Geschmackssache Heimat: Zwei Winzer-Buddies rocken Leipzig
Geschmackssache Heimat heißt eine Veranstaltungsreihe des Deutschen Weininstituts, die Weine junger Winzer bekannter machen soll. In Restaurants mit regionaler Ausrichtung stellen jeweils zwei Winzer, die aus der Generation Riesling akquiriert werden, einige ihrer Weine und ihr Weingut vor. Ein Sommelier präsentiert weitere deutsche Weine. Im Leipziger „süß & salzig“ waren jetzt die Jungwinzer Nicolas Olinger (28) aus dem fränkischen Iphofen und Matthias Schuh (29) aus dem sächsischen Sörnewitz gemeinsam zu Gast. Moderiert hat den recht lockeren Weinabend der Berliner Sommelier Jürgen Hammer.
Winzer Matthias Schuh, Sommelier Jürgen Hammer und Winzer und Sommelier Nicolas Olinger haben die Gäste im “süß & salzig” mit ihrer Leidenschaft für gute Weine angesteckt. - Foto: L. Müller
Der Begriff „Jungwinzer“ ist bei den beiden Weinmachern allerdings eher irreführend, beide sind längst gestandene Winzer mit Führungsaufgaben in ihren Familienweingütern. Olinger und Schuh kennen sich aus ihrer Lehrzeit bei Burrlein (Mainstockheim), haben im selben neuseeländischen Bio-Weingut internationale Erfahrungen gesammelt und schwimmen ganz augenscheinlich auf ziemlich derselben Wellenlänge. Klar, haben sie etliche Anekdoten aus früheren Tagen parat. Die familiären Wurzeln beider Winzer liegen übrigens an der Mosel. Nicolas Olinger und Matthias Schuh verkörpern die unkomplizierte Generation der „jungen Wilden“: Abstriche bei der Qualität ihrer Weine akzeptieren sie nicht. Sie stehen hinter ihren Weinen, geben ihnen ein Gesicht und schenken diese gut gelaunt bei jeder sich bietenden Gelegenheit persönlich aus, finden so den direkten Draht zu ihrer Kundschaft. Das kommt an und ist beim weinbegeisterten Publikum zunehmend gefragt. Großer Pluspunkt der beiden Buddies: Durch ihre offene Art erreichen sie junge Weinfreunde.
Nicolas beim Mähen. Seinerzeit war Matthias Außenbetriebsleiter bei Burrlein. Den Azubi hat er mit der Aussicht auf Weinschorle zum Durchhalten bei tropischen Temperaturen motiviert. Foto: M. Schuh
Eines stellen Schuh und Olinger gleich am Anfang klar: Wein wird vor allen Dingen im Berg gemacht. Die Qualität der Trauben muss stimmen. Im Keller wollen sie nicht mehr allzu viel am Most und Wein „herumspielen“, verzichten – wo immer es geht – auf Schönungen. Das garantiert ehrliche Weine. „Wir versuchen im Weinberg alles, um gesunde und reife Trauben zu ernten - und im Keller wird dann nur noch mit viel Geduld erhalten, was wir ernten durften“, betont Olinger – „so, wie es schon die Generation von meinen Großeltern gemacht hat“.
Matthias Schuh setzt auf Begrünung zwischen seinen Rebzeilen, hier im Klausenberg. - Foto: L. Müller
In ihren Weinbergen setzen die Nachwuchswinzer auf naturnahe Kultivierung der Rebstöcke. Auf Olingers Visitenkarten steht sogar Wein & Natur. „Unser Rhythmus als Winzer wird von der Natur bestimmt. Mutter Natur ist unser Arbeitgeber.“ Der Franke, der auch eine Sommelier-Ausbildung vorweisen kann und mit seinem Weinwirtschaftsstudium in Geisenheim in den letzten Zügen liegt, hat eine eigene Weinlinie im elterlichen Weingut Gebrüder Müller aufgelegt. Weinbautechniker Schuh wiederum verantwortet seit Sommer 2016 Kellerei und Weinberg im Familienbetrieb und kann deshalb die gesamten Weine des etablierten sächsischen Weinguts nach seinem Gusto ausbauen – dabei immer die treuen Stammkunden und zugleich auch neue Weinfreunde im Blick. Bislang scheint dem eloquenten und selbstbewussten Winzer der Spagat zu gelingen. Behutsame Veränderungen der Schuh-Weine sind seit einigen Jahren spürbar, schon seit 2013 hat Matthias immer mehr Verantwortung übernommen und den Weinen nach und nach seine eigene Handschrift verliehen.
