Blog Psychologie, Ratgeber & Lebenshilfe
Von Stefan Svik
Folge 21: Interview mit dem Philosophen Dr. Nicolas Dierks
„Das Geschäftsmodell der ‚Erfolgsgurus‘ scheint mir mit Philosophie nicht kompatibel“
Menschen, die einem Ratschläge geben, seien sie nun gut oder weniger sinnvoll, finden sich schnell. In diesem Blog habe ich bisher zumeist meine Meinung zu Klassikern von Dale Carnegie, Bodo Schäfer und Co. kundgetan. Dieses Mal soll mit Dr. Nicolas Dierks ein Experte zu Wort kommen, der mit seinem akademischen Hintergrund sowie seiner angenehm unaufdringlichen Art und verständlichen Sprache so gar nichts gemein hat mit den zu oft an Marktschreier und Kaffeefahrten erinnernden Coaches mit zweifelhafter Ausbildung und fragwürdiger Kompetenz. Lassen wir also den Philosophen und Autor Dr. Nicolas Dierks einen fachkundigen Blick auf das Thema Ratgeber, Coaching und Lebenshilfe werfen. Außerdem geht es um Vorurteile über vermeintlich weltfremde Philosophie und um konkret anwendbares, seriöses Wissen für ein besseres Leben.
Die Idee zu dem Interview entstand, als Du meine Tweets zu Dale Carnegies Selbsthilfeklassiker "Sorge dich nicht, lebe!" kommentiertest. Du erkanntest sofort Zitate der Philosophen Epiktet und anderer. Ist diese vermeintliche relativ neumodische, US-amerikanische "Industrie" des Coachings, Positiven Denkens und der Selbsthilfe für Dich als Doktor der Philosophie ein alter Hut?
Dr. Nicolas Dierks: Tatsächlich gehörte die „Lebenskunst“ seit der griechischen und römischen Antike zur Philosophie und zur humanistischen Bildung ganz selbstverständlich dazu.
Allerdings ging vieles davon in Europa durch die Akademisierung der Philosophie seit der Aufklärung verloren. Man könnte mit einem Augenzwinkern sagen: Kant war schuld.
Insofern suchen Menschen heute auch auf anderen Wegen Zugang zur „Lebenskunst“ – durch Coaching, Therapieformen, Buddhismus…, dass das dort Gebotene schon früher Teil unserer kulturellen Überlieferung war, finde ich aber nicht so wichtig. Seine Berechtigung hat es, sofern es Leuten wirklich hilft.
In meiner Sammlung findet sich ein Buch namens "Seneca für Gestresste". Wie siehst Du es, wenn komplexe Philosophie in netten, leicht konsumierbaren Happen verkauft wird. Ist das die Verbreitung von gefährlichem Halbwissen oder zumindest ein Einstieg in die Materie?
Seneca selbst hätte vermutlich wenig gegen das Buch gehabt. So wie Marc Aurel oder später Michel de Montaigne kam es Seneca darauf an, dass philosophische Gedanken praktisch hilfreich sind. Wie wir heute sagen würden: „praxisnah“ oder „anwendbar“. Deshalb hat er Gedanken u.a. in kurzen Briefen verfasst.
Die Frage ist doch: Für wen soll das Buch was genau erreichen? Ist es für Menschen, die ein umfassendes Verständnis der stoischen Philosophie anstreben? Oder für Menschen, die einfach hilfreiche Gedanken in ihren stressigen Alltag einbringen wollen? Beides hat seine Berechtigung. Das Buch wäre danach zu beurteilen, wie gut es das erreicht, was es erreichen soll.
Philosophie haftet das Image an, ein weltfremdes, völlig unpraktisches Studium zu sein. Wäre es nicht schön, wenn nicht Jürgen Höller und Tony Robbins diese immense Aufmerksamkeit und die üppigen Seminargebühren kassieren würde, sondern Philosophen? Sind solche Coaches aus akademischer Sicht eher Gaukler und Scharlatane?
Nun, wenn wir an aktuelle Themen wie digitale Ethik, Demokratieverständnis oder Nachhaltigkeit denken, dann ist ein Philosophiestudium keineswegs weltfremd – nur eben keine Berufsausbildung. Und inzwischen hat ja auch die Philosophie Promis hervorgebracht.
Aber das Geschäftsmodell der „Erfolgsgurus“ scheint mir mit Philosophie nicht kompatibel. Das Versprechen schnellen, durchschlagenden Erfolges, verkündet durch charismatische Persönlichkeiten in Massen-Events… es mutet wie eine Vermischung des Neo-Religiösen mit dem Kommerziellen an. Dem stehe ich skeptisch gegenüber. Was nicht heißt, dass man sich mit den Inhalten nicht reflektiert auseinandersetzen könnte.
Sind Philosophie und Psychologie nicht oft unnötig kompliziert formulierter, gesunder Menschenverstand?
Häufig meinen Leute mit „gesundem Menschenverstand“ einfach die Denkweise, die ihrer eigenen entspricht.
