Dativsubjekte mit lassen
Als regelmäßiger Hörer des Ehrenwort-Podcasts bin ich in der Folge zu Ronald Schill (Mit Schill & Schande) auf einen kuriosen Hörbeleg gestoßen. In einem dort eingespielten Interview, in dem Ole van Beust sich zur seinerzeitigen Entlassung von Schill äußert, kommentiert er seine Beweggründe folgenermaßen [00:48:05–06]: Ich lass mir nicht erpressen (…). Die Hintergründe sind linguistisch nicht relevant, können aber z.B. auf Wikipedia nachgelesen werden.
Kurios deshalb, weil mir Dative in der lassen-Konstruktion bisher nur aus bairischen Dialekten (bzw. älteren Sprachstufen des Deutschen) bekannt waren. Obwohl dem Bairischen, nachgerade in Österreich, jüngst ein ganzer Spezialforschungsbereich gewidmet war, scheint zu dieser Konstruktion schon länger nicht mehr gearbeitet worden zu sein; Hubert Haider hat (1990) ihre grundlegenden Eigenschaften beschrieben, und ich erlaube mir, sie hier zu referieren. Dativsubjekte treten in transitiven ECM-Konstruktionen („transitiv“ ~ mit eingebettetem transitivem Verb) in verschiedenen bairischen Dialekten auf, siehe (1). Haider führt Belege von Sprechern aus folgenden Dialektregionen an: Waldviertel, Seewinkel (Apetlon), Murtal, Oberpfalz. Soweit ich sehe, scheint das vor allem ein mittelbairisches Phänomen zu sein.
(1a) Loß ira-DAT eam heiradn „Lass sie ihn heiraten“ (1b) Loß dean weibl-DAT d’eadebfl schöön „Lass deine Frau die Kartoffeln schälen“
Diese Konstruktion ist von den romanischen Sprachen wohlbekannt, wo in vergleichbaren Kontexten – hier wohlgemerkt mit faire ,machen‘, nicht mit auch kausativ verwendbaren laisser ,lassen‘ – ein präpositional markierter Subjektausdruck auftritt, vgl. (2).
(2a) Il fera boire un peu de vin à son enfant. „Er wird sein Kind ein wenig Wein trinken lassen.“ (2b) *Il fera boire son enfant un peu de vin. (Französisch; Haider 1990: 175)
Haider (1990) argumentiert dafür, dass es sich bei diesen vermeintlichen Dativsubjekten nicht um „echte“ ECM-Subjekte handelt, da sie sich mit Blick auf verschiedene Testkriterien nicht als solche zu erkennen geben (Haider 1990: 178–183): So können, um zwei dieser Tests herauszugreifen, Dativsubkte im Gegensatz zu „echten“ ECM-Subjekten keine Reflexive binden, siehe (3)–(4). Anaphern benötigen ein Antezedens in ihrer lokalen Bindungsdomäne (3); Dativargumente sind aus unabhängigen Gründen keine potentiellen Binder, und dies gilt auch für vermeintliche Dativsubjekte (4).
(3a) Er-j ließ die Leute sich-*i/j Schnaps besorgen (3b) Er-i hat sich-i Schnaps besorgen lassen (4a) * Ea-i hod den leidn-j si-i/j an schnobs midbringa lossn (4b) Ea-i hod si-i an schnobs midbringa lossn.
Wie (5) demonstiert, kann in ECM-Konstruktionen ein Prädikativ entweder den Kasus des Matrixsubjekts oder den des eingebetteten Subjekts kopieren; bei Dativ-ECM-Subjekten ist dies nach dem Ausweis von (6a) vs. (6b) nicht möglich (Haider 1990: 182).
(5) Loß den maon ois easchta-NOM | easchtn-AKK schpringa „Lass den Mann als ersten springen.“ (6a) Da vodda häd ia ois oanziga dochda des ned mocha lossn „Der Vater hätte sie [ihr] als einzige Tochter das nicht machen lassen.“ (6b) * Da vodda häd ia ois oanzigi dochda des ned mocha lossn
Die von Haider (1990: 183–184) formulierte Analyseskizze entspricht grosso modo dem, was er auch später zur ECM-Konstruktion ausgearbeitet hat (Haider 2010: 335–338); sie ist in ihrer Grundidee auch in einen HPSG-Ansatz integrierbar (siehe dazu z.B. Müller 1999: Kap. 17). Bei ECM-Konstruktionen kommt es demnach zu Argument-Identifikation, d.h. die Theta-Strukturen der betroffenen Verben werden unifiziert. Standardsprachliches lassen hat nur eine spezifizierte Argumentstelle, die syntaktisch als Subjekt realisiert wird; die Objektstelle ist unspezifiziert und „erbt“ die Argumente des eingebetteten Verbs. In den betreffenden Dialekten ist lassen ein potentieller Dativ-Zuweiser (im Gegensatz zur Standardsprache); die entsprechende Argumentstelle „erbt“ das externe Argument des eingebetteten Verbs, jedoch wird dieses immer permissiv (im Sinne von ,zulassen‘) interpretiert. Daher verhält es sich nicht wie ein „echtes“ ECM-Subjekt.
