten sie in diesem Augenblick, wie sich Schritte näherten und so traten sie schnell voneinander fort, grade als sich die Tür öffnete. Das Dienstmädchen war vollkommen überrascht, als sie regelrecht in den Hausherren hineinlief und Friedrich hatte alle Mühe sie zu beruhigen und den Damen im Gesellschaftszimmer zu versichern, dass er ohnehin gerade vorgehabt hatte, einzutreten. Die darauffolgende Szene war eine äußerst unangenehme Angelegenheit. Charlotte von Stein zunächst erklären zu müssen, warum er die ganze Nacht außer Hause gewesen war und sie nicht begrüßt hatte, war eine Sache. Sie dann der Höflichkeit halber auch noch einmal Johann vorzustellen, eine ganz andere. Nachdem nun auch offiziell geklärt war, dass alle Anwesenden sich ganz offensichtlich kannten, war auch Lotte mehr als peinlich berührt und trug dem Mädchen auf, auch für die Männer möglichst rasch Tee zu servieren. Eine ganze Weile schafften sie es, sich mit Höflichkeiten über die Qualität des Gebäcks zu unterhalten, aber Charlotte von Stein schien noch immer pikiert von Verhalten und Gesellschaft ihres quasi Schwiegersohnes. Zwischen den nicht enden wollenden Seitenhieben auf Johanns nicht vorhandenen Ehestand, wies sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hin, wie zuträglich regelmäßiger und ausreichender Schlaf der Gesundheit sei und wie überhaupt der fortgesetzte Lebenswandel jedem anständigen Hause nur schaden konnte. Friedrich erkannte recht schnell, dass er offenbar mit Johann in Sippenhaft genommen wurde und ließ die Kommentare wortlos über sich ergehen. Es hatte keinen Zweck sich mit einer von Stein anzulegen und Friedrich wusste das sehr gut. Seine Freundschaft zu Johann kam Verrat gleich und so machte er gute Miene zum bösen Spiel, vor allem da er wusste, dass er Angriffsfläche bot. Als sie sich darüber ausließ, dass es eine Schande sei, wenn ein Ehemann nicht angemessen auf seinen Hausstand achte und seine Ehefrau so schrecklich ignoriere („Weißt du noch, Friedrich, wie du damals die arme Charlotte nicht genügend Blicke gewürdigt hast, um zu bemerken, dass sie mit Ernst schwanger war? Können Sie sich das vorstellen, acht Monate lang hat er ihren Zustand nicht bemerkt. Acht Monate! Und dabei ist er doch Mediziner!“), konnte er ja schlecht erwidern, dass das lediglich daran gelegen hatte, wie sehr er davon abgelenkt gewesen war, seine Affäre mit gewissen Weimarer Dichterfürsten zu vertuschen. Friedrich errötete also lediglich, murmelte irgendeine Ausrede und war seinem Schöpfer auf Knien dankbar, als er zwischen Kaffee und Abendessen sich endlich nach draußen entschuldigen konnte, um zu rauchen. Dass Johann ihm trotz seiner Abscheu für dieses Laster folgte, sprach dafür, dass auch er diesen Nachmittag alles andere als genossen hatte. ----------------------- Selbst Johann konnte sich ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen, als er jene Worte der von Stein vernahm. „Wirklich, Friedrich? Sie haben die Schwangerschaft ihrer Frau bis kurz vor dem Ende nicht bemerkt?! Ich sollte ihnen mal eine kleine Nachhilfestunde in weiblicher Anatomie geben...“ Denn mit der männlichen kannte Friedrich sich indessen prächtig aus. Nun, er wusste durchaus, in welchen Zeitrahmen die Geburt jenes Knaben gefallen war, damals hatten sie jegliche Möglichkeit, die sich ihnen geboten hatte, genutzt, um miteinander in dunklen Ecken oder Nebenzimmern zu verschwinden, um einander Nahe zu sein und sich ihrer unbändigen Lust und Sehnsucht hinzugeben. Da konnte man so eine Kleinigkeit wie eine Schwangerschaft durchaus einmal übersehen. Der Nachmittag wurde zu einem Spießrutenlauf, die Stimmung war angespannt und die Konstellation der Personen bedenklich. Der aktuelle Liebhaber des Älteren saß mit seiner Frau und Johanns ehemaliger Geliebten an einem Tisch und trank Kaffee... Kein Wunder, dass er wenig später dem Fluchtreflex nachgab um Friedrich nach draußen zu begleiten. Was die beiden Männer und auch Lotte nicht bemerkten, waren die Blicke der von Stein, die aufmerksam von Friedrich zu Johann und wieder zurück sah. Es war das erste Mal seit Johann zurück von seiner Italienreise war, dass sie beide zusammen auf so engem Raum antraf und all ihre Alarmglocken schienen augenblicklich zu melden. Sie war eine verständige Frau und hatte einen siebten Sinn für solche Dinge, zwar wusste sie nicht, was nicht richtig an dieser Zusammenkunft war, aber sollte es ihrem Patenkind nicht Gedanken machen, dass ihr Gatte näher an von Goethe saß als bei ihr? Dass diese beide sich immer wieder verstohlene Blicke zuwarfen, die sicherlich nicht nur auf der gemeinsamen Arbeit begründet waren? Es war kein Geheimnis mehr in Jena oder Weimar, dass diese beiden Männer eine tiefe und innige Freundschaft verband, allerdings das durchweg männliche Umfeld der beiden nicht zu ahnen, wie tief diese wirklich ging. Charlotte von Stein schien es in diesem Moment wie Schuppen von den Augen zu fallen, nun, dies würde natürlich so einiges erklären, weshalb Friedrich gerne die Nächte mit Johann zum Tag machte und weshalb sie beinahe überall im Doppelpack anzutreffen waren. Es war beinahe ein tröstlicher Gedanke, dass sie Goethen nicht an eine ungebildete Dirne, sondern an einen ebenbürtigen Dichterkollegen verloren hatte. Natürlich war dies etwas, dass sie ihrem Patenkind niemals würde erzählen können, die Ehe der beiden funktionierte gut und der Skandal, den diese Verbindung auslösen würde, würde niemandem von ihnen gut tun. Sie zog es daher vor, genießen und zu schweigen. Johann war Friedrich in für die Tür des kleinen Gartenhauses in Jena gefolgt, wo dieser sich in Ruhe seine Tonpfeife ansteckte. Entschieden schüttelte er den Kopf. „Ich werde wohl niemals verstehen, wie du diesem Laster frönen kannst“, stellte er fest und schloss lieber für einen Moment die Augen, um den Gesang der Vögel und die süßen Gerüche der Natur auf sich wirken zu lassen, bevor diese vom Geruch des Tabaks verdrängt wurden. Einem guten Gläschen Wein war Johann niemals abgeneigt, dem Rauchen hatte er aber noch nie etwas abgewinnen können. Dies war seiner Meinung nach – neben dem Glücksspiel – Friedrichs schlechteste Eigenschaft. Obgleich er ihm dankbar war, dass sein Freund immerhin so weit war, wenn er ihn besuchte zum Rauchen vor die Tür zu gehen. Sie nutzten die Gelegenheit, um sich erneut über ihre Idee der Balladen auszutauschen, Friedrich schienen die Kraniche des Ibykus einfach nicht loslassen zu wollen und somit war Johann froh, dass er ihm diesen Stoff zur Bearbeitung überlassen hatte. Schon jetzt war Friedrich in Gedanken dabei, die Ballade zu organisieren, auch wenn es noch eine Weile dauern würde, bis er sie zu Papier brachte. Da Johann niemals den Druck verspürt hatte, vom