Eines meiner linguistischen Interessen, das Hubert Haider in mir geweckt hat, sind syntaktische Asymmetrien. Ein gleichermaßen einfaches wie tiefschürfendes Beispiel ist die Beobachtung, dass links- und rechtsköpfige Sprachen sich zwar in der Position von Kopf und Komplement unterscheiden, nicht jedoch in ihrer Verzweigungsstruktur. In der älteren (typologischen) Forschung ging man davon aus, dass dies nicht der Fall ist, d.h. beide Phrasentypen auch einen spiegelbildlichen Aufbau besitzen, wie dies in (1a) bzw. (1b) illustriert ist.
(1a) [[[[Kopf] …] …] …]
(1b) [… [… [… [Kopf]]]]
Seit Barss und Lasnik (1986) wissen wir, dass diese Annahme problematisch ist, denn sie macht u.a. falsche Vorhersagen über Bindungsverhältnisse in der NP: Bei einer linksverzweigenden NP-Struktur wie in (2a) würde das Reflexivum sich nicht von seiner Bezugs-NP c-kommandiert und Bindung wäre somit futsch. Bei einer rechtsverzweigenden Struktur wie (2b) bleibt noch immer die Frage, wie die Kopfposition der Phrase mit einer binär-verzweigenden Struktur kompatibel ist, aber die Bindungsverhältnisse werden korrekt erfasst.
(2a) Die [[Wut des Mannes_i] [auf sich_i]]
(2b) Die [Wut [des Mannes_i [... [auf sich_i]]]] (nach Haider 2013: 3)
Dieser Befund gilt insbesondere auch für die VP. Ausgehend von Larson (1988) bahnbrechendem Artikel hat Hubert die Idee einer Schalenstruktur in modifizierter und detaillierter Form ausgearbeitet. Die Grundidee ist, dass VO-Systeme (mit kopfinitialer VP) „komplexer“ sind, weil sie eine zusätzliche Kopfposition beinhalten, wie sie etwa bei ditransitiven Konstruktionen nötig ist. Man kann damit beispielsweise sehr elegant die klaren Unterschiede in der Distribution von Partikelverben erklären, die in der Germania zu beobachten sind (Haider 1997): In den germanischen OV-Sprachen (Deutsch, Niederländisch, Friesisch) ist die Partikel in Nicht-Verbzweit-Kontexten immer linksadjazent zum Stamm (3a), in den germanischen VO-Sprachen ist sie entweder rechts-adjazent oder rechts-distant. Sprachen wie Norwegisch, Englisch oder Isländisch erlauben beide der letztgenannten Muster, siehe (3b, c).
(3a) [VP den Zweig abschneiden]
(3b) [VP cut off the twig]
(3c) [VP cut the twig off]
Unter der weitgehend unkontroversen Annahme, dass die Partikeldistribution ein Reflex der verfügbaren V-Positionen ist, ergeben sich für eine VO-gestrickte VP zwei solcher Positionen (4a), in OV aber nur eine (4b). Muster wie (3b) umfassen Anhebung von Verb und Partikel (Pied-piping), während in (3c) die Partikel zurückgelassen wird und das Objekt angehoben wird. In ditransitiven Strukturen wie (5) ist die VP sozusagen voll aufgefaltet (Haider 2013: 15).
(4a) [VP [V’ V° ... [V’ V° ...]]]
(4b) [VP [V’ ... V°]]
(5) Susan [VP [V’ V° poured [VP the man [V’ V° out a drink]]]]
Warum schreibe ich das alles? Eine morphologische Asymmetrie, die mich schon lange fasziniert, seitdem ich das erste Mal davon gehört habe (es muss 2013 oder 2014 gewesen sein), ist die sogenannte Suffixpräferenz, d.h. die Tendenz, dass Suffigierung sprachübergreifend viel häufiger auftritt als ihr Gegenstück, Präfigierung. Lange geisterte dieser Befund, von dem ich sozusagen per linguistischem Kaffeeklatsch wusste, durch die hinteren Winkel meines Hirns, bis ich mir einmal im Zusammenhang für ein Typologie-Seminar die Mühe machte herauszufinden, was wir darüber so wissen. Da wir’s heute viel, viel leichter haben als früher und uns insbesondere ein phänomenales Werkzeug wie der World Atlas of Language Structres zur Verfügung steht, ist das gar nicht so wenig.
