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Nr.14
Meerjungmann und Nic
Wind bleibt aus. Wir sind hungrig und müde. Lange klare sonnige Tage auf hoher See zehren an uns, verbrennen uns, nichts zu machen, der Motor ist tot, die Ruder verloren, kein Festland in Sicht. Mein Freund schläft tief, ich weiß nicht, ob er noch atmet. Ich …
„Hey! Ihr da! Ihr seht ja grauenhaft aus!“
… selbst bin auch halbtot, beneide seinen tiefen Schlaf, ich spiele mit dem Gedanken, ein paar Schlücke salziges Gift …
„Hört ihr nicht? Hier geht´s lang, wenn ihr ein Wunder sehen wollt! Hier, hey!“
… gebe die letzte Flüssigkeit in mir frei und gebe mich dem ewigen Nichts hin …
„Mann, da treibt mal Gesellschaft vorbei und man macht sich schon Hoffnungen und dann sind es doch wieder nur die gleichen, muffigen Lumpen und Leichen.“
… mein Blick ist glasig, die Sonne blendet von allen Seiten …
„Ey! Du da! Du Ficker, guck mal nach links, du einsamer Ficker!“
Ich drehe mich zu dem Meerjungmann um, der da neben mir auf einem funkelnden Korallenriff faulenzt.
„Was willst du!? Ich führe hier einen inneren Monolog!“, schnauze ich.
„Oh entschuldige, ich wollte dich nicht unterbrechen. Dachte nur du würdest vielleicht ein Gespräch mit einem echten Lebewesen vorziehen, aber wie dumm von mir. Nur ein dummer Fischjunge, hmm? Dein Kumpel hat übrigens schon lange das Zeitliche gesegnet, nur falls dich das interessiert.“
Scheiß Kröte labert mich voll mit passiv aggressiven Vorwürfen. Man würde meinen, so etwas ließe man zurück, wenn man sich entscheidet, die hohe See zu ehelichen.
„Lass mich in Ruhe, du Kreatur des Teufels, schwimm weg, such dir´n andren Seemann zum Verführen.“
„Uh, da hat aber jemand eine Laune. Wollen wir nicht versuchen, dich wieder aufzupäppeln, wie wäre das? Und wen nennst du eigentlich Seemann, das ist ja wohl nicht gerade die Black Pearl, auf der du deinen toten Kumpel rum schipperst. Sieht eher aus wie ein geliehenes Motorboot.“
„Pfff, Black Pearl. Wusste nicht, dass Fische auf Fluch der Karibik abfahren.“
Das hat ihn wohl gekränkt. Er hat sich abgewandt und pult verhalten an seinen Schweif-schuppen. Scheiß Empathie, jetzt tut er dir Leid, du Weichling. Ich greife mich an seinem Korallenriff fest und ziehe mich rüber zu ihm. Mein Gewicht ist kaum zu halten, meine Beine liegen lahm auf dem Boot, mein Oberkörper hängt über dem Wasser. Er sieht mir zu, heimlich schielt er rüber, weiter pulend.
„Hilf mir mal, Fischjunge!“, sage ich.
„Dir ist nicht mehr zu helfen.“, murmelt er.
„Tut mir Leid, Scheiße! Tut mir Leid, ich wollte deine Gefühle nicht verletzten, war nicht meine Absicht. Willst du mich jetzt sterben lassen? Kannst du das mit deinem Gewissen vereinbaren?“, krächze ich, meine Hand zittert, meine Fingerkuppen kribbeln taub.
„Wer sagt, ich hätte ein Gewissen? Ich bin doch nur eine Kreatur des Teufels.“
„Da trifft man einmal ein Wunder der Natur, eine fleischgewordene Kreatur aus der populären Mythologie und dann ist es nicht nur ein Mann, sondern auch noch einer von der zickigen Sorte!“, röchele ich.
Er wendet sich entschieden um, mit einem „Peh!“.
„Komm schon… Du musst doch auch einsam sein, hier auf deinem kleinen Riff.“, sage ich.
Er sieht mich immer noch nicht an. Ich lasse mich ins Wasser fallen. Es ist lauwarm, ich schlucke es, atme es, dann zieht mich das Arschloch aus meinem salzigen Suizid an die Oberfläche.
„Mein Gott, du spinnst ja völlig!“, kreischt er. „Weißt du nicht, wie egoistisch das ist? Selbstmord? Was, wenn jemand sauer auf dich ist, drohst du einfach damit, dich umzubringen?“
Ich göbele das Salzwasser aus. „So ungefähr, ja.“, pruste ich.
„Oh, sehr witzig, na immerhin kannst du immer noch drüber lachen. Krankes Arschloch.“, er gibt mir ein paar Klapse auf den Rücken. Ich schaue zu ihm hoch. Er schaut mich kopfschüttelnd an, dann lächelt er.
„Was machst du hier eigentlich?“, frage ich.
„Chillen… Du?“
Ich muss lachen. Was für ein Typ. Ich will ihn fragen, ob er irgendwelche heißen Meerjungfrauen kennt, aber ich will seine Gefühle nicht schon wieder verletzen, deshalb schweigen wir eine Weile. Er mustert mich.
„Frag schon.“, sagt er schließlich.
