24. Türchen: Eine Weihnachtsgeschichte
Frei nach Charles Dickens
„Das kann doch nicht sein, Gottfried!“ ruft Enno ungläubig, „Jetzt hast du uns jeden Sonntag so tolle Geschichten erzählt und heute fällt dir keine Einzige ein?“ Enno, Kira und ihr Turborabe sitzen auf dem Wohnzimmerboden von Frau Winter, vor einem wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum. Erst in ein paar Stunden, wenn es richtig dunkel ist, dürfen Enno und Kira ihre Geschenke auspacken. Um sich die Wartezeit ein wenig zu verkürzen, wollen die Geschwister noch eine letzte Weihnachtsgeschichte von ihrem Turboraben hören.
„Ja Gottfried,“ fügt Kira hinzu, „du hast doch so viele Freunde auf der ganzen Welt. Habt ihr euch am Weihnachtsabend denn nie Geschichten erzählt?“ Gottfried überlegt. „Wenn du so fragst, Kira, fällt mir doch etwas ein. Meine Freundin Annie, eine sehr elegante Flamingodame aus dem schönen London, hat mir in einer Schneesturmwinternacht mal eine großartigee Weihnachtsgeschichte erzählt. Aber ich muss euch warnen, wenn ihr sie wirklich hören wollt, wird es gespenstisch!“ Enno ist begeistert. Er springt auf, rennt zum Lichtschalter und drückt ihn nach unten. „Hohoho,“ruft Gottfried und bringt Kira zum Kichern, da er schon etwas verfrüht in seine Märchenerzählstimme verfallen ist, „Na dann mal los!“
„Viele, viele Jahre bevor Annie überhaupt geboren war, hat in ihrem hübschen Reihenhaus in der Doughty Street ein grummeliger alter Mann gewohnt. Kennt ihr diesen Weihnachtsfilm mit dem Grinch?“ Enno und Kira nicken. „Ungefähr so könnt ihr euch den Mann vorstellen, nur nicht ganz so grün. Jedenfalls war er auch ein totaler Weihnachtshasser! Seine Laune wurde immer schlimmer, je näher der Weihnachtsabend kam. Seine Angestellten bekamen das auch zu spüren, die waren nicht nur unterbezahlt und völlig überarbeitet. Scrooge, so hieß der alte Grießgram, gab kein einziges Goldstück zu viel aus. In seinem Haus wurde nie zu viel geheizt oder gekocht und auch in der Vorweihnachtszeit spendete Scrooge, als einziger in der Nachbarschaft, keinen Cent für Arme und Bedürftige. Doch all das sollte sich eines Weihnachtsabends ändern.“
Gottfried fügt eine dramatisch Pause ein und, wie gerufen, lässt ein kurzer Windhauch genau in diesem Moment die Flammen der Adventskerzen ein wenig flackern. Ennos und Kiras Augen werden weiter, als Gottfried mit seiner Geschichte fortfährt.