Im einschlägigen Kapitel 26 und der darauf bezogenen Kartierung finden wir detailierte Informationen dazu. Es wurden insgesamt 10 Flexionskategorien auf die Richtung ihrer additiven Exponenz hin geprüft (u.a. Tempus/Aspekt-Affixe, Negationsaffixe am Verb, Pluralmarkierung am Substantiv usw.). Daraus ergibt sich der Präfigierungs-/Suffigierungs-Index, und zwar nach folgender Arithmetik:
1 Zähler pro Kategorie, wenn diese dominant durch eine der beiden Strategien ausgedrückt wird, sonst 0.5;
2 Zähler werden den „prominenten“ Kategorien (Kasusaffixe, pronominale Subjektaffixe am Verb, Tempus-Aspekt-Affixe) zugestanden, bei keiner klaren Tendenz jeweils 1 Punkt.
Als Summe dieser Werte ergibt sich ein Affigierungsindex, der wiederum eine Bestimmung der Affigierungsrichtung ermöglicht: Sprachen, die vorwiegend suffigierend sind, haben einen Anteil von mindestens 80% Suffigierung am Affigierungsindex, bei schwach suffigierenden Sprachen liegt er zwischen 60% und 80% usw. Als untere Schwelle gibt es Sprachen, die wenig oder keine Flexionsmorphologie haben (Affigierungsindex < 2).
Die Zahlen sprechen für sich: Der Anteil dominant suffigierender Sprachen überwiegt den von dominant präfigierenden Sprachen bei weitem (6a); bei den schwächeren Typen ist das Gefälle indes deutlich flacher (6b). Wenn wir die Kategorien zusammenfassen und zusätzlich die Sprachen ohne Tendenz in der Affigierungsrichtung dazu nehmen, bekommen wir die Verhältnisse in (6c).
(6a) Strongly suffixing (406 Sprachen) > strongly prefixing (58 Sprachen)
(6b) Weakly suffixing (123) > weakly prefixing (94)
(6c) Suffixing (529) > prefixing (152) > equally prefixing/suffixing (147)
Unter mikrotypologischen Gesichtspunkten, d.h. mit Blick auf die deutsche (oder von mir aus kontinental-westgermanische) Dialektlandschaft, sollten sich keine allzu großen Unterschiede ergeben (aber wissen tu ich’s nicht): Bekannt ist der Verlust des Partizip-Präfixes ge- in vielen niederdeutschen Dialekten, wie er beispielsweise im Sprachatlas des deutschen Reichs dokumentiert ist (WA: Karte 120 [gelaufen]) oder die Abneigung des Bairischen (und anderer oberdeutscher Dialekte gegenüber be-Präfigierungen in der Wortbildung (Weiß 2017: 53–54). Aber diese Fälle drehen die Eskalationsschraube ja ohnehin Richtung Suffix-Präferenz.
Zurück zur Großtypologie: Im Wals gibt es das nice Feature (excuse my Denglisch), dass man Kombinationskarten erstellen kann. So können wir beispielsweise den schon von Greenberg (1963: 73) postulierten Zusammenhang zwischen Adpositionen und Affigierungsrichtung betrachten.
Universal 27: If a language is exclusively suffixing, it is postpositional; if it is exclusively prefixing, it is prepositional.
Die entsprechende Kombinationskarte liefert uns die in Tabelle 1–2 angeführten Zusammenhänge. Tendenziell ist Greenbergs Aussage korrekt, d.h. bei Sprachen mit Suffigierung überwiegen Postpositionen (214 bzw. 50), bei präfigierenden Sprachen Präpositionen (40 bzw. 43). Bei Sprachen mit wenig Affigierung überwiegen Präpositionen gegenüber Postpositionen (90/37); bei Sprachen, die Suffigierung und Präfigierung gleichermaßen einsetzen, gibt es keine deutliche Tendenz für einen Adpositionstyp (61 mit Präpositionen, 52 mit Postpositionen).