Schreiben leben zu müssen, verzichtete er darauf, jeglichen Schritt haarklein durchzuplanen. Natürlich waren seine Werke ebenfalls aufs Kunstvollste durchdacht und konstruiert, sie waren jedoch viel impulsiver und meist aus einem Überschwang an Emotionen entstanden. Obgleich er sich von seinem damaligen Ich verabschiedet hatte, konnte er den Stürmer und Dränger aus seiner Persönlichkeit nie komplett verbannen. Die Worte schienen ihm teilweise einfach nur zuzufließen, während sich Friedrich jedes dreimal überlegte, bevor er es niederschrieb. Aber gerade diese Diskrepanz zwischen ihnen machte das Zusammenarbeiten so unglaublich spannend. ----------------------- Als sie endlich ihre Ruhe hatten, atmete Friedrich tief durch. Er wusste, wie sehr Johann sein Rauchen verabscheute, aber er musste sich einfach beruhigen. Er unterdrückte ein Seufzen, konnte sich aber eine süffisante Bemerkung nicht verkneifen. „Wenigstens kann mich mein kleines Laster nicht an meinem eigenen Kaffeetisch vorführen und beleidigen.“ Ein wenig versöhnlicher fügte er hinzu: „So wird man also, wenn einen der große Goethe fallen lässt, wie eine heiße Kartoffel? Oh Gott, ich hoffe, ich werde das mit mehr Würde ertragen, wenn es soweit ist. Ich glaube ja, dass Frau von Stein ohnehin noch nie an meinen schriftstellerischen Erfolg geglaubt hat, aber dann auch noch feststellen zu müssen, dass ich selbst zum Arzt nichts tauge, war ein harter Schlag für sie. Danke übrigens, für deine Unterstützung. Schön zu wissen, dass du an meine Fähigkeiten glaubst. Sie hätte es mir ja auch einfach sagen können, ich hatte nun wirklich andere Dinge im Kopf.“ Friedrich gab sich betont empört. Er wusste, dass er sich diese Sache selbst zuzuschreiben hatte und er diese Geschichte vermutlich noch von seinen Enkeln zu hören bekommen würde. Da half bloß noch gute Miene zum bösen Spiel machen. Sie waren mittlerweile bis zur Gartenlaube gekommen und Friedrich ließ sich erschöpft auf die Bank sinken. Der Stress bekam ihm einfach nicht. Er streckte die Hand aus und zog Johann neben sich, sobald er zu Ende geraucht hatte. Schulter an Schulter saßen sie da, beobachteten, wie langsam die Sonne sank und genossen die Stille. Erst der kleine Karl, der sie zum Abendessen rief, störte die Idylle des Augenblicks. Immerhin verlief selbiges sehr viel friedlicher. Charlotte von Stein schien ihrem Ärger Luft gemacht zu haben, sodass Friedrich sich durchaus ein wenig freute, die geliebte Freundin seiner Frau für eine Weile in seinem Haus zu beherbergen. Lediglich der Zeitpunkt hätte ihm angenehmer sein können. Durch den hohen Besuch im Hause Schiller hielt Johann sich auffallend zurück und schon am nächsten Tage ließ er sich zu Friedrichs Enttäuschung entschuldigen. Er konnte es ja verstehen, musste sogar zugeben, dass es die vernünftige Entscheidung war, aber dennoch sehnte er sich nach Johanns Anwesenheit. Außerdem hatte er nicht vergessen, wie Johann auf den Kommentar seiner ehemaligen Liebhaberin reagiert hatte und er wartete nur auf die nächste Gelegenheit, sein Selbstbewusstsein ein wenig aufpolieren zu können. Stattdessen vertrieb er sich die Zeit mit dem eifrigen Vorantreiben der Balladen. Er mochte dieses Genre sehr und wollte Johann seine Dankbarkeit für den überlassenen Stoff vor allem durch möglichst kunstgerechte Umsetzung zeigen. So schickte er nur eine kurze Notiz ins Schloss. Jena, 30. Mai 1797 Ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, dass mein Haus nicht mehr lange von feindlichen Truppen okkupiert sein wird und Sie spätestens übermorgen gefahrlos zu uns zurückkehren können, obwohl Sie uns auch sonst zu jeder Zeit herzlich willkommen sind. Daß Sie nicht sogleich kommen können ist mir recht verdrießlich. Ich hätte jetzt so gern mein Lämpchen bei Ihnen angezündet. In der Hoffnung, Sie nicht allzu lange entbehren zu müssen Schiller. Friedrich wusste, wie konsequent Johann sein konnte, wenn er einer Person partout nicht begegnen wollte und so rechnete er nicht ernsthaft damit, dass er Johann vor dem übernächsten Tag sehen würde, aber die Gewissheit, dass es nicht mehr lange dauern würde, beflügelte ihn und so schaffte er es bereits am nächsten Morgen früh aufzustehen, um einige Erledigungen zu machen, zu einer Tageszeit, die er ansonsten lieber nur aus Erzählungen anderer kennenlernte. ----------------------- Johann war äußerst überrascht über Friedrichs Worte gewesen, es stimmte durchaus, dass er gerne einmal seinen Liebschaften davon lief, wenn ihm eine Situation zu heiß wurde, aber... „Was veranlasst dich zu glauben, dass ich jemals von dir lassen könnte?“, fragte er ehrlich irritiert und führte Friedrichs Hand an seine Lippen, um aufs innigste seine Fingerkuppen zu küssen. „Niemals wieder könnte ich dich entbehren, meinen unersetzlichen Schiller.Obgleich du mir eben ja mitteiltest, dass du dich nur wegen meiner Qualitäten in der Horizontalen schätzt“, ein kleines Schmunzeln seinerseits, „verbindet uns doch so viel mehr als das. Bei dir kann ich sein, du inspirierst mich wie kein Anderer. Die Literatur hat uns zusammengebracht und eine Bande geschmiedet, die niemand, nicht Tod noch Teufel, trennen kann.“ Jene Worte waren mit einer solchen Eindringlichkeit und Leidenschaft gesprochen worden, die nur schwer zu dem sonst so gesetzt wirkenden Mann passen wollte. Es war Friedrich und Friedrich allein dem es vergönnt war, diese Seite an ihm zu sehen. Johann barg den Kopf an seiner Schulter und genoss für einen Moment einfach nur die Ruhe, das Gespräch mit der von Stein hatte sich als ermüdender herausgestellt, als er gedacht hätte. „Irgendwann, Friedrich“, sagte er schließlich nach einer Weile, „Irgendwann werde ich dir Italien zeigen! Venedig, Rom, Mailand, Florenz... Das warme Klima wird auch deiner Gesundheit gut tun, jeden Winter sehne ich mich in diese wärmeren Gefilde zurück.“ Gemeinsam überlegten sie, was sie auf ihrer Reise durch das Land der Götter als erstes würden sehen wollen. Es war Karl, der die Männer in ihrem Traum von der Italienreise und dem eigenen kleinen Weingut am Meer unterbrach und sie zum Essen rief. Dieses verlief besser als erwartet, aber die Nähe seiner ehemaligen Liebschaft erschwerte es Johann, einen heiteren Abend zu verleben. Vor allem, als bei seinem Abschied Charlotte von Stein näher zu ihm trat und ihm in einer nahezu freundschaftlichen Geste die Hand reichte. „Es war mir eine Freude, sie wiederzusehen, Herr Geheimrath“, sagte sie und ihre Stimme hatte einen beinahe verschwörerischen Ton angenommen. „Wir sollten einander wieder häufiger treffen, wieso kommen Sie mich nicht wieder einmal besuchen und bringen Augusten mit? Es scheint mir eine Ewigkeit seit ich Ihren stattlichen Burschen sah. Und – was Ihren anderen stattlichen Begleiter angeht... selbstverständlich ist dieser auch jederzeit herzlich eingeladen.