Zwischenschritte
„Hinfallen. Aufstehen. Krone richten. Weitergehen.”
Machen wir uns doch bitte nichts vor. In der Realität folgt auf Hinfallen nicht, dass wir sofort wieder aufstehen.
Es folgt vielmehr Liegenbleiben. Es folgt Weinen, Schreien und tagelang im Bett Liegenbleiben. Es folgt auf das Kissen einschlagen und der Verlust jeder kleine Hoffnung. Es folgt, dass wir traurige Musik bis zum Anschlag aufdrehen und zu wenig essen. Es folgt, dass wir uns selbst verlieren und nicht mehr wissen wer wir sind. Daraufhin stoßen wir Menschen weg, die es gut meinen, weil wir uns von ihnen nicht verstanden fühlen. Es folgt, dass wir zu viel Alkohol trinken, um mehr als diese Leere zu spüren. Es folgt, dass wir die falschen Menschen küssen und das zu oft. Und weil wir zu viel über Vergangenes Nachdenken, können wir nachts nicht schlafen und sind am Tag nicht wach. Es folgt der Versuch uns selbst in Musiktexten, Zitaten oder Büchern wieder zu finden. Dass wir doch wieder sein Instagram checken und jedes mal unser Herz stehen bleibt, wenn wir seinen Namen hören. Es folgt sich in den Armen des besten Freundes auszuweinen und nichts anderes zu wollen, als dass es aufhört weh zu tun. Dann zweifeln wir an allem was wir für richtig hielten und wollen nur noch aufgeben.
Denn machen wir uns bitte nichts vor, so sieht die Realität aus. Es ist normal, dass wir, nach dem Hinfallen all diese Schritte machen bevor wir wieder aufstehen können. Das alles ist okay, solange wir sehen, dass zwischen jedem zweiten, dritten oder vierten dieser Zwischenschritte auch andere liegen.
Andere wie, Lust auf Schokolade verspüren oder sich über das tolle Wetter freuen. In der Stadt plötzlich all die hübschen Menschen bemerken oder die Zeichenstifte nach Wochen doch mal wieder auspacken. Dazwischen bemerken wir, dass das Lächeln des kleinen Kindes nebenan etwas mit uns macht. Oder wir machen lange Spaziergänge, bei denen wir uns ein bisschen weniger einsam fühlen. Irgendwo zwischen all den Selbstzweifeln liegt, dass wir uns plötzlich ohne Grund schminken wollen und von dem Ergebnis fast überrascht sind. Dass wir die Zeilen die wir voller Trauer schrieben irgendwann in die letzte Schublade legen und wir die besten Freunde doch mal wieder auf einen Abend einladen. Irgendwann renovieren wir unsere Zimmer neu, damit wir uns dort wieder wohl fühlen können. Auf endloses Weinen folgt eine lange und tiefe Umarmung des großen Bruders und die Aufmunterungstexte, die uns liebe Menschen vor Wochen schrieben, trocknen irgendwann doch unsere Tränen. Wir sind überrascht von uns selbst, weil wir dem hübschen fremden Jungen im Bus ein interessiertes Lächeln schenken und weil wir plötzlich bei Liebesfilmen nicht mehr weinen müssen. Nachdem wir tagelang im Bett lagen, haben wir ohne Grund Lust unser Lieblingskleid anzuziehen und vielleicht doch kurz Lust auf die Party zu gehen. Auch wenn darauf wieder ein Tag auf dem Zimmerboden folgt, schenken wir dann den Zitaten, die von Hoffnung sprechen, doch kurz Glauben. Zwischen Einsamkeit und Leere liegt die kurze Freude über ein Kompliment, das uns ein Fremder gibt. Und auf jeden fünften dieser Zwischenschritte folgt eine Sekunde in der wir kurz glauben können, dass das Leben immer noch lebenswert sein kann.
Wenn wir schon nach der Realität suchen, dann nach der ganzen.
Wir alle machen Zwischenschritte, nicht die gleichen und nicht gleich viele. Auch machen wir sie nicht in der gleichen Reihenfolge, aber wir alle machen sie. Sei nicht enttäuscht von dir selbst, weil andere weniger machen als du, nimm dir da bitte den Druck weg.
Mach so viele Zwischenschritte wie du brauchst um eines Tages wieder zu stehen. Und beachte, dass zwischen dem Aufstehen und dem Weitergehen, auch etliche liegen.