Bei Weiß (1998: 108–109) wird diese Konstruktion im Zusammenhang mit „clitic climbing“ erwähnt, d.h. Anhebung des pronominalen Dativsubjekts in die Wackernagelposition an der Mittelfeldspitze, wobei im Bairischen kein echtes „climbing“ vorliegt, da syntaktisch gesehen keine Satzgrenze überquert wird. Demske-Neumann (1994: 248–266) geht ebenfalls auf diese Konstruktion ein; ihrer Analyse zufolge haben wir es bei den lassen-Konstruktion mit einem „Satzerl“ (Small Clause; zur Eindeutschung siehe Staudinger 1995) zu tun, beim Dativ handelt es sich um ein Argumentadjunkt à la Grimshaw (1990), das durch das blockierte externe Argument eines Verbs lizenziert ist (siehe Demske-Neumann 1994: 250–251 zu den Details).
Noch ein paar Bemerkungen zu Diachronie (siehe Haider 1990: 177–178): Dativsubjekte bei lassen treten auch in älteren Sprachstufen des Deutschen auf, und zwar vom 17. bis zum 19. Jahrhundert; Paul (1919: 394) zufolge ist der Dativ im 18. Jahrhundert quasi obligatorisch, und erst im 19. Jahrhundert setzte sich die moderne Konstruktion mit Akkusativ durch. Ausführlich thematisiert werden entsprechende Muster auch bei den „üblichen Verdächtigen“, z.B. Paul (1919: 393–395), Behaghel (1923: 623–625); Dal und Eromos (2014: 39 [§ 31]), aus der letzteren Quelle ein paar „Lesefrüchte“:
(7a) er läßt mir aber nichts merken (Goethe, Briefe [1774]) (7b) Gegner haben mir wissen lassen, daß […] (Heine, Über den Denunzianten)
Im modernern Bairischen muss man jedenfalls nicht lange suchen, um einschlägige Belege zu finden. So sagt ein von Oliver Baier gespielter, etwas schmieriger Primarius in dem sehr sehenswerten Zweiteiler Aufschneider [2010]: lossns mir des anschaun (01:24:34). Das Drehbuch stammt von David Schalko und Josef Hader, der auch die Haupfigur spielt, einen griesgrämigen, aber liebenswürten Pathologen. Ob sich bei von Beustens Sager indes um einen (Kasus-)Lapsus oder echte regionalsprachliche Syntax (auf niederdeutschem Substrat) handelt, kann ich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn dativische ECM-Subjekte, zumal sie im älteren Deutschen ja sehr häufig waren, auch in anderen regionalen Varietäten des Deutschen weiterexistieren. Für einschlägige Hinweise bin ich dankbar!
Literatur
Behaghel, Otto (1923): Deutsche Syntax. Eine geschichtliche Darstellung. Bd. 1. Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
Dal, Ingerid (2014) [1952]: Kurze deutsche Syntax auf historischer Grundlage. (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B. Ergänzungsreihe; 7.) Berlin, New York: De Gruyter. 4. Aufl. Neu bearbeitet von Hans-Werner Eroms.
Demkse-Neumann, Ulrike (1994): Modales Passiv und Tough Movement: Zur Strukturellen Kausalität eines syntaktischen Wandels im Deutschen und Englischen. (Linguistische Arbeiten; 326.) Tübingen: Niemeyer.
Grimshaw, Jane (1990): Argument structure. (Linguistic Inquiry Monographs.) Cambridge (MA): MIT Press.
Haider, Hubert (1990): Datives in German „ECM“-constructions. In: Joan Mascaró und Marina Nespor (Hgg.): Grammar in Progress. Glow Essays for Henk van Riemsdijk: 175–185. (Studies in Generative Grammar; 36.) Dordrecht: Foris.
— (2010): The Syntax of German. (Cambridge Syntax Guides.) Cambridge: Cambridge University Press.
Müller, Stefan (1999): Deutsche Syntax deklarativ: Head-Driven Phrase Structure Grammar für das Deutsche. (Linguistische Arbeiten; 394.) Tübingen: Niemeyer.
Paul, Hermann (1919) [1968a]: Deutsche Grammatik. Bd. 3, Teil 4: Syntax (Erste Hälfte). Tübingen: Niemeyer. [Unveränderter Nachdruck der 1. Auflage von 1919].
Staudinger, Bernhard (1995): Sätzchen: Small Clauses im Deutschen. (Linguistische Arbeiten; 363.) Tübingen: Niemeyer.
Weiß, Helmut (1998): Syntax des Bairischen. Studien zur Grammatik einer natürlichen Sprache. (Linguistiche Arbeiten; 391.) Tübingen: Niemeyer.