“ Ihr Blick wanderte zu Friedrich, der seiner Frau gerade den kleinen Ernst abnahm und Johann konnte nicht umhin, nervös zu werden. Natürlich, er hätte wissen müssen, dass er Charlotte von Stein nicht würde täuschen können. Immerhin kannte jene Frau ihn ausgesprochen gut und sie hatten einige Jahre miteinander verbracht. Sie kannte den sehnsüchtigen Blick aus braunen Augen und die leidenschaftliche Art zu handeln, wenn er liebte. Zudem war sie immer schon eine recht feinfühlige Frau gewesen, die vieles sah, was anderen verborgen blieb. Er wollte gerade etwas erwidern, als sie einen Finger auf seine Lippen legte und den Kopf schüttelte. „Ts, ts, ts, Sie wollen doch nichts sagen, was sie später bereuen würden. Seien Sie versichert, dass Ihr Geheimnis bei mir sicher ist, zumindest solange mein geliebtes Patenkind nicht darunter leidet. Sie ist eine gute Frau und hat es nicht verdient, Mittelpunkt eines gesellschaftlichen Skandals zu werden. Ich denke, dass es für alle Beteiligten besser wäre, dieses Thema ruhen zu lassen.“ Die nächsten Tage zog Johann sich dennoch ungewöhnlich zurück, obgleich sich das Verhältnis zur von Stein von diesem Abend an wieder bessern und bald wieder Briefe ihre Besitzer wechseln sollten. Es war nach Mittag als Johann bei den Schillers eintraf und von Charlotte herzlich begrüßt würde. „Herr Geheimrath, wie schön, sie wiederzusehen, mein Mann und ich haben Sie in den letzten Tagen sehr vermisst, es ist so seltsam, wenn man ihre Gegenwart gewohnt ist, sie plötzlich wieder entbehren zu müssen. Kommen Sie doch herein, Friedrich ist gerade noch einige Besorgungen machen, aber ich denke, dass er jeden Augenblick zurückkehren müsste. Sie können gerne in seinem Arbeitszimmer auf ihn warten.“ Johann bedankte sich höflich und setzte den ihm nun wohlbekannten Weg in Friedrichs Arbeitszimmer alleine fort. Es war merkwürdig, Friedrich hielt es für gewöhnlich wie er selbst, er ließ ungern Menschen alleine in seinem Arbeitszimmer zurück, seinem Refugium, in dem alles einer bestimmten (für andere Leute undurchsichtigen) Ordnung sortiert war. Sein ganzes Leben, seine ganze Existenz steckte in diesem Arbeitszimmer, Werke, Gedichte, Ideensammlungen, Korrespondenzen... Doch es hatte ihn noch nie eine einzige Sekunde lang gestört, Friedrich in jenem Zimmer zu wissen und auch dieser hatte keinerlei Bedenken, Johann hier alleine zu lassen. Ihre Freundschaft basierte auf einer solchen Vertrautheit, dass sie niemals einen Ideendiebstahl befürchten würden. Johann bediente sich viel eher an Friedrichs Bücherregal um ein wenig zu lesen, bis ihm eine grandiose Idee zu einer weiteren Ballade kam. Ohne Scheu ließ er sich an Friedrichs Schreibtisch nieder, um etwas nieder zuschreiben und vergaß sehr schnell die Welt um sich herum, die Worte schienen gerade so aus ihm heraus zusprudeln. Er sollte vielleicht häufiger in Schillers Arbeitszimmer schreiben, selbst ohne dessen Gegenwart wirkte dieses sich sehr inspirierend auf ihn aus. Nach einer Weile jedoch spürte er, wie es in seinem Kopf anfing zu schwimmen und ihm die Sinne zu schwinden drohten. Ein beißender, süßlicher Geruch stieg in seine Nase und schien ihm beinahe die Luft zum Atmen zu nehmen. Er sah sich um, konnte jedoch nichts entdecken, dass Grund für seine Beschwerden hätte sein können. Zuvor war es ihm noch blenden gegangen und er hatte sich auf einen arbeitsreichen Tag mit Friedrich eingestellt, eine Erkrankung käme ihm nun sehr ungelegen. Nur mit Mühe und Not gelang es ihm, die in ihm aufsteigende Übelkeit zu bekämpfen. Er stand auf und ging zum Fenster, um dieses zu öffnen und erst einmal frische Luft herein zu lassen. Für einen Moment schloss er die Augen und holte tief Luft, bis sich sein Zustand wieder einigermaßen verbessert hatte. Als er sich jedoch zurücksetzte um seine Notizen zu beenden kamen jene Beschwerden wieder. Johann massierte gerade seine Schläfen mit den Fingerspitzen als Charlotte das Zimmer betrat. „Friedrich ist soeben eingetroffen, er wird gleich bei Ihnen sein. Nanu, fühlen Sie sich nicht wohl?“ Johann schüttelte den Kopf. „Es ist nichts, denke ich. Mir schwindelt ein wenig und ich habe einen beißenden Geruch in der Nase, dessen Ursprung ich nicht ergründen kann.“ Da brach Charlotte in ein leises Lachen aus und kam näher, um neben Johann stehen zu bleiben. „Machen Sie sich keine Sorgen, sie sind kerngesund. Friedrich besteht darauf, dass ich diese Schublade regelmäßig mit fauligen Äpfeln bestückte, er sagt, der Geruch würde ihn zum Denken anregen.“ Sie öffnete die mittlere Schublade des Schreibtisches und nun wurde der Geruch beinahe so unerträglich, dass Johann ein Taschentuch aus seinem Rock hervorziehen und es sich vor den Mund pressen musste. ----------------------- „Ich bin mir sicher, dass sich da etwas einrichten lässt, und bin gerne bereit, Ihre Schriften durchzusehen.“ Friedrich war vollkommen ins Gespräch mit seinem Begleiter vertieft, als er sein Haus betrat. Er hatte unterwegs den jungen Hardenberg getroffen, der wie so oft die Gelegenheit nicht ausgelassen hatte, sein großes Vorbild anzusprechen. Friedrich schätzte den jungen Dichter durchaus. Seine literarischen Ansichten mochte Friedrich für vollkommen unsinnig halten, standen sie doch aller Form entgegen, die er so mühsam mit Johann zu wahren versuchte. Aber wer, wenn nicht er konnte dieses Bestreben der Jugend nach Revolution nachvollziehen? Und so beschränkte er sich zumindest was Novalis anging darauf, die Ansätze dieser sogenannten Romantik auszuklammern und mit ihm mehr über Geschichte zu konferieren. Sie hatten sich schließlich in seiner Funktion als Geschichtsprofessor kennengelernt und auch wenn er diese nicht mehr ausübte, wollte Friedrich seinem überaus ehrgeizigen Studenten noch mit Rat und Tat zur Seite stehen. Am Anfang hatte er nicht damit umgehen können, wie sehr der Knabe ihn verehrte. Friedrich war bestimmt der letzte, der daran zweifelte, dass er zum Schreiben geboren war, aber im persönlichen Umgang miteinander so über den grünen Klee gelobt zu werden, daran hatte er sich erst gewöhnen müssen. Gerade als er im letzten Winter jedoch krank darnieder gelegen hatte, hatte Novalis ganze Nächte an seiner Seite durchwacht und seitdem fühlte er sich ihm ein wenig verpflichtet. Zum ersten Mal seit ihrer letzten Begegnung war Friedrich für mehr als einige Minuten von den Gedanken an Johann abgelenkt. Er hatte die Worte darüber, dass Johann ihn verlassen könnte, eigentlich mehr im Scherz gesprochen. Sie waren zu weit gekommen, um noch ohne Anlass ernsthaft an der Liebe des Anderen zu zweifeln. Aber als Johann sich entrüstet hatte und ihm wortreich seine Gefühle versichert hatte, war Friedrich zu glücklich darüber gewesen, dies wieder einmal zu hören, um das Missverständnis aufzuklären, und hatte es vorgezogen, sich in Johanns ungeteilter Aufmerksamkeit zu sonnen. Morgen würde er ihn endlich wieder sehen. Während Friedrich und sein Schüler die Treppe hinaufstiegen, schüttelte Friedrich den Kopf. So viel dazu, dass es jemand schaffen könnte, ihn dauerhaft von Johann abzulenken. Manchmal fragte er sich, ob der Grad seiner Sehnsucht noch als gesund bezeichnet werden konnte. Die Stimmen, die aus seinem Arbeitszimmer drangen, ließen ihn jedoch abrupt stehenbleiben. Für einen Moment war er irritiert, bis er sie als seine Ehefrau und – konnte es wirklich wahr sein? – Johann identifizierte. Sein Herz begann höher zu schlagen. Er hatte sich also doch in die Höhle des Löwen gewagt. Ohne seinen Begleiter auch nur noch eines Blickes zu würdigen, öffnete Friedrich die Tür. „Herr von Goethe, wie schön Sie zu sehen!