„Als Scrooge sich in dieser Nacht zum ersten Weihnachtstag schlafen legt und sein Licht ausschaltet, staunt er nicht schlecht. In der Ecke seines Zimmers sieht er einen Schatten, der sich immer mehr nähert. Schnell dreht Scrooge am Regler der Gaslampe auf seinem Nachttisch, doch auch das Licht ändert nichts an den Tatsachen. Dort, in der Ecke des Zimmers, steht ein Mann in einer blau, rot, goldenen Uniform. Es ist ein Zinnsoldat, einer der Brüder unseres einbeinigen Freundes, doch dieser Zinnsoldat ist für eine Nacht nicht in seiner hölzernen Form erstarrt, sondern aus Fleisch und Blut! Scrooge will gerade nach seinem Diener schreien und diesen Eindringling in hohem Bogen hinauswerfen lassen, als er das Gesicht des Fremden erkennt. Er traut seinen Augen nicht. Der Zinnsoldat ist sein ehemaliger Geschäftspartner. Doch der kann unmöglich in seinem Zimmer stehen. Nicht nur ist er vor sieben Jahren ans andere Ende der Welt gezogen, er ist auch noch im letzten Jahr gestorben! Doch er ist es, unverkennbar, und sieht noch genauso jung aus, wie an dem Tag, als Scrooge ihn zum letzten Mal gesehen hat. Und dann ist da auch noch dieses Geräusch. Ein dumpfes Rasseln, das jedem Schritt des schaurigen Geschäftspartners folgt. An seine Beine ist eine dicke, rostige Eisenkette gebunden. „Mein Gott, was ist dir passiert?“ fragt Scrooge. „Das hier ist die Konsequenz eines Lebens wie des Unseren. Mit Gier, Hartherzigkeit und Geiz legt man sich selbst in Ketten. Und die wird man nie mehr los.“ Scrooge bekommt Panik. „Gier? Geiz? Das bin doch nicht ich,“ erwidert der alte Mann. „Das dachte ich auch. Aber schau, was aus mir geworden ist. Dies ist auch dein Schicksal!“ warnt der jenseitige Besucher. „Nein! Nein! Das darf nicht passieren!“ ruft Scrooge und vergräbt panisch das Gesicht in seinem Kopfkissen. „Aber, aber, Schicksale sind nie in Stein gemeißelt,“ antwortet der geisterhafte Geschäftspartner weise, „willst du deines ändern?“ Scrooge bettelt um eine zweite Chance, aber sein ehemaliger Freund gibt keine weitere Antwort. Er löst sich genauso schnell in Luft auf, wie er gekommen ist.
Am nächsten Abend, als sich Scrooge ins Bett legt, wird er von einer lieblichen Melodie geweckt. Er hat sie noch nie vorher gehört, aber sie zieht ihn geradezu magisch an. Er folgt den Tönen nach unten in das Wohnzimmer des Reihenhauses. Dort sieht er eine kleine, schmale Gestalt, die im spärlichen Licht einer einzigen, brennenden Kerze Pirouetten dreht. Als Scrooge in der Tür erscheint, hält sie inne. „Bist du bereit, deine Vergangenheit zu erleben?“ fragt die Zuckerfee. „Habe ich das nicht schon?“ erwidert Scrooge griesgrämig, aber in dem Moment setzt die kleiner Ballerina zu einer weiteren Drehung an. Diesmal entwickelt ihre Bewegung aber einen Sog, der, wie ein Strudel, den alten Scrooge, das Wohnzimmer und schließlich sogar das ganze Reihenhaus mitreißt. Als Scrooges Sicht wieder klar wird, steht er an exakt derselben Stelle wie vorher, aber alles um ihn herum hat sich verändert. Ihm gegenüber schaut ein kleiner Junge traurig aus dem Fenster. Er scheint auf etwas zu warten. Hinter Scrooge und der Fee an seiner Seite ertönt plötzlich eine Stimme. „Dein Vater kommt heute nicht mehr, Scrooge,“ sagt ein Dienstmädchen, „du weißt doch, er feiert kein Weihnachten mehr, seit deine liebe Mama nicht mehr da ist.“ „Es ist aber meine Schuld, dass Mama nicht mehr da ist,“ seufzt der kleine Junge traurig, „das sagt mir Papa immer wieder.“ „Das ist niemandes Schuld,“ erwidert das Dienstmädchen, das sich geduldig zu dem kleinen Jungen hinunter beugt, „höchstens die des Schicksals.“ „Aber Schicksale kann man ändern,“ sagt der kleine Junge gerade noch, bevor der Raum erneut vor Scrooges Augen verschwimmt.
