Unter falscher Flagge - Wie Deutschland indigene Volksgruppen in Tansania bedroht.
[Aus dem Archiv, Juni 2016]
Im März stimmte Deutschland einem 70 Millionen US-Dollar Kredit der Weltbank für ein Mega-Agrarprojekt in Tansania zu. Nach Recherchen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) in Zusammenarbeit mit WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung, wurden dabei jedoch die Standards zum besonderen Schutz von indigenen Volksgruppen ausgesetzt. Betroffen davon ist unter anderem die indigene, halbnomadische Volksgruppe der Barabaig. Ein Besuch vor Ort.
--Ein Bericht von Peter Elias Masoi und Thomas Beutler--
Joseph Lacton Olaramatani stützt sich – eingehüllt in einen karierten Umhang aus blau-schwarzem Tuch – auf einen Hirtenstab und beobachtet seine Rinder beim Weiden. Sie sind seine Lebensgrundlage, sein wichtigstes Statussymbol. Joseph ist Barabaig.
Neben den Massai gehören die Barabaig zu den indigenen Volksgruppen Tansanias, die nach wie vor hauptsächlich von der Viehhaltung leben. Als Halbnomaden. Somit sind sie immer wieder unterwegs auf der Suche nach neuen Weidegründen. Wie lange sie das jedoch noch können, ist unklar.
Denn Mega-Agrarprojekte wie die New Alliance for Food Security and Nutrition (Neue Allianz für Ernährungssicherung) oder das SAGCOT-Projekt verändern die afrikanischen Agrarsektoren nachhaltig.
An der New Alliance sind zehn afrikanische Länder* (u.a. Tansania) und die G8-Staaten beteiligt. Auf Initiative des ehemaligen US-Präsidentens Barack Obama, sollen umstrittene Konzerne der globalen Agrar- und Chemieindustrie sowie der Lebensmittelbranche wie Monsanto, Bayer, Danone, Dupont, Cargill, Syngenta, Yara, Nestlé oder Unilever in großflächige, industrielle Landwirtschaft investieren. Bis zu 50 Millionen Menschen sollen so aus der Armut befreit werden. Bis 2022. Die New Alliance wird auch durch deutsche Entwicklungshilfe finanziert. Kriterien zu nachhaltigen Armutsbekämpfung sind laut Nichtregierungsorganisationen aber bisher nicht zu erkennen.
Denn dieses „Entwicklungskonzept“ beruht auf der Industrialisierung und Kommerzialisierung der afrikanischen Agrarsektoren nach westlichem Vorbild. Die branchenüblichen Agrarriesen sollen das Konzept umsetzen. Nach Informationen von Nichtregierungsorganisationen wird auf die ökonomischen, sozialen und ökologischen Bedürfnisse der kleinbäuerlichen Landwirtschaft jedoch keine erkennbare Rücksicht genommen. Auch fehlt es der New Alliance an Transparenz.
Neben der New Alliance wird auch das tansanische SAGCOT-Projekt (Southern Agricultural Growth Corridor of Tanzania) durch die Weltbank und somit indirekt von der Bundesregierung unterstützt. Ähnlich wie bei der New Alliance, soll beim SAGCOT-Projekt Tansanias Landwirtschaft stark kommerzialisiert und industrialisiert werden. Mit Hilfe von Agrarkonzernen wie Bayer und Syngenta. Alles für den Kampf gegen Hunger.
Der „Agrarkorridor“ erstreckt sich von Dar es Salaam am Indischen Ozean über die Morogoro Region bis an die süd-westlichen Grenzen zu Malawi, Sambia und DR Kongo. Das Gebiet umfasst etwa ein Drittel Tansanias (ca. 350.000 km²) und ist damit fast so groß wie Deutschland.
