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@caprano
02.2015 Hamburg
Kyiv by Vasyl Chehodar, 1974
Lights of New York City, Ernst Haas, 1970s
Berlin, 2026
Photo: Roland Helbig
Uri (Furka pass), Switzerland, 2026
Jeweled Waters
(c) gifs by riverwindphotography, July 2026
Fundstück
Deutscher Alltag
DieserTage ist Günther Jauch 70 geworden. Dies ist bemerkenswert, weil es zu einem meiner Lieblingsthemen passt: Je älter man wird, desto schneller vergeht die Zeit. Möglicherweise vergeht die Zeit auch deswegen schneller, weil man älter wird. Weil man die Zeit, anders als etwa die Hitze, nicht spürt und sie, anders als eine kühle Gazpacho, auch nicht schmeckt, kann man die „Bewegung“ der Zeit nur aus dem eigenen Gefühl heraus beschreiben, nicht aber aus einer Sinneswahrnehmung („aua, das hat wehgetan“). Im konkreten Fall: Ich war ungefähr zur selben Zeit wie Jauch auf der Deutschen Journalistenschule. Das scheint mir gar nicht so lange her zu sein. „Scheinen“ ist das angebrachte Wort, denn in Wirklichkeit war das Ende der Siebzigerjahre, als Helmut Schmidt regierte und Boney M. gerade einen Hit mit dem Titel „By the Rivers of Babylon“ hatten. Verdamp lang her (BAP, 1981).
Der Siebzigste ist ein sogenannter runder Geburtstag. Die einen sagen, runde Geburtstage seien alle Geburtstage mit einer Null am Schluss. Andere meinen, ein runder Geburtstag müsse durch zehn teilbar sein oder wenigstens durch fünf. Runde Geburtstage gelten als irgendwie höherwertig. Sie sind zuerst Ausblicks-Geburtstage, später Fazit-Geburtstage. Wenn das Fazit den Ausblick überwältigt, wird es melancholisch. Alle Geburtstage nach dem 70. sind Melancholie-Geburtstage. Der 60. ist ein Übergangsgeburtstag: Man fühlt sich fast noch relativ jung, und glaubt, das vage, schabende Geräusch in der Ferne erzeuge jener Rollkoffer, mit dem man in ein paar Jahren die große Freiheit des Reisens im Ruhestand genieße. Allerdings klingt der Rollator auf dem Asphalt auch nicht wesentlich anders.
Runde Geburtstage werden als etwas Besonderes wahrgenommen. Wer 29 wird, wird halt 29. Wer aber 30 wird, ist endlich erwachsen. Und wer 40 wird, dem winken Midlife-Crisis und/oder Wechseljahre. Ein Mann von 50 Jahren – siehe auch Goethe – steht im Zenit des Lebens. Das Fazit beginnt. (Übrigens: Das beste Goethe-Buch seit Langem: Gustav Seibts „Ein Sommer mit Goethe“. Ein rundes Buch, gewissermaßen.)
Nicht viele Menschen machen mit 70 nichts anderes, als sie mit 50 gemacht haben. Jauch tut das, er moderiert seit 1999 die Quizsendung, deren namensgebende Frage auf jeden Fall mit „Günther Jauch“ zu beantworten ist. Jauch ist einige Zeit lang immens populär gewesen, weil ihn viele Leute für außerordentlich schlau und respektabel hielten. Manche sahen in ihm gar einen geeigneten Bundespräsidenten. Zweifelsohne wäre der nur sehr langsam ins Greisenhafte changierende Jauch – in zehn Jahren ist er 80 – auch heute immer noch besser geeignet als Juli Zeh, 52, wohingegen auch die Moderation von „Wer wird Millionär?“ nicht zu den Kernkompetenzen von Ilse Aigner (59, alsbald runder Geburtstag) zählen dürfte.
Die modernen Zeiten haben es mit sich gebracht, dass man als Geburtstagskind – noch ein schöner, altertümlicher Ausdruck – jede Menge Digitalmitteilungen von Leuten bekommt, deren Digitalkalender sie daran erinnert, dass sie Frau X oder Herrn Y eine digitale Geburtstagsgratulation schicken sollen. Wenn der Text einer solchen Mitteilung nicht vorformuliert und mit den zugehörigen Emojis versehen ist, kann es manchmal zu unerwarteten, selbstformulierten Sätzen kommen. Nach dem 60. wird einem gerne die Frage gestellt: „Ich hoffe, es geht Ihnen gut?“ Diese Frage zeigt einerseits, dass der/die Gratulierende nichts weiß vom körperlichen oder seelischen Zustand des Angedigitalisierten. Andererseits ist sie zurückhaltend empathisch genug („ich hoffe ... “), um zu signalisieren: Ich möchte die dritte Scheidung, die Bandscheiben-OP, den Prozess gegen den ehemaligen Arbeitgeber, den Tod des Hundes nicht direkt ansprechen, stehe aber, falls sich so etwas ereignet haben sollte, an deiner Seite. Ich hoffe, es geht dir gut.
Der Terminkalender und mehr noch das Klugtelefon haben die Dankesfloskel „Schön, dass Du/Sie an mich gedacht hast/haben“ an und für sich überflüssig gemacht. Die smarte Managerin lässt ihren personal organizer Geburtstagsmessages ohne eigenes Zutun versenden. Bei anderen ploppt im Telefon am entsprechenden Tag der Hinweis auf, sodass die Formulierung eigentlich heißen müsste: „Schön, dass dein Telefon an mich geploppt hat.“ Sympathie und durchaus auch Liebe können in die Cloud ausgelagert werden. Runde Geburtstage sowieso.
Grundsätzlich gibt es zwei Geburtstagstypen: Ich feiere (1). Oder ich feiere nicht (0). Der Geburtstag also ist wie geschaffen für die Digitalisierung, die auf 1 und 0 beruht. Allerdings gibt es Grauzonen. Ein Paar zum Beispiel kann aus 1 und 0 bestehen, also aus einer Geburtstagsfeiererin und einem Geburtstagsnichtfeierer. Das kann zu Zwistigkeiten führen, zum Beispiel an runden Geburtstagen. Die 1 sagt: Wenigstens deinen 60. sollten wir etwas größer feiern. Der 0 sagt: Ich finde, wir fahren an meinem Sechzigsten zu zweit weg und mieten uns für ein paar Tage in einem schönen Funkloch mit Wellnessbereich ein. Der 0 findet, dass ein Geburtstag eigentlich ein Tag wie jeder andere ist. Die 1 meint, so ein Geburtstag sei Anlass für Ausblick und Fazit, und außerdem sei man schon lang nicht mehr in größerer Runde zusammengesessen.
Ich bin geburtstagsmäßig ein 0. Aber weil gerade ein guter Freund drei Jahre nach seinem 70. gestorben ist, bin ich doch froh, dass wir den runden Geburtstag damals groß gefeiert haben. Ein 1 zu sein, kann Vorteile haben.
Kurt Kister
Edinburgh, Scotland
maurenzetti
Struck, NYC
@dantvusa
Ob die Populisten das mal anerkennen können?
"Wer nah an den Menschen ist, muss das nicht noch von sich selbst sagen." Luna Möbius
Es reicht.
Wild Falls and Wildflowers
(c) riverwindphotography, July, 2026
Shadow on gangway.
By Matti Merilaid.