“ Mit wenigen Schritten hatte Friedrich das Zimmer durchquert und Johann überschwänglich begrüßt. „Bitte verzeihen Sie, dass ich Sie habe warten lassen, aber ich hatte nicht mit ihnen gerechnet. Welch wundervolle Überraschung!“ Friedrich spürte Johanns Zurückhaltung und versuchte, nicht enttäuscht zu sein. Er wusste, dass dies nur dem Zustand der Beobachtung, in dem sie sich befanden, geschuldet war, aber er hatte dennoch seine liebe Mühe, nicht seine Finger in Johanns Haar zu vergraben. In diesem Augenblick schaltete Charlotte sich ein: „Ja, wirklich eine wundervolle Überraschung, Friedrich! Sieh nur, was du deinem armen Gast angetan hast, mit deinen seltsamen Grillen.“ Friedrich zwang sich, den Blick von Johann abzuwenden und sah sich im Zimmer um. Dann sah er die offene Schublade und lief rot an. Er schätzte es ja selbst nicht, dass er so merkwürdiger Stimulanzen bedurfte, um schreiben zu können, aber bereits in seiner Zeit am Mannheimer Theater hatte er nun mal festgestellt, dass ihn die Muse am ehesten küsste, wenn er sich in einer Atmosphäre des Vergänglichen und Morbiden befand. Er hatte nur gehofft, dass Johann das nicht unbedingt herausfinden würde. Friedrich schämte sich nicht direkt, aber er wusste, wie geordnet und zielstrebig Johann vorging, wenn er schrieb – eine Tatsache, die Friedrich immer wieder daran zweifeln ließ, ob er überhaupt sich einen echten Dichter nennen durfte – und er konnte sich nur zu gut denken, was Johann von solchen Seltsamkeit halten mochte. Schnell versuchte er, den verursachten Schaden wieder gut zu machen. „Das tut mir schrecklich leid, Herr Geheimrat. Ich bedarf von Zeit zu Zeit leider äußerer Eindrücke, um die richtige Stimmung zum Arbeiten zu finden, und da meine Frau sich mittlerweile bereits als Hausmusikantin missbraucht fühlt und der Genuss von Opiaten durchaus mit Vorsicht zu genießen ist, bin ich gezwungen, auf unkonventionelle Stimuli zurückzugreifen. Ich hoffe, Sie wurden nicht allzu sehr inkommodiert.“ Er wollte das Fenster öffnen, sah aber, dass es bereits offen war und stand etwas hilflos im Raum, bis Charlotte das Wort ergriff. „Mach dir nicht zu viele Gedanken, Friedrich. Wenn du es bis jetzt nicht geschafft hast, Herrn von Goethe zu vertreiben, wird ihn diese Angewohnheit wohl auch nicht mehr schockieren. Wie dem auch sei, Charlotte und ich sind zum Tee eingeladen und werden wohl nicht vor dem Abend zurückkehren. Ich habe Anweisung für das Abendessen gegeben, aber wenn ihr außerhalb zu speisen wünscht, dann sollte dies kein Problem sein.“ Sie hauchte ihrem Mann einen kurzen Kuss auf die Wange und schickte sich dann an, ihre Freundin abzuholen. Im Hinausgehen sagte sie: „Im Übrigen denke ich, du musst deine Gäste noch miteinander bekannt machen.“ Erst jetzt fiel Friedrich wieder ein, dass Novalis noch immer in der Tür stand. Er bedeutete ihm, den Raum zu betreten und wandte sich an Johann: „Herr Goethe, darf ich vorstellen? Friedrich von Hardenberg, besser bekannt als Novalis, und mein ehemaliger Student. Er bat mich heute um die Hilfe an einem seiner Aufsätze, die ich ihm gern zusagte. Novalis, Ihnen muss ich den Herrn Geheimrat ja wohl kaum vorstellen.“ Die beiden Männer begrüßten einander knapp, was Friedrich nicht wunderte. Johann hegte eine noch größere Abneigung gegen die Romantiker als er selbst und wie Novalis reagierte, wenn er einem berühmten Schriftsteller vorgestellt wurde, hatte Friedrich am eigenen Leib erfahren. Der junge Mann begann jedoch nach kurzem, seine Nervosität durch überaus starke Höflichkeit zu kompensieren, nötigte Friedrich dazu, sich zu setzen, erbot sich Tee zu bringen und schien überhaupt von allem, was gesagt wurde, unendlich fasziniert. Als das Gespräch aber nicht richtig in Gang kommen wollte, da Johann noch immer angeschlagen wirkte, schlug Friedrich schließlich vor, das gute Wetter zu nutzen: „Wir könnten an der Saale spazieren gehen. Vielleicht wird Ihnen die frische Luft guttun, nach allem, was ich Ihnen zugemutet habe, Herr Goethe!“ Er bedauerte es aufrichtig, dass er Johann offensichtlich so aus der Fassung gebracht hatte, mit nichts als ein paar Äpfeln. Johann stimmte zu und als sie aufstanden, wurde Friedrich bewusst, wie unhöflich er gerade wurde. Er wollte endlich mit Johann allein sein, aber er konnte ja schlecht deswegen einen Gast aus dem Haus werfen. Es kostete ihn Überwindung, aber dennoch weitete er die Einladung auf Novalis aus. Dieser jedoch schien von dieser Idee alles andere als begeistert und benutzte die Gelegenheit, um sich möglichst schnell zu verabschieden. Friedrich fiel ein Stein vom Herzen und kaum war der Junge verschwunden, widmete er sich wieder ganz Johann. Dieser schien aber den ganzen Weg bis zum Fluss irgendwie verstimmt. Friedrich war verwirrt. War es immer noch die Sache mit den Äpfeln? Oder steckte Johann ernsthaft noch von Steins Kommentar in den Knochen? So oder so, er war gerade zu glücklich über Johanns Besuch, um ihn sich verderben zu lassen. Er ergriff Johanns Arm und hakte sich ein. Dann fragte er möglichst leichtfertig: „Was ist nur los mit dir Johann? Grollst du mir wirklich wegen meiner Unordnung? Was kann ich tun, um dir den Tag zu versüßen?