Tabelle 1: Korrelation zwischen Adpositionstyp und Suffigierung
Tabelle 2: Korrelation zwischen Adpositionstyp und Präfigierung
Ein weiterer Aspekt, der sich unmittelbar aufdrängt, ist der Zusammenhang zwischen Affigierungsrichtung und Grundwortstellung; die entsprechende Kombinationskarte findet sich hier. In Tabelle 3 ist dies zusammengefasst als Wert starke/schwache Präfigierung/Suffigierung und SVO vs. SOV, d.h. ich erlaube mir, etwas Komplexität rauszunehmen. Wir sehen eine deutliche Korrelation zwischen Suffigierung und SOV und einen deutlich höheren Anteil bei Präfigierung in SVO, auch wenn bei diesem Stellungstyp die Suffigierung ebenfalls überwiegt.
Tabelle 3: Affigierungsrichtung ∼ Basiswortstellung
Ein Datenbereich, wo ich mir eine deutliche Asymmetrie erwarte, ist in Bezug auf die Affix-Abfolge. Bybees (1985) Relevanzprinzip besagt, dass morphologische Kategorien, die die Semantik des Konzepts, das der Basis zugrunde liegt, stärker beeinflussen, auch näher dazu stehen. Wir haben es also mit einer Spielart von diagrammatischem Ikonismus zu tun, ein funktionales Erklärungsmotiv, das sich als sehr leistungsfähig und vor allem unter Sprachverarbeitungs-Gesichtspunkten als valide erwiesen hat (siehe dazu Newmeyer 1998: 114–118, 129–130). Für die Verbalflexion bekommen wir die in (7) angeführte Relevanzhierarchie (Bybee 1985: 34–35), die beispielsweise besagt, dass Tempus- und Aspekt-Affixe deutlich näher am Stamm stehen bzw. sogar über fusionale Exponenz in diesen verlagert werden, während Person und Numerus demgegenüber weniger relevant und peripherer sind.
(7) Verbstamm < Aspekt < Tempus < Modus < Numerus < Person
Die Begründung liegt darin, dass Tempus und Aspekt die zeitliche und interne Kohärenz einer Situation modifizieren, während Person und Numerus lediglich etwas über die an dieser Situation beteiligten Aktanten aussagen (siehe die Diskussion bei Bybee 1985: 20–24).
Das Relevanzprinzip macht auch mit Blick auf Sprachwandel-Prozesse interessante Vorhersagen, die sich, wenn wir einmal bei den germanischen Sprachen bleiben, unmittelbar validieren lassen. So haben die skandinavischen Sprachen Person und Numerus in großen Teilen der Verbflexion weitgehend abgebaut, während Tempus nach wie vor robust ausgedrückt wird: So haben wir beispielsweise im Norwegischen, wie in (8) illustriert, nur noch einen Tempuskontrast zwischen Präsens und Präteritum bzw. Partizip Präteritum (Askedal 2005: 1597). Englisch stellt quasi eine Zwischenstufe dar, denn dort ist lediglich die 3SG per additiver Exponenz markiert (-s). Im Standarddeutschen treten Person und Numerus mit Ach und Krach noch in Erscheinung (wenngleich mit Synkretismus), aber sobald wir in die Dialekte gehen, finden wir größerflächig auch Einheitspluralformen (König et al. 2019: 128), d.h. Person wird im Plural nicht mehr ausgedrückt: in (9) ist jeweils ein einschlägiges Beispiel aus dem Niederdeutschen und dem Westoberdeutschen angeführt (übernommen aus Roelcke 2011: 117).
(8) kasta ,werfen‘ (INF) – kastar (PRES) – kasta (PRET/PTCP)
(9a) mir machet – ihr machet – sie machet (Schwäbisch)
(9b) wi maaket – ji maaket – se maaket (Niedersächsisch)
Bybee geht nicht ausführlicher auf diesen Aspekt ein, aber eine Vorhersage des Relevanzprinzips ist die, dass bei Präfigierung die Affix-Reihenfolge spiegelbildlich zu der bei Suffigierung sein sollte, d.h. die einzelnen Affixe lagern sich quasi zwiebelschalenartig um den Verbstamm (10). Ich kenne keine Untersuchung, die sich dieser Frage widmet und bin sehr dankbar für entsprechende Hinweise.
