Die Mörderin aus dem Grunewald (18): Kriegsvorbereitungen (1)
“Berlin - Blick zum Brandenburger Tor und zum Roten Rathaus” by Interculture01
Kapitel 17
Jamie verließ das Gefängnis durch den Haupteingang. Dabei meinte er wie auf Wolken zu gehen. Ja, er schien förmlich zu schweben. Obwohl er sich bereits vor zehn Minuten von Claire verabschiedet hatte, hatte er noch immer den Geruch ihrer Haare und ihres Deodorants in der Nase. Er schloss die Augen und wusste, dass er diesen Geruch überall und unter allen Umständen wiedererkennen würde. Sie hatte sich von ihm trösten, ja umarmen lassen. Insgeheim hatte er seit ihrem ersten Zusammentreffen gewünscht, sie zu berühren, seine Hände über ihre Haare gleiten zu lassen. Doch er hatte nicht zu hoffen gewagt, dass das wirklich jemals geschehen würde. Es schien ihm, als habe ihn die plötzliche Erfüllung dieses Wunsches in eine ganz neue Dimension von Leben eröffnet. Sie wird meine Frau. Sie wird meine Frau! Ich werde meine Leben mit ihr teilen. Die Worte liefen wie ein Mantra in Endlosschleife durch seinen Kopf und dabei hatte er das Gefühl, als ob nicht Blut, sondern pures Adrenalin durch seine Adern strömte. Kurz darauf schloss er die Tür seines BMWs auf. Als er sich hineingesetzt und den Motor angelassen hatte, war er versucht, den Wagen auf die nächste Autobahn zu lenken, um ihn dort bis an das Tempolimit auszufahren. Das würde ihm helfen, von seinem Adrenalinhoch wieder herunter zu kommen. Aber nein, heute würde er genau dieser Versuchung widerstehen.
Früher hätte er so gehandelt. Er war nicht immer der disziplinierte, überlegt handelnde Mensch gewesen, zudem er in den letzten fünfzehn Jahren geworden war. Es gab eine Zeit, in der er ziellos und leichtsinnig vor sich hin gelebt hatte. Sein Vater war ein angesehener Anwalt, seine Familie hatte Geld. Was konnte ihm schon passieren? Die Welt stand ihm offen und schien nur auf ihn zu warten. Doch die schmerzhaften Erfahrungen, die das Leben auch für ihn vorgesehen hatte, zwangen James Alexander Malcolm MacKenzie Fraser sich zu besinnen.
Der erste schwere Schlag, der ihn traf, war der unerwartete Tod seiner Mutter Ellen. Es war ein Sonntag, nur wenige Tage vor ihrem 52. Geburtstag. Während die Familie den strahlenden Sommernachmittag gemeinsam im Garten ihres Landsitzes in der Nähe von Potsdam verbrachte, brach Ellen ganz plötzlich neben einem der von ihr so geliebten Rosenstöcke zusammen. Jenny, die auf der Terrasse gerade den Tisch für das nachmittägliche Kaffeetrinken deckte, war die Erste, die erkannte, dass irgendetwas mit Ellen nicht stimmte. Sie sah ihre Mutter taumeln und dann stürzen. Ohne weiter nachzudenken zog sie ihr Smartphone aus der Hosentasche und wählte den Notruf. Dann rief sie nach ihrem Vater und ihrem Bruder. Als Ian auf der Terrasse erschien, schrie sie ihn an, er solle die Kinder vom Garten fernhalten und sie im Haus beschäftigen. Ian wusste zwar nicht, was geschehen war, aber er kannte seine Frau gut genug, um zu wissen, dass ihr Wunsch einen guten Grund haben würde. Als Jamie und Brian in den Garten gerannt kamen, kniete Jenny bereits neben ihrer Mutter. Doch alle Versuche, ihr zu helfen, waren vergebens. Noch ehe der Notarzt eintraf, hatten sie sie verloren. Da es sich bei Ellen um eine ansonsten vollkommen gesunde Frau gehandelt hatte und der Notarzt keine natürliche Todesursache feststellen konnte, bescheinigte er einen unnatürlichen Tod. Zwei Polizisten kamen und befragten die Familienangehörigen. Dann wurde der Leichnam von einem Bestatter zum Brandenburgischen Landesinstitut für Rechtsmedizin gebracht. Dort sollte gemäß einer Verfügung der Staatsanwaltschaft die Obduktion der Verstorbenen vorgenommen werden. Fünf Tage später wurde die Familie darüber informiert, dass Ellen Fraser an einem bisher unentdeckten Hirnaneurysma verstorben war. Zehn Tage nach ihrem plötzlichen Tod wurde sie im Familiengrab der Frasers auf dem Alten Potsdamer Friedhof zur letzten Ruhe gebettet. Obwohl Jamie zu diesem Zeitpunkt bereits 25 Jahre alt war, brauchte er anschließend Jahre, um das Geschehen zu verarbeiten.