“ ----------------------- Was Friedrich nicht zu bemerken schien war die Tatsache, dass Johann keineswegs mehr angeschlagen war von jenem Vorfall mit den Äpfeln. Er tat diesen als einen von Friedrichs Grillen ab – und mal ehrlich, wer war er, diese zu verurteilen? Seinen Gästen wurde teilweise nahegelegt, ihre Brillen abzunehmen, wenn sie vom Herrn Geheimrat nicht wieder sofort vor die Tür gesetzt werden wollten. Was Johann viel mehr ein Dorn im Auge war, war der junge Novalis. Dieser hatte sich schon bei jenem Empfang des Herzogs als wahre Klette entpuppt und die Tatsache, dass Friedrich nun mit diesem Romantiker im Schlepptau ankam, wollte ihm nicht recht gefallen. Er verabscheute jene Literaten mit ihrem Hang zum Tod und zum Morbiden und jener Knabe hatte in seinem Leben zu wenig geleistet um auch nur ansatzweise interessant für Johann zu sein. Zudem betete Novalis den Boden vor Friedrichs Füßen an. War es nicht gerade so wie bei ihnen, nur, dass dieses Mal Friedrich Schiller in die Rolle des Bewunderten schlüpfte? Er konnte nicht umhin, dass ein bitteres Gefühl in ihm hoch kroch und sich langsam aber sich in ihm ausbreitete. Die Eifersucht, so unschön jene Emotion auch sein mochte, nagte an ihm. Was, wenn Friedrich es Leid wurde, immer nur zu dem „großen Goethe“ aufzublicken, wenn er lieber selbst der Bewunderte sein wollte? Obgleich Johann seinen Partner mittlerweile auf Augenhöhe betrachtete und seine Werke hochschätzte, war ihre Beziehung noch immer ein geprägt durch das Rollenverhalten, mit dem ihre Freundschaft begonnen hatte. Friedrich bewunderte ihn und Johann genoss dies auch aus vollen Zügen. Die Gefahr, seinen Vertrauten und besten Kritiker zu verlieren, behagte ihm gar nicht. Und Novalis schien durchaus unlautere Intentionen zu haben, Johann war lange genug auf dieser Welt um zu erkennen, wenn jemandem schöne Augen gemacht wurden. Was Friedrich nicht zu bemerken schien, war dem Studenten Hardenberg sehr wohl bewusst, er spürte die Abneigung des Dichters, welche dieser kaum zu verhehlen gedachte. Dies war auch der Grund, weshalb das Gespräch der Schriftsteller nur schwer in Gang kam. Johann ließ Novalis keine Sekunde aus den Augen, bemerkte, wie dieser immer wieder versuchte, in Friedrichs Nähe zu kommen, ihn unbemerkt zu berühren (sei es beim überreichen einer Tasse oder beim zurechtrücken seines Stuhles). Als Friedrich vorschlug, mit Johann die frische Luft aufzusuchen, nickte dieser zustimmend. „In der Tat, ich denke, dass dies eine ausgesprochen gute Idee ist. Ich könnte ein wenig Bewegung jetzt gut gebrauchen.“ Sein Blick wanderte zu Novalis und dieser sprach Bände. Wenn der Student es auch nur wagen würde, jene Einladung in Betracht zu ziehen... Die Drohung musste nicht einmal ausgesprochen werden um verstanden zu werden, der Blick des Herrn Geheimrat war so eindeutig, dass Novalis sich schnell unter einem Vorwand entschuldigte und dem Älteren das Feld überließ. Man hatte Goethe lieber zum Freund als zum Feind, er konnte ein unerbittlicher Gegner sein. Den Weg zur Saale legten sie schweigend zurück, Johann schien nicht in Stimmung zu sein, zu reden, bis Friedrich sich bei ihm einhakte und ihn nach dem Grund für seinen Gram fragte. Wusste Schiller wirklich nicht, weshalb er ihm zürnte? Die Geschichte mit den Äpfeln hatte er schon beinahe wieder vergessen (sie würde allerdings als nette kleine Anekdote den Eingang in die Weimarer Gesellschaft finden). Für einen kurzen Moment sah er sich um, ob auch niemand in der Nähe war, bevor er ihn gegen einen kräftigen Baum am Ufer des Flusses drängte und ihn herrisch und besitzergreifend küsste. „Mir gefällt es nicht, wie du mit jenem Knaben umgehst“, raunte er in Friedrichs Ohr und eine Hand wanderte über seine Seiten hinab zu seinem Hintern, um diesen fest zu packen. Seine ganze Haltung hatte sich gestrafft und für einen Moment konnte man wieder erkennen, dass Johann nicht immer die ruhige Behaglichkeit seines Hauses am Frauenplan genossen, sondern auch seinen Dienst im Militär abgeleistet hatte. Seine Augen funkelten wie die eines Raubtieres vor seiner Beute und er schien nicht vorzuhaben, Friedrich so schnell wieder aus seinem Griff zu entlassen. „Du solltest vorsichtig sein, ich traue deinem Studenten nicht. Außerdem missfällt mir die Art, wie er dich ansieht.“ ----------------------- Vollkommen perplex starrte Friedrich Johann an. Dass das Laub sie zumindest ein wenig vor neugierigen Augen versteckte beruhigte ihn zumindest ein wenig. Dennoch brauchte er noch immer ein wenig Zeit, um zu verarbeiten, warum er sich plötzlich gegen einen Baum gedrängt fand. Es war nicht so, dass dieser Umstand ihm missfiel, ganz im Gegenteil, Friedrich genoss es durchaus, wenn Johann plötzlich das Bedürfnis hatte, die Art ihres Verhältnisses ganz deutlich zu machen. Aber er war dennoch überrascht über die heftige Reaktion. Er hatte mit vielem gerechnet, aber damit? Sicher, Novalis war mehr als bemüht um seine Gunst und Friedrich war durchaus geschmeichelt, von der Ehrerbietung, die ihm auf einmal dargebracht wurde. Bloß der Gedanke, dass sein Schützling mehr von ihm erwarten könnte, erschien Friedrich geradezu lächerlich. Entsprechend amüsiert fiel auch seine Reaktion aus. Nachdem er eine kurze Weile gebraucht hatte, um sich zu sammeln, lachte er: „Wirklich, Johann? Das glaubst du doch nicht im Ernst! Der Junge bemüht sich um mich, weil er dadurch hofft, in der Literaturszene wichtige Kontakte zu knüpfen. Im besten Fall glaubt er tatsächlich, dass einige meiner Werke zu etwas taugen, aber das?“ Friedrich schüttelte den Kopf. Er wusste nicht, was ihn mehr überraschte: Die Absurdität der Idee, dass das Interesse Novalis‘ über ein rein fachliches hinausgehen könnte, oder dass er Johann betrügen könnte. „Johann, er mag ungestüm sein, aber das heißt doch nicht, dass er dermaßen den guten Anstand vergessen würde!“ Friedrich gab sich Mühe, möglichst entspannt und wohlwollend auf Johanns aggressive Annäherung zu reagieren. „Ganz abgesehen davon“; sagte er, indem die Augen niederschlug, „wie kannst du nur für eine Sekunde glauben, dass er mir etwas bedeuten könnte? Dass du ihm nicht vertraust, mag angehen, aber solltest du nicht wissen, dass ich dir ganz ergeben bin?“ Er zog Johann näher zu sich und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen. „Wenn du nicht da bist, denke ich nur an dich. Wenn ich mich mit andern unterhalte, sehne ich mich nur nach dir. Und wann immer mir jemand Komplimente macht, wünschte ich, es wärest du. Also mach dir keine unnötigen Sorgen. Novalis ist nur ein Junge, der überaus begeisterungsfähig ist und ganz bestimmt keine Konkurrenz.“ Dennoch, ganz gleich, wie weit hergeholt Johanns Eifersucht ihm erschien, Friedrich wollte nicht für eine Sekunde, dass sein Freund an ihm zweifelte und so hielt er still und hoffte, dass er ihn hatte überzeugen können. ----------------------- Johann löste seinen Griff um Friedrich nicht, sein gesamter Körper presste ihn noch immer gegen den Baumstamm hinter ihnen, seine Haltung war angespannt. Der Ältere besaß eine Kraft, die man ihm auf dem ersten Blick nicht zugetraut hätte. „Ich vertraue dir, Friedrich, aber ich traue diesem Knaben nicht. Ich erkenne den Unterschied zwischen einfacherer Bewunderung und Schwärmerei. Und dieser Novalis hat weniger noble Gründe für eine Verbindung mit dir als du sie ihm zuschreibst...