Bremsklotz Versagensangst
Weshalb auch die Stärksten mal aufgeben.
Für Thomas Kleinau ist es ein klassischer Tag im Büro: Konzepte erstellen, Akquise betreiben und vieles mehr. Um Punkt 14 Uhr fühlt er sich schlecht. Sein Kopf dröhnt, aber er sagt sich: „Du musst das Konzept jetzt fertigstellen.“
Sein Magen rebelliert, aber er ermahnt sich wieder: „Du musst noch diese sechs Kunden anrufen.“ Sein Unwohlsein nimmt migräneartige Züge an. „Kein fertiges Konzept, keine erledigten Kundenanrufe – ich habe verloren“, denkt Thomas schließlich über sich selbst. Er fühlt sich nicht nur körperlich schlecht. Sondern auch mental.
Dieser Zustand kehrt zu Beginn seiner Selbstständigkeit in einem wöchentlichen Turnus wieder: Schließlich erzählt er seinem Coach Katja davon, dass er regelmäßig unter solchen körperlichen Beschwerden leide. Seine Selbstdiagnose lautet: zu viel Druck.
„Thomas, woher kommt dieser Druck?“, fragt Katja.
„Den mache ich mir selbst“, antwortet er.
„Wozu?“, will Katja wissen.
„Wozu? Keine Ahnung“, sagt er leicht resigniert.
„Was muss denn unbedingt passieren?“, will Katja wissen.
„Ich muss auf jeden Fall neue Kunden gewinnen und mein Business ins Laufen bringen“, antwortet Thomas prompt.
„Was, wenn das nicht funktioniert?“, fragt Katja dann. Schweigen.
„Das wäre eine Katastrophe.“
„Weshalb?“, erkundigt sich Katja.
„Weil ich dann meine Selbstständigkeit aufgeben und zurück in ein Angestelltenverhältnis müsste. Und viel schlimmer noch wären all die Stimmen, die dann sagen würden: Ha, der Kleinau hat versagt.“
Der Bremsklotz Versagensangst legt sich still und leise in den Weg. Er vergiftet engagierte Gedanken, hemmt selbst die motiviertesten Köpfe und bringt Menschen an ihre mentalen Grenzen. Versagensangst kann viele Gründe haben.
Das Wort ist mächtig. Seine Wirkung immens. So kann einen die Angst schon bei kleinen Dingen wie Akquise-Telefonaten oder Abschlussfragen voll ausbremsen.
Ein Gedanke, der alles stoppt.
Ob Menschen sich aufrappeln und liegen bleiben ist eine Sache der Perspektive. Olymp oder Scheiterhaufen. Welchen Einfluss die persönliche Perspektive haben kann, zeigt die folgende Geschichte.
Hawaii im Oktober 2005. Der deutsche Triathlet Norman Stadler ist auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit und hat größte Chancen, den schwierigsten Triathlon der Welt, den Ironman Hawaii, zum zweiten Mal hintereinander zu gewinnen.
Nach einer super Schwimmleistung ist er auch auf dem Rad schnell dabei, sich ganz nach vorne zu arbeiten. Plötzlich macht es „pfff“. Norman hat einen Plattfuss. Aber kein Problem für den Triathleten. Er ist auf solche Dinge mental vorbereitet. Er ist ein Profi.
Der Materialwagen ist rasch zur Stelle und das Laufrad flink gewechselt. Weiter geht’s, den Rückstand auf die Spitze zu minimieren. Norman weiß, er hat das Zeug, auf „Big Island“ zu gewinnen. Seine Beine fühlen sich gut an, er ist höchst konzentriert und er spürt, dass er in den letzten Monaten alles richtig gemacht hat.
Kurz darauf steht der Topfavorit Norman Stadler am Straßenrand und sagt: „I’m done. I have no power.“ Innerhalb eines Wimpernschlags gelingt es ihm nicht mehr, auf seine mentale Stärke, Willenskraft und körperliche Leistungsfähigkeit zuzugreifen. Doch warum?
Der Auslöser hätte banaler nicht sein können. Der Live-Kommentator des Rennens beschreibt die Situation am Bildschirm mit den Worten: Zwei Platten in einem Rennen sind einfach zu viel.
Erfolg ohne Erfahrung.
Im Juli 2014 macht sich ein junger Mann in Frankfurt auf, das erste Mal einen „Ironman“ zu bestreiten. Zwar hat er keine Ahnung, was ihn körperlich und mental bei diesem Ausdauerrennen erwartet, aber er ist im Triathlon kein unbeschriebenes Blatt. Er ist der erste deutsche Triathlet, der sich bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille sichern konnte. Sein Name ist Jan Frodeno.
Der Startschuss fällt. Jan Frodeno kommt als Erster aus dem Wasser und macht sich auf, seinen Vorsprung auf die Verfolger auszubauen. „Pfff.“ Jan hat einen Plattfuß. Genau wie Norman ist er auf den Plattfuß mental gut vorbereitet.
Kaum ist für Ersatz gesorgt, kämpft sich Jan wieder nach vorne. Als der Rückstand aufgeholt ist, will er sich ein wenig für den anschließenden Marathonlauf schonen. Das hätte auch funktioniert, wäre da nicht dieses Geräusch „pfffff“.
Zwei Platten in einem Rennen sind einfach zu viel, hieß es in Hawaii. Nicht aber in Frankfurt. Nicht für Frodeno. Kaum ist der Defekt behoben, geht die Aufholjagd los. Den verlorenen Boden gut machen.
