Campen gegen die Kohle
Zum Start des Lausitzcamps im brandenburgischen Proschim reisten bereits einige hundert Aktivist*innen an. In den kommenden Tagen werden sie mit verschiedenen Aktionsformen die Gefahren verdeutlichen, die vom Kohleabbau für Mensch und Klima ausgehen, am Wochenende folgen Aktionen zivilen Ungehorsams. War Vattenfalls Umweltpolitik bereits fragwürdig, so lässt der Ausstieg des schwedischen Konzerns und der Verkauf an die tschechisch-zypriotisch-luxemburgische Investorengruppe EPH nichts Gutes vermuten.
Die Fahrt in das Gebiet an der brandenburgisch-sächsischen Grenze führt durch gelb leuchtende Rapsfelder, vorbei an niedrigen Häusern aus rotem Ziegelstein, der Flieder blüht. In der Ferne stehen Windräder, Kuppeln von Biogasanlagen und schwarze Solaranlagen, daneben ein Kraftwerk namens Sonne. Es wirkt wie ein Ablid der Zukunft, wären da nicht immer mehr gelbe Holzkreuze an den Häusern und Gärten, Zeichen des Protests wie es auch im Wendland oft zu sehen ist. Während man durch den Ort Proschim, niedersorbisch Prožym, fährt sind die selbstgeschriebenen Tafeln nicht zu übersehen, die vor der Einbahnstraße Tagebau warnen und die zerstörten Dörfer der letzten Jahrzehnte aufzählen. Kurz hinter dem Dorf auf einer grünen Wiese mit blühenden Apfelbäumen, fährt ein Bauer seinen Traktor mit gelbe Strohballen auf das Gelände des Lausitzcamps. Bereits zweihundert Teilnehmer zählt es am Montag, stetig trudeln Gruppen von bepackten Radfahrern ein. „Der Standardvorwurf ist ja, die Krawalltouristen kommen nur zum protestieren und Ärger machen“, sagt René Lehmann als der Traktor stoppt, sein Sohn neben sich auf dem Fahrersitz, „aber auch in jedem Dorf unterstützen Leute den Protest. Im Dorf nehmen die einen das Geld. Aber es ist unsere Heimat,“ Er sieht auf seinen Sohn, „Und ne gesunde Umwelt kannste nicht kaufen.“ Lehmanns Frau wurde 2003 aus dem Welzower Ortsteil Haidemühl umgesiedelt. Bis kurz nach der Wende gab es dort eine große Glasfabrik, nun ist es ein Geisterdorf. Nur heute gibt es dort ein wenig Leben: Greenpeace-Aktivisten hängen ein Banner zwischen den zwei großen Schornsteinen auf. Nach der Umsiedlung der Eltern ist René Lehmanns Frau nach Proschim gezogen. „So wie es früher war, dass man mal über den Gartenzaun gequatscht hat, das gibt es nicht mehr in Neu-Haidemühle. Es gibt viele, die das Camp hier unterstützen“. Er verabschiedet sich und fährt die restlichen Strohballen auf das Gelände. Ankommende Campbesucher fallen sich gegenseitig in die Arme, eine Gemeinschaftsküche kocht zum Abend und ein Radfahrer fährt „Comida“ rufend über das weitläufige Gelände, das früher Teil einer 40 Hektar großen Seenkette war, von der heute nur noch der kleine Teich übrig ist. Der Ort Proschim hat die Wiesen zur Verfügung gestellt. „Hier können einige hundert Menschen zelten, und es gibt auch eine Backup-Area, wenn es mehr Leute werden“, sagt Marvin Kracheel, der Pressesprecher des Lausitzcamps. Das könnte durchaus sein, denn das angenehme Wetter und der aktuell laufende Verkaufsverhandlungen von Vattenfalls deutscher Braunkohlesparte an die tschechische EHP hat erneut Brisanz erzeugt. „Die Investoren kaufen nicht nur einen Industriezweig ohne Zukunft, sondern auch den Widerstand vor Ort“ steht in dem Flyer zum aktuellen Camp. Der Widerstand, das reicht vom Tramper aus Ulm, über den Bauer aus Proschim bis zur CDU-Politikerin Monika Schulze-Höpfner aus Atterwasch. Und nach Jahren eines festgefahrenen Streits um die Kohle, kann auch bei vielen Kumpel eine Kehrtwende beobachtet werden, die Energiewende hat auch langsam die Landespolitik Brandenburgs erreicht. Auch 8000 direkt Beschäftigte täuschen nicht darüber hinweg, dass fossile Brennstoffe der Vergangenheit angehören und das Klima zerstören, das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde war jahrelang auf der Liste der „Dreckigen Dreißig“ Europas, einer Tabelle zu den klimaschäädlichsten Kraftwerken an dritter Stelle aufgeführt. Damit würde auch Deutschland die Chance sich als umweltfreundlichster Energieproduzent weltweit zu profilieren verpassen. Der Start des Camps verlief vielversprechend, bis Pfingstmontag werden hunderte weiterer Aktivisten, viele aus ganz Europa, erwartet, um eine Klimagerechtigkeit für alle für kommenden Generationen von Politik und Wirtschaft einzufordern.












