Es war Mitte November, als Tina die Worte sagte, die Newt gefürchtet hatte, seit sie aus Paris zurückgekehrt waren.
„Ich reise am Freitag nach New York.“
Newt übersah prompt die Borsteinkante. Er trat platschend in den Rinnstein und das Regenwasser sickerte eiskalt in seinen Schuh, aber er spürte es kaum.
Er hatte Tina an dem Baugerüst vor dem Ministerium abgeholt, nachdem er ihr tags zuvor versichert hatte, dass er Besorgungen in der Nähe zu erledigen hatte, was nicht ganz der Wahrheit entsprach – er hatte sich eine halbe Stunde in den Straßen von Whitehall herumgedrückt, nach Geschöpfen Ausschau gehalten und außer einer Menge Tauben nichts entdeckt, aber so auch streng genommen nicht gelogen. Jetzt wünschte er sich plötzlich, er hätte ihr die Wahrheit gesagt – dass es ihm nichts ausmachte, sie um achtzehn Uhr nach der Arbeit abzufangen, um ein paar Meter mit ihr zu gehen, weil er sie nicht erst am Samstag wiedersehen wollte. Dass er sie vermisste, wenn er sie nur ein paar Tage nicht sah.
In den Tagen, die der Nachricht von Goyles Selbstmord folgten, versuchte Draco, den Anschein von Normalität wieder herzustellen. Harry sah jedoch, dass er oft mit den Gedanken abschweifte und empfand sein Lächeln als aufgesetzt. Da er keine Anstalten machte, die Nacht bei Harry zu verbringen, blieb Harry abends einfach bei ihm. Am Mittwoch vor dem Einschlafen verführte er Draco langsam und gründlich. Obwohl Draco sich ihm willig hingab, fühlte sich der Sex wieder eigenartig fremd an, was wahrscheinlich daran lag, dass Harry seine Magie im Zaun hielt. Er hoffte, dass Draco sich ihm öffnen würde, was leider nicht geschah. Allerdings war Draco bereit zu reden. Er erzählte Harry von Greg und erklärte noch einmal in aller Ruhe, warum er sich seinen alten Slytherin-Freunden gegenüber schuldig fühlte.
“Greg hat recht, wenn er sagt, dass ich ihn im Stich gelassen habe. Ich habe mich im 6. Schuljahr von meinen Freunden abgewendet, um Voldemorts Auftrag zu erfüllen. Erst schwinge ich mich zu ihrem Anführer auf, dann verpisse ich mich einfach. Pansy hätte nie vorgeschlagen, dich an Voldemort auszuliefern, wenn ich sie nicht jahrelang gegen dich aufgehetzt hätte. Wusstest du, dass Blaise und ich im 5. Schuljahr ein kleines Tränkelabor hatten, in einem der Verliese im Keller? Blaise wollte verschiedene Substanzen ausprobieren und ich habe sie gebraut. Im sechsten Schuljahr hatte ich dann keine Zeit mehr, aber Blaise muss weiter gemacht haben und konnte hinterher gar nicht mehr ohne die Tränke und den ganzen anderen Kram. Und wer hat ihm das überhaupt erst ermöglicht und ihn dann mit seinen Drogenproblemen alleine gelassen? Ich.“
“Ihr ward 15 und habt mit Drogen rumexperimentiert. Er ist dran hängen geblieben und du nicht. In der Muggelwelt ist es genauso. Manche kiffen, nehmen stärkere Sachen und rutschen in die Drogensucht ab, andere kiffen auch und es passiert nichts. Beim Alkohol ist es genauso. Es hängt viel von der Veranlagung ab und warum man überhaupt Drogen nimmt. Was ich damit meine ist, dass du nicht für ihn verantwortlich warst. Außerdem hattest du im 6. Schuljahr genug eigene Sorgen. ”
“Ich war aber verantwortlich, für sie alle. Wir waren Freunde, sie haben mir vertraut, auch in dem, was ich so von mir gegeben habe. Dabei war alles totaler Mist.”
“Das wusstest du damals aber nicht und ihre Eltern habe ihnen doch jahrelang das Gleiche eingetrichtert. Du hättest sie nicht von etwas überzeugen können, was sie nicht eh schon geglaubt haben. Abgesehen davon, ich habe Blaise mal im Duckies gesehen und er wirkte glücklich.” Harry bemerkte Dracos Blick. “Nein, nicht wegen Drogen. Ich weiß, wie sich jemand verhält, der zugedröhnt ist. George ist nach dem Krieg total abgedriftet.”
Harry berichtete von den Weasley-Zwillingen. Außerdem nahm er sich vor, Ron zu bitten, Dracos alte Freunde ausfindig zu machen. Es schien ihm, als wäre Dracos Beziehung zu Pansy und den anderen eine Wunde, die nicht heilen konnte, weil er nie die Gelegenheit hatte, ihre Freundschaft zu eine Art Abschluss zu bringen. Harry war kein Psychologe, daher konnte er nur hoffen, dass Michael Draco über den Selbstmord von Goyle hinweghelfen konnte.
Am Donnerstag hatte Draco seine wöchentliche Sitzung mit Michael. Harry begegnete ihm danach per Zufall im Flur des Beans auf dem Weg zu seinem Treffen mit der Selbsthilfegruppe. Harry hätte ihn gerne nach Draco gefragt, aber die Gespräche waren vertraulich. So erkundigte er sich nur, wie er Draco am besten helfen konnte.
Michael wirkte etwas verlegen und irgendwie traurig. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, zögerte dann jedoch und meinte nur: „Wir reden ein anderes Mal, ja? Ich muss jetzt zur Gruppenstunde. Mach dir nicht zu viele Sorgen. Draco ist stark. Er hat in den letzten Monaten gewaltige Fortschritte gemacht und wird auch ohne deine Unterstützung klarkommen. Das mit seinem Freund Greg ist ein Rückschlag, aber ich bin mir sicher, dass er damit fertig wird.“
Die Worte beruhigten Harry, auch wenn sie etwas seltsam klangen. Er erzählte Michael von seinem Plan, Draco den Kontakt mit Pansy und Blaise zu vermitteln, indem er ihre Adressen herausfand, und freute sich, dass Michael es für eine gute Idee hielt.
Später am Abend saß er bequem auf dem Boden vor Dracos Sofa und blätterte in einer Quidditch-Zeitschrift, während Draco hinter ihm ausgestreckt auf den Polstern lag und einen Aufsatz über die Wirkung von Stasis-Zaubern auf Heiltränke las.
„Morgen gibt dir das Ministerium Bescheid, ob dein Stipendium bewilligt wird, nicht wahr?“
„Ja, Fletcher wollte sich im Laufe des Tages bei mir melden.“
„Dann können wir morgen Abend mit Hermine und den anderen darauf anstoßen. Sie wollten doch alle vorbeikommen, um dir wegen des Marathons zu gratulieren. Von der Abschlussfeier hast du ja nichts gehabt.“
„Oh, gut“, gab Draco nachdenklich zurück.
Harry brannte noch eine andere Frage auf den Lippen: „Was ist denn eigentlich mit Mai? Wir wollten doch zusammen wegfahren?“
Draco schwieg.
„Draco?“
„Ich weiß nicht. Wie wäre es, wenn wir direkt jetzt am Wochenende nach Schottland fahren?“
Ein Wochenende? Harry hatte auf 14 Tage gehofft, aber er verstand, dass Draco nach dem ganzen Mist in der letzten Woche aus London weg wollte - so schnell wie möglich.
