Auf gar keinen Fall solle ich bei der Einreise nach Israel angeben, dass ich als Reporter gekommen war, hatte Sayah auf mich am Telefon eingeredet. Nicht auszudenken, was passieren könnte, wenn jemand von unseren Plänen Wind bekäme. Ich verstand die ganze Aufregung nicht, schließlich wollten wir bloß eine Homestory machen, aber mein palästinensischer Kontaktmann, würde schon wissen, was zu tun ist.
Also behauptete ich auf dem Visa-Formular als „Party-Tourist“ gekommen zu sein und verlebte – da ich natürlich keine israelischen Behörden beschwindeln wollte – erst einmal ein paar fröhliche Tage und Nächte in Tel Avivs Partyszene. Mit Sayah war vereinbart, dass er sich wenn die Sache anläuft im Hotel melden würde. Es hatte etwas herrlich Verschwörerisches, als er plötzlich in der Halle des David Intercontinental stand und sich zu erkennen gab.
„Endlich sehen wir uns“, flüsterte der rundliche freundliche Araber mit dem lilageblümten Seidenhemd und umarmte mich herzlich, als wären wir alte Freunde. Dann rief er zur Eile, seine alten PLO-Kameraden würden schon auf uns warten. Wie bitte, was, PLO? Als ich eine Dreiviertelstunde später mit einer Runde bärtiger Palästinenser zusammensaß und bei süßem Tee die Vorgehensweise besprochen wurde, wie wir möglichst ohne Aufsehen in das Privathaus von Jassir Arafat nach Gaza kämen, wurde mir zum ersten Mal die eigene Courage etwas ungeheuer.
Sayah ist Fotograf von Beruf, hatte schon für Paris Match gearbeitet, und sich vor einigen Wochen bei uns in der Redaktion gemeldet und gefragt, ob man an einer Homestory bei den Arafats interessiert sei. Mein Chefredakteur war sehr interessiert. Und er fand dass ich als Österreicher der richtige Mann für den Job sei, schließlich hatte unser früherer jüdischer Bundeskanzler es fertig gebracht, als einziges westliches Land der PLO eine Botschaft in Wien einzurichten.
So saß ich also in jener Nacht in einem alten Citroen und tuckerte mit Sayah durch die Wüste Richtung Gaza. Irgendwann blieben wir stehen und ich musste israelischen Soldaten eine von Sayah ausgedachte Geschichte – irgendwas von arabischen Freunden, die ich in Österreich kennen gelernt hätte, und die nun in Gaza leben und heiraten würden – erzählen. Ich fand, dass ich wenig überzeugend klang und schielte beunruhigt zu den Maschinengewehren ringsum. Aber flugs bekam ich meinen Pass zurück und wir durften in einer Art Niemandslandtaxi weiterfahren. Den alten Citroen ließen wir stehen. Am Wachposten der Palästinenser wiederholte sich das Spiel und wieder wurde mit Maschinenpistolen herumgefuchtelt, aber Sayah kürzte die Vorführung mit ein paar zackigen arabischen Worten ab und wir trudelten schließlich müde aber erleichtert in der Stadt Gaza ein.
Die sah auf den ersten Blick so ganz anders aus, als erwartet. Wir fuhren eine mehrspurige Straße entlang, in deren Mitte jemand Blumen und getrimmte Büsche gepflanzt hatte. Waren das etwa Geranien und Buchsbäumchen?
„Suha Arafat liebt Paris“, sagte Sayah kundig. „Und jetzt haben wir unsere eignen kleinen Champs Elysee!“ Doch die Idylle sollte nicht lange währen. Bald stießen wir auf aufgebrachte Menschen, die durch die Straßen zogen und Parolen brüllten.
Ich blickte fragend zu Sayah. „Das ist nichts“, versuchte er mich zu beruhigen. Ein Offizier aus Arafats Armee hätte einen sechsjährigen Jungen vergewaltigt und ermordet. Arafat zögere nun dummerweise damit, den Mann erschießen zu lassen. Das käme im Ausland nicht gut an, das Volk aber fordere eine flotte Exekution.