(10) … Modus > Tempus > Aspekt > Verbstamm
Meine Vermutung ist die, dass es durchaus Asymmetrien geben muss, denn in diesem Fall gibt es einen Mismatch zwischen Verarbeitungsrichtung und diagrammatischem Ikonismus. Mit engerem Blick auf einzelne morphologische Kategorien sind morphologische Asymmetrien durchaus zu finden, so zeigen etwa Kasusaffixe eine besonder starke Suffixpräferenz, wie die entsprechende Kartierung im Wals erkennen lässt (Wals, Kap. 51 und Karte 51A).
Was ist die Erklärung für diese Asymmetrie? Aus einer psycholinguistischen Perspektive ist erwogen worden, dass exzessive Präfigierung einen Verarbeitungsnachteil mit sich bringt, indem der entsprechende Stamm bei der inkrementellen Verarbeitung später zugänglich ist als bei Suffigierung. Dies unter der Annahme, dass Stämme und Affixe getrennt voneinander verarbeitet werden und Wortanfänge salienter als andere Wortbestandteile sind (Cutler et al. 1985). Das Problem ist hierbei, dass entsprechende Befunde beinahe ausschließlich auf dem Englischen basieren, das eindeutig suffix-prominent ist. Eine brandaktuelle Studie zu Kîîtharaka, einer in Kenia gesprochenen Bantu-Sprache, die eine stark präfigierende Flexionsmorphologie aufweist, lässt Zweifel an der Valdität dieser Parsing-basierten Erklärung aufkommen. Martin und Culbertson (2020) haben mittels eines ausgefeilten Studiendesigns nachgewiesen, dass Sprecher/innen dieser Sprache die Ähnlichkeit oder Unähnlichkeit von Wortformen präferiert vom Wortende aus beurteilen (siehe unten). Dabei kamen sowohl sprachliche Stimuli in Form von Silbenfolgen als auch Anordnungen geometrischer Objekte zur Anwendung.
Welche Lautfolge ist ähnlicher zu tako?
(a) motako
(b) takomo
Dass sich auch bei der letzteren Klasse von Stimuli gleichgerichtete Präferenzen ergaben, deutet darauf hin, dass die Linkspräferenz bei dieser Sprechergruppe eine domänenübergreifende Dimension hat.
Das bemerkenswerte Fazit:
“(…) our results suggest that no universal preceptual preference for suffixes over prefixes exists. (…) Experience with a suffixating language such as English leads to perception of beginnings as most salient for determining similarity, whereas experience with a prefixing language such as Kîîtharaka leads ending to be more salient.” (Martin und Culbertson 2020: 1114)
Wenn eine Parsing-basierte Erklärung für die Suffixpräferenz mit Problemen konfrontiert ist, was ist dann die Alternative? Eine offensichtliche Antwort ist die Diachronie, und dies ist eine Perspektive, die von Bybee et al. (1990) verfolgt wird, übrigens einer der substanziellsten Beiträge zur Affix-Problematik, den ich kenne.
Ausgehend von einer ausgewogenen Stichprobe von 71 Sprachen betrachten sie neben der Affix-Position relativ zum Stamm auch die Abfolge freier Morpheme, die in einer Selektions- oder Modifikationsbeziehung zueinander stehen (z.B. Auxiliar – Vollverb), d.h. die relative Position ihrer potentiellen Spender. Hintergrund ist die Annahme, dass für letztere deutliche Sollbruchstellen zwischen Sprachen mit unterschiedlicher Grundwortstellung auszumachen sind (das ist hinlänglich bekannt, siehe z.B. Dryer 1992) und dass Morphologie auffällig oft „gefrorene Syntax“ repräsentiert. Man denke an Givóns (1971) bekannten Slogan „Today’s morphology is yesterday’s syntax“. Bei den drei grundlegenden Stellungstypen final (SOV), medial (SVO) und initial (VOS, VSO) zeigen sich wiederum auffällige Korrelationen (Bybee et al. 1990: 5–7):
Typen-übergreifend besteht eine starke Tendenz für Suffigierung: 74% aller gebundenen Morpheme sind in V-initialen Sprachen postponiert, bei SVO sind es 81% und bei SOV 80%. Insbesondere sind präfigierte bzw. vorangstellte Tempus- und Aspekt-Marker sehr selten in SOV (Bybee et al. 1990: 18).
SOV-Sprachen sind stark postponierend, d.h. freie und gebundene Morpheme folgen ihrem Bezugselement.