„Klar, gerne. Soll ich für Samstag ein Zimmer in Inverness buchen? Von dort kommt man gut überall hin. Möchtest du wandern?“
„Ja, ich würde gerne noch einmal die Highlands sehen. Ich war seit Jahren nicht mehr dort.“
Harry vermutete, dass Draco Sehnsucht nach der schottischen Landschaft hatte, weil er lange Jahre dort zur Schule gegangen war. Hogwarts vermisste er sicher nicht. Das Schloss war verbrannte Erde für ihn. Inverness würde Draco gefallen, da es eine ähnliche Umgebung hatte, aber am Meer lag. Sie konnten den Cairngorms Nationalpark besuchen und sich Loch Ness ansehen.
„Gute Idee. Ich kümmere mich morgen drum.“ Harry würde sich die Gelegenheit auf ein romantisches Wochenende mit Draco nicht entgehen lassen. Außerdem bot sich dort eine gute Gelegenheit, Draco auf ihre Beziehung anzusprechen.
Vorfreude erfasste Harry. Er versuchte, sich wieder auf seine Zeitschrift zu konzentrieren, aber in Gedanken war er bereits in Schottland. Er legte das Magazin weg, drehte sich um und kletterte auf die Couch. Dort machte er es sich auf Dracos ausgestreckter Form bequem.
„Hey, ich bin noch nicht fertig“, kam ein schwacher Protest.
„Lies ruhig weiter.“ Harry legte seinen Kopf auf Dracos Brust ab.
„Du bist unersättlich.“
Harry hatte sich nicht auf Draco gelegt, um ihn zum Sex zu animieren. Sie hatten sich gegenseitig befriedigt, als er nach oben gekommen war. Da sie aber eigentlich nur zärtlich miteinander wurden, wenn es um Sex ging, interpretierte Draco seine Suche nach körperlicher Nähe als Lust. Vielleicht wollte er Harry aber auch bewusst missverstehen.
„Ich will hier einfach nur liegen. Lies weiter.“
„Wir tun das nicht.“
„Was tun wir nicht?“, hakte Harry nach, obwohl er genau wusste, was Draco meinte.
„Kuscheln.“
„Wir kuscheln ständig.“
„Beim Sex, ja. Sonst nicht.“
„Das ist eine idiotische Trennung, die überhaupt keinen Sinn ergibt.“
„Es ist die Trennung zwischen Freundschaft mit gewissen Vorzügen oder einer Liebesbeziehung mit Versprechen und Verpflichtungen.“
Dracos Worte taten weh. „Ich sagte ja, dass die Trennung idiotisch ist und keinen Sinn ergibt“, fuhr Harry gekränkt auf. Versprechen und Verpflichtungen? War es das, wovor Draco zurückschreckte?
Bevor er nachhaken konnte, lenkte Draco ein: „Ist schon gut.“ Mit der Hand strich er über Harrys Rücken, wie zur Beruhigung. „Entspann dich. Es macht mir nichts aus.“ Seine Finger fuhren durch Harrys wilden Haarschopf und kraulten die Kopfhaut. Wie üblich lenkte er von dem heiklen Thema ab und auch Harry war gerne bereit, die Diskussion auf das Wochenende zu schieben. Trotzdem dauerte es länger als üblich, bis er sich der Wärme und dem Geruch von Dracos Körper, den sanften Berührungen und seiner Magie überlassen konnte.
Nachdem Draco den Aufsatz zu Ende gelesen hatte, ließ er die Schriftrolle auf den Boden gleiten und fuhr mit beiden Händen unter Harrys T-Shirt. Es ließ sich Zeit, Harry aufzuwecken und seinen Körper in Flammen zu setzen. Harry hätte sich gerne widersetzt, um seine Aussage zu bekräftigen, dass es eben nicht nur um Sex ging, aber Dracos Verführungskünsten hatte er nicht entgegenzusetzen.
Am darauffolgenden Tag flohte Fletcher das Beans an, um Draco mitzuteilen, dass das Stipendium bewilligt worden war. Er würde Montag vorbeikommen, um alles zu besprechen. Harry wunderte sich ein wenig über die Eile, war aber zu erfreut, um Fragen zu stellen. Jubelnd fiel er Draco um den Hals. Die Zusage war eine tolle Bestätigung für Draco und würde ihn mit Stolz erfüllen, so dachte er, und war verwundert, dass Dracos Reaktion sehr zurückhaltend ausfiel. Mit der Begründung, starke Kopfschmerzen zu haben, bat er Harry, seine Schicht etwas früher beenden zu können. Dass Draco zu Migräne neigte, wusste Harry, daher kam er Dracos Bitte nach, ohne weiter nachzuhaken. Nach Ladenschluss schaute er bei ihm vorbei und fragte, ob er das für den Abend geplante Treffen mit ihren Freunden absagen sollte.
„Nein, sag niemanden ab. Ich komme. Ich muss allen … die Neuigkeiten mitteilen.“
Kurz vor halb acht kam er in Harrys Wohnung und half beim Aufräumen und schon wenige Minuten später klingelte der erste Gast. Bald darauf war Harrys Wohnzimmer von verhaltenen Gesprächen erfüllt. Allen waren die Ereignisse der letzten Wochen noch präsent, so dass die Stimmung etwas getrübt blieb. Mary und Luna, aber auch die anderen bekundeten ihre Verärgerung über den Artikel im Tagespropheten und beglückwünschten Draco zu seinem erfolgreichen Marathon-Lauf. Natürlich sprachen sie auch ihr Beileid zu Gregs Tod aus. Erst als Ron und Dean ein paar Pizzas von Toni holten und die ersten Wein- und Bierflaschen geleert worden waren, wurde es lockerer.
Hermine traf erst gegen halb zehn ein, als Harry gerade in der Küche damit beschäftigt war, die Pizzareste wegzuräumen. Draco öffnete ihr die Tür, was niemanden wunderte, da jeder wusste, dass er zu Harry gehörte, auch wenn es keiner offen aussprach. Harry hörte, wie sich Hermine und Draco begrüßten, und sah durch die Küchentür hindurch wie Hermine Draco liebevoll umarmte und eine ganze Weile tröstend festhielt. Plötzlich stutzte Draco und schob Hermine etwas von sich.
„Hermine, deine Aura fühlt sich anders an. Du bist drei.“
Harry sah, wie Hermine errötete und dann lächelte. „Ja, das stimmt.“
„Was?“ Ein ungläubiges Grinsen entstand auf Dracos Gesicht. Harry hatte noch nicht verstanden, worum es ging.
„Schwanger? Zwillinge?“, hörte er da Draco freudig ausrufen.
Die Gespräche verstummten. Offenbar hatten alle mitbekommen, was Draco gesagt hatte.
Ron stand auf und nahm Hermine im Eingang zum Wohnzimmer in den Arm. Harry trat in den Flur und beobachtete die Szene. Ron warf ihm ein Grinsen zu, das er mit einem angedeuteten „Was?“ erwiderte.
