“Der Tumor gehört zu meinem Körper”
Ein Essai zum Nachdenken über die Volkskrankheit Nr. 1
… zu diesem fatalen Irrtum, kann man nur gelangen, wenn man Jahrelang mit einem Geschwür lebt ohne dieses als solches zu erkennen. Wenn man die Geschwulst als gut integrierten festen Bestandteil des Körpers empfindet und sogar noch ein wenig stolz drauf ist. So erging es mir mit einem über zwei Kilo schweren und 40 Zentimeter langem Lipom, der sich zwischen den Fasern meines hinteren Oberschenkelmuskels eingenistet hatte. Da ich gerne Fahrrad fahre und längere Strecken wandere, habe ich die langsame Vergrößerung meines Oberschenkels – Männer sind eitel - als Muskelaufbau gedeutet. Auch für die einseitige Zunahme hatte ich eine Erklärung parat. Während der Pubertät hatte ich eine Lehre als Bleisatz-Schriftsetzer absolviert. Das heißt von morgens um 7 Uhr bis 17 Uhr ununterbrochenes Stehen am Arbeitstisch. Dabei habe ich das rechte Bein stärker belastet als das Linke. Die Folge ungleicher Muskelaufbau. Ich entwickelte ein so genanntes „Standbein“. So wie Sportler durch einseitige Beanspruchung einen „Tennisarm“ bekommen. Wir Gattung der Spezis „Homo Sapiens“ produzieren gerne absurde Erklärungen, um Dinge, die eigentlich schädlich und gefährlich sind „schön zu reden“. Unbemerkt konnte der Lipom eine Art von „Parallelorganismus“ entwickeln zu dem sogar eigene Blutgefäße und Nervenzellen gehörten.
Das alles wäre von mir sicherlich toleriert worden, hätte sich der Tumor nicht weiter ausgedehnt und andere gesunde Gewebeteile wie Muskeln bedrängt und eingeschränkt. Zuletzt spürte ich nach längerem Sitzen einen unangenehmen Druck im Bein.
Hinzu kam ein zweites Problem: Auch so genannte „gutartige“ Tumore können bösartige Teile besitzen, die sich über die Blutbahn ausbreiten und schließlich die Herrschaft über den Wirtskörper an sich reißen. Mit dem fatalen Ergebnis einer unheilbaren Krebserkrankung, die kaum mehr einzudämmen ist. Immerhin waren zwei verdächtige Stellen auf dem Magnet-Bild aufgetaucht, die als Sarkome gedeutet werden konnten. Eine große Gewebeprobe brachte schließlich die Gewissheit: Es ist kein Krebs. Bei einer entsprechenden Diagnose hätte ich möglicherweise sogar mein Bein verloren.
Tumore wollen den Körper erobern und tarnen sich als integrativen Bestandteil
Ganz gleich ob gutartig oder radikal bösartig, Tumore bilden im Körper eine Art zerstörerischen Antiorganismus, der Jahre lang in einer Scheinsymbiose friedlich mit dem gesunden Gewebe oder Organ lebt, bis er plötzlich ohne Vorwarnung zuschlägt. So merkt beispielsweise ein Darmkrebspatient die Krankheit oft erst wenn sich der Stuhl schwarz färbt oder blutverschmiert ist. Dann ist der Krebs bereits so weit fortgeschritten dass große Teile des Darmes entfernt werden müssen. Über 50 Zentimeter sind keine Seltenheit und gelten sogar noch als gut heilbar. Das einzige Mittel gegen diesen heimtückischen Angriff auf unseren Körper ist also „Achtsamkeit“, das genaue Bobachten des gesamten Organismus. Das Aufspüren verdächtiger Symptome. Das merkwürdige an unseren Körper ist, dass er Fremdstoffe durchaus integriert. Hierzu zählt Beispielsweise das Lichtstein-Netz, das mir bei meiner Leistenbruch-OP letztes Jahr ein gepflanzt wurde und inzwischen vollständig mit der Bauchdecke verschmolzen ist. Auch Herzschrittmacher, künstliche Hüftgelenke und andere Implantate werden akzeptiert. Sogar mit gewaltsam eingedrungenen Fremdkörpern wird der Körper fertig. Mein Onkel lebte über 40 Jahre mit einem Granatsplitter in der Lunge! Tumore dagegen entwickeln ein heimtückisches Eigenleben. Sie wollen erobern! Und gehen dabei wie Eroberer vor. Unbemerkte Infiltrierung des Gegners, Aufbau einer starken Ausgangsbasis, Benutzung der Körpereigenen Infrastruktur wie Lymph-und Blutbahnen zur weiteren Ausbreitung. Übernahme und Eroberung wichtiger Organe, wie Lunge, Leber, usw. Tumore zeigen uns im Anfangsstadium nie ihr wahres Gesicht. Sie verschleiern sich, tarnen sich wie Terroristen, passen sich geschickt dem Umfeld an. Gegen den heimtückischen Feind in unserem Körper gibt es daher nur ein Mittel: Rechtseitiges Erkennen durch Achtsamkeit und schließlich ein konsequenter chirurgischer Eingriff. Kontraproduktiv sind: Warnsignale missachten! Verharmlosen von verdächtigen Symptomen, ungesunde fatalistische Lebensweise. Obwohl das Thema sehr ernst ist, will ich dieses hintergründige Essai mit einem kleinen abgewandelten Spruch des großen Humoristen Wilhelm Busch enden lassen:
Sechs Wochen war der Taunuswolf krank – jetzt knurrt er wieder – Gott sei dank!