„Mabadiliko yanaanza kidogo kidogo“ – „Veränderung beginnt im Kleinen“
Während sich in Tansania zunehmend Agrarriesen etablieren, setzt sich die Nichtregierungsorganisation SAT (Sustainable Agriculture Tanzania) in der Morogoro Region für ökologische, kleinbäuerliche Anbaumethoden ein. Doch wie genau sieht das in der Praxis aus? AfricAgrarian durfte ein Team um die Mitbegründerin und Direktorin Janet Maro im Einsatz begleiten
Es sind zwar nur etwa 35 Kilometer vom SAT Büro in Morogoro zum Trainingsfeld, doch die „Straßen“ und Wege sind in einem so schlechten Zustand, dass wir fast 2 Stunden brauchen werden. Geschickt lenkt der Fahrer Joseph Cosmas den Pick UP durch das unwegsame Gelände. Den plötzlich auftretenden, knietiefen Schlaglöchern oder den Rindern auszuweichen ist auch eine Form der Kunst. Eine Straße ist schon bald nicht mehr erkennbar. Wir sind vom Fahrer beeindruckt.
Karge Buschlandschaft soweit das Auge reicht. Nach einer Weile passieren wir die unsichtbare Grenze zum Mvomero District, bekannt durch seine blutigen Konflikte zwischen Pastoralisten und Kleinbauern. Das Land wird knapp. Auch in Tansania. Immer wieder durchfahren wir kleine Siedlungen aus Lehmhütten. Die Menschen hier leben unter der sogenannten „Armutsgrenze.“ Kleinbäuerliche Landwirtschaft sichert das Überleben.
Nach einer ganzen Weile erreicht das Team die Testfelder. Seit 2011 kommt SAT nun schon zu den Kleinbauern der Morogoro und Mbeya Region. Die Bauern organisieren sich dabei immer selbstständig in Gruppen, die dann von SAT vor Ort unterreichtet werden. Die heutige Gruppe gibt es erst seit Februar. Es sind auch viele Freuen dabei. Laut Angaben der FAO, stellen Frauen in den sogenannten „Entwicklungsländern“ etwa 40 Prozent der Arbeitskräfte im Agrarbereich dar. Viele Frauen in Tansania bewirtschaften ihre Felder allein.
Nach und nach kommen Teilnehmer des heutigen Lehrganges aus allen Richtungen. Einige sind bis zu 2h unterwegs um an den wöchentlichen Kursen teilzunehmen. Zu Fuß. Sie leben von der kleinbäuerlichen Subsistenzlandwirtschaft. SAT bietet ihnen die Möglichkeit, durch Anpassung der Anbaumethoden die Erträge zu steigern.
Kleinbauern sind essentiell
Laut Angaben der FAO werden über 80 Prozent der weltweiten Nahrungsmittel in Asien und Sub-Sahara Afrika von Kleinbauern produziert. Darüber hinaus leben über 1,5 Milliarden Menschen weltweit in kleinbäuerlichen Strukturen. Auch über 70 Prozent der Tansanier sind in der Landwirtschaft tätig. Zumeist in kleinbäuerlichen Betrieben. Somit stellen Kleinbauern das wirtschaftliche Rückgradt des Landes dar, sind also ökonomisch und gesellschaftlich essentiell. In vielen anderen afrikanischen Ländern sieht es nicht anders aus. Die internationale Entwicklungszusammenarbeit berücksichtigt das bisher noch viel zu selten.
Doch die globale kleinbäuerliche Landwirtschaft hat mit vielen Problemen zu kämpfen. So leiden die Landwirte unter dem Rückgang der Biodiversität sowie der Bodenfruchtbarkeit. Erosion, schwankende Wetterextreme, Schädlingsbefall. Der Klimawandel trifft die Kleinbauern im globalen Süden hart. Auch in Tansania. Auch in der Mvomero Region. Zu den klimatischen Schwierigkeiten kommen weitere Hürden wie dem fehlenden Zugang zu Absatzmärkten oder Investitionsmöglichkeiten auf Mikroebene.
Genau hier kommt dann SAT ins Spiel. Die NGO, die in den letzten Jahren rasant gewachsen ist und inzwischen von Biovision, der Austrian Development Agency sowie mit Geldern aus Lichtenstein finanziert wird. SAT bringt den Bauern bei, wie man mit schwankenden Wetterextremen umgehen kann. Wie man die Böden vor der sengenden Sonne vor Austrocknung und Erosion schützen kann. Wie man Pflanzen kombiniert um dadurch die Erträge und Biodiversität zu steigern.
