Die Towers haben ihren zweiten BBL-Sieg verpasst. Marvin Ogunsipe traf aus 20 Metern – aber ein paar Zehntel-Sekunden zu spät.
Aus 20 Metern getroffen, aber Korb zählt nicht.
War das knapp!
Die Hamburg Towers haben den zweiten Sieg in der Basketball-Bundesliga um ein paar Zehntel-Sekunden verpasst. Das Drama in Frankfurt: Zu Ende der regulären Spielzeit steht es 71:71, die Uhr tickt runter. Marvin Ogunsipe wirft vom eigenen Freiwurfkreis aus rund 20 Metern mit dem Mut der Verzweiflung auf den Korb – und TRIFFT!
Die Türme jubeln. Aber der Dreier zählt nicht. Als die Schluss-Sirene trötet, hat der Ball Ogunsipes Hand noch nicht verlassen...
Stattdessen gibt‘s vor 4520 Fans Verlängerung. In der der Aufsteiger das Ding aus der Hand gibt – 78:83.
„Wir haben natürlich reklamiert, aber der war zu spät“, gestand Spielmacher Heiko Schaffartzik. „Aber was für ein Wurf?! Der muss in die Top 10.“ Auch Trainer Mike Taylor lobte: „Ich bin sehr froh über den Kampfgeist. Die Mannschaft hat alles gegeben.“ Allen voran Top-Scorer Marshawn Powell (20 Punkte).
ABER: 21 Turnover kosteten den Sieg. Besonders bitter war der von Schaffartzik 34 Sekunden vor Schluss. „Ein Schlüssel-Ballverlust,“ nennt es Taylor und fordert: „Wir müssen individuell stärker mit dem Ball sein.“
Das gilt auch für Schaffartzik. Der Routinier (16 Punkte) gab das Spielgerät allein sechs Mal her und versenkte nur einen von neun Dreier-Versuchen. Noch immer fehlt der Nachverpflichtung die Bindung zum Team. Andererseits trägt Schaffartzik (37 Minuten Spielzeit) nach der Entlassung von Point Guard-Kollege Kahlil Dukes die Last praktisch allein – und das nach einem Jahr Spielpause.
Hamburgs Coach bleibt gewohnt positiv. Taylor: „Wir helfen unseren Spielern, sich zu verbessern. Und werden in der Trainingshalle arbeiten.“
Aber auch Sportchef Marvin Willoughby ist gefordert, muss schnell Ersatz für Dukes finden. Wunsch-Kandidat Retin Obasohan (26, Belgien) unterschrieb gerade bei Konkurrent Bamberg.
Marvin Ogunsipe sicherte mit einem Monster-Block den ersten BBL-Sieg der Hamburg Towers. In BILD spricht er über seine Kraft-Quelle.
WUUUSCH!
Von hinten kam Marvin Ogunsipe (23) angeflogen – und ballerte den Basketball aus den Händen von Gießens Tevonn Myers (25) ans Brett. Ein Monsterblock! Der 23 Sekunden vor Schluss den ersten BBL-Sieg der Towers-Geschichte sicherte (79:75).
„Mir haben hinterher viele Leute geschrieben und gratuliert“, erzählt der 2,04-Meter-Riese. „Aber mehr zum Sieg. Der war so wichtig. Man merkt im Training, dass ein ganz neues Feuer entfacht ist. Wir haben alle gesehen, wozu wir fähig sind.“
Der Österreicher mit deutschem Pass muss es wissen: 2018 und 2019 wurde Ogunsipe mit den Bayern Meister – im Sommer ließ er sich ein Jahr von den Hamburgern ausleihen, um mehr Spielzeit zu bekommen.