“Friedhof - Potsdam” by PeterBe
Doch der Tod seiner Mutter war nicht der erste schwere Verlust gewesen, den die Familie zu erleiden hatte. Jamies Bruder Robert hatte das erste Lebensjahr nicht vollendet. Die Ärzte diagnostizierten plötzlichen Kindstod als Grund für das Ableben des dritten Sohnes von Ellen und Brian Fraser. Jamie, der zu diesem Zeitpunkt noch ein Teenager war, versuchte der Trauer, die er im Leben seiner Eltern sah und erlebte, zu überspielen. Doch auch in seiner Seele hinterließ sie Spuren. Zum ersten mal in seinem jungen Dasein begann er sich zu fragen, welchen Sinn dieses Leben haben sollte, wenn es doch jederzeit enden konnte. Zwei Jahre nach dem Verlust seiner Mutter traf ein weiteres Unglück die Familie Fraser. Jamies Bruder William, der Erstgeborene der Familie und sein großes Vorbild, verunglückte bei einem Autounfall. Er wurde nur 32 Jahre alt. Sie erfuhren nie, ob es wirklich an der glatten Fahrbahn lag, dass sein Auto gegen einen Baum prallte oder ob William diesen Tod vielleicht doch selbst gewählt hatte. Nur wenige Tage zuvor hatte sich seine Verlobte von ihm getrennt. Er hatte Annabelle einige Jahre zuvor in Paris kennengelernt und für William war sie die Frau seines Lebens gewesen. Annabelles Liebe hingegen schien nicht so weit zu gehen. Sie erschien noch nicht einmal zu Williams Beisetzung. Nach Williams Tod hoffte die Familie nun endlich zur Ruhe zu kommen und für fast drei Jahre schien dieser Wunsch auch in Erfüllung zu gehen. Im Rückblick war Jamie dankbar, dass die Familie jede Möglichkeit genutzt hatte, um Zeit miteinander zu verbringen. Als ihn dann jedoch eines Morgens - er bearbeitete gerade Fallakten in seinem Büro - jener Anruf von Herrn Schaller erreichte, schien die Zeit für ihn still zustehen. Der Verwalter teilte ihm mit, dass er Brian Fraser leblos in dessen Villa aufgefunden hatte. Der eilig herbei gerufene Arzt konnte nur noch den Tod des geliebten Vaters feststellen. Die Ärzte sprachen von einem schweren Schlaganfall, der Brian so beeinträchtigt hatte, dass er daran verstorben war. Alles, was dann geschah, erlebte Jamie wie durch einen dichten Nebel. Brians Beisetzung. Die Eröffnung des Testaments. Die Übernahme der Leitungsverantwortung in der Kanzlei. Er war dankbar, dass ihm wenigstens Jenny noch geblieben war. Ned Gowans Hilfe in den beruflichen und geschäftlichen Herausforderungen, die Brians Tod mit sich brachten, war unschätzbar gewesen. Jamie war sich bewusst, dass er diese erste Zeit ohne Neds Hilfe wahrscheinlich nicht geschafft hätte. Brians Tod löste in Jamies Seele ein Gefühl aus, dass er nur schwer hätte beschreiben können. Ihm war, als wäre sein Leben jetzt an einen Punkt gekommen, an dem es auch zu Ende gehen konnte. Er war nicht lebensmüde, aber er hatte in einer gewissen Weise das Leben satt. Brian Fraser war für ihn immer wie eine große, tragende Säule im Haus seines Lebens gewesen. Nie drängte er sich auf, aber er war immer da, wenn man ihn brauchte. Jamie hatte sich darauf gefreut, noch viele Jahre mit seinem Vater zusammen zu arbeiten. Vielleicht würde er eines Tages heiraten und eine Familie gründen. Vor seinem inneren Auge sah er seinen Vater nicht nur mit Jennys, sondern auch mit seinen eigenen Kindern spielen. Das alles erschien ihm nun nach Brians Tod irgendwie sinnlos.