Tansania hat ein Kooperationsabkommen mit der New Alliance, welches internationalen Agrarkonzernen erhebliche Investitionserleichterungen ermöglicht. In der SAGCOT-Region erhalten so durch Landumnutzungsverfahren internationale Investoren riesige Anbauflächen. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen warnen davor, dass Kleinbauern und Hirten ihr Land verlieren könnten. Die Landtitulierungen von Kleinbauern kommen gleichzeitig kaum voran. Auf Nachfrage bestreitet der Sprecher des SAGCOT-Projekts jedoch sämtliche Vorwürfe. Eine offizielle Stellungnahme blieb bisher aus.
Wenn alle Menschen gleich sind
Um das SAGCOT-Projekt zu unterstützen, hat die Weltbank Tansania vor einigen Wochen – mit finanzieller Unterstützung der deutschen Bundesregierung – einen neuen Kredit über 70 Millionen US-Dollar gewährt. Auf Initiative der tansanischen Regierung wurden dafür jedoch die Weltbank-Vorgaben zum Schutz von Indigenen (OP 4.10) ausgesetzt. Eine Praxis die laut ICIJ, WDR und NDR zum ersten Mal Anwendung findet und somit einen Präzedenzfall darstellt.
Während sich die USA – normalerweise ein großer SAGCOT-Befürworter – enthielt, unterstützte Deutschland den SAGCOT Kredit. In einer Stellungnahme der USA heißt es, dass der Weltbankschutz für Indigene (OP 4.10) auf Wunsch der tansanischen Regierung aus dem Projektantrag gestrichen wurde. Dieser wäre mit der tansanischen Verfassung nicht vereinbar. Warum der Paragraph OP 4.10 jedoch bei früheren Projekten in Tansania berücksichtigt wurde, ist nicht bekannt.
„Die Weltbank hat darauf verzichtet, die indigene Bevölkerung zu schützen“ erzählt Godfrey Eliseus Massay, vom Tanzania Natural Resource Forum wütend. Es war nicht leicht ihn ans Telefon zu bekommen. Um zu viel muss er sich dieser Tage kümmern. Denn für seine Regierung sind die Barabaig „mal Indigene, die geschützt werden müssen, mal sind sie es nicht, da ja alle Tansanier indigen wären. Das ist doch ein Widerspruch“ sagt Massay.
„Der Westen trägt eine Verantwortung dafür“
Joseph Lacton Olaramatani weiß nichts von neuen Krediten. Die Barabaig wurden nicht in das Projekt einbezogen. Und von Paragraphen, die Menschen wie ihn und deren Lebensweise eigentlich schützen sollen, hält er nicht viel. „Wenn SAGCOT für uns gemacht wird, warum profitieren wir denn nicht davon?“
Sein Onkel – mit dem er über 1000 Rinder hütet – wurde 2012 aus dem fruchtbaren Kilombero Valley im südlichen Tansania vertrieben. Nach Dutumi. Um Platz für kommerzielle Landwirtschaft im Rahmen des SAGCOT-Projekts und der New Alliance zu schaffen. Über die Weltbank mit deutscher Unterstützung. Ursprünglich stammt seine Familie aus dem Norden Tansanias. Aber auch diese Regionen mussten sie schon Anfang der 1970iger Jahre verlassen. Kanadier wollten Weizen anbauen.
„Wir sind Flüchtlinge auf unserem eigenen Land“ sagt Joseph verbittert. Deshalb dürfen wir auch nicht mit seinem Onkel oder der restlichen Familie reden. Zu oft kamen Journalisten. Verändert hat sich nichts. Und die Barabaig mussten schon oft weichen. „Seit Jahrzehnten werden sie immer wieder vertrieben“ bestätigt uns Massay auf Nachfrage. Oft fiel ihr Land großen Agrar-, Natur- oder Tourismusprojekten zum Opfer. Nicht selten durch internationalen Druck. „Das sind gefährliche Dynamiken. Obwohl diese Prozesse bekannt und dokumentiert sind, hat die Regierung sie nie wirklich geschützt“ ergänzt Massay. Er setzt sich mit seiner Organisation für Kleinbauern und Pastoralisten wie den Barabaig ein.