“ Seine freie Hand wanderte zu Friedrichs Schritt und packte diesen durch den eher dünnen Stoff der Culotten fest, noch immer hatte jener sonst so ruhige und bodenständige Mann etwas Raubtierhaftes. „Ich lasse nicht zu, dass sich ein solcher Dilettant in deinem Licht sonnt.“ Er beugte sich vor, um Friedrich auf drängende Weise zu küssen, keine Sanftheit lag mehr darin, sondern Dominanz und klare Besitzansprüche, er würde nicht zulassen, dass ein solcher Knabe sich Friedrich auch nur näherte. Dieser schien die Lage völlig zu verkennen und nicht wahrhaben zu wollen, dass es Novalis durchaus nicht nur um seine schriftstellerischen Fähigkeiten ging. Und wer könnte ihm das verübeln? War er anfangs wenig begeistert von Friedrichs äußerer Erscheinung gewesen, so konnte er sich nun keinen attraktiveren Menschen vorstellen, als seinen Hofrath Schiller. Als sie Stimmen aus der Ferne hörten, ließ Johann ihn widerwillig los und wich einige Meter zurück, um tief Luft zu holen und sein rasendes Herz wieder ein wenig zu beruhigen. Noch immer pumpte sein Herz Adrenalin durch seinen Körper und er brauchte einen Moment, um sich wieder zu fangen. Vielleicht hatte er wirklich überreagiert, Friedrichs Beteuerungen erschienen ihm ehrlich und er vertraute diesem genug, seine Worte zu glauben. Dennoch – er würde Novalis im Auge behalten und sollte dieser nicht erkennen, dass er in einem fremden Revier wilderte, würde Johann wohl seinerseits zu unlauteren Mitteln greifen müssen, den Unruhestifter aus Friedrichs Umfeld zu entfernen. Er nickte schließlich und reichte Schiller beinahe versöhnlich seinen Arm, damit dieser sich erneut bei ihm einhaken konnte, es war kein Geheimnis mehr in Jena, dass die beiden Männer gerne gemeinsam an der Saale spazieren gingen und trotz anfänglicher Skepsis waren die Bewohner der Stadt mittlerweile an jenen Anblick gewöhnt. Johann warf einen Seitenblick auf Friedrich, bevor er sich zu einem sanften Lächeln durchrang. „So, Friedrich... du findest also den Geruch fauler Äpfel stimulierend?“ ----------------------- Friedrich war nicht überzeugt. Noch immer fand er, dass Johann überreagierte. Was sie beide hatten, war unbeschreiblich und vollkommen einmalig und er glaubte nicht, dass irgendjemand auf der Welt ähnlich für ihn hätte empfinden können. Novalis bewunderte ihn einfach nur und Friedrich musste zugeben, dass dies nicht unbedingt das schlechteste Gefühl war. Gerade Johann hätte das doch verstehen müssen. Dennoch hielt Friedrich es für schlauer, seinen Geliebten nicht weiter zu reizen. Stattdessen kostete er den Moment voll aus. Dass Johann eine unglaublich dominante Persönlichkeit sein konnte, hatte er schon immer gewusst. Nicht nur durch die unselige Anfangszeit ihrer Bekanntschaft, sondern auch durch Beobachtung anderer Unglücklicher, hatte Friedrich herausgefunden, wie unangenehm es sein konnte, sich gegen Johann zu stellen. Der ältere Mann war sich seiner Fähigkeiten und seines Ansehens durchaus bewusst, was dazu führte, dass er Menschen, die ihm missfielen, durch wenige Worte und Gesten vollkommen unmöglich machen konnte. Außerdem wusste er ganz genau, was er wollte und war nicht gewohnt darauf zu verzichten. Und auch, dass Johann viel mehr vom Krieg gesehen hatte, als er für gewöhnlich zugab, war etwas, das er Friedrich mittlerweile anvertraut hatte. Aber wie positiv sich diese herrische Art auswirken konnte, wenn man selbst dasjenige war, was der Geheimrat wollte, wurde Friedrich erst jetzt klar. Er schämte sich ein wenig, aber Johanns leichte Eifersucht gefiel ihm. Folglich ließ er Johanns Berührungen zu, obwohl sie sich quasi in der Öffentlichkeit befanden und erwiderte den Kuss leidenschaftlich. Er konnte sich nicht entscheiden, ob er nun Angst empfinden sollte oder ihn das alles erregte. Vermutlich befand er sich irgendwo dazwischen. Als Johann ihn bereits nach fiel zu kurzer Zeit unterbrach, stöhnte Friedrich enttäuscht auf. Immer kam etwas dazwischen, immer. Friedrich versuchte sich normal zu geben und schaffte es dann, mit vollkommen ruhiger Stimme zu sprechen, als den anderen Spaziergängern begegneten: „Ich verstehe ja durchaus, was Sie sagen wollen, Herr Goethe, aber ich kann mir nicht helfen, Ihre These scheint mir doch etwas weit hergeholt. Vielleicht sollten Sie mir Ihre Argumentation noch einmal zu einem anderen Zeitpunkt darlegen.“ Als sie dann ihren Weg Arm in Arm den Fluss entlang fortsetzten, hätte niemand mehr ahnen können, auf welchem Niveau sich ihre Diskussion über die Unzulänglichkeiten der Romantik abgespielt hatte. Friedrich wollte unbedingt, dass sich Johanns Laune besserte, selbst als der Andere ihn zu necken begann. „Nicht immer. Aber von Zeit zu Zeit hilft mir ein starker Sinneseindruck tatsächlich in die richtige Stimmung zu kommen. Es ist nicht so, dass ich an die Opiate nicht herankäme, aber auch diese sind teuer und mit bedeutend mehr Vorsicht zu genießen.“ Offenbar ließ dieses Thema Johann nicht ganz los. Schon nach kurzer Zeit jedoch waren sie wieder bei ihren Balladen angekommen und wieder einmal wurde es Abend über ihrer ausgiebigen Fachsimpelei. Sie liefen oder saßen am Ufer der Saale, begannen mit einer Idee und waren stundenlang in vollkommen andere Welten versunken. Dieses Mal war es Johann, der ihn nach Hause brachte. Den Weg zum Gartenhaus hinauf, zogen sie beide bedeutend länger als nötig hinaus. Immerhin würde Charlotte von Stein Morgen abreisen und dann lag nichts vor ihnen, außer dem langen und ungestörten Sommer. Für den Augenblick jedoch wurde ihre Zweisamkeit sehr wohl gestört, wenngleich auf recht angenehme Weise, denn ihre Ankunft war nicht unbemerkt geblieben. Karl war sobald er den Vater und Lieblingsonkel hatte sehen können aus dem Haus herausgekommen, ihnen entgegen gerannt und aufgeregt begonnen, ihnen von den Abenteuern seines Tages zu erzählen. So verbrachten sie eine Weile mit dem lebhaften Jungen, bevor Charlotte ihrem ältesten Sohn folgte und ihn ins Haus schickte. Ihre Versuche, Johann zum Essen zu überreden, waren allerdings an diesem Abend nicht von Erfolg gekrönt. Lediglich sein Versprechen, dieses Versäumnis in den nächsten Tagen nachzuholen, konnte die Herrin des Hauses (und insgeheim auch ihren Ehemann) besänftigen. Friedrich hatte wirklich gehofft, dass Johann bleiben und ihn nicht mit den Damen, die so gänzlich bodenständiger waren als er, allein lassen würde, aber er hatte wohl kein Glück. Er war nicht wütend, aber immerhin ein wenig enttäuscht und so konnte er sich wider besseres Wissen nicht zurückhalten. Als Friedrich Johann zum Abschied umarmte, flüsterte er ihm leise zu: „Weißt du, ich bin mir sicher, Novalis würde mit Freuden zum Essen bleiben. Hatte ich dir eigentlich erzählt, dass er ganze drei Tage an meinem Bett verbracht hat, als ich im letzten Winter so krank war?