„Was soll ich fragen?“
„Na, wie ich mich fortpflanze, ob ich einen Penis habe, ob Meerjungfrauen Vaginas haben, die übliche Leier eben.“, antwortet er, Augen rollend.
„Muss nerven, immer die gleichen dummen Fragen zu beantworten, Erwartungen und so weiter.“, sage ich.
„Du machst dir keine Vorstellungen. Frauen sind die Schlimmsten. Man rettet sie aus den Tiefen, schleppt sie an die Oberfläche, wo sie ihre sterbender-Schwan-Routine durchziehen und dir mit Hohlkreuz ihre Brüste ins Gesicht strecken und wenn sie dann bereit sind, machen sie langsam die Augen auf und schauen dich verliebt an. Ich weiß genau, was sie denken, ein Traum wird wahr! Ich träume! Und dann wollen sie von mir vergewaltigt werden. Bah!“
„Was für ne Scheiße!“, lache ich. Er lacht mit. „Und dann?“, frage ich, er hat meine Neugier geweckt.
„Dann ficke ich ihnen die Seele aus dem Leib!“, brüllt er. Ich pruste laut aus, hätte ich Spucke, könnten wir uns jetzt an einem kleinen Regenbogen erfreuen. Er gibt mir einen Klaps auf die Schulter, lacht laut schallend immer abwechselnd hoch quiekend und tief hallend.
„So lob ich mir das.“, gluckse ich. „So lob ich mir das…“
„Du musst bestimmt am verhungern sein.“, sagt er, nachdem wir uns wieder beruhigt haben.
„Ich könnte ein Bento für zwei verdrücken.“, sage ich.
„Wie wär´s mit Kaviar?“, sagt er.
Zwei Wochen später kommt ein Schiff vorbei. Marie Louise steht in großen, roten Lettern auf dem frisch gestrichenen Holz. Eine halb nackte Frau ziert den Bug. Björn, der Meerjungmann, stupst mich von der Seite an, mit seiner Flosse. Ich erwache aus einem hungrigen Schlaf, mein Magen klingelt und vibriert, wie es mein Handy früher getan hat.
„Flosse weg, Mann, wie oft muss ich das noch sagen, du stinkst nach Fisch, hab das Hemd gerade frisch aus der Reinigung!“, sage ich, dann sehe ich sie. Ich kann nur ihre Silhouette erahnen, ihre burlesken Umrisse im gleißenden Sonnenlicht. Ich bin begeistert von ihrer Form, ihren schwingenden Hüften, ihren runden, wohlgeformten Brüsten, ihrem aufgebauschten 3-Wetter-Taft Haar, das sie verführerisch durch ihre Hände gleiten lässt.
„Etwas frauenfeindlich, findest du nicht?“, meint Björn.
„Was ich? Niemals, ich bin sehr frauen-freundlich. Darf ich mich vorstellen: Ich bin Nick, der Schiffbrüchige!“, ich habe mich schwächlich aufgebäumt und verbeuge mich nun vor ihrer statuesken Gestalt.
„Alter, noch nie eine Gallionsfigur gesehen?“, fragt Björn. Ich höre nicht hin, versuche trotz der blendenden Sonne meine blauen Augen blitzen zu lassen. Sie schwebt an uns vorüber, würdigt weder mich, noch Björn, eines müden Blickes. Frauen. Immer das Gleiche. Ich sehe ihr nach, wie sie mit samt des Bootes am Horizont verschwindet.
„Das war aber ein schnelles Boot.“, bemerkt Björn.
„Frauen und Herzen passen einfach nicht zusammen!“, jaule ich. Björn legt seine nasse Flosse auf meine Schulter. Ich versuche sie wegzuschlagen, breche stattdessen aber in einen tränenlosen Heulkrampf aus und vergrabe meine gelben Fingernägel in seinen scharfen Schuppen.
„Ach komm schon, Nick, die ist es nicht wert. Fandest du nicht, ihre ganze Haltung wirkte etwas… hölzern?“, sagt Björn.
„Wie könnte es denn anders sein!? Ich stinke ihr zu sehr! Meine Haare sind lang und zottelig, mein Bart unregelmäßig und ranzig, kein Wunder dass sie mich ignoriert hat! Ich bin einfach nicht mehr attraktiv!“, schluchze ich.
„Na, na, Nick, ich finde dich sehr attraktiv! Du bist auf jeden Fall eine der hübscheren Wasserleichen, die ich hier gesehen habe.“, beruhigt mich Björn.
„Meinst du wirklich?“, frage ich.
„Ich weiß es.“, sagt er, während er mir mit der Flosse die Tränen aus den Augen wischt und dabei kleine ziepende Schnitte auf meinen Wangen hinterlässt.
„Was würde ich bloß ohne dich machen, Björn?“
„Ach hör auf. Iss stattdessen mal wieder etwas.“, sagt Björn, in dem gleichen Ton, mit dem mich früher auch meine Mutter ermahnte. Ich nicke, greife mein Bein und nehme ein paar große Bissen von dem Stumpf, wo mein Fuß mal war.
„Hast du was zum runterspülen?“, frage ich Björn kauend.
„Nur Pipi.“, sagt Björn trocken.
„Schmeckt die wie Ginger Ale? Irgendwie fände ich das nicht verwunderlich…“, nuschele ich, bevor ich das Bewusstsein verliere.