Durch die ständigen Vertreibungen von indigenen Hirten kommt es in Tansania seit Jahren immer wieder zu gewaltsamen Konflikten mit Kleinbauern. Das nutzbare Land wird knapp. Landrechte sind seit jeher fragil. Zahlreiche Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Auf beiden Seiten.
Laut Massay verstärken „neben historischen und klimatischen Konfliktursachen, natürlich großflächige Agrarprojekte wie der New Alliance und SAGCOT diese Konflikte. Der Westen trägt eine Verantwortung dafür.“ Diese Projekte werden von westlicher und deutscher Entwicklungshilfe finanziert und von internationalen Agrarkonzernen mit umgesetzt. Dabei wird aber weder auf die ökologischen, noch auf die schwerwiegenden sozialen Folgen – ernsthaft – Rücksicht genommen.
Somit entstehen „komplizierte Konfliktfelder“ so Massay. Während Agrarkonzerne Kleinbauern ihrer Lebensgrundlage streitig machen, verschärfen sie deren Konflikt mit nomadischen Volksgruppen. Dabei sind die kleinbäuerlichen und nomadischen Tätigkeiten – laut Prof. Urassa von der Sokoine Universtiy of Agriculture – Tansanias wirtschaftliches Rückgrat. Denn schlussendlich sind sie die größten landwirtschaftlichen Investoren. Die Profiteure sind allerdings die großen Agrar-, Chemie-, und Lebensmittelkonzerne wie Monsanto, Nestlé und Co. .
Joseph Lacton Olaramatani muss unser Gespräch unterbrechen. Seine Rinder versperren die Straße. Mit seinem Hirtenstab bedeutet er uns sitzen zu bleiben. Es dauert eine Weile bis er wieder Zeit für uns hat. Denn er muss aufpassen wohin seine Rinder treten.
„Wenn sie Felder betreten, gibt es Probleme. Sie töten häufig unser Vieh.“ Er redet von Kleinbauern die ihre Felder schützen wollen. Denn auch rund um Dutumi und Mvuha wird das Land knapp. Nicht weit entfernt – in Mkulazi – sollen auf 63.000 Hektar fruchtbarster Erde, Reis- und Zuckerohrplantagen entstehen. Eine Fläche so groß wie etwa 88.000 Fußballfelder. SAGCOT ist wieder ganz in der Nähe. Nach einer Pause fügt er hinzu: „die Behörden schauen zu. Wir haben keine Rechte. Sie fordern, dass wir unsere Rinderanzahl reduzieren. Dabei waren wir doch zuerst hier“.
Sollten sie auch die Region um Dutumi verlassen müssen – Olaramatanis neuer Heimat – weiß er nicht wie es weiter geht. Massay ist der Meinung, dass die „Zukunft der Barabaig und anderer indigenen Hirten Tansanias in Gefahr“ ist.
Für Joseph Lacton Olaramatani ist aber klar, dass er niemals sein Leben als Viehhirte freiwillig aufgeben wird. „Die Rinder sind unser Ursprung und unsere Herkunft. Ohne die Rinder gibt es keine Barabaig.“
Thomas Beutler und Peter Elias Masoi
*Afrikanische „Testländer“ der New Alliance: Tansania, Burkina Faso, Äthiopien, Senegal, Ghana, Mosambik Elfenbeinküste, Benin, Malawi und Nigeria
Dieser Artikel wurde in einer kürzeren Fassung am 21.07.2016 unter dem Titel „Wie mit deutscher Beteiligung indigene Volksgruppen bedroht werden“ bei ze.tt / ZEIT ONLINE veröffentlicht.
Info: Durch internationale Fördergelder von der Weltbank kommt es weltweit immer wieder zu Menschenrechtsverletzungen. Weitere Infos bietet der Blog Fluchtgruende sowie Human Rights Watch .
International Consortium of Investigative Journalists