Eye-Track und Feel oder ein Schiffbruch mit Reader? Der SPIEGEL erklärt die Zukunft des Lesens.
Eine Notiz von Ben Kaden (@bkaden).
Korrektur und Anmerkung (11.12.2014): Ein aufmerksamer Leser dieses Beitrags teilte mir mit, dass die Autoren des Artikels zur Zukunft des Lesens keinesfalls Jahrgang 1985 sondern Abiturjahrgang 1985 sind. Ein Blick in die Hausmitteilung der Digitalausgabe bestätigt dies. Hauke Goos und Claudia Voigt sind folglich auch nicht in die Altersgruppe zu rechnen, die man als Digital Natives bezeichnen kann. Der entsprechende Einschub zu Beginn meines Kommentars ist daher falsch. Der Vergleichsbezug zum Alter des Redakteurs des Beitrags aus dem Jahr 1999 läuft daher ins Lehre. Ich bedauere den Verleser und frage mich zugleich, ob meine Notiz anders geschrieben worden wäre, wenn ich mir bei der Lektüre des SPIEGEL-Artikels nicht zwei noch eher junge JournalistInnen vorgestellt hätte, die mutmaßlich Digital-Native-typisch sozialisiert wurden, sondern Vertreter aus einer weit früheren Generation, die umso bewusster bestimmte Schritte der Einführung des Digitalen in den Umgang mit Texten erlebt hat.
--------------------------------------- Vor etwa 15 Jahren gab es ein SPIEGEL-Spezial (10/1999) mit dem schönen Titel „Die Zukunft des Lesens.“ Das ist deshalb bemerkenswert, weil das Titelthema der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe (50/2014) denselben Titel trägt (der Artikel selbst titelt mit einem trägen Kalauer) und uns im Untertitel schon über die sportlichen Merkmale dieser Lesekultur informiert: „Schneller, besser, sinnlicher.“
Die Redakteure der Story – Hauke Goos und Claudia Voigt – sind, wie die Hausmitteilung zum Hefteinstieg mitteilt, Jahrgang 1985, also in etwa Mitglieder der Kohorte „Digital Natives“ und liefern einen schönen Rundgang durch aktuelle Positionen des Lesediskurses.
Stabil ist nach wie vor die Konkurrenzsetzung von E und P. im Jahr 1999 schrieb der Redakteur Alexander Jung (damals: 33):
„Als Darstellungsmittel, das die Sinne anspricht, scheint das konventionell bedruckte Papier unschlagbar zu sein - bislang jedenfalls.“ (Jung)
Hauke Goos und Claudia Voigt berichten im Dezember 2014:
„In einer Studie der Universität Mainz aus dem Jahr 2013 gaben alle 56 Teilnehmer an, dass gedruckte Texte für sie angenehmer zu lesen seien. Angenehmer, das heißt vor allem: Die Leser genießen es, eine Seite zwischen den Fingern zu spüren, sie wollen das Buch anfassen, es riechen können, sie wollen das Geräusch hören, wenn sie eine Seite umblättern, sie wollen ein Gefühl dafür behalten, wie viele Seiten sie bereits gelesen haben und wie viele noch vor ihnen liegen.“ (S.66)
Das Lesen ist also nach wie vor an die Sinnlichkeit gebunden. Die wird allerdings, so informiert Andreas Dengel, Experte für so genannte Wearable-Reading-Systeme und zwar in Form der in jeder Hinsicht kinderleichten Lesebrille „SMI Eye Tracking Glasses“, jetzt gewandelt. Er verspricht ein „Lesen mit allen Sinnen“ und die beiden Autoren des Artikels fragten an dieser Stelle leider nicht nach, welcher Sinn hier noch dazu kommt.
Liest man die Einleitung noch einmal, versteht man aber was gemeint ist: der digitale, extrahumane Sinn eines Rechensystems. Denn Eye Tracking bedeutet, dass der Lesende gleichzeitig von der Maschine gelesen und der Text ihm adaptiv für sein Leserverhalten aufbereitet und angereichert vorgesetzt wird:
„Fast alles ist möglich: Statt simpler Worterklärungen sind, je nach Thema, auch Landkarten denkbar, oder Aussprachehilfen, Info-Grafiken, ein 3-D-Bild vielleicht.“ (S.65)
Es ist natürlich nicht so, dass es Buchillustrationen oder Pop-Up-Bücher nicht bereits analog gab. Die dematerialisierte Welt erfindet sie jedoch flexibler neu.
