Der Geschichtenerzähler eines kleinen Wüstenvolkes berichtete stets mit vorsichtigem Enthusiasmus von seinen jugendlichen Heldentaten, um Nachahmung vorzubeugen. Denn er sorgte sich einerseits um das Wohl seiner Mitmenschen und andererseits darum, von einem von ihnen verdrängt zu werden. Er wurde alt. Älter als seine Geschichten. Er hatte diesen Tag seit jeher gefürchtet. Und so erzählte er aus Mangel an Alternativen seine vermeintlich beste Geschichte: Er, von einer Sandviper gebissen, seinen zitternden und dehydrierten Körper durch die trockene Wüste schleppend, seine eigene Wunde aussaugend, gegen den giftigen Schwindel ankämpfend, auf eine Fata Morgana zusteuernd, schließlich vor Schmerzen zusammenklappend, wenig später in einer roten Lache aus Eigenblut aufwachend, liegend am Operationstisch seiner Feinde. Ein Moment der Stille unter den Zuhörern. Dann ein das Feindbild der Retter, trotz Rettung, bestätigendes Gemurmel. Und plötzlich fürchtete er nicht mehr, als Geschichtenerzähler verdrängt zu werden. Denn er kannte nun den Unterschied zwischen Erzähltem und Erlebtem. Seine Zuhörer respektierten seine Geschichte und fürchteten seine Feinde. Er hingegen respektierte seine Feinde, aber fürchtete seine Geschichte.