„Ich finde ehrlich gesagt nicht, dass das nichts ist“, sagte ich zu Sayah, der aber nur mit den Schultern zuckte und mich im Hotel ablieferte und sich erst am kommenden Morgen wieder meldete.
Das Haus der Arafats war schmal und unscheinbar, man konnte nur an den vielen Sicherheitskräften mit ihren schweren Gewehren erkennen, dass jemand Bedeutsamer hier wohnen musste. Suha Arafat und ihre Mutter Raymonda Tawil standen winkend am Eingang. Die blonde Gattin des Palästinenserführers hatte sich in ein Thierry Mugler-Kleid geworfen. „Ich habe es bereits bei einer Audienz des Heiligen Vaters getragen“, sagte sie. Ich müsse wissen, dass die Tawils eigentlich ägyptische Christen seien, erklärte die Mutter. Aber an der Seite des Präsidenten habe Suha natürlich konvertieren müssen. Suha zeigte indessen auf ein Bild an der Wand, das sie genau mit dem Kostüm, einem schwarzen Spitzenschleier und Johannes Paul II. zeigte. Ich musste schmunzeln, denn die Wände entsprachen einem Klischee, das man gegenüber arabischen Wohnräumen hegt. Keines der unzähligen Bilder, auch nicht das riesige berühmte Ölporträt Jassir Arafats, schien im rechten Winkel zu irgendeinem anderen Bild zu hängen.
Während Sayah begann, Frau Arafat in diversen Kostümen zu fotografieren, fing ein Diener mit auffallend weißen Zähne an, den Esstisch mit den unterschiedlichsten Speisen vollzuräumen. Man hätte tatsächlich ein ganzes Hochzeitsbankett damit versorgen können.
Wir speisten also in den Nachmittag hinein und Frau Arafat diktierte mir ihre Liebesgeschichte mit dem viel älteren Palästinenserführer in den Block, ihr Leben zwischen Gaza und Paris und natürlich diverse Geschichten, wie scheußlich die Israeli sich gegenüber den Palästinenser verhielten. Frau Tawil hatte die ganze Zeit ruhig da gesessen, und fragte dann völlig unvermittelt und auf Deutsch: „Kannten Sie eigentlich ihren großen Bundeskanzler Kreisky?“
Ich stutzte, ich hatte Kreisky natürlich nicht kennen gelernt, als er abdankte war ich noch zur Volksschule gegangen. „Er war ein wundervoller und sehr warmherziger Mann“, schwärmte Frau Tawil und ersparte einem die Rückfrage. „Wir kannten uns sehr gut und er fehlt mir und der ganzen Welt sehr.“ Ich betrachtete die glänzenden Augen Frau Tawils und fragte mich, ob die politisch höchst umstrittene Anerkennung Palästinas durch Kreisky vielleicht noch einen persönlichen, möglicherweise gar romantischen Hintergrund gehabt haben könnte. Kreisky war als Weiberheld bekannt und Frau Tawil war besonders in jungen Jahren ganz sicher eine atemberaubende Frau gewesen . Frau Arafat betrachtete mich von der Seite, schien in meinem Gesicht zu lesen und erklärte das Mittagessen kurzerhand für beendet.
Draußen vor der Tür hatte sich ein Troß an schwer bewaffneten Securitys versammelt, auch Colonel Falima Bernaoui, die farbige Polizeichefin des Autonomiegebiets, war gekommen, um uns zu begleiten. Also besichtigten wir die Stadt, eine Schule, das erste Internetcafé, der Botschafter Ägyptens empfing zu Tee – was so ein Autonomiegebiet eben an Sehenswürdigkeiten herzugeben vermag. Nur auf dem Rückweg wurden die Securities etwas hektisch, als sich eine verschleierte Frau aus der Menge löst und auf Suha zustürzt, energisch auf sie einredet und ihr dabei fast das Hermes-Tuch vom Hals riss. „Das ist eine Hamas-Frau“, sagt Frau Tawil zu mir. „Ihre Mutter möchte nach Mekka haddschen, aber sie bekommt keine Reisegenehmigung. Das sind die Alltagsprobleme hier.“
Am nächsten Morgen saß Frau Arafat auf der Terrasse des Präsidentenpalastes, der noch nicht ganz fertig war. Eigentlich hätten wir hier ihren Mann treffen sollen, aber der musste sich wergen politischer Entwicklungen entschuldigen lassen. Also saßen wir in der Sonne und betrachteten die merkwürdiges Szenerie: Frau Arafat, wie sie in ihrem türkisen Kostüm vor Unterlagen sitzt, während die kleine Tochter Zahwa in einem von Michael Schumacher handsignierten Ferrari-Tretauto ihre Runden dreht. Im Hintergrund wieder schwer bewaffnete Soldaten, die ihre Maschinengewehre schussbereit hielten.
