Du willst in der mecklenburgischen Seenplatte Urlaub machen oder doch lieber in einem hohen Mittelgebirge wie die Vogesen, vielleicht auch Alpenvorland? Gleichzeitig zieht es dich nach Süden in die schroffen kargen Schluchten der Ardèche oder in die lieblichen Weinberge der Toskana? Darüber hinaus möchtest du mal einen wunderschönen Flussradweg abfahren. Kein Problem: In der französischen Jura, die sich mit der Region France-Comte deckt, findest du auf einer Fläche, die etwa der Größe von Schleswig-Holstein entspricht, alle aufgezählten Landschaftsformationen vereint.
Glasklare Bergseen, umgeben von Wasserfällen, weitgehend naturbelassene unberührte Wälder, die mit ihrer Artenvielfalt an eine Film-Kulisse in "Herr der Ringe" erinnern, wechseln mit Auenlandschaften und Gebirgsketten, die bereits Hochgebirgscharakter haben. Auf Wiesen, deren Blumenvielfalt das Herz jedes Naturfreundes höherschlagen lassen – irgendwann hört man auf zu zählen – grasen glückliche Kühe, aus deren schmackhafter Milch der berühmte Comte-Käse gemacht wird. Richtung Süden, in der Höhe von St. Claude, graben sich der Fluss L`Ain und seine Nebenflüsse tief ins weiche Juragestein. Hier fühlt sich der Radwanderer, Angler, Wassersportler und erst recht der Wanderer wie im Ardèche Tal der Cevennen. Gewaltige Felsbastionen ragen hunderte von Höhenmetern fast senkrecht aus den Flusstälern auf, die mit ihren wenig befahrenen kleinen Straßen ein Paradies für Radler sind.
Warum also weiter mehr als 250 Kilometer auf teuren Maut-Autobahnen nach Süden rasen, wenn man auf eine ähnliche Landschaft bereits in der Höhe von Bourg En-Bresse trifft? Schon bei Passieren der sogenannten "Burgundischen Pforte", der Rhein-Rhone-Wasserscheide, kurz hinter Belfort weiß der Reisesende: Das Ziel ist nicht mehr fern. Hinter Montbéliard – bis 1796 eine Württembergische Enklave - grüßen die ersten Juraberge, 600 bis 800 Meter hohe Gebirgszüge, flankiert vom Doubs, der seit Menschen Gedenken die Wasserstraße zwischen Rhein und Rhone bildet und heute vor allem Hausboottouristen und Fernradwanderer anlockt. Die Autobahnen Lyon/Dijon, geschickt in die Landschaft eingebettet, streifen das Juragebirge nur am Rande, so dass diese einmalige und abwechslungsreiche Gebirgslandschaft immer noch unberührt ist und wohl auch noch weiter bleibt. Weitgehend verschont von Windparks, Schnellstraßen, Logistikzentren, großen Gewerbeparks und anderen Landschaftskillern. Während im Bürokratiewahn-Land Deutschland selbst eine kleine Landstraße „Begrenzungspfähle“ haben muss, fehlen diese selbst auf vielbefahrenen Department-Straßen. Die brauchen auf diese Weise weniger Platz, fügen sich besser in die Landschaft ein; auf den durch Markierung gekennzeichneten schmalen Seitenstreifen können sogar noch Radfahrer fahren.
Die Wälder haben im Gegensatz zu Deutschland kaum Waldwege, dafür wenige gut befestigte Forststraßen, die natürlich für Radfahrer ideal sind. Die Franzosen lassen die Natur in Ruhe, während die deutsche Forstindustrie und ihre grünen Bürokraten jeden Quadratmeter Natur irgendwie kontrollieren, zerschneiden und bis auf den letzten Quadratmeter ausbeuten müssen. Bäume, die nicht der Holz-Gier zum Opfer fallen, werden dem Windpark-Wahn geopfert. Klima und Regen dürften im Schwarzwald und in der Jura gleich sein. Trotzdem ist die Jura trotz vereinzelter toter Tannen ein Naturreservat, während Schwarzwald und Taunus ruinierte Holzplanzagen sind. Nicht nur durch den Klimawandel, sondern in erster Linie durch die Umweltpolitik.