Beim Liga-Krösus (Vertrag bis 2021) waren es knapp sieben Minuten pro Spiel – beim Aufsteiger sind es jetzt mehr als 20! „Mir ist wichtig, dass ich mich empfehlen kann und meine Spielanteile bekomme“, sagt Ogunsipe. „Mein persönliches Ziel ist es, ein besserer Spieler zu werden.“
Dafür schiebt der Wiener (Vater aus Nigeria) auch im Kraftraum-Extraschichten: „Ich arbeite seit dem Sommer richtig hart an meinem Körper, habe 5,5 Kilo Muskeln zugelegt.“
Seine größte Energiequelle ist allerdings Jesus. „Mein Glaube, der trägt mich. Bis zum Ende meines Lebens. Er gibt mir extrem viel Kraft.“
Ogunsipe wurde christlich erzogen. „Der richtige Glaube hat sich aber entwickelt, als ich in München war. Da ist er viel stärker geworden.“ Bayern-Kumpel David Alaba (27) nahm ihn mit in die hippe Hillsong-Freikirche, in der auch Stars wie Justin Bieber und Selena Gomez Gottesdienst feiern. „Das hat mir durch viele schwere Zeiten geholfen.“
Die Eltern von Ogunsipe und Alaba sind seit knapp 30 Jahren befreundet. „Als ich mit 18 nach München bin, hat David sich sofort bei mir gemeldet und mich von den ersten Minuten an unter seine Fittiche genommen. Nach dem Training hat seine Mutter sogar manchmal für mich gekocht. Das ist wie eine zweite Familie für mich. Und David ist wie ein großer Cousin. Ich habe viel gelernt von ihm. Privat, aber auch im Sport. Von seiner Einstellung. Er ist echt ein Vorbild.“
Bei den Towers gründete Ogunsipe mit Beau Beech, Tevonn Walker und Malik Müller einen Bibel-Kreis. „Wir treffen uns ein mal in der Woche und tauschen uns über unseren Glauben aus. Das gibt uns allen Kraft und bringt uns weiter. Als Mensch und als Basketballer. Wenn's bei mir gut läuft und andere Leute fragen warum, dann kann ich die Antwort geben: Wegen Gott.“
In Hamburg war der Center darum (positiv) überrascht, dass Trainer Mike Taylor (47) vor jeder Partie in der Kabine eine Gebet spricht: „Dass wir ein gutes Spiel haben und gesund bleiben. Als ich das das erste Mal miterlebt habe, war ich fast geschockt, richtig geflasht.“
BBL-Aufsteiger aus Hamburg startet bei Bayern München in sein Bundesliga-Abenteuer. Einer weiß ganz besonders, worauf es gegen den Meister ankommt.
Towers-Neuzugang Marvin Ogunsipe (l., mit Kevin Yebo (2. v. r.) ist vom FC Bayern ausgeliehen.
Sonntagabend um 18 Uhr begann für die Hamburg Towers am Flughafen Fuhlsbüttel das Unternehmen Bundesliga. Erstmals in ihrer fünfjährigen Geschichte flog die Mannschaft zu einem Punktspiel.
Nach der Ankunft in München hatte Trainer Mike Taylor im Hotel eine weitere Taktikbesprechung anberaumt. Montagmorgen folgt dann im Audi Dome das Einwerfen auf die fremden Körbe und Bretter. Tip-off für die Erstligapremiere beim deutschen Basketballmeister FC Bayern München ist um 20.30 Uhr (kostenpflichtiger Livestream bei Magenta Sport).
Towers-Delegation reist hinterher
„Das erste Bundesligaspiel ist schon ein besonderer Moment. Da lässt du alles noch mal Revue passieren, was in den vergangenen Jahren so geschehen ist, die schwierigen Anfänge, der Aufstieg Ende April in Chemnitz, die Meisterfeier vier Tage danach gegen Nürnberg“, sagt Sportchef Marvin Willoughby. Er fliegt mit Hauptgesellschafter Tomislav Karajica, zwölf Geschäftsstellenmitarbeitern und seinem Geschäftsführerkollegen Jan Fischer heute dem Team hinterher.
„Wenn die Bayern irgendwann keinen Spieler mehr an uns verleihen sollten, haben wir uns etabliert.“ so Marvin Willoughby, Sportchef der Hamburg Towers.
„Von zehn Spielen gegen die Bayern gewinnst du vielleicht eins. Aber am Anfang der Saison sind die Chancen oft größer als später“, sagt Willoughby. Die Bayern waren erst Mitte vergangener Woche von einem PR-Trip nach Miami (Florida) und Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, zurückgekehrt, hatten das erste Mal am Donnerstag wieder in München trainiert.