“ Er lächelte Johann zu und folgte dann seiner Frau Richtung Haus. Die Tage, die nun folgten, waren wundervoll. Jeden Tag konnten sie einander sehen, jeden Tag gemeinsam arbeiten, reden, leben. Man sah sie kaum noch getrennt und hatte jemals jemand vorgehabt, sich über diesen Zustand zu mokieren, so erstickten die Balladen, die sie nun beinahe täglich fertigstellten, jede Kritik bereits im Ansatz. Sie hatten es tatsächlich geschafft, Deutschland ein neues Genre zu geben. Nichts hätte Friedrichs Laune trüben können, außer den Andeutungen Johanns, wie sehr er wieder nach Italien zu reisen begehrte. Friedrich wusste, dass er wohl insgeheim hoffte, er würde ihn begleiten. Aber diesen Luxus konnte er sich schlichtweg nicht leisten. So versuchten sie beide, die Zeit, die ihnen in Jena blieb zu genießen und verschwendeten keinen Augenblick mit Sorgen über die Zukunft. ----------------------- Johann fand jenen Scherz Friedrichs alles Andere als amüsant, zwar ahnte er, dass dieser ihn lediglich ärgern wollte, er konnte aber nicht umhin, dass erneut die Eifersucht in ihm hochkochte. Novalis hatte also die Nächte an Friedrichs Bett gewacht? Wieso wusste er davon nichts? Dem recht dominanten Goethe schien diese Vorstellung so gar nicht zu behagen und am Liebsten hätte er Friedrich jener Gesellschaft entrissen, um auf eindrückliche Weise seinen Besitzanspruch geltend zu machen. So aber schenkte er Friedrich nur einen vernichtenden Blick für jenen Kommentar, bevor er sich herzlich von Charlotte verabschiedete und in das Schloss zurückkehrte. Insgeheim fasste er den Entschluss, die Suche nach einem Haus für Friedrich selbst in die Hand zu nehmen, wenn er seinen Freund in seiner Nähe wohnen hatte, würde Novalis es sich sicherlich zweimal überlegen, ob er sich gegen Goethe stellen wollte. Jener Sommer im Jahre siebzehnhundertsiebenundneunzig sollte für sie beide unvergesslich werden. Für einen Monat waren sie beide nahezu unzertrennlich, oftmals saßen sie lachend und scherzend im Garten der Schillers, bis Charlotte die Fenster schließen musste, um die ausgelassenen Stimmen auszusperren, wenn sie sich zur Ruhe begeben wollte. Sie brachten eine Ballade nach der anderen heraus, in einem freundschaftlichen Wettbewerb stachelten Sie sich gegenseitig zu immer höheren Leistungen an. Als Friedrich Schiller die „Kraniche des Ibykus“ tatsächlich fertiggestellt hatte, musste Johann neidlos eingestehen, dass er diese Thematik selbst nicht besser hätte umsetzen können und er lobte dieses Werk ausgiebig (was wie Balsam für die Seele seines Gefährten war). Immer wieder griff Johann das Thema „Italien“ auf, bald würden die Tage wieder länger und das Wetter wieder ungemütlicher werden, was er mit Anfällen seines Rheumatismus zu spüren bekäme. Noch immer hoffte er, dass Friedrich sich dazu durchringen würde, ihn auf seine Reise zu begleiten, aber die Gesundheit jenen Mannes war unberechenbar, an manchen Tagen schien es ihm gut zu gehen, an anderen musste er auf Aktivitäten außerhalb der eigenen vier Wände verzichten, weil er sich diesen nicht gewachsen fühlte. Am Abend, bevor Johann zurück nach Weimar kehren musste, entschied man mit der versammelten Truppe ins Theater zu gehen. Die Kutschen sammelten sich vor Friedrichs Gartenhaus oberhalb Jenas, Humboldt und Fichte würden sie ebenfalls begleiten. Charlotte zog es vor, mit Caroline zuhause zu bleiben und den Männern einen Abend unter sich zu gönnen. Sie hätten den Gesprächen der Schöngeister sowieso sehr bald nicht mehr folgen können, wenn diese erst einmal loslegten, für das für und wider der Bühnenperformance zu reden. Johann und Friedrich teilten sich gemeinsam die zweite Kutsche, welche sich langsam in Bewegung setzte, man hatte sich geeinigt, noch eine kleine Spazierfahrt vorzuschieben bei diesem schönen Wetter, bevor sie ins Theater gingen. Johann legte seine Hand unbemerkt auf Friedrichs Oberschenkel, schenkte ihm ein sanftes, wenn auch beinahe trauriges Lächeln. „Der Zeit in Jena werde ich noch lange gedenken und ich wünschte, ich könnte meine Verpflichtungen in Weimar länger aufschieben, um hier zu verweilen. Aber alles muss irgendwann ein Ende haben und ich fürchte, dass ich meine morgige Abreise nicht aufschieben kann.“ ----------------------- Liebevoll ergriff Friedrich Johanns Hand. Er genoss es, dass sie diesen letzten Abend trotz ihrer Freunde relativ abgeschieden verbringen konnten. Die meiste Zeit war sein gesundheitlicher Zustand recht gut gewesen. Das war mittlerweile typisch, wenn er Zeit mit Johann verbrachte. Nichts spornte ihn mehr zur Tätigkeit an und lenkte ihn von seinen Gebrechen ab, als zu arbeiten. Mit Feuereifer hatte er sich deshalb an die Balladen gesetzt und war belohnt worden. Die Wochen waren nicht nur ohne größere krankheitsbedingte Unterbrechung abgelaufen, die Ergebnisse seiner Arbeit konnten sich auch wahrhaft sehen lassen. Nichts erfüllte Friedrich mit mehr Stolz als die ehrliche Bewunderung Johanns bezüglich seiner Balladen. Er verdankte die Ideen und die Kunstfertigkeit zwar durchweg Johanns Interesse und Aufmerksamkeit, aber dieser schien die Quelle dafür einzig und allein in Friedrichs Genie zu sehen und für den Augenblick genoss Friedrich einfach die Bewunderung des Anderen. Umso mehr brach es ihm das Herz, dass er ihn nun sollte entbehren müssen. Friedrich wusste, dass Johann es nicht lang an einem Ort aushielt, nicht zuletzt Johanns Reiselust war es, die ihnen ihre häufigeren Treffen ermöglichte. Nur zu gerne wäre er mitgekommen. Er liebte es Johanns Erzählungen zuzuhören von den Städten und alten Tempeln, all den Wundern, die es in Italien an jeder Straßenecke zu geben schien. Er hatte natürlich viel über dieses Land gelesen, aber wenn Johann davon sprach, wurde alles so lebendig. Friedrich konnte dann die Dächer Roms förmlich vor sich sehen, den Duft der Zitronenblüten riechen und die Leichtigkeit spüren, die das Leben dort versprach. Aber er brauchte nur zu versuchen eine längere Tagesreise zu unternehmen und zu spüren, wie sehr ihn diese anstrengte, oder einen Blick in die Haushaltsbücher zu werfen, um zu wissen, dass zumindest für den Augenblick Italien für ihn noch ein Traum bleiben musste. Stattdessen versuchte er, Johann bei sich zu halten. Friedrich wusste, dass er egoistisch war, aber der Gedanke, so lange von Johann getrennt zu sein, machte ihm schwer zu schaffen. „Ich weiß, Johann. Aber musst du wirklich fort? Italien wird nächstes Jahr nicht verschwunden sein und auch wenn du Heinrich wieder sehen willst, so würde dafür der halbe Weg genügen. Er könnte genauso gut aus der Schweiz hierher kommen. Du wolltest doch endlich den Faust vollenden. Willst du das aufgeben, jetzt wo es gerade so gut läuft?