“Preussischer Kavalleriesäbel aus dem 19. Jahrhundert ” by Silar [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Natürlich, da war die Kanzlei, die es weiterzuführen galt. Er war kein verantwortungsloser Mensch. Er würde seinen Pflichten nachkommen. Am Tag der Beerdigung seines Vaters hatte man ihm den Familiensäbel überreicht, der nun in einem Display über einer Kommode seines Schlafzimmers hing. Der erste in Preussen lebende Fraser, der diese Waffe getragen hatte, war ein Vorfahr namens Simon Fraser gewesen. Dieser hatte damit in den Preussischen Befreiungskriegen zwischen 1813 und 1815 gekämpft hatte. Seit diesem Zeitpunkt war die Waffe von einer Generation an die nächste weitergegeben worden. Seit über 200 Jahren war sie das unauslöschliche Symbol dafür, dass Generationen von Frasers sich ihren Pflichten gestellt hatten und dass dies nun auch von ihm erwartet wurde. Aber ohne die alltägliche Begegnung mit seinem Vater, ihre gemeinsamen Witzeleien und die ernsten Gespräche über die Entwicklung einzelner Fälle - hatte er die Freude, mit der er seiner Arbeit in der Vergangenheit nachgegangen war, verloren. Morgens stand er aus Pflichtgefühl auf, fuhr aus Pflichtgefühl in sein Büro, las und bearbeitete seine Akten aus Pflichtgefühl, ging zum Gericht aus Pflichtgefühl, verteidigte seine Mandanten aus Pflichtgefühl und fuhr wieder nach Hause. Mehrmals hatte er gedacht, dass er, wäre er im alten Griechenland geboren worden, auch einen guten Stoiker abgeben hätte. Wenn jede andere Art der Motivation fehlte, musste man sich darauf besinnen, dass der Mensch in der Verantwortung stand, seine Pflichten zu erfüllen. “Glück” oder “glücklich werden” konnte kein Lebensziel sein. Denn zum einen gab es keinen verbindlichen Maßstab dafür, was “Glück” war. Jeder Mensch verstand darunter etwas anderes. Und meistens war das, was Menschen als “Glück” ansahen, von äußeren Umständen abhängig und daher immer nur temporärer Natur. Die Erfüllung von Pflichten hingegen, entsprang für Jamie aus einer inneren Überzeugung. Im Gegensatz zu vielen anderen, betrachtete er daher die Erfüllung seiner Pflichten auch nicht als Zwang, sondern als integralen Bestandteil seiner Ehre. Natürlich, da war Jenny, seine Schwester. Aber Jenny hatte ihre eigene Familie, ihre eigen Pflichten, ihre eigenen Sorgen. Hinzu kam, dass seine Schwester sich seit dem Tod des Vaters sehr verändert hatte. Die Leichtigkeit war aus ihrer geschwisterlichen Beziehung gewichen.
Doch dann war er Claire begegnet und es schien ihm, als würde zum ersten Mal nach fast vier Jahren die Sonne jene dichte Nebeldecke durchbrechen, unter der er bisher gelebt hatte. Er hatte sich sofort in sie verliebt und heute war er ihr einen Schritt näher gekommen. Die Kraft, die dieses Erlebnis in ihm freigesetzt hatte, würde er nicht in einer Fahrt ohne Tempolimit auf der Autobahn vergeuden. Diese Kraft würde er für Wichtigeres nutzen. Jetzt galt es, Vorbereitungen für den Krieg zu treffen, die Waffen und die Truppen zu mustern.
Jamie lenkte den Wagen vom Parkplatz des Gefängnisses und fuhr, den Geschwindigkeiten des Stadtverkehrs angepasst, zu seinem Haus. Dort ließ er Bismarck einen kurzen Ausflug in den Garten machen und verpasste dem Dackel einige Streicheleinheiten. Dann stellte er ein gefrorenes Pastagericht in die Mikrowelle und während das Gerät vor sich hin summte, stieg er gemeinsam mit Bismarck die Treppen bis zum Dachboden hinauf. Zehn Minuten später rollte er einen verstaubten silberfarbenen Koffer in die Küche.