Das große Problem des Artikels von Hauke Goos und Claudia Voigt scheint mir darin zu liegen, dass sie eine zentrale Prämisse des elektronischen Lesens und der damit verbundenen und unvermeidlichen Bindung an eine zusätzliche Vermittlungstechnologie weder sonderlich reflektieren noch hinterfragen. Sie statuieren fast präskriptiv einfach Umweltzwänge:
„Wir können digitale Texte […] nicht ohne Hilfe eines Computers verstehen. Das Lesen ist nur noch mithilfe einer Maschine möglich.“ (S.71)
und:
„Wir werden in Zukunft, weit mehr als bisher, auf Maschinen angewiesen sein, wenn wir lesen und uns informieren wollen. Es wird weit mehr als bisher um Effizienz gehen, darum also, wie wir die knappe Zeit, die wir zur Verfügung haben, so gut wie möglich nutzen.“ (S.66)
Ist also Spritz-basiertes Speed Reading das, was unseren Lesefluss lenken wird? Und wenn ja, wohin? Kurz mal einen Schritt zurückgetreten fragt man sich, gut versorgt mit Zeit und Text jeder Sorte: Warum sollte man das wollen? Warum soll ich mein Lesen ändern? Bitte ein Argument.
Der Artikel, das muss man ihm zugestehen, wird im Verlauf etwas differenzierter und unterscheidet immerhin Deep Reading (nach Maryanne Wolf) und das „informierende Lesen“. Gerade deshalb verwundert es, wenn sie später weder auf die Kosten-Leistungs-Rechnung der Leseökonomie zurückfallen und schreiben:
„Beim Lesen müssen wir denken, das Gehirn arbeitet – die Schrift ist gewissermaßen die Verpackung des Textes. Lesen bedeutet Auspacken; für das Gehirn bedeutet es, anders als beim Sprechen, eine zusätzliche Komplexitätseben. Deshalb verursacht Lesen Kosten. Kosten und Ertrag werden künftig die entscheidenden Variablen sein, wenn über die Zukunft des Lesens zu reden ist.“ (S.68)
Da wir aber nicht künftig, sondern heute über die Zukunft des Lesens reden bzw. lesen, kann man diese Passage eventuell auch unkommentiert stehen lassen.
Lieber blicken wir noch einmal zurück. Denn die Prognosen des Jahres 1999 können wir ja heute – in der Zukunft dieser Zeit – ganz gut bewerten. Interessant ist zum Beispiel eine Aussage zum Verlagsmarkt.
„Die Verlage, so besagt es der Trend, werden sich wandeln von Schriftproduzenten zu Vermarktern von Inhalten. Und auch der Leser wird eine neue Rolle bekommen: Er ist nicht mehr nur der Konsument von Informationen, sondern wird zum interaktiven Nutzer, auf den die Inhalte zugeschnitten sind. Seine individuelle Nachfrage steuert das Angebot.“ (Jung)
Für wissenschaftliche Verlage trifft der erste Teil weithin zu. Sie leben nicht mehr von der Produktion von Printprodukten. Ihr Geschäft basiert auf der Kontrolle von Zugang- und Nutzungsmöglichkeiten von Inhalten. Der jüngste Fall von Nature zeigt auch, wie weit diese beiden voneinander entfernt liegen können. Individuelle Nachfrage spielt dagegen hier genauso wie im Publikumsmarkt nur eine Nischenrolle.
Wo diese Verlage digitale Geschäftsmodelle ausprobieren, so zum Beispiel der Hanser-Verlag mit der Hanser Box, da fällt noch etwas anderes auf:
„Lektoren haben sich über die Texte gebeugt, sie wurden Korrektur gelesen und layoutet, wie es sich gehört.“ (Goos, Voigt, S.69)
Rhetorisch spannend gesetzt ist das flapsige „wie es sich gehört“, das bestimmte Verlagsdienste als Normzustand festschreibt, die die digitale Rundumoptimierung im wissenschaftlichen Verlagswesen ziemlich reduziert hat. Andererseits ist die Stärke von ePub (und eine große Herausforderung für elektronische Ausgaben gehobener Traditionsliteratur, zum Beispiel von Lyrik, vgl. Alter, 2014), dass es kein fixiertes Layout mehr geben muss bzw. sogar soll. Eventuell spart man hier also an der falschen Stelle nicht, ist doch die volle Darstellungsflexibilität ein zentraler Vorteil der ePub-Publikation.