Taylors Towers fühlen sich bereit
Für die Towers endet heute Abend ihre achtwöchige Saisonvorbereitung, in der sie zwölf Testspiele bestritten, das erste davon bei Kooperationspartner SC Rist Wedel (2. Bundesliga Nord ProB). Acht gewannen sie, darunter zwei der fünf Begegnungen gegen Bundesligakonkurrenten.
„Die Mannschaft hat sich in dieser Zeit enorm entwickelt, hat die erhofften Fortschritte gemacht und ist als Team zusammengewachsen. Wir sind bereit“, sagt Taylor (47), der nach der WM in China, dort coachte er die Nationalmannschaft Polens, erst Mitte September wieder in die tägliche Arbeit einstieg. Co-Trainer Benka Barloschky (31), zugleich seit dieser Saison Chefcoach in Wedel, hatte ihn bis dahin vertreten.
Was die Towers in München erwartet, weiß Marvin Ogunsipe nur zu genau. Der 23-Jährige wurde mit den Bayern 2018 und 2019 Meister und ist an die Towers – ohne Kaufoption – nur verliehen. „Es ist schön, ihn zu haben, das zeigt aber auch die Kräfteverhältnisse in der Liga“, sagt Willoughby. „Wenn die Bayern irgendwann keinen Spieler mehr an uns verleihen sollten, haben wir uns in der Bundesliga etabliert.“
Towers-Kluft zu den Bayern ist zu groß
Flügelspieler Ogunsipe, Vater Nigerianer, Mutter Österreicherin, seit September 2018 auch im Besitz eines deutschen Passes, kam in der vergangenen Saison für die Bayern in 27 Bundesligaspielen zum Einsatz, im Schnitt 6:57 Minuten pro Partie, und erzielte 43 Punkte. „Die Bayern haben von der Qualität her den besten Kader der Bundesliga, sind auf jeder Position doppelt bis dreifach besetzt. Es gibt keine Schwachpunkte. Da muss schon 40 Minuten lang bei uns alles stimmen, da darf keine Sekunde die Konzentration nachlassen, wir müssen Herz und Leidenschaft zeigen, alles muss optimal laufen, wenn wir eine Chance haben wollen“, sagt Ogunsipe.
Hoeneß führte Bayern-Basketballer nach oben
Was den gebürtigen Wiener an seinem Stammverein besonders beeindruckt, „ist die Professionalität, die im Club herrscht“. Die Spieler können sich auf Basketball konzentrieren, im Hintergrund wird vom Management und den Mitarbeitern alles für sie gemacht. Ohne Präsident Uli Hoeneß (67), sagt Ogunsipe, „stünden die Bayern-Basketballer nicht da, wo sie jetzt sind, an der deutschen Spitze“.
Dass sie es aber in der EuroLeague, einer Art Vereins-Europameisterschaft mit künftig 18 Teams, wie bisher alle anderen deutschen Clubs nicht in die Play-offs der besten acht geschafft haben, werde wohl weitere Anstrengungen auslösen. „Die Bayern wollen auch in Europa zu den Topteams gehören“, sagt Ogunsipe. Mit rund 25 Millionen Euro ist der Etat bereits heute etwa fünfmal höher als der der Towers. Und die Kluft wird weiter wachsen.
Ogunsipe ist mit Alaba befreundet
Die Münchner Fußballprofis, sonst oft Gast im Audi Dome, werden das Spiel gegen die Towers verpassen. Sie sind auf Dienstreise nach London zum Champions-League-Spiel bei den Tottenham Hotspurs. Mit seinem österreichischen Landsmann David Alaba ist Ogunsipe seit seiner Kindheit befreundet, beide Eltern kennen sich seit 30 Jahren.
„Als ich mit 18 nach München kam, hat sich David immer um mich gekümmert“, sagt Ogunsipe. Überhaupt sei der FC Bayern eine große Familie. Aber auch die Zusammengehörigkeit bei den Towers habe ihm von Beginn an imponiert. „Wir sind ein sehr gutes Team“, sagt er.