VOS/VSO und SVO zeigen eine gleichmäßigere Verteilung zwischen präponierendem und postponierendem Muster.
Am komplexesten ist die Situation in SVO, wo häufiger präponierte freie Morpheme auftreten; in den anderen Typen sind sie demgegenüber häufiger gebunden.
Morheme an peripheren Positionen in der Satzstruktur werden häufiger zu Affixen verwurstet, während bei internen Morphemen (… M-V-M …) die Bedeutung und insbesondere ihre Relevanz der entscheidende Faktor sind: Am häufigsten treten Valenz/Diathesen-Morpheme auf, gefolgt von Aspekt und Tempus (Bybee et al. 1990: 31). Mit anderen Worten (ebd.):
“In V-medial languages, the most highly relevant grams [freie und gebundene Morpheme; O.S.] will more readily become affixes that is, be entered in the lexicon as part of the verb, than will the less relevant ones.”
Sehr anregend finde ich auch die Diskussion zu phonologischen Einflussfaktoren (Bybee et al. 1990: 19–27), die auch eine eingehendere Betrachtung im Kleinen, also in der hiesigen Dialektlandschaft, lohnen würde:
Präfixe und Suffixe sind gleichermaßen von stamm-gesteuerten phonologischen Prozessen betroffen (insbesondere Allomorphie). Umgekehrt lösen Präfixe signifikant häufiger Stammallomorphie aus als Suffixe.
Präfixe und Suffixe zeigen keine bedeutsamen Unterschiede in Bezug auf die absolute Allomorphie-Rate. Allerdings ist Suffix-Allomorphie exzessiver, d.h. der Anteil von Präfixen mit mehr als einem Allomorph ist mit rund 49% kleiner als jener bei Suffixen mit 59% (Bybee et al. 1990: 22).
Gebundene Morpheme zeigen eine auffällige Asymmetrie in ihrer Auftretensfrequenz, die sich aus einem komplexen Wechselspiel zwischen Diachronie und Typologie ergibt.
Liebgewonnene Verarbeitungs-bezogene Erklärungen (Cutler et al. 1985) sind weniger leistungsfähig als erhofft, da ihre Datenbasis alles andere als repräsentativ ist (Stichwort: Euro- bzw. Englisch-Zentrismus). Ob sich bei eingehenderer Betrachtung die Zwiebelschalen-Vorhersage der Relevanztheorie bestätigen lässt, bleibt offen. Grundsätzlich ist es wohl aber so, dass komplexe Präfixketten weniger Chancen haben, grammatikalisiert zu werden als ihr Spiegelbild.
Ich möchte mit einer weiteren bemerkenswerten morphologischen Asymmetrie schließen, die sich bei Komposita beobachten lässt (Haider 2013: Kap. 8). Zwar besteht für die meisten Sprachen mit Komposita das bekannte Kopf-rechts-Prinzip, d.h. der morphologische (und oft gleichzeitig semantische) Kopf steht bei entsprechenden Worbildungen rechts (siehe dazu grundlegend Williams 1981). Linksköpfige Komposita gibt es ebenfalls, am bekanntesten sind sie wohl in den romanischen Sprachen. Während es aber sehr komplexe rechtsköpfige Komposita gibt, scheinen komplexe linksassoziative Strukturen sprachübergreifend ausgeschlossen zu sein (Beispiele aus Delfitto et al. 2008; zit nach Haider 2013: 192). Das bedeutet, dass es zwar einfache linksköpfige Komposita gibt (11a), aber diese nicht iteriert werden können (11b).
(11a) pesce zebra ,Zebrafisch‘, pesce spada ,Schwertfisch‘
(11b) *pesce zebra spada ,Schwertzebrafisch‘
By the way: Es ist ein linguistischer Mythos, dass nur das Deutsche Komposita-Ungetüme kennt – ungewöhnlich ist nur die orthographische Konvention, sie zusammenzuschreiben. Wie Gereon Müller in einem populärwissenschaftlichen Vortrag hinweist, lassen sich auch im Englischen Würste wie high voltage electricity grid systems supervisor ,Hochspannungsnetzüberwachungsmeister‘ (oder ähnlich) finden.
Askedal, Jon Ole (2005): The standard languages and their
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