„Also“, Ron räusperte sich und erhob die Stimme, „Hermine ist schwanger. Es war nicht so früh geplant, aber wir freuen uns riesig. Es werden Zwillinge und wir werden heiraten. Mum hätte uns sonst umgebracht.“
Hermine stieß Ron mit ihrem Ellenbogen an. Alle lachten. Keiner zweifelte an ihrer Liebe, trotzdem fühlte sich Ron bemüßigt zu erklären: „Ich hatte natürlich sowieso vorgehabt, Hermine um ihre Hand zu bitten, aber nun ist es eben etwas eher. Wir dachten, wir feiern solange das Wetter noch einigermaßen gut ist. Haltet euch alle den 14. September frei! Da gibt’s Party!“
Alle sprangen auf, um die werdenden Eltern zu beglückwünschen und zu umarmen. Harry war überglücklich. Ohne darüber nachzudenken, schlang er einen Arm um Dracos Taille, während er darauf wartete, Ron und Hermine ebenfalls drücken zu können. Er lächelte Draco an, um seine Freude mit ihm zu teilen, und war erstaunt, in seinem Gesicht so etwas wie Melancholie zu sehen.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, ließ Harry acht Sektgläser herbeifliegen und bat Draco, zwei Flaschen Sekt aus dem Beans zu holen. Nachdem sie angestoßen hatten, meinte Hermine zu Draco: „Ich gebe zu, dass wir den Termin auch deshalb in den September gelegt haben, damit du noch dabei sein kannst. Es war gar nicht so leicht noch einen schönen Ort zu finden, an dem man feiern kann, da alle schon ausgebucht waren.“
Harry hatte gerade Cracker aus der Küche geholt, als er Dracos Antwort hörte: „Ich bin im September nicht mehr da, Hermine. Ich hatte euch ja von dem Stipendium erzählt, das mir meine New Yorker Uni angeboten hat. Nun, es beginnt schon im Mai, und deswegen war auch nicht klar, ob das Ministerium es bewilligen würde. Heute kam die Zusage. Fletcher besorgt mir einen Portschlüssel für Montag oder Dienstag in der übernächsten Woche. Ich weiß also nicht, ob ich zu eurer Hochzeit kommen kann.“
Ein Klirren ließ alle Köpfe hochfahren. Harry hatte die zwei Schalen mit den Chips fallen lassen. Ungläubig starrte er Draco an.
„Was?“
Draco räusperte sich und wiederholte noch einmal, was er Hermine erzählt hatte. Dieses Mal war es für alle Ohren bestimmt, trotzdem wandte er den Blick nicht von Harry ab. Er schloss mit den Worten: „Daher wird dieser Abend wohl auch ein kleines Abschiedsfest sein. Aber wir bleiben natürlich in Kontakt."
„Du gehst nach New York? Schon in gut einer Woche?“, wiederholte Harry fassungslos. Im Raum herrschte Totenstille.
Draco nickte. „Ja.“
„Und seit wann weißt du, dass das Stipendium im Mai losgeht?“, fragte Harry scharf.
„Seit eineinhalb Wochen. Aber ich wusste ja nicht, ob …“
„Und jetzt fällt dir ein, mir das auch mal zu erzählen? Mal eben so nebenbei, wenn alle da sind?“
„Ich konnte nicht ... du weißt doch, dass...“
„Ich weiß gar nichts“, schnitt Harry Draco das Wort ab. „Und was bedeutet das jetzt, dass du nächste Woche gehst?“
„Was soll es bedeuten?“
„Was bedeutet das für uns? Was wird dann aus uns?“, fragte Harry und hörte selbst die Verzweiflung, die bei seinen Worten mitschwang. Um so mehr ärgerte ihn Dracos Erwiderung:
„Was soll aus uns werden?“
„Stell dich nicht doof! Was ist mit uns? Mit unserer Beziehung?“
„Wir sind Freunde. Nichts ist mit uns. Ich hoffe doch, dass wir Freunde bleiben.“
„Wir sind keine Freunde! Ich schlaf nicht mit meinen Freunden!“
„Wir hatten abgemacht, dass das nichts bedeutet.“
„Das habe ich nur gesagt… das … Verdammt, Draco. Ich liebe dich!“
Draco erstarrte.
„Das musst du gewusst haben! Wie kannst du jetzt einfach so tun, als wäre nichts zwischen uns? Wie kannst du einfach gehen?“
„Ich wäre doch sowieso gegangen. Jetzt sind es eben ein paar Monate früher. Du wusstest immer, dass ich nach New York gehe.“
„Aber nicht so!“, schrie Harry aufgebracht.
„Wie denn sonst, Harry? Wie denn? Ich habe dir nie Versprechungen gemacht. Ich habe nie gewollt, dass es so kommt. Schau dir doch an, was der Tagesprophet über uns schreibt. Weißt du, warum das Ministerium dem Stipendium zugestimmt hat? Weil sie mich loswerden wollen, jetzt wo behauptet wird, wir wären zusammen. Es gab so viele Proteste, dass selbst die Gegner des Eingliederungsprogramms dachten, es wäre gut, wenn ich fort bin. Hauptsache nichts beschmutzt den Retter der Zaubererwelt. Und weißt du was? Sie haben recht! In Amerika, da kann ich alles hinter mir lassen. Es ist ein Neuanfang, eine Chance. Ich bin gerne dein Freund, aber ich kann mich nicht an dich binden. Das ist für keinen von uns von Vorteil.“
„Eine Freundschaft reicht mir aber nicht.“
Draco schwieg. Er atmete stockend ein und stieß die Luft langsam wieder aus. „Dann frage ich dich: Was soll das bedeuten? Willst du meine Freundschaft nicht?“
„Ganz genau, ich scheiß auf deine Freundschaft. Und weißt du was? Du kannst mich mal, Draco.“
Dracos Gesicht wurde hart, die Stimme ätzend. „Gut, dann weiß ich ja jetzt Bescheid.“ Er lächelte die anderen entschuldigend an und verließ hoch erhobenen Hauptes die Wohnung. Harry starrte ihm wütend hinterher, fühlte aber keinen Drang hinterherzugehen. Als er die sechs Augenpaare bemerkte, die auf ihn gerichtet waren, meinte er nur bitter: „Tja, dann wäre unser Beziehungsstatus wohl ein für allemal geklärt.“
Mit zusammengekniffenem Lippen ging er zum Sofa und ließ sich auf das Polster fallen. Er schluckte, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und stand wieder auf. Bevor er den Flur erreichte, murmelte er noch etwas von „Tut mir leid“ und „Ich muss kurz mal alleine sein“, dann knallte er auch schon seine Schlafzimmertür hinter sich zu. Frustriert schmiss er sich aufs Bett und versuchte, die Wut in den Griff zu kriegen, die noch immer in seinen Adern brodelte. Der Spiegel in der Ecke zeigte ihm, wie erbärmlich er aussah. Mit einer fließenden Bewegung schnappte er sich seinen Wecker vom Nachtschränkchen und knallte ihn in das Glas. Gleichzeitig riss der Putz an allen vier Wänden des Zimmers auf. Seine Magie hatte sich explosionsartig entladen.
Befriedigt betrachtete er sein Werk und ließ sich in seine Kissen sinken. Obwohl die Wut nun verklungen war, fühlte sich Harry nicht besser. Ein dumpfer Schmerz breitete sich in seiner Brust aus und Angst. Angst, mit seinen Worten alles zerstört zu haben. Angst vor einem Leben ohne Draco.
Harry hörte, wie seine Freunde mit ein paar Zaubern das Wohnzimmer und die Küche aufräumten und sich verabschiedeten. Es waren allerdings nicht alle gegangen, denn kurze Zeit später hörte er ein Klopfen an der Schlafzimmertür. Ron und Hermine traten ein, ohne eine Antwort abzuwarten und kamen zum Bett. Sie legten sich zu Harry. Hermine griff trostspendend nach Harrys Hand. Umgeben von seinen ältesten und treusten Freunden konnte Harry endlich die Tränen fließen lassen, die ihm in den Augen brannten.
„Du hast recht behalten, Hermine", meinte er leise. "Jetzt habe ich Draco ganz verloren.“
Er wusste nicht, ob sie sich an ihre Warnung erinnerte, die sie im letzten Jahr auf Harry Balkon ausgesprochen hatte. Sie hatte vermutet, er würde Draco am Ende ganz verlieren, wenn er was mit ihm anfinge, da Draco noch nicht bereit für eine Beziehung sei. Warum musste Hermine immer recht behalten?
„Morgen sprichst du noch mal mit Draco. Er liebt dich, das ist doch offensichtlich“, versuchte Ron, ihn zu trösten. Aber Ron war eben immer optimistischer als seine Freundin.
„Was nützt es, wenn er trotzdem geht“, wandte Harry ein.