Die Philosophie hat, wie andere Fachdisziplinen auch, Fachsprachen entwickelt. Und einen Kanon an Problemen, Methoden und Positionen. Vieles davon übersteigt bei Weitem das, was sich mit dem „gesunden Menschenverstand“ denken lässt.
Aber eines ist richtig: deutschsprachige Philosoph*innen neigen dazu, kompliziert zu formulieren. Kompliziertheit hat im deutschen Kulturraum sogar Tradition – von Bach oder Kant bis zu Thomas Mann oder dem deutschen Steuerrecht. Etwas mehr „Eleganz der Einfachheit“ wäre bisweilen wünschenswert.
Elegante Einfachheit entspringt in der Philosophie nicht simpler Intuition oder Inspiration, sondern harter Arbeit.
Du nennst in Deinem Blog zehn Tipps zur Lebensführung. Welche philosophischen Erkenntnisse findest Du außerdem für die heutige Zeit besonders wichtig und hilfreich?
Eine klarere Unterscheidung zwischen „Konformismus“ und „Gemeinsinn“ würde uns gut tun. „Gemeinsinn“ bedeutet die freiwillige Kooperation der Einzelnen für die maximale Freiheit und Gerechtigkeit aller.
Wir haben heute die technologischen Möglichkeiten, fragmentierte Perspektiven unserer Gesellschaft in einen Austausch zu bringen. In einer post-traditionellen, pluralistischen Gesellschaft produziert das Konflikte. Aber diese Konflikte sind notwendig für das moralischen Wachstum unserer Gesellschaft.
Wie wichtig sind materielle Werte, vor allem ein Einkommen, das zum Leben reicht, für ein zufriedenstellendes Leben und was kann man unternehmen, um Lösungen zu finden, wenn das Einkommen zu gering, die Kosten zu hoch und man eh schon gestresst und ausgelaugt ist?
Das hängt von der eigenen Vorstellung eines guten Lebens und der eigenen Lebensweise ab.
Aristoteles hat es in der „Nikomachischen Ethik“ gut herausgearbeitet: Wir Menschen sind auch materielle Wesen. Insofern können materielle Umstände unser Wohlergehen massiv einschränken. Aber wenn unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind – etwa Kleidung, Nahrung, Wohnung, Wärme, Mobilität etc. – dann macht uns höherer Lebensstandard nicht mehr viel zufriedener.
Sind wir dennoch unzufrieden, hängt es mit unserer Lebensweise zusammen. Mein Buch „Luft nach oben“ handelt davon. Wichtig ist eine gute Einstellung dem gegenüber, was wir nicht beeinflussen können. Und dann sollten wir nicht nur vom besseren Leben träumen, es planen, uns ständig darauf vorbereiten. Wie wir das gute Leben führen, lernen wir, indem wir damit beginnen.
Du rätst dazu, sich mit anderen Meinungen zu befassen. Coaches wie Jürgen Höller und Tony Robbins wirken mitunter wie Sektenanführer. Verwirrt es Zuhörer eventuell, wenn die Ratschläge zu sehr von dem abweichen, was der Coach erzählt?
Erfolgs-Gurus brauchen einen großen Vertrauensvorschuss ihrer Adepten. Wenn widersprechende Überzeugungen mit guten Argumenten begründet werden, kann deutlich werden, dass auch die Erfolgs-Gurus nur mit Wasser kochen. Dann geht der Vertrauensvorschuss verloren. Und dann geht dem Motor der „Selbsterfüllenden Prophezeiung“ der Sprit aus.
Deswegen entwickeln manche Erfolgs-Gurus Strategien, sich gegen Kritik immun zu machen – wie bei der Einwandsbehandlung in Verkaufsgesprächen. Das wirkt auf Außenstehende sektenartig, weil diese „Logik“ nur für diejenigen plausibel wirkt, die dem Erfolgs-Guru vertrauen und möchten, dass er Recht hat.
Positives Denken ist manchen Menschen suspekt. Es wirkt mitunter wie Gehirnwäsche und Gleichschaltung. Wie würdest du einen Dialog herstellen?
Erstmal würde ich ermutigen, wohlwollend zuzuhören und zu fragen: „Wie müssten die Auffassungen des Positiven Denkens gemeint sein, damit ich ihnen zustimmen könnte?“ Vielleicht gibt es dort etwas zu lernen.
Und dann müssen wir genau hinschauen. Dabei sollten wir nicht binär urteilen, also uns nur dafür oder dagegen entscheiden wollen. Aristoteles hat in seiner Mesotes-Lehre tugendhaftes Handeln als „goldene Mitte“ zwischen zwei Extremen analysiert. Das ist ein brauchbares Vorgehen.
Wir sollten einerseits klären, was es heißt, zu wenig positiv zu denken – aber andererseits auch, was es heißt, zu sehr positiv zu denken. An welchem Punkt schlägt „Positives Denken“ in etwas Schädliches um? Wann würden wir es z.B. „naiv“, oder „leichtsinnig“, oder „blauäugig“ nennen? So können wir unser Urteil differenzieren.