Hundeleben in der Hoch-Jura
Ein Schlüsselerlebnis in Sachen „Freiheit und Natur“ erlebten wir auf einer Radtour in der Hohen Jura, als wir in 1250 Meter Höhe auf einer kleinen Landstraße mit unseren zu Montain-Bikes umgebauten KTM-Trekking-Rädern durch ein dünn besiedeltes Hochtal radelten. Zu beiden Seiten weit verstreute von Almwiesen umgebene kleine Einzelgehöfte, die hauptsächlich Viehwirtschaft betrieben. Dahinter, vielleicht vier Kilometer entfernt, erhoben sich eindrucksvoll die höchsten Berge des Jura-Hauptkammes, allen voran der 1720 Meter hohe steil aufragende Cret de la Neige, dessen Ost-Hänge Richtung Genfer See um mehr als tausenddreihundert Meter abfallen. Ein solches Gefälle gibt es erst wieder in den Hochalpen. Am Ende des Tales lag eine Art Auberge. Die Luxusautos mit Schweizer Kennzeichen, die von dem Parkplatz wegfuhren, verrieten, dass man dort wohl ganz gut essen kann, vor allem aber wohl preisgünstiger als in der benachbarten Schweiz. Davor in gebührendem Abstand ein kleiner Rastplatz für Wanderer mit Tisch und Bänken. Wir packten unseren Proviant aus – selbstgebackenes Brot aus Deutschland, dazu Tee aus der Thermoskanne – und machten es und gemütlich.
Irgendwann sahen wir, dass sich aus Richtung Parkplatz ein mittelgroßer Hund näherte. Na, dachten wir. Da werden wohl bald Frauchen und Herrchen folgen. Der Hund kam immer näher, aber von Herrchen und Frauchen weit und breit keine Spur. Keine Leine, kein Trillerpfeifen. Der Hund war allein. Stolz hob er den Kopf, als er mit gleichmäßigen schnellen Beinbewegungen an uns vorbeilief. In seinem Maul ein großer blutverschmierter Beinknochen an dem auch noch Fleischreste klebten. Woher er kam, konnten wir nur vermuten. Wahrscheinlich vom Gasthof, wo er als beliebter „Besucher“ wohl hin und wieder am Küchenfenster vorbeischaut und dann vom Koch einen Knochen geschenkt bekommt, den er dann stolz nach Hause trägt. Wo sein „Zuhause“ war, konnten wir ebenfalls nur vermuten. Wahrscheinlich eines der weit verstreuten Einzelgehöfte. Mindestens ein oder zwei Kilometer entfernt. Irgendwann war der Hund samt seinem Präsent verschwunden. Wohin? Wir haben es nicht erfahren.
Diese Szene hatte beinah etwas Spirituelles. Lautet nicht eines der ewig diskutierten Fragen der Menschheit. Wer weiß woher wir kommen und wohin wir gehen? Diese Begegnung hat uns sehr berührt. Der Hund kam aus einer anderen Welt. Er hatte eine Art Persönlichkeit. War nicht nur Hund. Vor allem seine vollkommene Souveränität hat uns beeindruckt. Mir fiel sofort in Anlehnung an das bekannte Zitat des Sonnenkönigs der Satz: „Le chien c´est moi!“ ein. Auch dieser Hund besaß ein Reich, das Hochtal südwestlich von Lajoux. Wie groß dieses Hundereich ist, werden wir nie erfahren, aber in Hinblick seiner deutschen Artgenossen, die Tag für Tag an der Leine laufen oder sich in einem Garten bewegen, muss dieses Hundereich ein wahres Imperium sein. Wir sind ihm auf der Rückfahrt – immerhin fast 15 Kilometer - nicht mehr begegnet. Möge er noch lange unbeschadet durch das Hochtal streifen. Auf der Hinfahrt merkten wir, dass dies für Hunde auch gefährlich sein kann, als uns mit einem Affenzahn eine Gruppe Oldtimer-Fans in uralten Nachkriegs Relai-Renaults überholte.
Hiermit ist mein Reisebericht beendet. Frankreich gehört seit Jahrzehnten – eigentlich seit Jugendjahren - zu meinen Lieblingsländern. Natürlich muss man in alten Ferienhäusern immer wieder mit Überraschungen rechnen. Bei unserem vorletzten Frankreichurlaub an der Meuse, schlug mitten in der Nacht die Klotür zu und ließ sich nicht mehr öffnen. Diesmal verursachte eine defekte Herdplatte einen Kurzschluss mit totalen Stromausfall, der erst nach telefonischer Rücksprache mit dem 250 Kilometer entfernten Vermieter behoben werden konnte. Ist nicht unser ganzes Leben voller Überraschungen? Wer an deutschem Perfektionismus leidet, sollte besser nicht in Frankreich Urlaub machen. Für die anderen ist dies ein „Leben wie Gott in Frankreich“.
PS: Als ich auf der Suche nach Hundemotiven „Hund mit Knochen auf einer Landstraße“ im Netz suchte. Kam sofort ein KI-Warnhinweis, in einem Deutsch wie man es aus Polizeiberichten kennt. Willkommen in „D“, habe ich mir gedacht.