„Das muss ja nicht gleich das Ende bedeuten. Viele Leute führen Fernbeziehungen. Portschlüssel sind zwar teuer, aber daran wird es wohl kaum scheitern.“
„Nein, es scheitert daran, dass Draco keine Beziehung will. Jedenfalls nicht mit mir.“
„Warte erst einmal ab und rede morgen in Ruhe mit ihm. Dann sieht alles schon ganz anders aus. Was du ihm da an den Kopf geknallt hast, war nicht gerade nett.“
Harry antwortete nicht. Er würde Rons Rat befolgen und sich morgen entschuldigen, so viel war klar, aber große Hoffnungen machte er sich nicht. Für den Moment war er einfach froh, dass er nicht alleine war. Da fiel ihm ein, dass Ron und Hermine zurzeit eigentlich ganz anderen Sorgen hatten als Harrys Beziehungsprobleme. Er schniefte und wischte sich die Augen trocken.
„Zwillinge, also?“ Der Gedanke brachte ihn trotz seines Kummers zum Grinsen.
"Juup", gab Ron von sich, und es klang wie ein Knurren.
Sie lagen noch lange da und redeten leise in die Dunkelheit hinein. Harry verbannte jeden Gedanken an seinen blöden Nachbarn aus dem Kopf. Es gelang ihm auch - für den Augenblick.
***
Harry bemerkte nicht, wie Ron und Hermine nach Hause apparierten, denn irgendwann war er in einen unruhigen Schlaf gefallen. Beim Aufwachen kam der Schmerz zurück. Alles in ihm drängte danach, seine Magie durch die Wand zu schicken und Dracos Aura zu erspüren, doch sein Stolz verbot eine solche Handlung. So blieb die Sehnsucht wie eine offene Wunde. Ein Schwung mit dem Zauberstab zeigte, dass es noch ein paar Stunden bis zum Aufstehen waren. Müde ließ sich Harry in seine Kissen zurücksinken und überlegte, wie es weitergehen sollte. Es blieb nur die Furcht, dass es kein 'Weiter' geben würde. Sich von einer auf die andere Seite wälzend wurde Harry schließlich erneut von seiner Müdigkeit übermannt.
So wähnte er sich in einem Traum, als sich eine Gestalt zögerlich dem Bett näherte, die Decke anhob und hinunter schlüpfte. Eine vertraute Hand legte sich auf Harrys Brustkorb und ein wunderbarer Geruch drang in Harrys Nase. Dracos Magie vibrierte in der Luft, nervös und unsicher. Noch bevor Harry realisieren konnte, was genau geschah, reagierte er auch schon auf die Nähe des geliebten Menschen und zog Draco an sich. Die Berührung war pures Balsam für Harrys gepeinigtes Herz.
Leider ließ sich die Wirklichkeit nicht lange verdrängen.
„Du bist so ein Arsch“, murmelte er, während er sich gleichzeitig noch enger an Dracos warmen Körper schmiegte.
"Ich weiß. Es tut mir leid.“
Hoffnung keimte in Harry auf: „Hast du deine Meinung geändert?“
„Nein“, antwortete Draco, während er mit seinen Lippen Harrys Hals berührte und seine Nase in den schwarzen Haaren vergrub, "aber ich will nicht in Streit auseinandergehen. Ich möchte die letzten Tage mit dir verbringen und mich vernünftig verabschieden können. Du bist mein bester Freund, Harry. Du bedeutest mir sehr viel. Meintest du das ernst, dass du meine Freundschaft nicht willst?“ Draco sah ihn ernst an, die Augen schimmerten wie Silber.
„Nein, aber, dass ich mehr als Freundschaft will, das meine ich sehr ernst“, bekräftigte Harry und verfing Dracos Mund in einem verärgerten Kuss, den Draco sehr viel sanfter erwiderte. „Ich kann nicht glauben, dass du anders empfindest.“
„Was ich empfinde, spielt keine Rolle, weil ich bald nicht mehr hier bin.“ Draco legte seine Hände an Harrys Wangen. „Bis zu meiner Abreise können wir sein, was immer du willst.“
„Und wenn du gehst?“
„Sind wir wieder Freunde.“
„Ich weiß nicht, ob ich das kann.“
„Du kannst das. Du bist schon mit viel Schlimmeren fertig geworden. Du bist der Bezwinger Voldemorts.“
Aber der Kampf gegen Voldemort hatte sich wenigstens richtig und sinnvoll angefühlt. Draco gehen zu lassen, fühlte sich einfach nur falsch an. Doch wenn er sich auf Dracos Vorschlag einließe, hätte er eine Woche, um ihn davon zu überzeugen, dass sie zusammen gehörten. Und selbst wenn sie sich trennten, so war es immer noch besser, die letzten Tage gemeinsam zu verbringen, als in verschiedenen Wohnungen zu hocken und sich anzuschweigen.
„Ich muss es aber verstehen können. Du musst es mir erklären“, war seine einzige Bedingung. Er musste genau wissen, was Draco von einer Beziehung abhielt, um ihm vom Gegenteil überzeugen zu können.
„Das werde ich. Was ist eigentlich mit unserem Wochenende in Schottland? Du hattest doch eine Pension gebucht.“
„Die Buchung steht noch. Wir können gleich los, wenn du möchtest. Ich muss nur noch...“
„Jetzt musst du gerade gar nichts. Ich habe andere Pläne mit dir. Dreh dich um.“
Harry gehorchte und fühlte Dracos Lippen auf seinem Rücken. Er küsste, leckte und knabberte an verschiedenen Stellen. Jedes einzelne Mal war es eine kleine Überraschung, kitzelig und erregend zugleich. Harrys Nerven begannen zu prickeln. Langsam wanderte Dracos Mund über Harrys gewölbten Hintern hinunter zu den Oberschenkeln. Dabei knetete er Harrys Pobacken in unmissverständlicher Weise und ließ seinen Daumen in die Spalte gleiten. Harrys Penis drückte schwer gegen die Matratze. Dann schob Draco ein Kissen unter Harrys Hüften.
„Ich werde dich jetzt frühstücken", bestimmte er einer Stimme, unter der Harry erschauerte.
„Oh, oh, gut, warte ich muss…“ Harry rief seinen Zauberstab zu sich, wirkte die nötigen Sprüche und legte sich wieder auf den Bauch.
„Jetzt bin ich ganz dein.“ Wie wahr diese Worte waren, würde er Draco in den nächsten Tagen beweisen.
***
Gegen elf Uhr war auch Harrys Rucksack gepackt. Er apparierte sie in mehreren Sprüngen nach Inverness, das er vor zwei Jahren wegen eines Kaffee-Seminars kennengelernt hatte. Als sie dort ankamen, war ihnen aufgrund des Apparierungs-Strudels so übel, dass sie sich erst einmal hinsetzen mussten, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer Unterkunft in der Innenstadt machen konnten. Harry hatte ein romantisches Bed&Breakfast im viktorianischen Stil ausgewählt. An der Rezeption wurden sie freundlich empfangen.
Leider war die Zeit zu knapp, um direkt wieder in die Kissen zu sinken, auch wenn es ein verlockender Gedanke war. Stattdessen apparierten sie zu dem wenige Kilometer entfernten Dorf Dores am Loch Ness. Harry hatte geplant, ein Boot auszuleihen und über den See zu schippern. „Wir können damit bis zum Urquhart Castle fahren. Die Ruine soll sehr schön sein.“
Draco war von dem Vorschlag nicht sehr begeistert: „Ein Boot? Etwa mit Paddel? Das ist viel zu weit. Weißt du wie groß Loch Ness ist?“
„Ja, 36 Kilometer lang. Aber über Entfernungen brauchst du dir keine Sorgen machen“, antwortete Harry und umarmte Draco, der die Stirn in Falten gezogen hatte. Er hauchte einen Kuss auf Dracos Nasenspitze. Dass ein paar Muggel in der Nähe waren und das homosexuelle Paar mit verdeckter Neugier beobachteten, war ihm egal. Draco hatte gesagt, sie würden die Tage so verbringen, wie er es wollte, und Harry hatte sicher nicht vor, seine Gefühle zu verbergen. „Ich würde doch niemals deine … Kraft … auf so etwas Triviales wie Paddeln verschwenden. Dafür habe ich bessere Verwendung“, raunte er in Dracos Ohr und biss ihm spielerisch ins Ohrläppchen.