„Eine Reisegenehmigung für eine Pilgerfahrt, das bekomme ich hin“, sagte Suha Arafat über den Papieren. „Aber das hier, da kann ich mich nun wirklich nicht einmischen.“
„Worum geht es denn?“, frage ich.
„Ach, Amnesty international und alle möglichen Organisationen schreiben mir und fordern ich auf etwas zu unternehmen...“ Es ginge um jene Exekution, aber sie könne da auch nichts machen und ihr Mann auch nicht. „Würde er anders entscheiden, dann brennt doch hier die Stadt“, sagte sie.
Dann mussten wir aufbrechen. Zum Abschied überreichte mir Frau Arafat eine mit rotem Samt bezogene Schatulle, in der ein silberschillernder Teller eingebettet lag. Es ist eine zierreiche Perlmuttschnitzerei der Geburtsszene Jesu Christi.
Als Sayah und ich Gaza verließen, herrschte wieder Aufruhr in den Straßen. „Die Leute sind immer noch sehr aufgebracht“, sage ich.„Nein, alles ist gut.“, sagt Sayah. „Sie feiern! Der Präsident hat den Mann erschießen lassen.“
Die Beamtin des Flughafens Tel Aviv hat mich lange mit ihren dunklen Augen gemustert, dann schaute sie wieder lange in meinen Reisepass. Dann sagte sie, ich solle mitkommen. In einem kahlen Nebenzimmer kamen nun mehrere Beamten und befragten mich, was ich die vergangenen Tage so alles unternommen hätte. Ich war Soldaten mit Maschinengewehren in der Wüste gewöhnt und erzählte souverän meine Story. Gerade als ich bildreich von meinen Ausflügen in die Tel Aviver Clubs erzählte, hielt mir einer der Männer, der meinen Koffer durchstöbert hatte, der Perlmuttteller unter die Nase. Auf der Rückseite war ein kleines Kärtchen montiert, das ich nicht gesehen hatte, auf dem zu lesen war: „For our friend David, with best regards: Jassir and Suha Arafat“.
Das war nicht gut. Die Entdeckung führte dazu, dass ich einen späteren Flug nehmen und ich schließlich gestehen musste, um das mühsame Journalistenvisum zu umgehen, geschwindelt hatte. Die israelischen Beamten blieben dafür verhältnismäßig freundlich, die junge Frau mit den großen dunklen Augen konnte allerdings nicht glauben, dass wirklich jemand nach Gaza gereist war, um die Möbel der Arafats zu fotografieren. Ein paar Stunden später konnte ich doch fliegen.
Wie mir Sayah einige Wochen später am Telefon erzählte, sei Frau Arafat leider nicht sehr glücklich über die Geschichte gewesen, und auch er verstehe nicht, wieso unbedingt die Sache mit der Exekution im Text erwähnt werden musste. „Es war eine Homestory, was hat denn Politik in einer Homestory verloren“, beklagte er.
Suha Arafat und Zahwa leben heute auf Malta, nachdem man sie aus Gaza, Paris und schließlich Tunesien verjagt hatte. Die Perlmuttschnitzerei mit der Geburtsszene Jesu besitze ich bis heute. Sie ist eine Attraktion auf den diversen Krippenausstellungen des Salzburger Lands.