“ Er wusste, wie erbärmlich und durchschaubar seine Einwände waren, aber konnte Johann nicht dazu zwingen zu bleiben. Friedrich schlug sich tiefer in die Decken ein. Eine offene Kutsche zu nehmen, mochte die schönere Variante sein, aber eindeutig auch die kältere und obwohl er es Johann gegenüber verheimlicht hatte, so waren die letzten Tage doch sehr anstrengend für Friedrich gewesen. Dass er Johann umstimmen könnte, hatte Friedrich nicht ernstlich erwartet und so war er über die Antwort nicht überrascht. Dennoch trug Johanns Bestimmtheit nicht dazu bei, dass er sich besser fühlte. Er wollte etwas erwidern, aber es gab nichts mehr, was er hätte sagen können. Stattdessen beschloss er, Heinrich das Versprechen abzunehmen, Johann schnellstmöglich und wohlbehalten wieder nach Weimar zu verfrachten und bis dahin den Abend zu genießen. Er rutschte unmerklich näher zu Johann und sagte leise: „Versprich mir nur, dass du mich über all die Schönheit Italiens nicht gänzlich vergisst! Vielleicht findest du ja schon ein schönes Weingut für uns.“ Viel zu schnell waren sie am Ziel und Friedrich sah sich wieder von Menschen umringt, was es ihn fast bereuen ließ, zugesagt zu haben. Hatte er in der Kutsche noch gefroren, so war ihm mit einem Mal unsäglich heiß und er wollte sich setzen. Zwar wurde die Galotti gegeben, aber er und Johann waren gerade am Theater eben doch bekannt und Friedrich war mehr als erleichtert, als Wilhelm, Gottlieb und er sich bald in die Loge zurückziehen konnten, während Johann noch immer mit bedeutenden Bürgern der Stadt Unwichtigkeiten austauschte und erst kurz vor Vorstellungsbeginn zu ihnen stieß. Seit sie sich kannten, waren sie viele Male gemeinsam im Theater gewesen, doch nicht einmal, ohne dass Friedrich an ihren ersten gemeinsamen Besuch gedacht hätte. Auch jetzt lächelte er im Halbdunkel verstohlen zu Johann hinüber, der seinen Blick erwiderte und ihm die Hand reichte. Sie wussten, wann die Pause gesetzt wurde, schließlich war Johann maßgeblich für die Aufführung des Stückes verantwortlich, und wenn sie aufpassten, würde wohl niemand ihre Vertraulichkeit bemerken. Trotz allem konnte Friedrich das Stück nicht vollauf genießen. Noch immer war ihm heiß und er hatte Probleme, der Handlung zu folgen, obwohl er sie kannte. Er hatte genug Erfahrungen mit seinen Krankheiten, um zu wissen, dass er nicht ernstlich krank war, aber es versetzte seiner Stimmung doch einen leichten Dämpfer. Mit regelrechtem Trotz konzentrierte er sich ganz allein auf die Nähe zu Johann und ignorierte alles andere, was so gut funktionierte, dass er tatsächlich erst merkte, dass sie sich der Pause näherten, als Johann ihm sacht die Hand drückte und sich dann aus der Berührung löste. Die plötzliche Helligkeit stach Friedrich in die Augen. Seine Begleiter befanden sich bereits in einem angeregten Gespräch über die Qualität der Schauspieler, als Friedrich aufstand und sich sofort wieder setzen musste. Um ihn herum drehte sich der Saal. Wenn ihm so die Sinne versagten, fiel es Friedrich schwer, sich zusammenzunehmen. Er fürchtete den Kontrollverlust über sich selbst. Meist war er dann ohnehin allein in seinem Arbeitszimmer, aber hier in der Öffentlichkeit wollte er auf keinen Fall Schwäche zeigen. Erneut stand er auf, diesmal langsamer und von Wilhelm gestützt, der neben ihm gestanden hatte, und bemühte sich, seine Freunde zu beschwichtigen. „Es ist nur der Kreislauf, alles was ich brauchte ist ein Glas Wein.“ Aber Johann schien noch immer aufrichtig besorgt und bestand darauf, dass er an die frische Luft ginge. So machten sie sich auf den Weg nach draußen und warteten darauf, ob Friedrich noch einmal Schwäche zeigen würde. Er verabscheute es, so übervorsichtig behandelt zu werden. Es war einer der Gründe, warum er nicht gerne über seine Krankheiten sprach. Natürlich war er oft geschwächt, aber hatte ihn das jemals von der Arbeit abgehalten? Hatte er nicht immer der Natur getrotzt? Es kostete Friedrich einige Mühe sich von der gutgemeinten Sorge seiner Freunde nicht gänzlich verärgern zu lassen, vor allem weil ihm die Luft in der Tat guttat. Noch immer war er leicht abwesend und als im Theater langsam zum zweiten Akt gerufen wurde, war Johann es, der sich erbot, Friedrich doch früher nach Hause zu bringen. Überrascht sah Friedrich zu Johann auf und musste mit einem Mal dankbar erkennen, dass es wohl nicht nur Sorge um Friedrich war, die diesen zu seinem Vorschlag veranlasste. Sofort besserte sich Friedrichs Laune. Zumindest Johann war also in der Lage, ihn ernst zu nehmen. Als auch Wilhelm und Gottlieb anboten, ihren Abend zu verkürzen, lehnte Friedrich dankend ab. Er wollte niemandem zur Last fallen. All dies hätte vielleicht mißdeutet werden können, Johann selbst aber war zu welterfahren, um es sich bloß in Eitelkeit zurechtzulegen. Er sah deutlich, daß Friedrich nur tat, was nach Lage der Sache das einzig Richtige war. Es war unmöglich für ihn, sich seine Gegenwart zu verbitten. Und so ging es denn im Fluge immer dicht an der Saale hin, an deren anderem Ufer dunkle Waldmassen aufragten. Friedrich sah hinüber und nahm an, daß schließlich am Außenrand des Waldes hin die Weiterfahrt gehen würde, genau also den Weg entlang, auf dem man in früher Nachmittagsstunde gekommen war. Johann aber hatte sich inzwischen einen anderen Plan gemacht, und im selben Augenblick, wo die Kutsche die Bohlenbrücke über den Fluss passierte, bog er, statt den Außenweg zu wählen, in einen schmaleren Weg ein, der mitten durch die dichte Waldmasse hindurchführte. Friedrich schrak zusammen. Bis dahin waren Luft und Licht um sie her gewesen, aber jetzt war es damit vorbei, und die dunklen Kronen wölbten sich über ihnen. Ein Zittern überkam ihn, und er schob die Finger fest ineinander, um sich einen Halt zu geben. Wieder wurde ihm schwindlig, so betete jetzt, daß die schreckliche Schwäche vorübergehen möge. Zwei, drei Male kam es auch über seine Lippen, aber mit einemmal fühlte er, daß es tote Worte waren. Er fürchtete sich und war doch zugleich wie in einem Zauberbann und wollte auch nicht heraus. »Friedrich«, klang es jetzt leise an sein Ohr, und er hörte, daß Johanns Stimme zitterte. Dann nahm er seine Hand und löste die Finger, die Friedrich noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es war ihm, als wandle ihn erneut eine Ohnmacht an. Als er die Augen wieder öffnete, war man aus dem Wald heraus, und in geringer Entfernung vor sich sah er bereits das Jenaer Schloss gegen den dunklen Himmel. Friedrich blickte sich um, und im nächsten Augenblick hielt die Kutsche vor dem Schillerschen Hause.