Dracos Mund verzog sich zu einem Lächeln. Er gab Harry ebenfalls einen Kuss, allerdings einen, der Harrys Blut in Richtung Unterleib sandte.
Am Anleger mietete Harry tatsächlich ein Paddelboot. Mit einem misstrauischen und nicht allzu begeisterten Gesichtsausdruck stieg Draco ein, beschwerte sich aber nicht weiter. So geduldig kannte ihn Harry gar nicht. Draco war sichtlich bemüht, das Beste aus den verbliebenen Tagen zu machen. Er verbarg seine Niedergeschlagenheit und war Harry gegenüber ausgesprochen liebevoll und aufmerksam.
Harry hatte sich etwas einfallen lassen, mit dem er Draco eine Freude machen konnte, ohne zu wissen, wie nötig sie es hatten. Nun hoffte er, dass seine Planung aufgehen würde. Nachdem sie einige hundert Meter hinausgepaddelt waren und Draco seinen Missmut kaum noch verbergen konnte, holte Harry die Paddel ins Boot. Dann sprach er einen Desillusionierungszauber, transfigurierte die unbequemen Holzbänke zu komfortablen Sitzen und legte ein paar Schutz- und Wasserabweisungszauber auf Draco und sich.
Als er seinen Zauberstab erneut schwang und die entsprechende Beschwörung rief, zog das Paddelboot an, als hätten es einen 150 PS starken Außenbordmotor. Draco wurde durch die plötzliche Beschleunigung aus der Balance gebracht und hielt sich erschrocken an der Bordkante fest. Als Harry die erste Kurve fuhr, lachte er erfreut auf. Harry selbst fühlte, wie das Adrenalin durch seine Adern zu pochen begann. In rasender Geschwindigkeit ließ er das Boot über den See kreisen. Er reizte alles aus, was ihm noch einigermaßen sicher erschien. Trotzdem wurden sie von ein paar seiner Manöver fast über Bord katapultiert. Es war beinahe wie Fliegen. Auf jeden Fall ganz ähnlich aufregend.
Erst als der Wasserabweisungs-Zauber seine Wirkung verlor und die kalte Gischt sie völlig durchnässt hatte, reduzierte Harry die Geschwindigkeit auf ein langsames Dahintuckern. Er trocknete ihre Kleidung mit einem Spruch und lehnte sich entspannt zurück. Es dauerte eine Weile, bis sich sein Puls beruhigt hatte. Draco strahlte ihn an.
„Das war mega geil!“, rief er aus. Harry musste über seinen Muggelausdruck schmunzeln.
„Das war es, du Muggel!“
Nur über Sprichwörter stolperte Draco noch manchmal.
Träge schipperten sie zur Burgruine. Das strahlende Blau des Himmels, die Weite der Landschaft mit den grün-braunen Hügeln, das Glitzern des Wassers, alle Sorgen schienen vergessen. Draco verschränkte seine Finger mit Harrys und legte seinen Kopf an dessen Schulter. Er sah glücklich aus und Harry fühlte einen Stich in seiner Brust. Sie schwiegen und schauten in die Ferne. Die Endlichkeit des Augenblicks ließ sich nicht lange verdrängen.
Hand in Hand und mit vielen Pausen, in denen sie nur eng beieinander standen und sich in die Nähe des anderen vertieften, besichtigten sie Urquhart Castle. Die Ruinen zeugten von der Größe des einstigen Schlosses, doch viel zu sehen gab es nicht mehr. Auf dem Rückweg nach Dores wurden sie von ein paar magischen Seepferdchen begleitet, die durch die vielen Zauber an Bord angelockt worden waren.
„Solange nicht auch noch das Seeungeheuer neben uns auftaucht, sind wir sicher", scherzte Draco. Harry wusste, dass sich der Scherz nicht auf die Existenz von Nessie, sondern auf die vermeintliche Gefahr bezog, die von ihm ausging. Er dachte an den Schwarzen See und das Trimagische Turnier im 4. Schuljahr und erzählte Draco, wie ihm Cedrik Diggory geholfen hatte.
„Ich war damals ein wenig verliebt in Cedrik Diggory“, gab Draco zu.
„Wie, du warst nicht in mich verliebt?“
„Nein.“
„Aber du wolltest mein Freund sein.“
„Im ersten Schuljahr vielleicht, aber danach nicht mehr. Ich konnte dir nicht verzeihen, dass du in aller Öffentlichkeit meine Hand ausgeschlagen hast. Und später hast du dann alles verkörpert, was ich gerne gewesen wäre: beliebt, bewundert, in Abenteuer verstrickt, der beste Quidditch-Spieler der Schule, der Liebling der Lehrer. Ich wäre gerne du gewesen. Ich war ein Idiot.“
„Wieso? Ich war doch wirklich so toll, wie du gerade beschrieben hast“, lachte Harry. Er wusste natürlich, was Draco meinte. Wer wollte schon im Zentrum von Voldemorts Hass stehen?
Zärtlich zog Draco mit seinem Zeigefinger die gezackte Narbe auf Harrys Stirn nach. "Das warst du und das bist du noch immer. Ich kenne keinen besseren Menschen.“
Harry wurde ganz rot. Er drückte Dracos Hand an sein Gesicht und küsste die Innenflächen.
Zurück in Inverness gingen sie in einen Pub und kehrten früh in ihre Pension zurück, um für die Wanderung im Cairngorms Nationalpark am anderen Tag ausgeruht zu sein. In inniger Umarmung lagen sie auf dem Bett und liebten sich. Wie schon am Morgen öffnete sich Draco für Harrys Magie und ließ auch seine eigene in Harry eintauchen. Körperlich, seelisch und auf magische Weise miteinander verschmolzen kamen sie zum Höhepunkt.
Die Highlands erwarteten sie mit strahlendem Sonnenschein aber eisiger Kälte. Auf den höchsten Bergen lag noch Schnee und Harry musste permanent ihre Wärmezauber erneuern, weil sie bei der Auswahl ihrer Kleidung nicht mit diesen Temperaturen gerechnet hatten.
Als er gerade wieder seiner Zauberstab auf Draco richtete, meinte dieser: „Ich liebe deine Magie. Es gibt nichts, das sich für mich besser anfühlt, als sie um mich zu haben oder sie in mir zu spüren. Höchstens, wenn sich meine mit deiner vermischt.“
„Das nennt sich Liebe."
„Die Harmonie der Magie? Kennst du die Geschichten, die die Reinblüter abends am Bett ihren Kindern erzählen? Geschichten von der großen Liebe, die nur Zauberer und Hexen miteinander teilen können? Ich frage dich: Was ist dann mit den Muggeln? Fühlen die eine andere Art der Liebe, ist ihre Liebe weniger wert?"
„Nein, aber…“
„Ich habe lange gebraucht zu lernen, dass die Muggel keine schlechteren Menschen sind und uns in nichts nachstehen. Kompatible Auren sind kein Zeichen von Seelenverwandtschaft, sondern Zufall. Magie erhebt uns nicht über andere. So ein Denken soll nie wieder mein Leben bestimmen.“
Harry hörte an dem Wochenende und in den Tagen darauf noch viel von dem, was nicht mehr Dracos Leben bestimmen sollte, und so sehr er sich auch das Gegenteil wünschte, er selbst stand ganz oben auf der Liste. Es war nicht seine Person an sich, sondern die abstrakte Vorstellung, dass Harry zu Dracos Vergangenheit gehörte, nicht jedoch zu seiner Zukunft.