Es hätte reibungsloser laufen können, beim bei der Ironman Premiere. Manch´ einer hat in einem ganzen Jahr zwei Plattfüße. Jan hat zwei innerhalb weniger Minuten. Außenstehende denken: „Es kann nicht viel schlimmer kommen.“
Nachdem der Rückstand mit viel Aufwand minimiert wurde, hört Jan ein ihm unsympathisches aber sehr vertrautes Geräusch. Pffff. Der dritte Plattfuß an einem Tag.
Spätestens jetzt keimt in vielen Zuschauern der olympische Gedanke: „Dabei sein ist alles.“
Alle guten Dinge sind drei – oder das Gegenteil.
Den Vorsprung der Spitze dreimal hintereinander aufzuholen, kostet nicht nur extrem viel Muskelkraft, sondern auch reichlich mentale Stärke. Das „Platten-Triple“ beschert Jan einen Rückstand auf die führenden Fahrer von 20 Minuten. Das ist beim Langdistanztriathlon nicht nur eine Welt, sondern gleich ein ganzes Universum.
Er kann sein Pech nicht mehr abstreifen, denn die anstrengende Aufholjagd auf dem Rad macht sich auf der Laufstrecke bemerkbar. Er bekommt Krämpfe. Während seine Konkurrenten an den Verpflegungsstationen mit ca. 15 km/h durchrauschen, muss Jan zu Fuß gehen. Allein diese Tatsache kostet ihn weitere 1 bis 2 Minuten Abstand zur Konkurrenz.
Als er ins Ziel kommt, ist er total erschöpft. Er hat körperlich alles gegeben. Und er ist auch mental an seine Grenzen gestoßen. Für viele ist es selbstverständlich, dass ein Athlet mit so viel Pech nicht in die Top Ten gehört. Vielleicht beim nächsten mal.
Aber Jan Frodeno ist anders. Er hat nicht nur bis zum Schluss fast alle Konkurrenten auf der Laufstrecke wieder ein- und sogar überholt, sondern er hat sich auch den dritten Platz der Gesamtwertung sichern können.
Was unterscheidet jetzt diese zwei Weltklasseathleten? Was bringt den einen zur Verzweiflung, während der Andere über sich hinaus wächst?
Vielleicht gibt es gar keinen Unterschied. Was, wenn nur eine Sache darüber entscheidet, ob Athleten im Sport oder Führungskräfte im Unternehmen all ihre Ressourcen anzapfen können? Um all ihre Kompetenzen erfolgreich auszuspielen.
Lieber tot, als Zweiter.
Dieser entscheidende An- und Ausschalter hat einen Namen: Perspektive. Auf dem Weg, einen Ironman zu gewinnen, passen zwei Platten gar nicht ins Konzept. Möglicherweise dachte Norman: „Mit zwei Plattfüßen ist es unmöglich, dieses Rennen zu gewinnen.“
Dann hat vielleicht auch bei ihm das Motto vieler Leistungssportler unbarmherzig zugeschlagen: „Lieber tot, als Zweiter.
Denn würde er als Vorjahressieger dieses Mal nicht als Erster die Ziellinie auf Big Island Hawaii überqueren, wäre er ein Verlierer. Der Bremsklotz ist seine Perspektive. Die Perspektive der Bremsklotz. Als Titelverteidiger versagt!
Die Angst vor dem Versagen versperrt uns in Sekundenbruchteilen den Zugriff auf unsere mentale Stärke und unsere Willenskraft, mit denen wir Ziele erreichen können.
2006 hat Norman Stadler den Ironman Hawaii dann doch ein zweites Mal gewonnen. Er hat mit diesem Sieg allen gezeigt, wie man an Krisen wachsen kann: Intensiv an sich arbeiten, Probleme als Wachstumschancen erkennen und das eigene Potenzial weiter ausschöpfen.
Als Jan Frodeno im Oktober 2014 beim Ironman auf Hawaii startet, hat er wieder einen Platten und erhält zusätzlich eine Zeitstrafe von vier Minuten. Auch hier wiederholt er das Kunststück, seinen Kopf über seinen Körper entscheiden zu lassen.
Jan läuft den schnellsten Marathon und sichert sich den dritten Platz. Im anschließenden Interview gibt er folgendes Statement ab: „Was hat denn ein platter Reifen mit dem Ergebnis zu tun?“
Vielleicht haben Sie bei allem Erfolg auch ab und zu einen Blockbuster der Sie blockiert.
Persönliches Kopfkino. Welches uns hemmt, den nächsten Schritt zu tun.
Abhilfe schaffen können manchmal ganz einfache Dinge. Den Dialog mit uns selbst neu schreiben. Die Fragen im Kopf einfach drehen.
Eine Frage der Perspektive – oder die Perspektive einer Frage
Die Zweifler fragen sich: „Was passiert, wenn ich diesen Kunden nicht gewinne? Wer bin ich, wenn ich ein NEIN kassiere?“
Die Mutigen fragen sich: „Wer bin ich, wenn ich es nicht versuche?“
Die Zweifler fragen sich: „Was denken die anderen, wenn ich scheitere?
Die Mutigen fragen sich: „Was würden mir die Menschen sagen, die mich fördern, schätzen und lieben?“
Die Zweifler fragen sich:„Ist diese Aufgabe nicht eine Nummer zu groß für mich?“
Die Mutigen fragen: „Wie meistere ich diese Aufgabe? Und mit wem?“