“Den machen wir sauber, wenn ich gegessen habe,” sagte er an Bismarck gerichtet und setzte das Essen aus der Mikrowelle auf einen Teller, den er auf den Tisch stellte. Bismarck sprang auf die Eckbank und sah erwartungsvoll zu Jamie auf, der ebenfalls Platz genommen hatte.
“Nein, davon bekommst Du nichts, Du kleines gieriges Monster. Du bekommst später noch ein bisschen Trockenfutter.”
Der Hund, der die Zurechtweisung in Jamies Blick genau erkannt hatte, legte seinen Kopf auf das Sitzkissen der Bank und ließ einen lauten Seufzer vernehmen.
“Charakterzüge wie ein frustrierter Mensch,” dachte Jamie, vermied es aber Bismarck anzusehen. Ein Blick aus den Augen der kleinen, schwarzen Wurst und er würde ihm doch wieder eine Nudel geben. Und bei einer Nudel würde es natürlich nicht bleiben. Am Ende würde der verfressene kleine Kerl die Hälfte der Packung vertilgen und wenn er spät abends zurückkehren würde … Nein! Außerdem waren Fertiggericht für Tiere ungesund. All’ diese Gewürze, Salze, Zusatzstoffe! Nein! Punkt! Keine Gnade. Nur Recht.
“Dackelblick” by Brummeier
Als Jamie aufgegessen hatte, säuberte er den Rollkoffer. Dann füllte er Bismarcks Wassernapf und schüttete Trockenfutter in den Freßnapf. Wo immer Bismarck zu diesem Zeitpunkt war, er hatte das Geräusch gehört und war - anscheinend mit Lichtgeschwindigkeit - in die Küche zurückgekehrt. Während der Hund fraß, streichelte Jamie ihm über den Rücken. Dann legte er einen Kauknochen aus Rinderhaut in Bismarcks Hundehütte und verließ die Küche. Er verstaute den Rollkoffer im Kofferraum des Wagens und fuhr er zu Claires Wohnung.
In der Candestraße angekommen, öffnete er wie immer vorsichtig die Tür und als Adso nicht sofort erschien, betrat er das Haus. Er stellte den Rollkoffer im Wohnzimmer ab und ging dann in die Küche. Hier säuberte er den Freßnapf der Katze. Dann füllte er die Trinkschale mit Wasser, holte eine Dose Katzenfutter heraus und in dem Moment, in dem er den Öffner an der Dose ansetzte, erschien Adso. Diesmal sprang er Jamie jedoch nicht an, sondern setzte sich erwartungsvoll neben den Fressnapf.
“Es scheint, dass Du Deine Lektion gelernt hast, alter Junge. Gut. Zur Belohnung gibt es dafür auch eine Dose ‘Hühnchen Royal’’.
Er füllte den Inhalt der Dose in den Napf und die Katze begann sofort zu fressen.
“Lass’ es Dir schmecken!”