Sätze wie „Ich möchte die Vergangenheit hinter mich lassen.“, „In England werde ich niemals Fuß fassen können.“ und „Durch dich werde ich immer mit meiner Vergangenheit verbunden sein.“ verdichteten sich zu einem eisernen Gefüge, das Draco dazu trieb, sich von Harry lösen zu wollen.
Da gab es aber noch mehr Gründe. Draco empfand sich nicht als gut genug für Harry und zweifelte daher, dass Harrys Liebe Bestand haben könnte. Er befürchtete, dass er Harry in der gleichen Weise runterziehen würde, wie er seinen Freunden Unglück gebracht hatte.
Genauso hasste er es, wie die Leute ihn auf seine Beziehung zu Harry reduzierten und ihn auf- oder abwerteten, nur, weil Harry sein Freund war. Die meisten Menschen nähmen ihn nicht als eigenständige Person wahr.
„Vielleicht bin ich das auch nicht. Immer war mein Handeln irgendwie mit dir verknüpft und du bist es, der mich an den Tiefpunkten meines Lebens gesehen hat. Ich trage die Sectumsempra-Narbe nicht zu unrecht. Wie das Dunkle Mal symbolisiert sie für mich die Fehler, die ich in meinem Leben gemacht habe. Voldemort und du, ihr habt mein Leben geprägt."
Draco hatte das Gefühl, sich zu sehr von Harry abhängig gemacht zu haben. „Als ich aus Azkaban herauskam und auf eigenen Füßen stehen sollte, habe ich kläglich versagt. Ohne dich wäre ich in der Muggelwelt untergegangen. Wieder habe ich mich von dir retten lassen. Ich muss mein Leben aber alleine auf die Reihe kriegen.“
Er musste sich beweisen, dass er auch ohne Harry ein besserer Mensch sein konnte, stark und gut, mit einem Leben, in dem er die Hauptrolle spielte.
„Dich so zu brauchen, ist beschämend für mich, Harry, und ich hatte mir geschworen, mich nie im Leben mehr für etwas zu schämen. Ich will deine Freundschaft, aber ich möchte dich nicht an mich binden und vor allem will ich mich nicht an dich binden“, sagte Draco am Sonntagabend als sie auf einem Felsen am Loch Affric saßen und die Natur auf sich wirken ließen. Das Wetter hatte sich getrübt. Wolken bedeckten die Berghänge in der Ferne.
Harry hatte verstehen wollen, warum sich Draco ihrer Liebe verweigerte. Nun hatte er Antworten, gegen die er keine Argumente wusste. Es wäre einfacher gewesen, Draco hätte behauptet, ihn nicht zu lieben, aber das tat er nie. Er machte Harry kein Geständnis, aber zeigte ihm immer wieder mit kleinen Gesten, wie viel er für Harry empfand. Harry selbst hielt sich mit Liebesbekundungen nicht zurück.
„Ich liebe dich“, sagte er, als er am Montagmorgen in der Parkway Dracos Haut mit Küssen übersäte. Ich liebe dich“, murmelte er am Dienstagnachmittag, als er sah, wie Draco im Beans einen Teller Pasta mit Gurke verzierte und die Petersilie fast künstlerisch auf dem Tellerrand verteilte. „Ich liebe dich“, keuchte er, als Draco ihn am Mittwochabend in der Dusche gegen die Wandfliesen drückte und immer tiefer ausfüllte. Am Donnerstag, als sie entspannt auf dem Sofa lagen und er Dracos nackte Füße kraulte. Am Freitag, als Draco das Muggel-Kreuzworträtsel wütend auf den Tisch knallte, weil er unfähig war, es auszufüllen, und am Samstagabend, als sie im Duckies zusammen tanzten, bis der Schweiß ihre T-Shirts durchnässte und Dracos Augen funkelten wie der Polarstern. Auch am Sonntag sagte er "Ich liebe dich". Draco sang eines seiner neuen Lieblingslieder und füllte die Textstellen, die er noch nicht auswendig kannte, einfach mit eigenen und sehr skurrilen Zeilen.
Harrys Liebe war tief und unendlich und sie schmerzte mit jedem Tag mehr. Und jede Bekundung war ein Flehen: Geh nicht, bleib bei mir, komm zu mir zurück.
Luna und Mary, Ron und Hermine und alle anderen Freunde von Draco kamen im Laufe der Woche noch einmal vorbei, um sich von ihm zu verabschieden. Sie versprachen, Draco zu besuchen und drängten ihn, im September zu Hermines und Rons Hochzeit zu kommen. Sie sahen es als selbstverständlich an, dass Draco nach dem Studium nach London zurückkehren würde und verlangten von ihm, Kontakt zu halten.
Keiner blieb lange, denn sie alle spürten, dass Harry die verbleibende Zeit mit Draco eifersüchtig für sich beanspruchte. Eine Zeit, die Harry so kurz wie ein Wimpernschlag vorkam.
„Geh nicht“, hauchte Harry an ihrem letzten Abend, dem 30. April 2002, aber da Dracos Augen feucht zu glänzen begannen, drang er nicht weiter auf ihn ein.
„Bleib bei mir“, sagte er am Morgen angesichts der gepackten Koffer im Büro und Dracos blassem Gesicht. Draco sah ihn nur traurig an und zog ihn in eine Umarmung. „Ich kann nicht bei dir bleiben.“ Harry weinte.
„Komm zu mir zurück“, rief Harry, als Fletcher und Draco im Kamin des Beans verschwanden. Er wusste nicht, ob Draco ihn noch gehört hatte.
Eine ganze Weile später standen Erik und ich bei meiner Mutter vor der Tür. Erik hielt meine Hand und lächelte, aber ich wusste, dass er ein wenig nervös war. Und wenn ich ehrlich war, dann war ich das auch. Die Tür wurde geöffnet und meine Mutter grinste uns entgegen. „Hallo ihr beiden“, begrüßte sie uns und machte uns Platz, um die Wohnung zu betreten. Ich ließ Eriks Hand los und ließ mich in eine kurze Umarmung ziehen, bevor meine Mutter dann zu Erik sah. „Also, Mama, das ist Erik, mein Freund. Erik? Meine Mutter“, lächelte ich etwas unbeholfen und die beiden lächelten sich an. „Freut mich, Sie kennenzulernen, Frau Hofmann“, ergriff Erik als erstes das Wort. „Freut mich auch. Und nenn mich bitte Anna“, erwiderte meine Mutter lächelnd. Sie mochte Erik, das sah ich ihr an. Grinsend griff ich nach Eriks Hand und sah wieder zu meiner Mutter. „Du kannst Erik ja mal ein wenig rumführen. Sebastian ist noch bei der Arbeit, müsste aber bald da sein.“ Ich nickte und ließ Eriks Hand doch wieder los, um meine Jacke auszuziehen. Als Erik das auch getan hatte, hängte ich die Jacken auf und bedeutete Erik dann, mir zu folgen. Ich ging zuerst ins Wohnzimmer. Erik sah sich um. „Sieht fast aus wie bei dir“, merkte er dann an. „Ja, nur, dass das Klavier kein eigenes Zimmer hat“, grinste ich und ging zum angesprochenen Instrument. „Darauf habe ich angefangen zu spielen“, meinte ich und strich über das alte Holz. „Echt?“, fragte Erik und ich nickte. „Es funktioniert nicht mehr richtig, aber niemand hat es übers Herz gebracht es wegzugeben. Alleine, wegen Papa, weil er…“ Erik nickte verstehend und als er sah, dass ich mir kurz auf die Lippe biss, nahm er mich in den Arm. „Es ist alles okay, ja? Niemand zwingt euch dazu, das Klavier wegzugeben.“ Ich nickte und löste mich wieder aus der Umarmung. „Tut mir leid. Es hängen nur so viele Erinnerungen daran.“ Wieder nickte Erik und legte seine Hand an meine Wange, so dass ich ihm in die Augen sehen musste. „Merk dir bitte, dass du dich nicht für so etwas entschuldigen musst, ja?“ Ich nickte und verlor mich langsam in Eriks Augen. Nur einen kurzen Moment später lagen seine Lippen sanft auf meinen. Ich erwiderte den Kuss glücklich und schloss zufrieden meine Augen.