Richard David Precht. Das Philosophische Quartett. Außerhalb von Arte, ZDF und ARD begegnet uns Laien Philosophie relativ selten. Der Begriff Philosophieren wird eher abfällig für zielloses Plaudern und Grübeln verwendet. Könnte Philosophie zielgerichteter und populärer sein als es bisher oft wirkte oder wäre das fatal? Oder aber ist Philosophie viel praxisorientierter als sie mitunter scheint?
Ernsthaftes Philosophieren ist nicht für jeden etwas.
Stellen wir uns zum Vergleich vor, dass einige Programmierer sich leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile bestimmter Entwicklungen bei Programmiersprachen unterhalten. Wer die notwendigen Kenntnisse nicht hat, wird der Diskussion nicht folgen können. Auch wird unklar sein, wo Anwendungen liegen oder was die Diskussion überhaupt soll.
Ebenso in der Philosophie. Die für uns und unsere Gesellschaft derzeit wichtigen philosophischen Diskussionen brauchen Vorkenntnisse sowie die Fähigkeit und den Willen, sehr detailliert, konzentriert und ausdauernd zu diskutieren – und das wird mit großem Publikum selten gelingen.
Dennoch ist diese Diskussion für die Gestaltung unserer Zukunft und der nachfolgender Generationen wichtig – und hier kommt die schwierige Rolle von Experten und verantwortungsbewussten Journalisten als Vermittler ins Spiel. Immerhin gibt es hervorragende vermittelnde Formate wie „Sternstunde Philosophie“ im SRF, „Das philosophische Radio“ im WDR oder „Sein und Streit“ im Deutschlandfunk.
Es fühlt sich kurzfristig wunderbar an, positive Denkanstöße zu erhalten. Statt damit zu beginnen das Wissen praktisch anzuwenden, kann es verführerisch sein von Vortrag zu Vortrag, von Buch zu Buch zu springen ohne wirklich voranzukommen. Philosophie kann eine weitere Möglichkeit sein, um sich zu verzetteln. Wie findest du den Punkt, um zu stoppen, damit aus gezieltem Denken und berechtigten Hinterfragen kein endloses, destruktiven Grübeln und Verzetteln wird?
Dabei gibt es für mich zwei Wege:
Der erste besteht darin, klarer zu denken. Wenn ich merke, dass ich grüble und mich verzettle, dann habe ich entweder nicht konsequent genug weitergedacht. Oder ich betrachte das Problem insgesamt auf eine irreführende Art.
Der zweite Weg besteht darin, das Primat des Praktischen vor dem Theoretischen anzuerkennen. Das haben übrigens auch Aristoteles, Kant, Nietzsche oder Wittgenstein getan. Es bedeutet: Für meine Überlegungen gibt es ein Zeitfenster, eine durch praktischen Sinn gestiftete Begrenzung. Bis zum Schließen des Zeitfensters muss ich eine Antwort geben – und das wird dann die beste Antwort sein, die ich eben geben kann.
Du beobachtest aktiv soziale Medien. Es gibt einen Gag in den Känguru-Grschichten von Marc-Uwe Kling Philosophie per SMS zu diskutieren, weil man sich dann kurz fassen muss und unnützes Geschwafel weglässt. Wie siehst du Twitter mit seinem Zwang zur kurzen Nachricht? Und wie sehr hilft bzw. behindern soziale Medien und Digitalisierung ein gutes Leben?
Der Zwang zur Kürze ist ein gutes Schreib-Training, gerade auch für deutschsprachige Philosoph*innen. Aber für Diskussionen finde ich Twitter zu unübersichtlich. Dafür finde ich Facebook, LinkedIn oder Clubhouse geeigneter.
Doch auch Twitter kann den Horizont erweitern. Wenn ich ein Thema bearbeite und tweete „Was sollte ich als Philosoph beim Thema X dringend bedenken?“, dann bekomme ich innerhalb von zwei Tagen sehr viele hilfreiche Kommentare. Das hilft mir, die Perspektiven anderer einzubeziehen.
Was das gute Leben mit sozialen Medien angeht, so gibt es sowohl Vorteile als auch Gefahren. Ich handle nach der Devise: Gebrauche dein digitales Werkzeug besonnen, damit es nicht dich gebraucht.
Lieber Niclas, herzlichen Dank für das Interview und viel Erfolg für Dein aktuelles Buch „Mit Wittgenstein im Wartezimmer“!
Webseite von Nicolas Dierks - Autor | Speaker | Philosoph (nicolas-dierks.de)
Kurzbiographie
Dr. Nicolas Dierks, Jg. 1973, begeistert Menschen für neue Perspektiven – mit Vorträgen, Workshops und zuletzt dem SPIEGEL-Bestseller Was tue ich hier eigentlich? (Rowohlt 2014). Der promovierte Philosoph lebt in der Nähe von Lüneburg und gibt an der dortigen Leuphana Universität Seminare in Wissenschaftstheorie. Er berät Unternehmen zum Thema Innovation, trinkt gerne guten Espresso und vermittelt Philosophie mit Leidenschaft und Humor.
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