Jamie nahm den Türhaken aus dem Putzschrank und ging in den ersten Stock. Dort öffnete er die Luke, die zum Dachboden führte und zog langsam die ausziehbare Treppe herunter. Als er das obere Ende der Treppe erreicht hatte, schaltete er das Licht ein und sah sich um. Dann atmete er beruhigt aus. Nichts war verändert. Alles war noch so, wie er es verlassen hatte. Niemand war hier gewesen. Er ging zu Claires Schreibtisch und packte alle Bücher, die persönliche Notizen enthielten in eine große Plastiktragetasche, die er aus der Küche mitgenommen hatte. Dann öffnete er die Schreibtischschubladen und nahm alles, was nach persönlichen Papieren aussah, heraus. Diese Unterlagen legte er ebenfalls in die große Tüte. Zum Schluss nahm er noch den Laptop samt Kabel und packte auch diesen ein. Anschließend stellte er den Bildschirm so hinter das Ledersofa, dass er dort nicht auffiel. Mit einem Staubtuch, das er ebenfalls aus der Küche mitgebracht hatte, wischte er den Staub von dem kleinen Tisch und von Claires Schreibtisch. Nun deutete nichts mehr darauf hin, dass dort einmal ein Laptop oder Bücher gestanden hatten. Vorsichtig stieg er die Treppe hinunter. Die Tüte war schwer und er wollte sie nicht versehentlich fallen lassen. Wieder im ersten Stock angekommen, schloss er die Dachluke und begab sich mit seiner schweren Fracht ins Erdgeschoss. Dort öffnete er den Koffer und packte die Bücher, Papiere und den Laptop hinein. Als er damit fast fertig war, hörte er weinerliches Miauen aus der Küche. Er hatte die Tür hinter sich geschossen und den Kater in der Küche eingesperrt, weil er nicht wollte, dass das Tier ihm diesmal auf den Dachboden folgte. Jamie ging und öffnete die Tür. Er erwartete, dass Adso ihm um die Beine streichen und ihm dann zu einem der Sofas folgen würde. Innerlich hatte er sich bereits darauf eingestellt, dass jetzt eine Viertelstunde Katzenkraulen angesagt war. Doch der Kater schoss an ihm vorbei, sprang die Treppe hinauf und dann hörte Jamie, wie das Tier die Tür zum Badezimmer aufstieß. Ganz offensichtlich gab es für Adso Wichtigeres als gekrault zu werden. Jamie packte die letzten Dinge in den Koffer und schloss ihn so leise wie möglich. Das Katzenklo würde er am nächsten Tag reinigen. Heute gab es auch für ihn Wichtigeres.
Von der Candestraße fuhr er zu seinem Büro. Dort angekommen begrüßte er Tessa Lüttgenjohann und bat sie, ihm eine Kanne Kaffee mit zwei Tassen zu bringen. Als eine Sekretärin kurz darauf in seinem Büro eintraf, trug sie ein Tablett, auf dem das Gewünschte stand. Sie stellte das Geschirr auf den Tisch im Sitzbereich des Zimmers und Jamie bat sie, Platz zu nehmen. Er goss für sie ihn und Kaffee ein. Als er sich gesetzt hatte, begann er Tessa vom Inhalt des silberfarbenen Rollkoffers zu erzählen. Sie erklärte sich sofort bereit, den Koffer im Keller ihres Hauses sicher zu verwahren. Jamie hatte es nicht anders erwartet. Als er Joe Abernathy und seine Frau Gail kennengelernt hatte, hatte er sich gefragt, ob Claire und Joes Beziehung wohl jener Beziehung ähnelte, die ihn mit Tessa verband. Professionell und dennoch freundschaftlich, nicht zu eng und dennoch vertrauensvoll. Jeder wusste, dass aus dieser Beziehung nie mehr werden würde, aber jeder würde für den anderen das letzte Hemd geben. Jamie war dankbar, dass er in Tessa einen Menschen gefunden hatte, dem er hundertprozentig vertrauen konnte. Seit dem Tod seines Vaters und allem, was danach geschehen war, gab es nicht mehr sehr viele Menschen, denen er vertraute. Seine Kollegen gehörten dazu, insbesondere Ned Gowan und Ben Hombach. Tessa Lüttgenjohann und das Ehepaar Schaller. David de Koning und sein Schwager Ian. Ja, Ian war mehr als ein Schwager. Er war ein echter Freund. Jenny hatte ihn während eines Aufenthaltes in Schottland kennengelernt, sich in ihn verliebt und ihn - auf ihre ganz eigene Art - überzeugt, sie zu heiraten. Für sie hatte Ian Schottland verlassen und gemeinsam lebten sie mit ihrer wachsenden Kinderschar auf dem Landsitz