Übrigens
Mein Lohn besteht oft aus einem Gummibärchen oder Bonbon, das ich heimlich zugesteckt bekomme.
Oder aus kleinen Briefen, in denen steht: „Du bist der beste Leseparte.“ Seit fast sechs Jahren bin ich jetzt an zwei Vormittagen in der Woche ehrenamtlicher Lesepate an der Reineke-Fuchs-Grundschule am Foxweg. Das ist eine öffentliche Schule mit Schulstation, Ganztagsschule in offener Form, Schulanfangsphase mit jahrgangsübergreifenden Lerngruppen, Schulanfangsphase mit jahrgangsbezogenen Lerngruppen. Es ist eine „Brennpunktschule“. Allein diesen Begriff finde ich hoch problematisch, weil die Schüler dadurch ebenfalls abgestempelt werden. Viele denken, dass aus den Schülern sowieso nichts wird, sie keinen Abschluss machen und ohnehin in die Arbeitslosigkeit rutschen. Ich kann das nicht teilen, denn jeder hat sein ganz eigenes Potenzial und niemand darf verloren gehen. Grundsätzlich hatte ich mit sehr engagierten Lehrkräften zu tun, die bei Problemen ansprechbar sind und mehr leisten, als sie müssten. Leider fehlt es an kleinen Lerngruppen, Differenzierungsräumen, moderner Schulausstattung und aktiven Eltern. Von Anfang an begleite ich eine 1./2. Klasse (JÜL). Nach Absprache mit Frau M. übe ich mit einzelnen Kindern lesen und schreiben. Den Text gibt Frau M. vor. Hin und wieder bringe ich Material mit. Ein Kind liest immer ein Stück, wir sprechen darüber und klären die Bedeutung. Ich frage nach, um das Verständnis zu fördern, es sind viele mit migrantischem Hintergrund. Rasch stellt sich heraus, dass das eigene Lesen schwierig ist. „Du kannst dir bei langen Wörtern ruhig Zeit lassen,“ ermutige ich ein Mädchen, das verkrampft über dem Lernheft sitzt. Ich gebe Tipps, vermittle Techniken und erkläre einfache Lesestrategien. Geht mal die Luft aus, lese ich auch mal ein ausgewähltes Stück aus einem altersgerechten Kinderbuch oder lasse einfach malen, was wir heute erlebt haben. Manchmal erzählt ein Kind mir auch über seinen Alltag, seine Hoffnungen, Ängste. Das muss man zulassen. Ich sehe es als eine Art von Schülercoaching, einer individuellen Einzelförderung. Noten erteile ich nicht, allerdings lobe ich und tadele auch, wenn das notwendig ist.
Die Reineke-Fuchs-Grundschule hat ein sehr nettes Kollegium und alle, einschließlich Schulleiter sind kooperativ und freuen sich über unsere Unterstützung. Es gibt 17-18 weitere Lesepaten hier. Wir alle kommen vom Bürgernetzwerk Bildung des VBKI (Verein Berliner Kaufleute und Industrieller). Gegründet wurde Berlins größtes Projekt dieser Art im Jahr 2005 von der ehemaligen Berliner Schulsenatorin Sybille Volkholz. Ziel des Projektes ist es, das bürgerschaftliche Engagement in Berlin zu stärken und direkt zu helfen.
Als ich mit 65 Jahren in den Ruhestand gegangen bin, habe ich etwas von dem, was mir die Gesellschaft gegeben hat, zurückgeben wollen. Das Angebot des VBKI hat mich sofort überzeugt.
Das Weiterbildungszentrum der Freien Universität bietet kostenlose Kurse für ehrenamtliche Lese- und Lernpaten an. Dies ist eine wertvolle Unterstützung. Die enge Abstimmung mit „meiner“ Klassenlehrerin ist mir besonders wichtig, denn ein pädagogisches Studium habe ich nicht absolviert. Die Weiterbildungsseminare sind ein begleitendes Angebot. Grundsätzlich brauche es keine spezielle Qualifikation, um Lesepate zu sein. Man braucht Herz und Verstand. Alles andere kommt von allein. Ich bin nun 72 Jahre alt geworden, wohne mit meiner Frau seit 2007 in Berlin und bin als Rentner gerne noch sportlich tätig, lese viel, wandere, interessiere mich für Kunst, Kultur, Musik, Theater, Geschichte und Politik. Ich schreibe, blogge und reise. Und dann bin ich noch mit großer Dankbarkeit Lesepate. Manchmal denke ich, wenn die Leute wüssten, dann könnten sie die Arbeit der Lehrkräfte wirklich wertschätzen. Und wenn sie Kinder lieben, dann sorgen sie dafür, dass unsere Schulen besser personell ausgestattet werden.