Nach dem Kuss öffnete ich die Augen wieder, und sah aus den Augenwinkeln, dass meine Mutter im Türrahmen lehnte und uns lächelnd betrachtete. Erik hatte das offensichtlich auch bemerkt, denn auf sein Gesicht legte sich ein leichter Rotschimmer. „Freut mich, dass ihr so glücklich seid“, lächelte meine Mutter immer noch. Erik griff nach meiner Hand und die Türklingel unterbrach die doch etwas seltsame Situation. „Das wird Sebastian sein“, sagte Mama und ging in den Flur. „Du schaffst das, oder?“, fragte Erik leise. Ich nickte nur und sah gespannt zur Tür.
Der Kerl, der nun durch die Tür trat, sah definitiv nicht so aus, wie ich ihn erwartet hätte. Er sah gut aus, hatte ein sympathisches Lächeln im Gesicht. „Ah, du musst Julia sein“, grinste er mich an und umarmte mich kurz. Eriks Hand ließ ich dabei nicht los, die Situation überforderte mich auch ein wenig. „Deine Mutter hat schon viel von dir erzählt. Und dann bist du bestimmt ihr Freund, Erik Durm, oder?“ Erik nickte kurz. Er wusste wohl auch nicht so recht, was er von der Situation halten sollte.
„Kann ich euch eine Weile alleine lassen? Das Essen ist noch nicht ganz fertig“, fragte Mama. „Keine Sorge, Anni, wir werden uns schon nicht gegenseitig auffressen.“ Meine Mutter lächelte ihren Freund nochmal an, bevor sie in die Küche ging, aber mir entgleisten für einen Moment meine Gesichtszüge. Mein Vater war der Einzige, der meine Mutter Anni nennen durfte. „Julia? Alles okay bei dir?“ Erik trat besorgt zu mir und ich zwang mich, mich zusammenzureißen. „Ja, alles gut“, versuchte ich mich an einem Lächeln.
„Also, Julia, du bist Pianistin?“ Ich nickte, auf die Frage von Sebastian. „Bist du gut?“, fragte er weiter. „Sie ist die Beste!“, antwortete Erik für mich und grinste dabei breit. „Wirklich? Kannst du uns was vorspielen?“ Ich wusste, dass Sebastian zu dem Klavier sah. „Ich glaube, das Klavier ist nicht gestimmt oder so“, merkte ich an, ging aber trotzdem zum Klavier. Erik nahm auf einem Sessel Platz, von dem aus er mich gut beobachten konnte. Sebastian stand ein Stück hinter mir und ich spürte den prüfenden Blick in meinem Rücken. Ich öffnete die Klappe des Klaviers. Zu meiner Überraschung war das Klavier doch gut gestimmt. Ich spielte ein relativ neutrales Stück. Es war nicht das Fanlied, nicht Eriks Lied und nicht das für meinen Vater. Diese Lieder gingen Sebastian nichts an.
Als ich aufgehört hatte und mich umdrehte, lächelte Erik mich wieder verträumt an. Auch Sebastian schien zufrieden zu sein. „Nicht schlecht. Was war das genau? Von Bach?“ Ich musste ein lautes Auflachen unterdrücken. Dieses Stück war definitiv kein Barockstück. „Nein, das ist von mir“, antwortete ich ruhig. „Du hast das komponiert?“ Ich nickte und schloss die Klappe des Klaviers wieder. „Respekt. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut. Ich dachte wirklich, dass deine Mutter übertreibt.“ Ich zuckte mit den Schultern: „Ich weiß was ich kann. Ich weiß nicht, was Mama erzählt.“
„Das Essen ist fertig“, verkündete Mama und trat ins Wohnzimmer. „Wann hast du das Klavier wieder stimmen lassen?“, fragte ich sie auf dem Weg in die Küche. „Oh, das ist schon eine Weile her. Sebastian war das, so habe ich ihn auch kennengelernt.“ Sebastian durfte sie also Anni nennen und durfte das Klavier behandeln, von dem Papa gesagt hatte, dass es niemand, der nicht zu unserer Familie gehörte jemals spielen würde. „Was ist denn los?“, fragte Erik wieder, dieses Mal aber leiser. „Später“, antwortete ich nur ebenfalls leise.
„Und, wie habt ihr beiden euch kennen gelernt?“ Sebastian sah eher Erik fragend an, weshalb er auch antwortete: „Ein Kollege und ich haben ein Konzert von Julia besucht und es hat uns ziemlich gut gefallen, dann sind wir mit ein paar anderen Kollegen wiedergekommen. Die Presse hat Fotos gemacht und so kamen wir das erste Mal… nicht wirklich ins Gespräch. Eher in Kontakt. Ein paar Wochen später haben Marcel und ich unserem Vorstand vorgeschlagen, Julia am Jahresabschluss spielen zu lassen. Sie hat das Angebot angenommen und wir hatten ein wenig mehr zu tun. Und schließlich hat uns ein Trainingsunfall zusammen gebracht.“ Erik grinste zum Ende hin und griff vorsichtig nach meiner Hand, um die die Schiene war.
Neben mir zündete Brad sich eine Zigarette an und schwieg. „Brad, es ist nicht so, wie du denkst“, murmelte ich leise, doch er stieß die Luft aus und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Nein? Taylor hat sich für mich aber anders angehört“, erwiderte er kühl, ging einige Schritte von mir weg und drehte mir den Rücken hin. „Er hat gelogen!“, warf ich ein, doch Brad schnaubte verbittert. „Ach, ja? Du hattest also nicht vor, dir wieder eine Auszeit von mir zu gönnen?“, energisch fuhr er sich durch die Haare, wirbelte herum, sodass ich zusammen zuckte und durchbohrte mich mit seinem Blick. „Brad…“, setzte ich an, doch er schüttelte den Kopf. „Warum hast du mir nicht einfach gesagt, dass du ihn liebst?“.
Ich schnappte nach Luft. „Ich liebe ihn nicht!“. „Naja, deine Küsse haben immerhin Bände gesprochen“, er rümpfte die Nase. Aufgebracht stampfte ich mit dem Fuß auf. „Brad, immer noch – er hat gelogen! Er wollte doch nur, dass du sauer wirst!“. „Hat er ja gut hinbekommen“. Seufzend fahre ich mir mit der Hand über das Gesicht. „Jetzt spiel nicht immer den eifersüchtigen Freund!“. Zornig zog er die Augenbrauen zusammen. „Ich habe ein Recht dazu, eifersüchtig zu sein!“, rief er mit lauter Stimme. „Nein, hast du nicht! Du steigerst dich in irgendeinen Quatsch hinein, der dich überhaupt nichts angeht!“, spuckte ich ihm entgegen. „Der mich nichts angeht?“, er drückte seinen Zeigefinger in seine Brust, „es geht mich verdammt nochmal was an! Ich bin dein Freund, schon vergessen?“. „Na und? Trotzdem musst du nicht gleich nasse Hosen bekommen, wenn dir jemand ein Märchen unterschiebt!“, ich krallte meine Finger in meine Handtasche. Er hingegen ballte die Hände zu Fäusten, was bedeutete, dass er richtig sauer war.