der Frasers in der Nähe von Potsdam. Durch Fleiß und Ideenreichtum und natürlich durch die Kenntnisse, die er im Rahmen sein Studiums der Agrarwirtschaft erworben hatte, hatte Ian aus dem zu DDR-Zeiten heruntergewirtschafteten Landgut wieder ein florierendes Unternehmen gemacht. Zuerst hatte er damit begonnen, die zum Gut gehörenden Felder und Wiesen zu bestellen. Anschließend hatte er für das Waldstück, das ebenfalls zum Gut gehörte, einen Bewirtschaftungsplan erstellt und Teile davon verpachtet. Außerdem begann Ian mit einer kleinen Tierzucht, die er jedes Jahr ein wenig mehr ausweitete. Zuerst schaffte er Schweine an, dann Rinder und vor zwei Jahren hatte er damit begonnen, ein Gestüt aufzubauen. Zwischenzeitlich trug Ians Arbeit auch finanziell Früchte. Jamie, der, wie sein Vater, Ned Gowan und einige andere, das Projekt in der Anfangszeit mit einer großzügigen finanziellen Investition unterstützt hatte, erhielt jedes Jahr eine etwas höhere Rendite. Früher war er fast an jedem Wochenende hinausgefahren und hatte seine Familie besucht. Er liebte es, in der freien Natur zu sein und mit seinen Neffen und Nichten Zeit zu verbringen. Es war für ihn immer eine Freude, wenn er mit Ian über dessen neueste Pläne sprechen konnte und nicht zuletzt ermutigte ihn das sichtbare Wachstum und Gedeihen des Familienbesitzes. Doch seit fast vier Jahren war Jamie nicht mehr dort gewesen. Seit fast vier Jahren hatte er weder Jenny noch die Kinder persönlich gesehen. Jamie schickte den Kindern Geschenke zu den Geburtstagen und zu den Feiertagen. Auch Jenny und Ian bedachte er. Natürlich rhielt auch er im Gegenzug Geschenksendungen und Kartengrüße. Aber seine einzige persönliche Verbindung zu ihnen war Ian. Jenny wusste davon jedoch nichts. Ihr Ehemann hatte sich eine E-Mailadresse eingerichtet, die sie nicht kannte. Über diesen Account - [email protected] - kommunizierte er mit Jamie - [email protected] - und versorgte ihn auch mit aktuellen Fotos seiner Nichten und Neffen. Nur hin- und wieder war es Ian möglich, nach Berlin zu kommen. Dann verband er das Geschäftliche mit dem Privaten und traf sich mit seinem Schwager. Obwohl Ian es mehrfach versucht hatte, war es ihm nicht gelungen, Jamie zu einem Besuch in Potsdam zu bewegen. Zu tief und zu frisch waren die Wunden, die Jenny Jamies Seele zugefügt hatte. Und Ian fragte sich, ob sie jemals wieder die Familie werden konnten, die sie einmal gewesen waren.
Nach der kurzen Kaffeepause erinnerte Tessa Jamie daran, dass am nächsten Tag um 10.30 Uhr die Telefonkonferenz mit Prof. Dr. Nerz angesetzt war und dass sie für ihn und David de Koning an diesem Abend einen Tisch im Ferenc reserviert hatte. Bis zu diesem Termin hatte er noch drei Stunden Zeit. Er sollte jedoch mindestens eine halbe Stunde Fahrzeit einplanen, denn die Verkehrsnachrichten hatten wegen des Besuchs eines ausländischen Staatsoberhauptes Stau im Berliner Stadtverkehr angekündigt. Dann nahm sie das Tablett und wandte sich zum gehen. Jamie dankte ihr und setzte sich wieder an seinen Schreibtisch.
“Siegessäule Berlin” by LoboStudioHamburg
Er sah aus dem großen Panoramafenster in Richtung des Großen Sterns. Die Abenddämmerung hatte bereits eingesetzt und in Kürze würde sich die Beleuchtung der Siegessäule einschalten. Wer die Geschichte des Denkmals kannte, der wusste, dass es sich nicht nur um ein Monument des Sieges nach einem Krieg handelte. Es war eine fortwährende Erinnerung an das Ringen dieses Land um seine Einheit. Erst in den Befreiungskriegen gegen Napoleon von 1813 - 1815, dann in den Einigungskriegen zwischen 1864 - 1871. Für Jamie war es auch ein Synonym für die Resilienz, mit der dieses Land 40 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg seine Wiedervereinigung betrieben hatte. Er liebte diesen Anblick, denn er hatte etwas Ermutigendes an sich. Und Ermutigung konnte er gut gebrauchen. Gerade jetzt, wo er einen “Krieg” vorzubereiten hatte, wo es galt seine Waffen und seine Truppen zu “mustern”.