Kuhdung und biologische Abfälle werden nun seit ein paar Monaten auf dem Testfeld als Mulch verwandt, Regenwasser gesammelt. Die Ernte der Testfelder wird geteilt. Was mit ihr geschieht, ist jedem selber überlassen. Teilweise kann sie auch über SAT im neuen Bio Laden in Morogoro verkauft werden.
Schnell wird erkennbar, dass SAT den Landwirten etwas mitgeben möchte, aber - wie in der sogenannten „Entwicklungszusammenarbeit“ unüblich – den Bauern keine Vorgaben macht. Durch die Einschränkung der kleinbäuerlichen Souveränität, scheiterten die meisten ländlichen Entwicklungsprojekte der letzten Dekaden. Doch SAT ist in erster Linie eine tansanische Idee. Eine tansanische NGO. Direktorin und Mitbegründerin Janet Maro hat in Morogoro an der Sokoine Universität Agribusiness studiert. Sie kennt sich aus mit Kleinbauern. Sie weiß, dass ihnen ihre Souveränität sehr wichtig ist. So werden die Bauern schon bei der Projektplanung miteinbezogen, um auf Ihre Wünsche und Sorgen einzugehen. Das Solidarprinzip soll aber auch die jeweiligen Gemeinden stärken. So sind nach eignen SAT - Angaben, etwa 95 Prozent der Gruppen nach dem Projektende in ihren Gemeinden weiter solidarisch aktiv.
„Wadudu ni rafiki wa wakulima“ – „Insekten, Freunde der Bauern“
Projektassistent Hugo Kunguru erzählt der Gruppe von Kleinbauern heute etwas über den Nutzen von Insekten. Chemische Düngemittel und Pestizide sind auch in der tansanischen Kleinbauernschaft weit verbreitet. Doch Hugo Kunguru erklärt am Beispiel der Cashewnussproduktion, wie man diese umgehen kann. In Mtwara, im süd-östlichen – küstennahen – sowie im zentralen Tansania bei Dodoma, werden seit den 1950iger Cashewnüsse angebaut. Jeweils in etwa da, wo die britische Kolonialmacht einst mit ihrem „Tanganyika groundnut scheme“** krachend scheiterte.
„Gibt es einmal keine Ameisen auf den Cashewbäumen, werden einfach „Ameisenbrücken“ gebaut um sie von einem Baum zum anderen zu bringen.” - Hugo Kunguru -
So leiden viele Cashewnuss produzierenden Bauern in Tansania unter den „mbu korosho“, Fliegen, die die Cashewfrüchte angreifen. Was dagegen hilft? „Ameisen. Ameisen wie wir sie überall haben. Wir müssen sie nur an die richtige Stelle bringen“ erzählt Hugo. Und wie das im Falle der Cashewbäume geht, erklärt Hugo auch. „Gibt es einmal keine Ameisen auf den Cashewbäumen, werden einfach „Ameisenbrücken“ gebaut um sie von einem Baum zum anderen zu bringen. Das macht man schon immer so. Das ist Tradition.“ erklärt Hugo grinsend. Zwar können die Ameisen die Fressfeinde nicht zu 100 Prozent kontrollieren, doch aber zu einem großen Teil in Schach halten. Setzt man chemische Pestizide ein, „sterben aber nicht nur die „mbu korosho“, sondern auch die nutzbringenden Insekten wie den Ameisen und Bienen.“
Auch wenn die Kleinbauern hier keine Cashewnüsse anbauen, so will Hugo den Bauern doch den Nutzen von Insekten verdeutlichen. Daher werden die Bauern animiert, durch Büsche, Hecken, bunt blühenden Zwischenpflanzen wie Ringelblumen oder mexikanischer Sonnenblume sowie Mulch, Lebensräume für Insekten zu schaffen. So fressen die unterschiedlichsten Spinnenarten – die durch solche Lebensräume angezogen werden – zahlreiche andere Insekten, die potentiell den Nutzpflanzen schaden könnten. So soll die Biodiversität wieder gesteigert und in ein besseres Gleichgewicht gebracht werden. Gleichzeitig müssen die Bauern ihre Pflanzen regelmäßig auf Schädlinge überprüfen.
Die Hecken um die Felder erfüllen allerdings noch eine andere wichtige Funktion: Sie schützen die Felder vor freilaufenden Rindern. So sollen Konflikte mit Pastoralisten vermieden werden.
