Fracksausen in Simmering
Meine Herrschaften #41
Die Flure des weltberühmten Frackverleihs Lambert Hofer in Wien-Simmering, dem nicht mehr ganz so schicken 11. Gemeindebezirk, sind lang und verwinkelt. Leicht verliert man sich in ihnen. „Läämbört Hoföör, where!?“, faucht ein Amerikaner mit ausnehmend schlechter Körperhaltung Juniorchef Peter Hofer an. „Yes please, follow me“, antwortet Hofer, der immerhin große Hollywoodfilme ausstattet, mit charmantem Wiener Akzent. Davon lässt sich der Mister nicht beeindrucken, er rollt entnervt mit den Augen und stapft Hofer schnaubend hinterher.
Es ist der Tag des Wiener Opernballs, der anstrengendste im Jahr für Hofer und überhaupt fürs ganze bessere Wien, denn auf der gesellschaftlich wichtigsten Veranstaltung herrscht Frackzwang. Wer dort mit Smoking ankommt, wird dezent zum Dienstboteneingang verwiesen. „Es hat ja nicht jeder einen Frack zu Hause“, sagt Hofer. Selbst Minister kommen her, um sich einen auszuleihen. An einem Tag wie diesem sind es schon mal 300 Fräcke, die rausgehen. „Er ist das schönste Kleidungsstück, das ein Herr tragen kann, und außerdem erlaubt er, was in Wien wichtig ist: dass man das große Ordensbesteck anlegen darf.“ Davon wird am Abend viel zu sehen sein. Der amerikanische Kunde indes hat keinen Orden – und null Ahnung von white tie. „Can’t you see, it’s too tight!?“, herrscht er den Schneider an, der ihm ein Modell zur Anprobe gereicht hat. Dass man eine Frackjacke nicht zuknöpfen können muss und schon gar nicht soll, ist dem Mann nicht zu vermitteln. Er besteht auf einer viel zu weiten. „Wir haben oft schwierige Kunden“, stöhnt Hofer, „aber so?“ Doch in Wien gilt nun mal als Menschenrecht, dass sich jeder so gut blamiere, wie er kann. Das Recht dazu haben auch Herren aus Übersee. Ohnehin ist für Damen der Opernball eine viel größere Herausforderung. Für Ballroben gibt es keinen Lambert Hofer. Und wer sich nicht jedes Jahr ein neues Kleid leisten möchte, muss wenigstens mit dem Schmuck changieren. Daraus haben wiederum Graf und Gräfin Metternich ein Geschäftsmodell gemacht und sich den Opernball als neue Werbeplattform für ihre Modeschmucklinie Pierre Lang ausgeguckt. „Überall in Österreich und Deutschland haben unsere Stylistinnen zu privaten Opernballabenden geladen und dort unsere Kreationen präsentiert“, sagt Marynic Gräfin Metternich. Sie sitzt neben ihrem Gatten Hieronymus im noblen „Hotel Bristol“ und hat die Schmuckstücke, die sie selbst am Abend zu tragen gedenkt, gleich mitgebracht. Die Frage, ob ihr Vertriebsmodell mit dem von Tupperware-Partys vergleichbar sei, übergeht sie mit funkelndem Augenzwinkern. Metternich ist ein klingender Name in Wien, und so verwundert es zu erfahren, dass der Graf und die Gräfin zum ersten Mal den Opernball besuchen, als Hersteller der Damenspende, glitzernder Schmetterlingsstecker fürs Damenohr. „Wir sind ja nicht die direkten Nachfahren des österreichischen Staatskanzlers, an den Sie vielleicht denken“, sagt der Graf, der sich als waschechter Bayer entpuppt, während die Gräfin von den Philippinen stammt und in den USA aufgewachsen ist.
In einem nicht ganz so noblen Hotel, dem „Falkensteiner“ am Margaretengürtel, trifft man dann auf die sogenannten Stylistinnen der Metternich’schen Schmucklinie, die sonst die Opernballpartys von Pierre Lang schmeißen. Für diesen Abend wurden sie von den Metternichs mit richtigen Opernballkarten ausgestattet. Schon haben sie sich Colliers des „wertigen Modeschmucks“ angelegt und drehen erste Runden im Dreivierteltakt vor den Spiegeln im Hotelflur.
Auf dem roten Teppich vor der Staatsoper finden dann alle zusammen: die Stylistinnen, die Metternichs und die Herren mit den geliehenen Hofer-Fräcken. Nur die Gattin des Bundespräsidenten fehlt, erkrankt. Er hat dafür die Nationalratspräsidentin mitgebracht, die in einem glitzernden Kleid defiliert. Ob man wohl den Designer der Robe erfahren dürfe? „Das hab i aus’m Internet“, sagt die Präsidentin und entschwindet Richtung Regierungsloge. Es erklingt die Bundeshymne, und hernach ist „alles Walzer“.
(erschienen in Parallelwelt - GQ 4/15, Illustration: Jan Steins)