„Dann musst du nicht direkt zu jemand anderem laufen, wenn ich deinen Erwartungen nicht entspreche!“, brüllte er, während der Rauch seiner Zigarette zu mir herüber schwebte. „Was soll das schon wieder heißen? Du hast doch keine Ahnung, was ich mache oder nicht! Du bist nicht einmal da!“, fauchte ich. „Weil deine spießigen Eltern meinen, dass ich zu arm für sie sei! Deswegen kann ich nicht zu dir, kapiert?“. „Und was kann ich dafür?“. Brad schloss die Augen und biss die Zähne aufeinander. „Und was ist mit ihm? Was ist mit Taylor und Luigi? Mit den anderen Jungs?“. Ich öffnete den Mund und blinzelte. „Welche anderen Jungs?“. Brad hob eine Augenbraue. „Als wüsstest du nicht, dass die halbe Schule auf dich steht! Also, was ist mit denen?“, er kam näher heran und stand dampfend vor mir. „Nichts! Die bedeuten mir nichts! Warum verstehst du das nicht?“, entgegnete ich. „Weil täglich jemand kommt und mir das Gegenteil beweist!“, Brad zerdrückte seine Zigarette mit bloßen Fingern und warf sie auf den Boden. „Du übertreibst schon wieder! Du kannst nicht ständig eifersüchtig sein! Ich will keinen Freund haben, der so schnell neidisch wird“, ich merkte, wie wir uns langsam beruhigten. „Brad, ich liebe dich, hör auf immer das Falsche zu denken“, flehte ich und schlang meine Arme um ihn. Er atmete heftig ein und aus, legte dann aber doch einen Arm um meine Schultern und vergrub seine Nase in meinen Haaren. „Liebst du mich denn nicht, dass du mir nicht vertraust?“, nuschelte ich. Er strich mit seinem Daumen über meinen Nacken. „Doch, natürlich liebe ich dich“. „Und warum glaubst du mir dann nicht?“, erwiderte ich vorwurfsvoll. „Weil ich dich nicht verlieren will“, seine Stimme klang rau.
Wir schwiegen, während sich eine Wolke über den Mond zog und alles stockdunkel war. Ich sah nichts, sondern spürte nur seinen Körper und seinen Atem. „Es tut mir leid“, gab er nach einer Weile zu und ich lächelte an seiner Schulter. „Mir auch“. Und wieder konnte ich kaum fassen, womit ich ihn verdient hatte.
Brad:
Sie war einfach perfekt. Ich atmete ihren Duft ein und fühlte mich sofort besser. Zwar war ich immer noch beunruhigt, schließlich wollte ich Jana nicht verlieren, doch ich ließ es mir nicht anmerken. Ich wollte nicht, dass sie sauer war. „Ich bring dich nach Hause“, sagte ich und löste mich von ihr, um sie anzuschauen, bis sie nickte. Der kühle Wind brannte in meinen Augen und meiner Lunge, als ich Gas gab und sie sich an mich drückte. Wie immer genoss ich das Gefühl der Freiheit während des Fahrens und Janas Körpernähe. Außerdem fand ich den Helm an ihr sexy, auch wenn sie es nicht glaubte. Unwillkürlich musste ich mir ein Grinsen verkneifen und hielt vor Janas Tür. „Da sind wir“, murmelte ich geistesabwesend, während ich das riesige Haus betrachtete. Es war nicht so groß, wie das Haus meiner Mutter, da dieses viel älter war, doch es war modern und luxuriös. „Jep“, erwiderte Jana hinter mir und stieg ab. „Danke, dass du mich gefahren hast“, durch den Helm war ihre Stimme gedämpft, also zog sie ihn hastig aus und drückte ihn mir in die Hände. „Sehen wir uns morgen wieder? Weil ich Geburtstag habe?“, fragte ich, während mein Blick über ihren Körper glitt. Nervös wippte sie auf den Fersen vor und zurück, irgendetwas stimmte nicht mit ihr. „Ach so, ähm, ich weiß nicht ob ich Zeit habe“, nuschelte sie zaghaft und fuhr sich energisch mit einer Hand durch die Haare, sodass diese durch die Luft flogen und sich federleicht auf ihren Schultern niederließen. Ich runzelte die Stirn. „Darf ich dich morgen sehen?“, fragte ich düster. Sie biss sich auf die Unterlippe und wich gezielt meinem Blick aus. Ich seufzte, machte jedoch nicht die Anstalten, abzusteigen. „Was ist los?“. Durch ihre Wimpern hindurch sah sie zu mir herauf. „Wir wollten in die Kirche gehen und danach zu meinen Großeltern“, wich sie aus. „Dann komm ich auch mit zur Kirche“. „Aber das geht doch nicht“. Ich hasste Kirchen, doch ich wollte meinen Geburtstag mit ihr feiern. „Warum nicht?“, ich biss angespannt die Zähne aufeinander. „Weil…du weißt doch“, sie knirschte missmutig mit den Zähnen, sah mich nicht an. Genervt griff ich nach ihrem Kinn und hielt es zu mir, sodass sie mich ansehen musste. „Warum geht es nicht?“, wiederholte ich langsam. „Weil ich nicht weiß, ob du dich in der Kirche benehmen kannst“. Sofort legte Jana eine Hand vor ihren Mund, als wäre ihr das gerade ungewollt rausgerutscht. Ich ließ ihr Kinn los und schloss die Augen. Bloß nicht aufregen. „Jana, ich bin vielleicht kein perfekter Spießer, doch ich weiß genauso gut, wie jeder andere, wie man sich in einer Kirche verhält. Hältst du mich jetzt für total bescheuert?“, ich musste zugeben, dass ich ein wenig enttäuscht war, doch ich überspielte es mit einem Grinsen. „Baby, ich würde sogar die Lieder mitsingen und Orgel spielen – Hauptsache du bist glücklich“. Ein Strahlen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Oh, Brad“, jauchzte sie und schmiss sich in meine Arme, um mich mit Küssen zu überschütten.
Brad:
„Alles Gute zum Geburtstag“, flüsterte Jana feierlich, die sich über den Beifahrersitz lehnte und mir einen Kuss auf die Wange gab. Ich grinste sie an, lehnte den Kopf zur Seite an den Sitz und schloss die Augen. Wieder küsste sie mich, diesmal auf den Mund. Etwas verlangender, legte ich die Hände um ihr Gesicht und zog sie näher heran, sodass ich meine Lippen fester auf ihre drücken konnte. „Ich hab ein Geschenk für dich“, hauchte sie mit roten Wangen, während sie sich zurück fallen ließ und in ihrer Tasche herumkramte. Ich betrachtete sie, das Kleid mit den weißen Punkten stand ihr perfekt und brachte ihren schönen Rücken noch mehr zur Geltung. Sanft strich ich mit den Fingerspitzen von ihrem Nacken hinab und grinste zufrieden, als sie eine Gänsehaut bekam. „Mist, wo hab ich es bloß hingetan?“, fluchte sie und wühlte noch einmal forschender in der Handtasche. Etwas nervös blickte ich auf den Kirchplatz, als die ersten Menschen dort waren. Bald würden Janas Eltern da sein. „Ist egal, gib es mir später. Wir müssen jetzt los“, murmelte ich und sie erhob sich. „Hast recht“, erwiderte sie mit einem Blick nach draußen. Da ihre Haare völlig zerzaust waren, fuhr ich kurz mit den Fingern dadurch und blickte ihr in die Augen. „Danke, dass du mitkommst“, flüsterte Jana, ihre Augen glitzerten. „Danke, dass ich mitkommen darf“, erwiderte ich breit grinsend. Ich wusste, dass dies meine letzte Chance war, ihre Eltern zu beeindrucken, wenn ich mich gut benahm, denn sonst würde ich nicht mehr mit Jana den Geburtstag feiern können.