Auf dem kleinen Testacker wachsen nun Salat, Bohnen und Zwiebeln. Sehr viele Zwiebeln. Zwischen den Reihen, unter dem Mulch wimmelt es von Insekten. Die nachhaltigen Anbaumethoden von SAT funktionieren scheinbar gut. Zum Abschluss appelliert Hugo an die Gruppe: „Erzählt es auch Euren Familien und Euren Nachbarn.“ Die Idee des Ökolandbaus soll sich weiter verbreiten, denn sie steigert nachhaltig die Erträge.
Sauyaki Letoga verkauft jetzt Benzin
Während Hugo Kunguru seinen Vortrag beendet und letzte Fragen der Bauern beantwortet, treffen sich Janet Maro und eine weitere SAT – Projektassistentin ein paar Kilometer entfernt mit einer Gruppe Massai. Die Massai in Ostafrika leben nach wie vor hauptsächlich von der Viehhaltung. Die Rinder sind noch heute der Lebensmittelpunkt. Doch für die nomadische Viehhaltung brauchen sie Platz. Sehr viel Platz. Dieser Raum steht heute aber nicht mehr zur Verfügung. Verstädterung, Agrarprojekte, geschlossene Jagdgebiete und Nationalparks wie die Serengeti im Norden Tansanias, schränken das nomadische Leben der Massai seit Jahrzehnten immer weiter ein. So kommen sich Kleinbauern und Pastoralisten immer wieder in die Quere. Rinder zerstören die Felder. Bauern töten Rinder. Auch wenn die sich nur in der Nähe ihrer Felder aufhalten. So kommt es immer wieder zu heftigen Konflikten mit Menschenrechtsverletzungen auf beiden Seiten.
„Kennen sie den Aufwand, der benötigt wird um Zwiebeln, Mais, Bohnen oder Spinat anzubauen, achten sie noch mehr auf ihre Rinder. So versuchen wir Konflikte zu vermeiden.“ - Janet Maro -
Da Rinder häufig Felder zerstören, gibt SAT einigen Massaigruppen der Region einführende Kurse im Ackerbau. Die Feldwirtschaft bietet den Massai die Möglichkeit ihr Einkommen zu diversifizieren. Doch hinter den SAT – Kursen steckt eine weitere, entscheidende Idee: Die Massai sollen für den Ackerbau sensibilisiert werden. „Kennen sie den Aufwand, der benötigt wird um Zwiebeln, Mais, Bohnen oder Spinat anzubauen, achten sie noch mehr auf ihre Rinder, so versuchen wir Konflikte zu vermeiden“ sagt Janet Maro.
Neben der Feldwirtschaft unterstützt SAT auch noch die Einführung eines kleinen, lokalen Kreditsystems. Jedes Mitglied der Massaigruppe zahlt einen selbst gewählten Betrag in eine Gemeinschaftskasse. Aus dieser kann sich wiederum jeder Geld leihen. Sämtliche Ein- und Ausgaben werden akribisch dokumentiert. Den Massai bietet sich nun die Gelegenheit, sich weitere Einkommensmöglichkeiten zu schaffen. Denn die Abhängigkeit von den Rindern macht die indigene Volksgruppe angreifbar. Verlieren sie irgendwie ihre Rinder, verlieren sie nicht nur ihre kulturelle, sondern auch ihre ökonomische Lebensgrundlage. Mithilfe des Kreditsystems, konnte nun Sauyaki Letoga in Benzin investieren, welches er in den abgelegenen, ländlichen Gebieten verkaufen kann. Mit gutem Gewinn. Denn die nächste Tankstelle ist zwar Luftlinie keine 35 km entfernt, mit dem Auto aber benötigt man – je nach Jahreszeit – bis zu mehreren Stunden…
Mehr Infos über Sustainable Agriculture Tanzania gibt es hier.
* Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in diesem Text die Sprachform des generischen Maskulinums angewendet; diese soll geschlechtsunabhängig verstanden werden.
** Der „Erdnussplan“ war eines der bekanntesten landwirtschaftlichen „Entwicklungsprojekte“ der britischen Kolonialzeit. Um den weltweiten Mangel an Öl und Fetten entgegenzuwirken sollten in den West-Zentral sowie Südost Tansania großflächige Erdnussplantagen entstehen, in denen Bauern in eigens dafür geschaffene Siedlungen leben und arbeiten. Durch schwerwiegende, sozio-kulturelle, politische, ökonomische und ökologische Planungsmängel wurde das Projekt 1951 eingestellt.
Zeitgenössische Aufnahmen: