Ich trete vor die Tür. Prompt ist mir zu warm. Menschen in kurzen Hosen und mit Flip-Flops blicken stumm auf meine langen Hosen, meinen Pulli, die Cowboystiefel. Da hat sich jemand verschätzt, würde ich sagen. Und die Sonne unterschätzt. Brutal fräst sie sich in meine kleinen Morgenaugen. Es kommt selten vor, aber vergangene Nacht schlief ich schlecht.
Die Mauersegler sausen zirpend zwischen den Häusern umher. Alle so wach, so entsetzlich wach. Angestrengt in die Sonne zwinkernd husche ich als schwarzer Schatten in den Schutz der Platanen.
Kurz vorm Rhein wird’s religiös.
Am Anleger herrscht Ruhe. Nun ja: Links und rechts parken Busse. Und natürlich müssen die Motoren laufen. Klimaanlage Damit ein Mensch nicht schwitzt. Klar. Ein Laubbläser fönt dazu. Orrr!
Noch ein Blick zurück auf Dom und Vater Rhein. Habe einen DSGVO-konformen Moment erwischt. Denn eigentlich sind außergewöhnlich viele Menschen unterwegs, joggend und mit dem Rad.
Wann wird es denn wohl mal wieder regnen? Die Farben der Stadt erinnern eher an späten Hochsommer. Am Fuße eines Verkehrsschildes wohnt ein Wesen. Blickt es hungrig oder eher entsetzt? Ich bin unentschlossen.
Die Hundewiese könnte auch Regen gebrauchen. Zunächst ist niemand zu sehen, aber unversehens fliegt ein Bällchen über den Rasen und ein sturbbeliges Irgendwas hinterher.
Die Zwei scheinen auf andere zu warten, aber es taucht keiner auf.
Ich gehe vor mich hin und, plötzlich, ein zartes Stimmchen, das lauthals ein Karnevalslied singt. Ein stoisch blickender Vater auf seinem Rad, hinten auf dem Kindersitz ein kleinen Mädchen in bunten Ringeln und mit knallrotem Helm, die in reinstem Kölsch frohgemut folgendes Stück zum Besten gibt:
Kölle am Rhing, jo dat is ming Stadt, dat is ming Kölle am Rhing,
un hei will ich blieve, hei jehüre ich hin, hei bin ich daheim!
Irgendwer in Köln singt immer. Und irgendjemand rollt gerade bestimmt mit den Augen und wird anmerken, dass das doch nun wirklich nicht nur ein Karnevalslied ist. Vielleicht sitzt dieser Irgendjemand auch gerade in meinem Kopf. Achtzehn Jahre Köln gehen nicht spurlos an einem vorüber ...
Zur selben Zeit kreuzt eine muntere Karawane offenkundig gen Freibad. Man beachte das Bündel Schwimmnudeln.
Eine Radfahrerin ruft mir einen Guten-Morgen-Gruß zu und erst zwei Augenblicke später ahne ich, wer unter dem lustigen grünen Fahrradhelm steckte. Den Gruß habe ich dann später bei Twitter erwidert. Das ist Crossmedia.
Heiter gestimmt kaufe ich noch einen Schwung Gemüse bei den netten Leuten vom Biohof Bursch auf dem Ökomarkt ein. Die Haustür öffnet sich im selben Moment, als ich gerade den Schlüssel, hallo, Frau Nachbarin, hab’ einen schönen Tag.
Ihr auch!
Mit dem Sommergedicht von Mascha Kaléko geht es vielleicht besser:
Ich bin der Sommer
In erbsengrünen Hosen
und kirschrotem Wams
ziehe ich lustig einher.
Heb ich den Finger,
blüh’n Rosen.
Heb ich die Hand,
rauscht die Welle im Meer.
Spiel ich die Flöte,
tanzt der Delfin,
duftet’s nach Wiesengrün
und Jasmin.