Diesmal landet Scrooge aus dem Strudel der Zuckerfee in der Werkstatt seines alten Lehrmeisters, bei dem er viele glückliche Jahre verbracht hat. Dort findet gerade eine Weihnachtsparty statt. Scrooge weiß sofort, welche Party das ist. Das ist der Abend, an dem er seine große Liebe Belle getroffen hat. Die beiden waren nie zusammen gekommen, weil er sich damals für seine Karriere und gegen sie entschieden hat. Er wittert eine zweite Chance und beschließt, die Sache wieder gut zu machen. Belle steht am anderen Ende der Werkstatt und lacht mit einer Freundin. Scrooge will sie gerade unterbrechen, als der Raum erneut beginnt, sich zu drehen. Mit einem Mal ist Scrooge wieder ein alter Mann und zurück in seinem Bett. „Wieso hast du das getan?“ schnauzt er die Zuckerfee an, „ich wollte doch gerade-„ „Du solltest etwas lernen,“ erwidert die Fee zwischen zwei weiteren Pirouetten, „ich hoffe, das hast du.“ Und mit einer weiteren Pirouette verschwindet sie auch schon wieder.
Am nächsten Abend will Scrooge endlich seine Ruhe, aber auch diesmal hat er kein Glück. Der Wind heult wie ein wild gewordener Werwolf vor seinem Fenster und schlägt die Äste einer Linde gnadenlos gegen das dünne Glas. Plötzlich springt das Fenster auf. Unter großem Protest und wilden Flüchen erhebt sich Scrooge von seinem Bett und läuft zum Fenster, doch einmal dort angekommen, traut er sich nicht, es wieder zu schließen. Draußen, mitten im Schneesturm, schwebt die ganz in weiß gehüllte Gestalt der Schneekönigin, die ihn mit kalter Miene anstarrt. Ihr Zauber hat keinerlei Macht über Scrooge, denn sein Herz war sowieso schon so starr und kalt, als wäre es zu Eis gefroren. Respekt hat Scrooge trotzdem vor ihr. Besonders, als sie zu sprechen beginnt. „Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht,“ sagt sie mit einer Stimme, die klingt wie das Heulen des Windes, „und du musst etwas sehen.“ Die Schneekönigin schnipst einmal mit den Fingern und ein Tornado aus Eis und Schnee reißt Scrooge aus dem Fenster. Als er wieder zu sich kommt ist er in der kleinen, überfüllten Hütte, in der sein Bediensteter mit seiner Familie lebt. Alle seine Kinder rennen wild durch die Wohnung und spielen mit ihren kleinen Weihnachtsgeschenken, nur einer, der kleine Tim, sitzt auf dem Sofa und schaut seinen Geschwister traurig zu. Er sieht sogar so traurig aus, dass Scrooge fast, nur für einen Moment, meint, das Eis um sein Herz schmelzen zu spüren. Doch da ist der Moment auch schon wieder vorbei. Die Schneekönigin verschwindet zwischen tausenden tosenden Schneeflocken und Scrooge findet sich verblüfft in seinem Bett wieder. Scrooge denkt, jetzt hat er alles gesehen und überstanden. Doch der schlimmste Abend von Allen steht ihm noch bevor.“
Enno und Kira blicken Gottfried mit großen, weiten Augen an. „Warum denn?“ fragt Kira und Enno fordert ungeduldig, „Nun sag schon, Gottfried!“ Gottfried lässt genüsslich langsam einen der von Enno servierten Regenwürmer in seinem Schnabel verschwinden, erst dann erzählt er weiter.
„In der Ecke seines stockdunklen Zimmers erahnt Scrooge plötzlich eine verhüllte Gestalt mit einem pechschwarzen Umhang. Langsam und mit schleppenden Schritten kommt sie ihm näher und auch das Licht von Scrooges Nachtkerze macht den dunklen Besucher nicht heller, oder sichtbarer. Als die Gestalt den Kopf hebt, erkennt Scrooge verblüfft einen chiliroten Turborabenschnabel, der aus der Kapuze des Mantels hervorragt. „Ich bin der Geist der zukünftigen Weihnacht!“ verkündet der weise Turborabe mit erhabener Stimme, „und du kommst jetzt mit.“ Bevor Scrooge protestieren kann, hat der tollste, beste und größte Rabe schon seinen Turbodüsenmotor angeworfen und trägt den alten Mann in einem so wilden Ritt über die Dächer der Stadt, dass der für einen kurzen Moment ohnmächtig wird.“
„Mensch, Gottfried, jetzt übertreibst du aber!“ vermutet Enno mit gerunzelter Stirn. Kira kichert, als Gottfried eine Unschuldsmiene aufsetzt. „Übertreiben? Ich?“ sagt der Turborabe und schiebt sich genüsslich einen Flügel voll sahnegarnierter Regenwürmer in den Schnabel, „Niemals!“ Enno und Kira widersprechen ihm ausnahmsweise mal nicht, da sie hoffen, dass er dann schneller weitererzählt.
