kun hat Geweil seit Marz keine Scheile mehr
Meine Tante (Geburtsjahrgang 1938) zeigt mir das Tagebuch, das meine Großeltern über die ersten Lebensjahre der Tante geführt haben.
Die Einträge des Großvaters sind für mich leicht zu lesen. Er muss in seiner bayerischen Schule Kurrentschrift und Für-mich-normale-Schrift gelernt haben, weil das damals so war. Später ist er für den Alltagsgebrauch aus nicht überlieferten Gründen bei der für mich normalen geblieben. Aber die Großmutter ist in Wien zur Schule gegangen (wo man wahrscheinlich ebenfalls beides gelernt hat) und aus auch nicht überlieferten Gründen bei der Kurrentschrift geblieben. Ihre Einträge kann ich der Mutter und der Tante nur sehr stockend vorlesen. Deshalb beginne ich mit einer Transkription. Handschriftlich, weil das Haus der Tante in der Nähe von Edgezhofen liegt und ich dort sehr wenig Internet (für Google Docs) habe. Außerdem fehlt mir die Zuversicht, dass ich meine Geräte ohne Probleme mit dem Tantendrucker verbinden können werde.
Auch im Tantenhaushalt scheint das Papier knapp geworden zu sein. Deshalb verwende ich für meine Transkription Blätter, die ich aus dem Papiereinzugsfach des Druckers genommen habe. Auf ihrer Rückseite sind Telefonrechnungen, Kreditkartenabrechnungen und die Lieferscheine von Briefmarkenbestellungen. Ich zerteile sie in A5-große Hälften und stelle mir vor, dass die Nachfahren dieses Haushalts später vielleicht die Rückseiten der Blätter mindestens so interessant finden werden wie ihre Vorderseiten.
Nachdem ich einiges transkribiert und vorgelesen habe, fällt mir ein, dass das mittlerweile doch eigentlich automatisch gehen müsste. Ich ärgere mich, dass ich auf die Idee nicht früher gekommen bin, befrage eine Suchmaschine und werde auf Transkribus verwiesen, eine auf Texterkennung in handschriftlichen historischen Dokumenten spezialisierte Plattform, die mit Kurrent-Kompetenzen wirbt. Man kann eine Testdatei hochladen. Danach dauert es etwa dreißig Sekunden, dann ist die Transkription fertig:
13. Juli 1945
kun hat Geweil seit Marz keine Scheile mehr, vil in den Werren des bedoenen trieges daran nicht zu denken ist: Gott sei Ank kann sie dler bereitsGut batem schreiben und lesen, aich schon ganz gut rechnen de manno utt holt alle Tage 1 Kinde mit ihr. Leider ist Gratel aber nuch haul arben, so faul ein im Essen, das imner noch viel Ärger macht. Die Manna muf sehr eineseusgen mit ihr. bler sii ist als Kindermägdle für Truderl gut zu frauchen und kann auch recht artig und sanft sein: Auch für sie Frn es recht gut ien sie ämllich einen Pacha habe, der unter bei uns bleibt: Mit Aebrucht beten die Kinder alle Tage Arunn, die arme Manna verzehrt hast an Sehnsucht; kan wird dies Gast aller feste sein, dof unser Popa heimbriumt?22
Na gut, ein bisschen beeindruckend ist es schon, dass immerhin manche Wörter richtig erkannt worden sind. Aber über die, mit denen ich selbst Schwierigkeiten hatte, weiß auch Transkribus sehr wenig. In diesem Beispiel war das vor allem das Wort vor "schreiben und lesen", das in der Transkribus-Version "batem" heißt. Ich habe lange gebraucht, um zu glauben, dass da wirklich "Latein" steht. Die Tante hat nicht etwa die lateinische Sprache in der Grundschule gelernt, sondern die lateinische Schrift, und das war für die Großmutter erwähnenswert.
(Update 2025: Ursprünglich dachte ich, sie habe es erwähnenswert gefunden, weil ich annahm, dass sie diese Schrift selbst nicht gelernt hatte. Inzwischen weiß ich mehr über den Handschriftunterricht zur Schulzeit der Großmutter und denke, sie wollte hier eher vermerken, dass das Greterl bisher nur Latein schreiben und lesen konnte. Denn der Kurrent- und Sütterlin-Unterricht war 1941 abgeschafft worden.)
Die letzten Zeilen auf der Seite, in der Handschrift des Großvaters, sind bis auf kleinere Fehler ganz gut erkannt worden:
Nach dem der Papa zuerst noch 14 Tage in Dillingen war, aus Augst, die Freuzosen wurden in nochmal fangen, kam er endlich am 18. Juli 45 gesund aus dem
Aber das nützt mir nicht so viel, die kann ich ja selbst lesen.