Es gibt noch eine Reihe weiterer sonderbarer Einschätzungen in der SPIEGEL-Geschichte. Beispielsweise wenn Sascha Schröder vom Max-Planck-Institut in Berlin (welches wird nicht kontextnah erwähnt, sondern drei Seiten vorher als Krumen bei Andreas Dengel ausgestreut, aber man ahnt, dass es sich um das für Bildungsforschung handelt) mit der Einschätzung referiert wird:
„Auch wer seine Zeit überwiegend auf Facebook, Twitter und What’sApp [sic!] verbringt, liest. Und je mehr wir lesen, desto besser können wir lesen und, und desto bewusster lesen wir.“ (Goos, Voigt, S.68)
Die eigene Erfahrung, die zugegeben sehr vorgeprägt ist, sieht eher keine gegenseitige Befruchtung von Chatnachrichten und Fließtexten, da Social-Media-vermittelte Textsplitter eher Mündlichkeit simulieren und mit eigentlichen Schriftstücken nur die Zeichen teilen. Es sind im besten Fall sehr interessante und kreative Ausprägungen der Flexibilität von Schreibe- und Lesekompetenzen. Aber als Substitut für Longread-Artikel doch kaum geeignet. Die vielleicht, glaubt man Henning Lobin und wie ihn die Spiegel-Redakteure zitieren, auch gar keine Zukunft haben:
„Unsere Gehirne passen sich den Bedingungen des digitalen Lesens und Schreibens an […]“ (S.71)
Diese Bedingungen sind (1) sozial (man vermisst übrigens das Schlagwort „Social Reading“ im Artikel), (2) multimedial (besser wäre hier vielleicht: multimedial ergänzt, denn so manche Medienform wird anders als lesend erfasst) und (3) hybrid (hier in der Bedeutung: maschinenvermittelt)
Hauke Goos und Claudia Voigt leiten daraus ab:
„Künftig werden wir immer weniger linear lesen. […] Wir erschaffen die Reihenfolge selbst, wir werden quasi zu Ko-Autoren eines Textes, und die großen Player des Internets, ob Amazon, Google oder Facebook, werden versuchen, uns dabei nach Kräften zu unterstützen.“ (S.72)
Nett von ihnen… Ab und an verliert sich offenbar sogar ein Spiegel-Titeltext in den Holprigkeiten eines Schüleraufsatzes, dem man anmerkt, wie ihm ein Gegenstand zu groß wird. Oder an dem man zu erkennen glaubt, wie bei einem Nachrichtenjournal die Schlussredaktion ein wenig sehr abgelenkt scheint. Direkt in der Spalte daneben finden die beiden Redakteure nämlich:
„Wir erwarten nicht, dass unser Gelesenes von anonymen Mächten gleichsam mitgelesen wird zum Zwecke der ausbeutbaren Ausdeutung. Dass die Giganten des Internets, sie mögen Amazon, Google oder Facebook heißen, immer mehr über uns wissen, ohne dass wir besonders viel über sie wüssten. […] Das kann niemand wollen.“ (S.72)
Warum, fragt ein Leser, sollen wir uns dann aber als Ko-Autoren in einen Text einbringen, bei dessen Fassung uns genau dieselben Akteure unterstützen? Weil es trotzdem nützlich ist und in der persönlichen Kosten-Ertrag-Bilanz besser punktet?
Wie kostbar klar war die e-und-p-Welt doch im Oktober 1999:
„[W]er heute im Netz surft, druckt häufig das Gefundene erst mal aus - selbst Bill Gates kann es nicht lassen. "Dann kann ich es mitnehmen und mit Anmerkungen versehen", gesteht er. "Es ist noch eine hohe Hürde für die Technik, diesen Level an Nützlichkeit zu erreichen." (Jung)
Das was heute im Netz an Kommunikationen relevant ist, kann man nur noch oft sehr umständlich ausdrucken und will es meist gar nicht mehr. (Zum Beispiel hat man das Smartphone da, aber eben keinen Drucker.) Zugleich ist gibt es nach wie vor (eventuell sogar immer häufiger dank adaptiver Abbildungsoptionen und angeschlossenen Mehrwertdiensten) erfolgreiche Fließtextdomänen, die jedoch in der Regel sehr behutsam, fast respektvoll mit traditionellen Leseformen umgehen.