„Der Turborabe bringt Scrooge an einen sehr dunklen, kalten Ort. „Ist das wieder eine Erinnerung? Oder die Gegenwart?“ Fragt er den weisen Turboraben. „Sehe ich etwa so aus, als würde ich mich mit so etwas Langweiligem beschäftigen? Raben sind magisch. Wir können die Zukunft sehen. Und das hier ist deine, wenn du dein Schicksal nicht änderst.“ Als der Turborabe in die Luft abhebt und mit einer großen Stichflamme seines Turbodüsenmotors die Umgebung ausleuchtet, erkennt Scrooge wo sie sind. Auf einem Friedhof! Und da steht sein eigener Grabstein, direkt vor ihm, mit der Inschrift: In Erinnerung an Ebenezer Scrooge, den größten Griesgram der Stadt.“ Und als wäre das noch nicht genug Horrornachricht, sieht er daneben auch noch den Grabstein des kleinen Tim! „Das darf doch nicht sein!“ ruft Scrooge, „Was ist passiert?“ „Noch ist gar nichts passiert,“ antwortet der wunderschöne, weise Turborabe und landet neben dem alten Mann auf dem Boden, „Denn ich bin ja der Geist der zukünftigen Weihnacht. Wenn du dich änderst, muss das hier niemals passieren.“ Und das verändert alles. Der magische, wundervolle Turborabe hat dem alten Mann ein für allemal die Augen geöffnet.“
Enno zieht eine Augenbraue nach oben, Kira kneift die Augen zusammen. Ein bisschen skeptisch sind die beiden schon, denn sie wissen ja, dass Gottfried nicht gerade unvoreingenommen ist, wenn es um seine eigene Person geht. Aber die Geschichte gefällt ihnen zu gut, um sie hier zu unterbrechen. Also bleiben sie still und warten geduldig, bis Gottfried den nächsten Sahnehappen geschluckt und den Schnabel wieder zum Erzählen frei hat.
„Als Scrooge am nächsten Morgen aufwacht, weiß er sofort, was er zu tun hat. Er verdoppelt das Gehalt aller seiner Angestellten und lädt sie zu einem großen Weihnachts-Festmahl ein! Dort gibt es karamellisierte Käfer, schlagsahnebehäufte Regenwürmer und glasierte Kletterraupen in Massen! Sein edler Retter, der Turborabe, ist natürlich der Ehrengast. Nie hat es in der Doughty Street ein schöneres Weihnachtsfest gegeben! Und so lebten alle glücklich bis ans Lebensende und aßen jeden Weihnachtsabend zu Ehren ihres rettungsbringenden Turboraben ein paar Regenwürmer mit Schlagsahne.“
„In England verehren sie also Turboraben?“ fragt Kira skeptisch. Frau Winter, die genau in dem Moment aus der Küche kommt, mischt sich ein. „Nein, das tun sie natürlich nicht. Aber Geschenke dürfen sie dort auch auspacken. Genauso wie ihr jetzt. Seid ihr bereit?“ Die Geschwister springen auf. Sie können es kaum erwarten! Bei so viel Vorfreude vergessen sie glatt, an Gottfrieds Geschichte zu zweifeln. Und Gottfried beschwert sich gnädigerweise nicht darüber, dass Enno mit dem Servieren der Schlagsahneregenwürmer aufgehört hat. Er würde das mit dem Turboraben verehren eigentlich ganz toll finden. Aber Freunde zu haben ist fürs Erste auch ganz schön, denkt er sich. Vor allem, wenn sie sich so großartig über die kleinsten Dinge freuen können, wie Enno und Kira.