„Meine Weine sind ungeschminkte Charakterköpfe, aber keine Freakshow.“ (Nicolas Olinger)
Nicolas Olinger sagt mit Blick auf seine Wein-Linie, die er schlicht „Olinger“ nennt: „Meine Weine sind ungeschminkte Charakterköpfe, aber keine Freakshow.“ Im Moment umfasst seine Kollektion seche Weine (Blanc de Blancs Weißweincuvée, Cuvée Rot, Grüner Sylvaner, Weißer Burgunder, Weißer Riesling und Auxerrois) sowie einen Secco Rosé. Seine Entscheidungen im Weinberg und Keller treffe Nicolas Olinger alle aus dem Bauch heraus und experimentiere gerne. „Aber das Rad brauchen wir nicht neu erfinden, denn Wein ist ja auch ‚nur‘ vergorener Traubensaft“, sagt er ganz bodenständig. Das elterliche Weingut Gebrüder Müller bewirtschaftet alle seine Weinberge selbst, ohne Zukauf. Nicolas Olinger habe seine Lieblingsparzellen, erzählt er, von denen er dann die Trauben für seine Weine nehme – „je nachdem, wie der Jahrgang ist, kann das wechseln“. Im fränkischen Weingut ist ein Drittel mit Sylvaner (mit „y“!!!) bestockt. Riesling, Burgundersorten, Müller-Thurgau und Bacchus ergänzen das Sortiment, das zu mehr als 90 Prozent aus Weißwein besteht.
Die Kollektion des fränkischen Winzers umfasst derzeit sechs Weine und einen Secco. - Foto: Olinger-Wein
Matthias Schuhs Herz schlägt besonders für Burgunder und Riesling. Aber auch der Elbling seines Weinguts hat viele Freunde. Gut 30 Prozent der Rebfläche sind mit Rotweinen - Spätburgunder, Dunkelfelder und Regent - bestockt. Auch Schuh setzt auf sein ausgeprägtes Gefühl für die Weine und verwies schon mehrfach darauf, dass die Ausbildung zwar die Grundlagen für das Wissen lieferte. Die praktische Arbeit allerdings funktioniere ganz und gar nicht nach Lehrbuch. Lieber tauscht er sich mit erfahrenen Winzer aus und stellt dabei auch schon mal einen Wein mit kleinen Fehlern intern im Kollegenkreis zur Diskussion, um zu erfahren, was er besser machen kann.
Sylvaner aus Franken und Grauburgunder aus Sachsen - Prädikat: ein empfehlenswertes Duo - Foto: L. Müller
Bei der Ausstattung ihrer Weine sind die beiden Winzer trotz der vielen Gemeinsamkeiten grundsätzlich unterschiedliche Wege gegangen: Matthias Schuh und seine Schwester Katharina Pollmer haben auf eine der ersten Agenturen am Platz gesetzt und von den Profis in enger Abstimmung ein komplett neues, modernes Corporate Design erstellen lassen, das letztendlich für die gewünschte Aufmerksamkeit gesorgt hat und den Generationenwechsel visuell verdeutlicht, ohne dabei die Tradition des Familienbetriebs gänzlich aufzugeben. Auch der Auftritt der Weine von Nicolas Olinger kommt frisch und modern daher. Allerdings hat der Franke auf seine Schwester Christina gesetzt. „Wir finden es viel persönlicher, wenn man das selber entwirft und umsetzt.“ Er sei sehr stolz auf das, was seine Schwester geschaffen hat. Zu Recht.
Nicolas ist stolz auf seine Schwester Christina. Sie hat die Ausstattung seiner Weine umgesetzt. Gelungen. - Foto: Olinger-Weine
Sowohl Matthias Schuh als auch Nicolas Olinger versuchen, mit Weinwanderungen und Weinproben die Leute „näher an den Wein zu bringen und ihre Heimat zu zeigen“, wie es Nicolas formuliert. So erleben die interessierten Weinfreunde hautnah, wie ihre Lieblingstropfen entstehen und welche Arbeit der Winzer hat, bevor der Wein in der Flasche ist. Eines steht aber auch fest: Beide Winzer haben mit gut etablierten Familienweingütern vergleichsweise komfortable Startmöglichkeiten. Was in diesem Zusammenhang jedoch erwähnt werden muss: Nicolas Olinger und Matthias Schuh sind ganz und gar keine Typen, die sich ins gemachte Nest setzen. Vielmehr arbeiten sie hart und wollen selbst mit ihren eigenen Weinen und individuellen Stilistiken abseits von Massenware überzeugen - und sind damit bereits auf bestem Weg.
Winzer einer neuen Generation, die mit althergebrachten Konventionen auch einmal brechen: Matthias Schuh und Nicolas Olinger - Repro: Weingut Schuh & Olinger-Wein
Fazit: Die Geschmackssache Heimat ist ein durchaus geeignetes Instrument, um Weinfreunde und Winzer zusammenzubringen und so glaubwürdig für guten Wein aus Deutschland zu werben. Ob die Vermarktung der Veranstaltungsreihe ausschließlich über Facebook allerdings genügt, sollte hinterfragt werden. Bei dem Leipziger Event stammte beispielsweise der Großteil der rund 25 Gäste aus dem Freundes- und Bekanntenkreis von Matthias Schuh, geworben mit viel Eigeninitiative. Zudem hat das Weingut Schuh die Veranstaltung mit einer selbst initiierten Presseinfo noch im redaktionellen Teil der größten Leipziger Regionalzeitung bekanntgemacht. Wünschenswert wäre es jedoch, wenn bei der Geschmackssache Heimat noch mehr neue Leute zu den Winzern stoßen und dabei zu überzeugten Weinfreunden werden würden.
Bezugsquellen:
* Die Weine von Nicolas Olinger gibt es unter anderem online bei http://www.tvino.de. * Matthias Schuh vermarktet seine Weine im gutseigenen Online-Shop unter http://shop.weingut-schuh.de.
Text: Lars Müller