Und es gibt eine Handvoll anders engagiert Experimetierende wie Jo Lendle von Hanser, Maik Maurer von Spritz, Henning Lobin vom ZMI der Universität Gießen und Andreas Dengel vom DFKI, die aus unterschiedlichen Gründer innovationsvorreitend die Zukunft des Lesens interpretieren.
Letztlich bleibt die Position Jo Lendles – „gedruckt und digital“ – in gewisser Weise die vernünftigste und, nach bisheriger Erfahrung, zeitstabilste. Das ist sicher auch kühler Kalkulationskompetenz geschuldet. Und selbstverständlich muss er sich als Literaturverleger zwangsläufig auf eine bestimmte Sorte von Texten festlegen, während der Artikel insgesamt alle möglichen Varianten von Lesbarem wild durcheinanderwirbelt, wo ein bisschen analytische Trennschärfe auch mehr Einsicht versprochen hätte. Wer ein in die e-Fassung von Life of Pi textintegriertes Glossar zur Erklärung von piscine (das Schwimmbad) als zukunftsweisend für das Lesen zur Titelgrafik erhebt, muss das vielleicht sogar.
So steht am Ende eines Spiegel-Titelgeschichte im Dezember 2014 nur eine immergrüne und immerversöhnliche Banalität:
„Eigentlich ganz einfach. Lesen ist Kontaktaufnahme: zum Autor, zu Figuren, zur Welt. Und daran wird sich nichts ändern. Es geht um Begegnungen.“ (S.72)
Wer will da schon widersprechen? Aber geht es darum bei dem "schneller, besser, sinnlicher" des Lesens in den kommenden Zeiten. Nun ja. Wie las man 1999:
"Die technischen Dinge sind zwar gelöst", sagt MIT-Forscher [Joseph] Jacobson. "Die Frage ist, ob die Menschen schon bereit sind für einen ganz neuen Weg, Informationen zu lagern und zu lesen.“ (Jung)
Oder vielleicht: Bereit für einen überlegten, ihrer Zeit (und dem Wissen ihrer Zeit) angemessenen und zielführenden Weg, darüber zu schreiben.
(Berlin, 08.12.2014)
Alexandra Alter (2014) Line by Line, E-Books Turn Poet-Friendly. In: New York Times, 14.09.2014, A1, http://www.nytimes.com/2014/09/15/arts/artsspecial/line-by-line-e-books-turn-poet-friendly.html?_r=0
Hauke Goos, Claudia Voigt (2014) Lesen und lesen lassen. In: Der Spiegel, 50/2014, S. 65-72
Alexander Jung (1999) Rilke elektronisch. In: Spiegel Special, 10/1999, S.12-19, http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-14851795.html
+ weitere Artikel mit dem Titel (Die) Zukunft des Lesens (Auswahl):
Gerrit Bartels (2012) Die Zukunft des Lesens. In: Tagesspiegel. 08.10.2012 http://www.tagesspiegel.de/meinung/eroeffnung-der-frankfurter-buchmesse-2014-die-zukunft-des-lesens/10805280.html (Kernaussagen: Das E-Book kommt, der stationäre Buchhandel wird es schwer haben.)
Santiago Campillo-Lundbeck (2001) Zukunft des Lesens. In: HORIZONT, 26.07.2001 (Hauptthema: Elektronisches Papier)
Kölner Express (2012) Die Zukunft des Lesens. In: Kölner Express, 27.09.2012 (Kernaussage: E-Books werden die neue Art des Lesens 50% [der Befragten einer Studie])
Maike Schiller (2008) Die Zukunft des Lesens. In: Hamburger Abendblatt, 31.07.2008 (Kernaussage: „Die Wahrscheinlichkeit allerdings, dass das Buch deshalb ausstirbt, die ist gering. Seine Sinnlichkeit lässt sich nicht ersetzen.“)
Ferdinand von Schirach (2010) Die Kunst des Weglassens. Warum das iPad die Zukunft des Lesens ist. [angekündigt im Inhaltsverzeichnis als: Die Zukunft des Lesens] In: Der Spiegel, 15/2010. (Kernaussagen: „Werden wir Bücher auf dem iPad lesen? Ja, natürlich.“ Und: „Wir können die Dinge nicht aufhalten, sie sind schneller als wir.“)
Lothar Schröder (2011) Die Zukunft des Lesens. In: Rheinische Post, 19.12.2011 (Kernfrage: „Wird es in wenigen Jahren nur noch elektronische Bücher geben?“ Stimmung: „Der klassische Buchhandel ist in seiner Existenz bedroht.“)















